Herz rausschneiden

Prof. Dr. med. Bruno Reichart machte zuerst keinen guten Eindruck auf mich. Ich lag in München im Hotelzimmer – mit Schnupfen versehen und war zwischen zwei Aufträgen „geparkt“ und leicht angenervt. Sonntag ließ ich den Flatscreen im Hotel laufen, um die mir sonst verschlossene Landschaft des linearen Fernsehens zu erkunden. Es ereilte mich auf dem BR der Sonntags-Stammtisch. Seit 10 Jahren wird in fiktiver Wirtshauskulisse, in der sonst die Heimat-Serie „Dahoam is dahoam“ gedreht wird, am Stammtisch getagt. Moderiert von „Fakten, Fakten, Fakten“-Legende Helmut Markwort (ja, der Focus-Gründer, den Roger Willemsen 1995 in Willemens Woche ordentlich mit Fakten zerlegte – auf Youtube zu bestaunen…), wird hier zum Allerlei des Lebens mehr oder weniger valide gesprochen. Und wie es der Zufall will, Reichart war dabei und nervte mich irgendwie.

Jetzt flattert mir das Buch der Journalisten-Brüder Lebert, welches Ende November beim S. Fischer Verlag erscheint, ins Haus. Es jährt sich der 50. Jahrestag der ersten Herztransplantation überhaupt; durchgeführt durch Christiaan Banard in Südafrika.

1981 führte Reichart die erste Herztransplantation erfolgreich in Deutschland durch. 23 Herzen transplantierte er bis 1984, darunter 1983 eine Herz-Lungen-Transplantation als erster Arzt in Deutschland. Eine der Menschen, denen Reichert „eines neues Herz schenkte“, wie es immer ein wenig kitschig heißt, war Ursula Lebert, die Mutter der beiden Autoren. Auf Geheiß und Wunsch Reicherts schwangen beide sich nun auf, ein Buch über die Herztransplantation im allgemeinen und die der Mutter, die 2009 starb, im speziellen zu schreiben.

Das Buch ist gut gelungen, es hält sich knapp, manchmal doch zu knapp und zu verknappend. Es verwebt die Geschichte der Herztransplantation mit den Erlebnissen der Söhne. Die Ausführungen zur Entwicklung dieser Operationsmethode, die vor einem halben Jahrhundert schier undenkbar galt, ist angenehm klar strukturiert und lesenswert, die Erlebnisse Reicharts Frau während ihres Aufenthalts mit dem Gatten in Südafrika zu Zeiten der Apartheit ebenso.

Was mich aber wirklich interessierte, waren die Erlebnisse der Angehörigen, in diesem Falle der Söhne. Doch diese fallen mir zu kurz, zu vernebelt auf, obgleich sie vielleicht nach 20 Jahren das eben auch sind: vergangen, verwaschen. Auch ist mir manchmal nicht klar, welcher der Söhne nun schreibt, ein kurzer Teil scheint auch von der Mutter zu sein. Was wirklich nervt ist: alle bekommen kein Gesicht. Keine Bilder. Von niemandem. Das ist schade.

Reichert wird mir indes übermenschlich dargestellt. Er ist sicher ein guter, engagierter Arzt, aber wir müssen uns von dieser Überhöhung von Medizinern lösen. Das ist ein Kult, der Gefahr birgt. Der das Fundament auch zu Keramik werden lässt. Wenn was schief geht, brechen diese Idole den Menschen gerne weg. Sie hauen das Fundament ob der Scham der vorigen Verkultung und Überhöhung sogar aktiv weg.

Ist es ein lesenswertes Buch? Ja, ich habe es am Stück gelesen und finde es sinnvoll.
Besonders muss ich S. Fischer loben: Die Qualität und das Design ist ansprechender als bei den Gottschling-Büchern (die auch gut sind!). Man sollte mehr Gespür, auch bei populärer Medizinliteratur walten lassen.

Gebrüder Lebert, Ehepaar Reichart: Herzensangelegenheiten ist erschienen bei S. Fischer

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Interview: Für was würden Sie sich anzünden?

Für den Freitag habe ich den Autoren und Journalisten Nicol Ljubić interviewt.

In seinem neuen Roman ‚Ein Mensch brennt‘, der bei dtv erschienen ist, verbindet er die reale Selbstverbrennung Hartmut Gründlers am 16.11.1977 mit dem Leben der fiktiven Familie Kelsterberg.

Die Frage ist: Was hält eine Mutter-Sohn-Beziehung an hehren Idealen aus?

Heute jährte sich Gründlers Selbstverbrennung zum 40. Mal.

Viel Spannung beim Lesen des Interviews auf freitag.de

Grisham: Der Erfolg … oder so

John Grisham und ich haben eine ganze eigene Geschichte. Nein, nicht persönlich. Tz, Sie schon wieder!

Nein, ich habe jahrelang seine Werke in Unkenntnis verlacht ob der im deutschen immer gleichen Titelstrategie: Bestimmter Artikel und Nomen. Lustig gemacht habe ich mich so oft: Der Staubwedel, Der Scheinwerfer, Der Strolch, usw. Nichts lag mir ferner als Grisham zu lesen.

Bis zum Dezember 2010. Ich latschte über die Leipziger Straße in F-Bockenheim und kam in der Kathedrale des billigen Konsums vorbei. Woolworth. Ich war vor kurzem wieder da, es hat sich nichts geändert. Es riecht nach Plastik, wenig Deo, akzeptierter Armut und anhaltender Geschmacklosigkeit. Und an einem Grabbelregal draußen stand es. Das Hörbuch von „Die Firma“. Aus reiner Langeweile griff ich diese CD-Schachtel, es war eiskalt und mein Atem dampfte, und las den Inhalt.  – – –  Und war ergriffen. Ein junger Anwalt kommt auf normalen Wege in die Fänge einer korrupten für die Mafia arbeitende Sozietät nach Memphis. Klar, alles überzeichnet, alles etwas kitschig, und doch mit einer tieferen Metaphorik. Es ist ähnlich Serien wie „Hör mal, wer da hämmert“ oder „Die Nanny“. Nur vordergründig Klamauk und Witz. Dahinter steht oft die grundlegende Kritik an bestehenden Verhältnissen.

Nicht umsonst steht die Kanzlei Bendini, Lambert & Locke in der Front Street. Was erweitert übersetzt für „Fassadenstraße“ steht. Nichts anderes ist die Kanzlei: Fassade für die Mafia. Doch der Roman und auch die schöne Verfilmung von 1993 (es sind die goldenen Neunziger!) kommen nicht zu verschleimt daher, sondern gewitzt.

Was die Hörbücher Grishams so besonders übrigens macht, ist ihr Erzähler. Was Charles Brauer da zustande bringt ist auch unabhängig des Inhalts Kunst! Er schafft es, mit seiner Stimme, seinem Timbre, seinem Tempo, seiner individuellen Ausdrucksweise für jede Figur eine ganz eigene Hörwelt zu schaffen. Ein Werk neben dem Werk.

Grisham ist ein Verkaufsschlager, wird mit seinen Jura-Thrillern mega erfolgreich, verkauft über 300 Millionen Bücher. Es ist Wahnsinn, fast nicht fassbar mehr.

Ein wunderbar Kurzfilm von CBS über Grishams Arbeit:

Nun kommt mit „Das Original“ ein neuer Grisham auf den Markt. Mich hat das Buch nicht wirklich gefesselt, obwohl ich am Schreibstil klar Grisham erkenne. Doch diese Thematik mit Räuberbanden und deren Verfolgung holt mich nicht ab. Ich bleibe da bei seinen klassischen Jura-Thrillern.

Doch, was lernen wir: Was man nicht kennt, sollte man nicht ächten, sondern testen.

Eine Empfehlung für alle Weihnachtsmuffel ist Grishams kritisch-ironisches Buch über Weihnachten: Das Fest (wie sollte der Titel sonst sein?)

John Grisham: Das Original ist erschienen bei Heyne/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Deutschland ab vom Wege

Henning Sußebach hat nun schon sein zweites Buch vorgelegt, welches ich en bloc gelesen habe. Auf der Buchmesse verschlang ich bei Rowohlt die ersten 60 Seiten, bis mich meine Assistentin wegziehen musste. Termine!

Sein letztes Buch war der Bericht über die Aufnahme des syrischen Flüchtlings Amir Baitar (Name geändert) bei sich zuhause. Die Erlebnisse der Genese eines gemeinsamen Alltags, der durch allerlei Hürden gesäumt wurde.

Mit Sußebach habe ich wahrscheinlich nichts gemein. Er ist seit Ewigzeiten bei der ZEIT, hat eine Frau, Kinder, lebt des Preises wegen in einer Eigenheimschachtel (Haus!) in einem Vorort von Hamburg und fährt brav mit dem Zug zum Hamburger Hauptbahnhof jeden Morgen, um dann die 12 Minuten zum Speersort, dem Sitz der ZEIT, zu Fuß zurückzulegen.

Zu Fuß legt er auch in seinem neuen Buch einiges zurück. Genauer gesagt: die gesamte Strecke. Gelaufen wird in Büchern ja gerne. Seit Hape Kerkeling seinen riesen Erfolg mit „Ich bin da mal weg“ feierte (die Literaturkritik kotzte ob des Erfolgs), kann man mit Laufen und Selbstfindung vieles reißen auf dem schwächelnden Buchmarkt. Oft kippen diese Bücher aber in Esoterik, Scheinwissenschaft oder Überinterpretation.

Was man Sußebach lassen muss: Schreiben, das kann er. Wirklich. Und auch so, dass es einem wie mir, der immer mäkelig ist, nicht langweilig wird. Nicht zu verschwurbelt, nicht zu laberig.

6,2 % Deutschlands sind asphaltiert. Auf denen bewegen wir uns. Jeden Tag. Auch Sußebach auf seinen Trampelpfaden zwischen Häuschenidylle in Trabantenstadt und Büro mitten in Hamburg. Nun bricht er also aus für das Buch und zieht los. Immer längs der Straße, fernab von asphaltierten Wegen. Vom Darßer Leuchtturm bis zur Zugspitze. Und, er schafft es sogar.

Sußebach schreibt assoziativ, mit Wortideen, frischen Formulierungen und es gelingt ihm, logische Tatsachen doch noch kreativ und unverbraucht zu beschreiben. Die Beobachtungen der Menschen sind dabei ein Teilaspekt, es ist aber keine Reportage von den Besuchen seiner Begegnungen.

Es ist die Reportage eines Weges, den wir uns metaphorisch für unser ganzes Leben einmal in Frage stellen sollten: War das alles? Ist das alles? Auf 6,2 % spielen sich all unsere so großen, dramatischen und scheinbar unausweichlichen Probleme ab. Gibt es da draußen nicht noch mehr? Werden die Probleme doch relativ, wenn wir wieder ein wenig mehr mit den grundlegenden Problemen des Überlebens konfrontiert würden? Wo bekomme ich Wasser, wo ist ein Klo, wie reagieren, wenn Wildschweine queren?

Wieso reicht Seife nicht mehr aus, sondern muss es ein Duschgel mit Mango-Aroma und Massage-Effekt sein?

Weshalb macht uns ein Like auf Facebook so glücklich?

Sußebach trifft spannende Menschen. Verprellte (AfD-Günther), Glückliche (Wolfgang und Ute), Greise. Der 14-jährige Junge, der auf dem Hof seines Vaters für den Einkauf des Bullenspermas zuständig ist. Das einfache, aber glückliche Ehepaar, das ihn durch den Garten reinwinkt. Er trifft einen desillusionierten rumänischen Arzt, der „seinem Ego gefolgt war, sie (seine Frau) hatte ihres aufgegeben“.

Die Zeit hatte ihr Raster verlassen.

Mit der Nahrung ist es so eine Sache. Sie zu bekommen, ist schwierig, die Vorräte in nur einem Rucksack gering, das Betreten von Asphalt „verboten“. Die Natur ernährt ihn, wenn auch karg. Sein ständiger Begleiter, der Durst. Wer beim Ausdauersport mal merkte, wie krass Durst werden kann, so dass man alles vergisst und nur noch trinken will, weiß, was es bedeutet, durstig zu sein. Seine neuen Raststätten, so Sußebach, sind Bauern, die er über den Zaun nach Wasser oder Obst fragt.

In dem wohl erfolgreichsten Land, zumindest nach Zahlen, wird es hingegen dünn. Der Wanderer fernab der 6.2% kommt in arge Bedrängnis. Nach 400km gönnt er sich eine Tankstelle – mit einem „achtflügeligen Altar“: dem Getränkekühlschrank. Als er nach Bayern kommt, ist es nichts mehr mit der eigenständigen Versorgung. Es wird eng. Für ihn wird Bayern zur „kostenpflichtigen Naturattrappe“. Er findet keinen Anschluss, muss doch Gastwirtschaften in Anspruch nehmen (EC-Karten-Story!) und erfährt auch da wieder viel vom Breitengrad, auf dem er sich da bewegt (Golfclub!).

Sußebach hat ein Buch geschrieben, was man richtig scheiße hätte schreiben können.

Sußebach kam aber vom Weg ab. Er schrieb ein gutes, lesenswertes.

Henning Sußebach: Deutschland ab vom Wege ist erschienen bei Rowohlt

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

Das beste an schlechter Laune: Dieses Buch

Andrea Gerk hat etwas geschaffen, dass konträr der Erwartung ist. Ein Buch über schlechte Laune steht eher für das Erschaffen von selbiger als das Kreieren von Fröhlichkeit. Denkt man.

Wahrscheinlich hat die Autorin in diesem Werk die fundierteste Quellensammlung über die schlechte Laune außerhalb der wissenschaftlichen Literatur erschaffen, die es auf der Welt gibt. So differenziert, so zart so der schlechten Laune um Verständnis ringend zugewandt, schafft es die Journalistin eine 282-seitige Seite 3 zu schaffen – zuzüglich Quellen!

Andrea Gerk versucht dahinter zu kommen, hinter die dunkle Fassade der negativen Verfassung. Brauchen wir sie? Woher kommt sie? Bedingt schlechte Laune die gute? Sie spricht mit dem Literaturforscher Winfried Menninghaus (toller Prof. hier in Frankfurt, dem man Gehör schenken sollte!), sie geht ins Hotel Adlon, wo gut betuchte Menschen ihre schlechte Laune an dem lieben Personal auslassen. Sie seziert mit einer Ausdauer alle Darstellungsformen schlechter Laune: von der Kunst des Schimpfens, der Erotik schlechten Benehmens (das gibt es wirklich!), die Unterhaltsamkeit von schlechter Laune, und der Laune als Luxus.

Ich kenne jemanden, der gerne schlecht gelaunt ist und dazu steht: Der österreichische Soziologe und Buchautor Bernhard Heinzlmaier. Er liebt seine schlechte Laune und kultiviert sie auf twitter sekundengenau. Er kaufte sich das Buch sofort auf meinen Tweet hin.

Und wenn nicht er, wer dann, sollte sich damit besser auskennen, ob sich etwas lohnt.

Es sei noch anzumerken, dass Kein & Aber wieder eine wunderbare Ausstattung und eine sehr angenehm zu lesende Serifenschrift wählte und allein das Buch in seiner haptischen Form wunderbar zu genießen ist.

Andrea Gerk: Lob der schlechten Laune ist erschienen bei Kein & Aber

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Erklär mir diese Buchidee

Es ist allgemein bekannt, dass ich Giovanni di Lorenzo sehr schätze. Auch und gerade für seine Interviews. Der Sammelband seiner besten Interviews der letzten 25 Jahre erschien 2014 bei KiWi; der Verlag in dem auch seine Gesprächsbücher mit Helmut Schmidt erschienen und auch das essayistische Werk zusammen mit seinem Freund Axel Hacke „Wofür stehst du?“. In dem Sammelband empfehle ich insbesondere das Interview mit Renate Lasker-Harpprecht. Es war 2014 Titelstory in der ZEIT. Es ist atemberaubend erschaudernd.

2011 erhielt di Lorenzo einen Dämpfer. Sein Interview und das daraus dann entstandene Buch mit zu Guttenberg war ein publizistischer Tiefpunkt. Verrissen, verlacht und verdammt. Er musste Buße tun. Und das zurecht. Es war oberflächliches Gelaber und Geschwurbel.

Das nun vorliegende Werk „Erklär mir Italien!“ ist kein klassisches Interviewbuch. Es ist ein Gespräch zweier Italiener. Di Lorenzo musste Italien recht unfreiwillig verlassen als sich seine deutsche Mutter von seinem italienischen Vater schieden ließ. Mit dem Zug ging es ausgerechnet nach Hannover, zu Verwandten. Hannover war Anfang der 70er zu provinziell, so spießig und sehr fremdenfeindlich. Der heute mächtige Chefredakteur litt sehr, wie in dem Buch mit Axel Hacke nur zu erahnen ist. Er fand seine Heimat in der Sprache. Nach einem Praktikum bei der Neuen Presse war sein Berufswunsch klar: Journalist. Der Rest ist Geschichte.

Die Ausstattung ist KiWi sehr gut gelungen, es reicht fast an die Qualität von Kein & Aber heran. Das Papier könnte noch einen Ticken glatter, einen Ticken gelbstichiger sein. Die Schrift könnte etwas von den Serifen abgeschwächt daherkommen.

Ja, nun zum Inhalt. Das Gespräch geht über Italien. Soll gehen. Und geht doch viel über die Mafia. Das Thema, womit Roberto Saviano berühmt wurde. Weltbestseller. Mord, Totschlag, Grausamkeiten, das geht immer. Und dann noch aus realer Kulisse geschnitzt! Mir sind Menschen nicht geheuer, die sich die Aufklärung auf die Fahne schreiben und das moralische Recht so sehr in ihren Texten haben wie Fett das aus Pommes quillt. Die Frage ist, was würden diese Menschen ohne diese Missstände machen und wie sehr machen sie sich eins mit der Sache, in dem sie immer so einen Touch von Geilheit in ihren Ausführungen erkennen lassen. Sie wirken erregt von der Tatsache der Grausamkeit, dem Schauer des Unvorstellbaren. Den Koordinaten, warum solche Themen gut gehen: Das Verabscheuungswürdige zieht eben auch an. Wie Gaffen bei einem Unfall. Aushalten bedeutet hinschauen.

Mir kippt das Gespräch daher zu oft in diesen Duktus der erregten Betroffenheit, der selbstgerechten Schulterklopfmentalität. Ich finde di Lorenzo viel zu unkritisch, er fragt an kritischen Stellen zu wenig nach, ihm scheinen dann doch Fakten zu fehlen, um Saviano strikter nachhaken zu können. Teilweise verwirrte es mich auch, wer denn nun spricht. Di Lorenzos Beiträge sind zwar kursiv gesetzt, dennoch.

Nein, es gefällt mir nicht. Blättern darin ja, aber wirklich intensiv lesen nicht. Es ist mir zu yellow-press-like, zu kumpelig, zu anbiedernd – von beiden Seiten.

Schade.

Zum Vergleich: Rezension bei Bremen Zwei (Radio)

Robert Saviano / Giovanni di Lorenzo: Erklär mir Italien! ist erschienen bei KiWi.

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rock my Innenarchitekt

In der New York Times begehrt sind die Vorstellungen von Wohnungssituationen von Menschen, die es sich leisten können a) in NYC zu wohnen und b) sich eine Inneneinrichtung zu leisten, die nicht mehr kann als die von IKEA. Und dennoch hat es einen Reiz durch das Schlüsselloch dieser Wohnungen schauen zu können. Und im Gegenzug schätzen es die dort wohnenden Menschen, dass man ihnen durchs Schlüsselloch schaut. Wozu sonst der ganze Aufwand?

Gefühlbildend ist hier die HBO-Serie „Sex and the City“ (1998-2004). Die bürgerliche und in tradierten Gesellschaftsbildern verhaftete Charlotte zieht mit ihrem gutaussehenden aber emotional von seiner herrsüchtigen Mutter unabgelösten Mann in eine stilvolle Wohnung nähe Centralpark, natürlich. Und das wichtigste ist, dass zum Einzug die Zeitung vorbeikommt und Fotos macht. Alles muss perfekt sein. Alles, was man zumindest mit einer Kamera belichten kann. Seien wir also froh, dass diese Technik keine zwischenmenschlichen Krater ablichten kann, wir würden erschrecken.

Mit dem vorliegenden Werk Rock my Home von Christine Halter-Oppelt verhält es sich so: Die Bilder sind schön, die Gestaltung auch, die Texte manchmal sogar interessant. Was sich der geneigte Leser aber gleich abschminken kann: Einen wahren Einblick in die Wohnsituation der Musikerinnen und Musiker zu erhaschen. Der Einblick gilt aber jemanden: Den Innenarchitekten. Sie sind die heimlichen Stars, bilden Trends und Stilrichtungen ab. Sie sind die Ghostwriter des Wohnstils.

In einer Reportage über reiche russische Familien ist genau hier das Problem: Man sieht genau, was der Innenarchitekt sich dachte und wie doch die Persönlichkeit und der individuelle Stil seiner neureichen Bewohner aus jeder Pore wieder quillt. Pinke Tischuntersetzer, wild verlegte Stromkabel, blinkende Wandbildchen.

Karl Lagerfeld zog aus seiner Stadtvilla in Paris in eine Wohnung direkt an der Seine. Die Bilder zum Einzug ähneln denen im vorliegenden Buche. Sie sind steril, persönlich nichtssagend. Heute lässt Lagerfeld keinen mehr in seiner Wohnung fotografieren. Es sähe aber beileibe nicht mehr so aus, wie auf den Fotos, offenbart der Modezar. – Klar, denn jetzt lebt er in der Wohnung. Die Frage ist auch, wer lässt sich wirklich sein Schlafzimmer freiwillig in bewohntem Zustand fotografieren? Man kann sicher davon ausgehen, dass Celine Dion eines der Anwesen wählte, die am schönsten gelegen sind, aber am wenigsten ihres privaten Stils offenbart. – Sofern sie denn einen hat?

Ein wenig persönlichen Eindruck bekommt man bei Michael Louis Diamond und John Legend. Ansonsten ist es ein schöner Möbelkatalog. Dieses Buch findet seine Abnehmer. Ganz klar. Aber es ist die Kaste von Büchern, die Unerreichbares als Massstab für schönes Wohnen setzen und gleichzeitig dabei existenzielles vermissen lassen:

Persönlicher Geschmack der eigenen Person.

Das Buch kann eher den Untertitel tragen: Wie Innenarchitekten wohnen würden, wenn sie ihre eigenen Kunden wären.

Christine Halter-Oppelt: Rock my Home, erschienen bei DAV/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Lese-Tipp: Joachim Meyerhoff in der ZEIT

Sein neuer Roman kommt. Kommt bald. Mit einer Start-Auflage von 180.000 Exemplaren. Bisher konnte KiWi laut des Artikels stattliche 1,4 Millionen Exemplare von Meyerhoffs bisherigen drei Romanen verkaufen. Nicht nur dass er mit Timing und traurigem Witz schreibt, nein, seine Lesungen sind eine Epiphanie! Sie sollten dazu Ach, diese entsetzliche Lücke, diese entsetzliche Lücke hören. Ein durchgehender Genuss seiner grotesk-tragisch-urkomischen Erlebnisse seiner Zeit an der Otto-Falckenberg-Schule in München, für die er zu seinen großbürgerlich-schrulligen Großeltern zog.

Sein neuer Roman handelt vom ersten Engagement, erster Liebe und polyamoren Ansinnen mit Tragikverlauf. Der Erzähler reift und bietet Anlass zum Abstoß.

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger erscheint bei KiWi

Ich freue mich.

Wiebke Porombka spazierte mit Meyerhoff durch Wiener Wetter. Lesen Sie hier.

Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva

Es ist ein sehr tränenreiches Buch. Nach bald zwei Jahren legt die Journalistin Schäfer ihr neues Buch im Gütersloher Verlagshaus vor.

Das letzte behandelte den Unfalltod ihres Bruders. Das jetzige geht auf den Holocaust zurück. Sie besucht die Shoa-Überlebende Eva und spricht mit ihr über das, was Menschen sich nicht vorstellen können. Und doch ist es aktuell wichtiger denn je, wieder aktiv und lauter denn je zu erinnern. Jetzt wo rechtes Gedankengut sich wieder salonfähig macht. Es ist widerlich, dass dies so ist. Die letzten Überlebenden sterben nach und nach und daher ist es wichtig, so viele Erinnerungen zu sammeln wie möglich.

Nie darf sich so etwas auch nur annähernd und wenn auch nur in Gedanken, wiederholen. Mit aller Kraft ist sich gegen Rechts zu stellen.

Eva schwieg fünf Dekaden. Sie verlor Bruder und Eltern, und war erst 11, als sie im Lager überlebte. Und das auch nur knapp, weil ein alliierter Soldat erkannte, dass sie noch atmete. Wie das ein Mensch seelisch überstand ohne damals oder später wahnsinnig zu werden, ist mir ein Rätsel.

Eva schaffte es, ein weitgehend normales Leben, inzwischen verwitwet, zu führen. Mit ihrem Mann sprach sie nie über die Erlebnisse. Doch nun spricht sie mit Schulklassen, berichtet, klärt auf über etwas, was sich die aktuell jungen Generationen kaum noch annähernd imaginieren können. Umso wichtiger ist Evas Engagement.

Bärbel Schäfer schafft ein Buch in dem sie auch selbstkritisch mit ihrer eigenen Familie umgeht: Wo wart ihr? Was habt ihr gemacht? Sie trifft auf eine Mauer des Schweigens, des Grolls der Nachfragen wegen. Ihr inzwischen verstorbener Vater lässt sie weitestgehend abprallen. Es ist eine Verhärtung, die ich auch aus eigener Familie kenne, inzwischen kannte.

Mir rutscht der Fokus manchmal zu sehr auf das Leben von Schäfer, ich hätte gerne mehr Passagen von Eva erlebt. Manchmal sind mir die Absätze auch zu gefühlig, zu assoziativ, zu wortklauberisch. Mir hätte ein Interviewbuch besser gefallen.

Schäfer schreibt aber auch nicht unbelastet. Sie konvertierte zum Judentum als sie ihren Mann, Michel Friedman, 2004 heiratete. Friedman selbst leidet sehr unter den Erlebnissen seiner Eltern, die zwar überlebten, aber unter den Folgen ein Leben lang schwer litten und somit der Sohn unweigerlich mitlitt. Er wollte nach New York, blieb aber im Land der Täter, den Eltern zuliebe. Diese hatten sich dem Pelzgeschäft wegen in Frankfurt am Main niedergelassen. Auch Eva kam mit ihrem Mann ins gehasste Täterland, auch nach Frankfurt. Friedman sagt, wenn er damals ein wenig älter gewesen wäre (er war 9), hätte er die Entscheidung, von Paris nach Frankfurt zu gehen, abgewandt. Die Verbitterung darüber ist ihm immer noch teilweise anzumerken. In seinem autobiografischen Roman „Kaddisch vor Morgengrauen“ (Aufbau Verlag, 2005) ist dies detailliert zu erlesen.

Nie schweigen! – das ist Friedmans Signiersatz. Und Bärbel Schäfer schließt sich diesem nun an. Richtig so!

Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva ist erschienen im Gütersloher Verlagshaus (Random House)

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Alexander Gorkow: Hotel Laguna

Also allein für das Coverfoto und den Halbleineneinband lohnt es sich das Buch zu kaufen. Ja, gucken Sie nicht so verächtlich. Hätte man auch wirklich hässlicher machen können. Aber Sie sollten beim Verschenken von Büchern doch in Zukunft besser auf den zu Beschenkenden achten. Ich ziehe aus den Frankfurter Bücherschränken viele Bücher mit Widmung zu allen möglichen Geschenkanlässen. Leider vereint die Bücher eines: keines wurde je gelesen.

Mit Alexander Gorkows Hotel Laguna könnte das mit dem gelesen-werden dennoch eine erhöhte Chance auf Erfüllung haben. Nichts peinlicher die Momente, wenn man als Schenkender fragt: Sag mal diese Szene da und dort und der Beschenkte, nunja, es weglächelt, weil er nichtmal die ersten Seiten gelesen hat. Muss er ja auch nicht. Doof ists trotzdem.

Alfred Biolek hat es bereut. Nunja, oder zumindest hat es ihn nicht so erfüllt wie geplant. die Rückkehr in die Paradise der Kindheit. Es war für ihn doch eine Ernüchterung, die Vergangenheit auch durch Besuche nicht mehr zum Leben erwecken zu können. Es ist eben die Erinnerung und die ist physisch nicht mehr bereisbar. Zu großen Teilen war sie schon damals fiktiv.

Alexander Gorkow leitet seit 2009 die Seite Drei der SZ, allein das ein mehr als Full-Time-Job; diese oft grandiose Reportageseite zu gestalten. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, betont gerne, seinen Redakteuren das Autoren-Sein austreiben zu wollen für gute Artikel. Nunja, das klappt bei ihm selber auch nicht wirklich. Manchmal treiben einen die Ergebnisse der Schreibkunst auch eher die Schmaesröte in die Wangen. Weiß man doch, wenn das Buch auf konventionellen Wege zum Lektor gelang wäre, wäre es abgelehnt worden.

Ihm wäre auch der konventionelle Weg offengestanden, das Buch ist klasse. Es ist ein Lebensrückblick, eine Liebe zum Vater, eine kritische gesellschaftliche Auseinandersetzung durchsetzt mit Loriot-artigen Dialogen. Es schwingt Kerosin, Salz geschwängerte Luft und limitierte Sehnsucht mit.

Wenn ein Buch gut rezipiert merkt man immer dann, wenn die Presseabteilung des Verlags unter Stress ist: ich bekomme ihn kaum für Termine frei, schreibt mir die wirklich engagierte Pressedame von KiWi, auch Emails seien eher schwierig. Es ist ihm durch und durch zu gönnen, dem Gorkow.

Rückreisen können frustran und so klamm peinlich sein. Nicht so Gorkows. Gehen Sie mit ihm auf Reise.

Boarding completed.

Alexander Gorkow: Hotel Laguna ist erschienen bei KiWi

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Erich Fromm: Den Menschen verstehen

Wir können uns glücklich schätzen, dass dtv den Mut aufnimmt, solche Bücher so gut zu verlegen! dtv legt die Bücher des Psychoanalytikers und Philosophen Erich Fromm neu auf und bringt somit Wissen unter die Menschen, welches fünfzig Jahre alt ist, aber an seiner Aussagekraft, an seiner analytischen Stärke nichts verloren hat.

Im vorliegenden Werke geht es Fromm darum, zu erörtern, wie Psychoanalyse und Ethik zusammenkommen bzw. zusammengehören. Es wäre vermessen, wenn ich Ihnen den Inhalt hier wiedergeben wollen würde. Ich könnte es auch schlichtweg nicht. Wichtig aber: Es sind Texte die überfordern, die hohe Konzentration erfordern, die so dicht an Erkenntnis und Verdichtung sind wie die Niklas Luhmanns. Es ist wichtig, sich regelmäßig zu überfordern, aus der Komfortzone des Denkens zu kommen, neue Blickwinkel zu wagen.

Fromm war ein kritischer Geist, er mutete seinem Umfeld zu, sie vor den Kopf zu stoßen. Er wurde auch außerhalb seiner Fachwelt rezipiert. Was mir wichtig ist, dass er nicht so verquast, so wichtigtuerisch ist wie Sloterdijk. Den kann ich nicht lesen, Harry Rowohlt meinte einst, er würde auch gerne völlig logische Dinge so verschwurbelt schreiben zu können wie Sloterdijk.

Fromm musste aus Nazideutschland emigireren, erst nach Genf, dann weiter in die USA. Er verfasste das vorliegende Werk in englischer Sprache. Was gut oder böse ist, hat er also am eigenen Leibe erfahren, er erlebte eine missratene Ethik im höchstpersönlichen Bereich. Doch was ist gut oder böse? Wie werden Charakter geformt? Was sind irrationale oder rationale Autoritäten?

Ich schmökere gerne seitenweise in diesem Buch und streiche mir viele Stellen an. Und bin immer wieder verwundert, wie absolut gültig diese Stellen bis heute sind.

Dass dtv sich aufschwingt, diese Bücher immer wieder neu aufzulegen, ist toll.

Erich Fromm: Den Menschen verstehen ist erschienen bei dtv

Des weiteren bei dtv von Erich Fromm erschienen:

Haben oder Sein – die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft

Die Kunst des Liebens

Die Seele des Menschen – Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen

Die Furcht vor der Freiheit

Liebe, Sexualität und Matriachat

Wege aus einer kranken Gesellschaft 

 

Bücher gelandet!

Mein Lehrbuch Erste Hilfe kam. Leider bin ich auf Pflichtforbildung in Mannheim. Ganze 495kg sind es für 2000 Exemplare der ersten Auflage geworden.

Morgen gibt es mehr Infos.

Meine Assistentin Frau Hünecke hat liebenswürdigerweise die Anreise fürs Poesiealbum gefixed!

Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg

Das erste Mal von Ernst Jandl las ich im Interviewband von Iris Radisch. Ihre gesammelten Interviews im Lebensabend von literarischen und kulturellen Persönlichkeiten enthält auch eines mit der österreichischen Schriftstellerin Friederike Mayröcker (inzwischen über 90). Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 lebten Mayröcker und Jandl zusammen, aber nicht in einer Wohnung. Mayröcker bewohnt bis heute beide Wohnung in einem Mietshaus in Wien. Beide Wohnung gehen nun in Zettelkonvoluten unter, wofür die Schriftstellerin berühmt ist. Ganz im Gegenteil zu Jandl, der der Ordnung zugewandt war.

„Ewig lebt, wer nie gelebt hat“ steht auf einer Kunstpostkarte in Jandls Handschrift von Gerhard C. Krischka aus Bamberg. Diese kurze Passage ist aus Jandls „Peter und die Kuh“ entnommen (Luchterhand, 1997). Und Jandl hat Recht, denn das er überhaupt lebt, ist purer Zufall, Schicksal oder wie man sagen möchte. Denn Jandl, Jahrgang 1925, hat den Zweiten Weltkrieg als Soldat überlebt. Mit knapp 18 ging es für ihn los in Uniform.

Das muss man sich unter heutigen Bedingungen mit Helikoptereltern und SUVs mal vorstellen! Seinem 1973 verstorbenen Vater Viktor Jandl ist zu verdanken, dass überhaupt Briefe aus dieser Zeit erhalten sind. Denn Jandl, so wie auch seine Mutter und andere Verwandten, schmissen die Briefe hinfort (aktiv oder passiv; Jandl konnte sie wahrscheinlich nicht alle an der Front aufbewahren?). So sind also nur Briefe von Jandl an seinen verehrten Vater erhalten geblieben und auch das mit zeitweise erheblichen Lücken. Einig ist man sich nicht, es wird aber angenommen, dass es Passagen mit höherer Korrespondenzdichte gab und geringerer. Dennoch sind Pausen von fast einem Jahr eher unwahrscheinlich.

Die Briefe selbst sind von gleichem Schreibduktus, manche sind als Faksimile abgedruckt und geben einen Eindruck vom Aussehen Jandls Korrespondenz. Die Frage um Urlaub, Aufenthalt zu Hause zu Weihnachten, die Karriere und Zermürbung in Lehrgängen, die Sorge um die Familie, der Aufenthalt als Kriegsgefangener. Und: die immer wiederkehrenden Fragen nach Zigaretten, Alkohol, Büchern, Landkarten und dringlichster Wäsche.

Als das mit unter 20 Jahren.
Jandl wusste also wirklich: Wer ewig lebt, hat wohl wirklich nie gelebt.

Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946 erschienen bei Luchterhand/ Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Volker Weidermanns Schriftsteller-Bibel

Volker Weidermann ist der Schriftstellerflüsterer – um in populären Kinotiteln zu beginnen. Weiter entfernt davon kann es allerdings nicht sein, wen er da portraitiert: Das fucking Who is Who der Schriftstellerelite. Die Liste der Schriftsteller*innen auf der Rückseite des schön ausgestatteten Bandes von KiWi liest sich wie ein Wunschzettel für jeden literarisch interessierten Journalisten.

Vorworte sind meist so lame, dass kein Mensch diese lesen will. Hier jedoch lässt der Verlag nicht irgendeinen Buddy von Weidermann salbvolle Worte sagen, die keinen interessieren, sondern lässt ihn ausführlich erklären, wie er die schreibenden Eremiten getroffen hat. Meist ohne Tonband, oft ohne schriftliche Notizen.

Ob man in ihr Arbeitszimmer runtergehe und ein straffes Interview mache oder sie gemeinsam mit Ehemann oben im Wohnzimmer bliebe und zu Dritt plaudere, fragt ihn die Schriftstellerin Gabriele Wohmann. Natürlich entscheidet sich Weidermann für die Plaudervariante, bietet sie doch wirklich immer mehr Entfaltungs- und Interaktionsmöglichkeiten als ein sturer vis-a-vis Talk. Um seine Merkfähigkeiten ist er zu beneiden.

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Ein Blick durch einen zeitlich und menschlich begrenzte Sichtzone. — Dieses Bild ist durch Zufall entstanden: Ich habe das iPhone mit „offener“ Kamera auf den Tisch des Cafés gelegt. Und dann einen Screenshot gemacht.

Die Längen der Stücke unterscheiden sich deutlich, die Stärken -logischerweise- auch. Moritz von Uslar begleitet er 2010 zur Lesung seines Buches „Deutschboden“ in das Dorf, welches die Matritze für seine Beschreibungsliteratur deutscher Provinz diente. Wider Erwarten wird es keine Hassabrechnung der Einwohner mit dem Berlin-Mitte-Schreiber.

Die Zweitverwertung von Texten in einem Buch wird gerne mal etwas verächtlich gesehen, aber zum einen habe ich Weidermanns Texte nie bewusst im SPIEGEL gelesen (dazu lese ich ihn zu unregelmäßig) und auch in diesem Buch beweist sich die Kraft, die ich in der Rezension zu von Uslars gesammelten Kolumnen „Auf ein Frühstücksei mit…“ beschreibe. Das Konvolut gibt in komprimierter Form eine vergleichbare Stärke, ein Buch wie ein verlängerter Cortado. Es wird eine konturierte Kraterlandschaft menschlichen Daseins. Dabei treffen zwei kraterhafte Oberflächen aufeinander: Die des Schriftstellers und die des Portraitierenden.

Als der Journalist die Autorin Karen Duve im Nirgendwo an einer norddeutschen Küste besucht, muss er sich zitternd von dem überagilen Hund Duves erholen. Mit Handke spaziert er und wird von diesem väterlich geleitet, nicht überfahren zu werden. Um ihn dann am Ende wieder seine mädchenhafte Erscheinung zu beschreiben.

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Das nennt man dann das Who is Who.

Schreiben, was ist, forderte Rudolf Augstein. Und so lässt Weidermann sich in seine Texte nicht reinpfuschen von allzu auf die Aussenwirkung bedachten Schreibern. Maximal die wörtlichen Zitate lässt er sich autorisieren. Nur bei Johannes Mario Simmel war es anders. Der im weit vorgerückten Alter getroffene und von der Öffentlichkeit vergessene Simmel bekam seinen Text am Telefon vorgelesen (naja, eher vorgeschrien), um dann weit vor Ende abzubrechen: „Sie haben mich als Leiche gezeichnet.“ – Ja, merkt auch Weidermann matt zu sich selbst an, habe er, weil es so war. Indes ist Simmel außer sich vor Freude, wie beherzt sein ehemaliges Umfeld auf den Text reagiert: Er bekommt Blumen von Iris Berben, sein Verleger rief ihn an. Und doch sieht Weidermann das eher als Bestätigung seiner These, als schlechtes Gewissen des sich still und leise entfernt habenden Umfeld Simmels.

Er komme nicht als Kritiker und wolle Geheimnisse nicht lüften, sondern bewahren. Einmal beim Zaubern dabei sein, dem Künstler einen Raum bieten, sich selbst zu sehen. Volker Weidermanns Maxime funktioniert in vielerlei Arten von Stücken, doch immer merkt man seine Zuneigung und die Arbeit. Denn das, was hier so locker hingeschrieben zu sein scheint auf vergleichsweise wenigen Seiten, ist harte Arbeit. Beziehungsarbeit. Menschen hohen Intellekts und Gespürs, welches alle Portraitierten vereint, müssen für sich gewonnen werden, es muss eine Ebene hergestellt werden. Und das mit viel mehr als mit banalen Worten und einem Termin. Man benötigt händeringend eine Stimmung. Egal in welchem Timbre, aber die Stimmung muss da sein und Kontur haben. Alles andere kann man sonst durch den Shredder jagen.

Dieses Buch ist für mich ein must have für den, der sich für den Literaturbetrieb interessiert. Es gehört in die Kategorie zu Herlinde Koelbls „Im Schreiben zuhaus“ oder Corinna Belz´Film über Peter Handkes Schaffen „Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte“.

Einziges Verbesserungspotential sehe ich im Platz: Leerseiten zwischen den Portaits. Den Texten Luft geben, dem Leser Luft geben, sich zu sammeln für das nächste Leben. Denn diese Texte beschreiben nicht weniger als einen ganzen Menschen.

Und jeder Mensch hat das verdient. Einen Platz für sich.

Volker Weidermann: Dichtertreffen ist erschienen bei KiWi

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Gelesen im Crumble, Frankfurt.

Mal kein scheiß Ratgeber: Prof. Gottschling

„Schmerz ist ein Meister der uns klein macht,

Ein Feuer, das uns ärmer brennt,

Das uns vom eigenen Leib trennt,

Das uns umlodert und allein macht.“

Hermann Hesse

—- zitiert zu Anbeginn des Buches.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie die meisten von Ihnen wissen, war ich lange Jahre engagiert im Rettungsdienst. Und etwas, was sofortiger und strikter Intervention bedarf, sind starke Schmerzen.

Bis heute höre ich aus der Erinnerung Schreie von Patienten, die unerträgliche Schmerzen hatten. Sei es das Kind, was sich seine Beine schwer verbrüht hat, der Mann, der sich seine Hüftprotese aus Versehen im Stehen auskugelte, oder die Frau, die von einem Auto angefahren wurde und sich beide Beine brach. Dazu kommen die Menschen mit chronischen Schmerzen. Tumorschmerzen. Schmerzen durch hohes Alter in Altersheimen. Davon sind viele, wie der Autor berichtet, an Schmerzen leidend unterversorgt.

Schmerzen werden bis heute inadäquat versorgt, das Wissen um die richtige Therapie ist rar.

Dabei muss der Patient nicht leiden, Durchhalteparolen sind Ammenmärchen und lästig. „Sie haben bereits die Maximaldosis“ ist meist die sinnleere Reaktion von vielen Menschen im Gesundheitswesen. Erwiesen ist auch, das das Schmerzempfinden durch kindliche Erfahrungen negativ beeinflusst wird. Dann nämlich wenn angenommen wird, Kinder würden den Schmerz nicht haben, weil sie ihn nicht mitteilten.

Schmerzmediziner Sven Gottschling schreibt wichtige Bücher. Sein zweites und aktuellstes beschreibt einen Zustand, der wenn man ihn nicht hat, nicht goutiert wird. Wenn man ihn aber hat, will man alles, damit er wieder verschwindet.

Schmerz.

Da erst seit 2016 die gezielte Therapie von chronischen Schmerzen ins Medizinstudium seinen Weg gefunden hat, wird es noch etwas dauern, bis flächendeckend Patienten mit Schmerzen adäquate Hilfe bekommen.

Dabei ist Schmerz ganz schön teuer. Rund vierzig Milliarden Euro verursacht chronischer Schmerz in Deutschland an Kosten – pro Jahr!

Davon entfallen zehn Milliarden auf die direkte Behandlung, die restlichen dreißig Milliarden auf Folgekosten wie Frühverrentung, Krankengeld, Arbeitsausfall, etc. Der Staatshaushalt der Bundesrepublik liegt bei 300 Milliarden.

Gottschling legt klagend offen, wie wichtig es also ist sowohl volkswirtschaftlich als auch humanistisch gegen Schmerz effektiver vorzugehen. Und auch aus medizinischer Sicht ist es wichtig, Schmerzen zu behandeln: Sie steigern Blutdruck und Herzfrequenz und können so Folgekrankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen.

Der Autor durchkämmt alle wesentlichen Gebiete des Schmerzes. Von der Definition, zu Schmerzempfindung in verschiedenen Kulturen (alle gleich!), ob Schmerz männlich sei, wie Kinder Schmerzen empfinden (unzureichend therapiert!), wie Schmerzen im Alter empfunden werden und welche Medikamente mit welchen Konsequenzen genommen werden können.

Auch die Frage nach Alternativen und Placeboeffekten behandelt Gottschling. Krankheitsbedingte Schmerzen wie Kopf- und Rückenschmerzen werden ebenso thematisiert wie Anlaufstellen bei chronischen Schmerzen.

Sven Gottschling ist auf einer wichtigen Mission. Das merkt man seinen Texten an, die manchmal etwas zu rüde werden, etwas zu vulgo, aber bietet Verständlichkeit. Verstandenwerden muss auch ein Ziel von Ärzten sein, denn auch das kann Schmerzen lindern. So beschreibt Gottschling den Placeboeffekt anhand von Betablockern. Diese Herzfrequenz und Blutdruck senkenden Mittel können erektile Dysfunktion begünstigen als Nebenwirkung. Was aber fand eine Studie heraus: Wenn es den Patienten gesagt wird, dass es so sein könne, berichten 30% der Patienten davon. Einer anderen Gruppe wird es nicht offenbart, und nur 5% berichten von Symptomen erektiler Dysfuntkion. Es macht also schon deutlich etwas aus, wie und was genau Patienten gesagt wird.

Jens Lubbadeh hat zur Psyche des Patienten einen hervorragenden Artikel geschrieben, lesen Sie hier!

Gottschling offenbart dabei viel Privates. Von eigener Schmerzerfahrung, über eine grausame Spiegelung seines Vaters und seiner Fehldiagnose bei seiner eigenen Tochter. Er nahm ihre Bruchschmerzen nicht ernst. Und es war ein dreifacher Bruch des Ellenbogens, der auf dem Röntgen nicht eindeutig zu sehen war.

Jeder der mit chronischen Schmerzen (in jedweder Form) zu tun hat, sollte dieses Buch lesen.

Zur Aufmachung sei gesagt, dass ich glatteres Papier sehr schätzen würde, es wirkt doch arg billig. Auch Ratgeberliteratur darf wertig sein!

Prof. Dr. Sven Gottschling Schmerz los werden bei S. Fischer

Das erste Buch „Leben bis zuletzt“ von Prof. Gottschling zu Schmerzbehandlung am Lebensende 

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Frühstückseier en masse: Moritz von Uslar

Was macht KiWi denn da grad für schöne Bücher? Ich bin wirklich begeistert! Nicht nur die Inhalte, auch die Ausstattung überzeugen mich sehr. Sei es das vorliegende Buch von von Uslar, als auch Weidermanns Dichtertreffen oder der Roman von Alexander Gorkow Hotel Laguna. Alle zeichnet eine liebevolle, aufwendige Ausstattung aus. Beide letztgenannten Bücher werde ich hier auch bald besprechen.

Nun aber zuerst zu Moritz von Uslars Sammelband seiner Frühstückskolumne Auf ein Frühstücksei mit…. Die Kolumne lief und läuft in der ZEIT und ist mir bisher nicht wirklich präsent gewesen, obgleich ich über ihr Vorhandensein wusste. Nicht zuletzt ob der Kolumne mit und über Michel Friedman, den ich als Journalist langzeitbeobachte.

Mit wem spricht von Uslar? Mit vielen, die ich sofort sprechen würde: Steffen Seibert (Omelette), Michel Friedman (gekochtes Ei), Ulrich Wickert (gekochtes Landei), Leander Haußmann (hart gekochte Eier), Caren Miosga (Spiegeleier), Nikolaus Blome (Spiegeleier). Und viele andere aus dem politischen und kulturellen Berlin, meistens Berlin. Auch Selige wie Peter Scholl-Latour (Club Sandwich) und Hellmuth Karasek (Eier im Martini-Glas) kommen noch zu Wort.

Otto Schily nimmt sie wirklich, Eier im Glas – kannte ich nur vom Hörensagen.

Inga Humpe kann keine bestellen, da es keine Bio-Eier gibt.

Joseph Vogel nimmt Weißwürstl statt Eier.

Einzeln fand ich selbige Kolumne etwas dünn, wenn auch nett zu lesen. Im Kollektiv werden diese Kolumnen aber erst schön. Nicht nur die habituelle und schon gelobte Aufmachung, sondern das Vergleichen können. Wer nimmt wirklich ein Frühstücksei, wer keins? Wer wählt welche Zubereitung? Im Glas, Spiegelei, hartgekocht, weichgekocht. Und: Wo findet das ganze statt und um welche Uhrzeit? Allein diese ersten zehn Zeilen machen es für mich spannend zu lesen. Ich bin ein großer Verfechter der Einleitung von Interviews mit der Situation vor Ort. Viele lässt sich daraus spüren, wie ein Interview verläuft. Und ganz nebenbei wird das Buch zum Frühstücks-Ratgeber.

In den vorliegenden Kolumnen ist dies häufig in den bekannten Café Einsteins, im Adlon oder in Berliner Szenecafés. Was von Uslar in seinen 99-Fragen-Interviews ausführlich macht, rafft er hier in einer Fast-Forward-Wiedergabe zusammen: Interviews von sicher einer Stunde und manchmal mehr, fasst er auf meistens zweieinhalb Buchseiten gekonnt zusammen. Sortiert das unwichtige und markiert das Markige. Er arbeitet mit kurzen Sätzen, stakkatohaft und so wünscht man sich am Ende manchmal doch, es wäre in dem Stil weitergegangen, aber eben länger.

Für mich beweist dieses Buch, dass das Zusammenführen von Kolumnen nicht immer eine Zweitverwertung des Geldes wegen ist, sondern Gesprächen nochmal einen kräftigeren Charakter geben kann.

Für meinen Geschmack ein wirklich lohnender Kauf.

Moritz von Uslar, Auf ein Frühstücksei mit… ist erschienen bei KiWi

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Jan Fleischhauers Ehedrama

Jan Fleischhauer hatte Glück – er endete nicht in der Gosse. „Man muss nicht jede Gosse kennen, aber es hilft zu wissen, wie sie aussieht“, sagte Thomas Fischer 2015. Der inzwischen Ex-BGH-Richter hat in seiner Zeit in der Prärie der Jurisprudenz über viele Arten von Gewalt geurteilt.

Jeder denkt an Körperverletzung, an physische Vorgänge. Doch wenn psychische Gewalt mal nur an einem Tag sichtbar würde, als wenn Wind einen Tag lang Farbe bekäme, in Scheidungshaushalten und Sozialgerichten wäre ein Kaleidoskop von Farben zu sehen; oft blutrot, dicht, in jede Ritze menschlichen Handelns sickernd.

Wenn konservative, qua Ausrichtung seriöse Männer, solch Schiffbruch erleiden, ist die Wortflucht mit schwarzem Humor die leichteste.

Aber sie ist Quatsch, sie ist über die Maßen falsch. Sie vermeidet innere Aufrichtigkeit!

Jan Fleischhauer ist derbe auf die zwischenmenschliche Fresse geklatscht, wäre und ist zeitweise daran zerbrochen. Kein Witz, kein Augenzwinkern; kein Tremolo, da sprachlos.

Er versucht den Weg der Erleuchtung mittels Quellensammlung. Zu allen möglichen korrespondierenden Themen sammelt er bergeweise Studien, Essays, Schriften. Fleischhauer braucht Zahlen, Daten, Fakten. Verstehen durch Vergleichbarkeit. Wie konnte sie nur, in 90% der Fälle ist aber…usw. Seine essayistischen Tendenzen lockern die Klageblöcke auf, lassen aber erahnen, dass die Auslebung der Gefühle technokratisch ablief. War der Verlassene schon immer ein Eremit in seiner Ehe? Verhungerte seine Frau emotional an ihm?

Fast 200 Seiten Scheitern, welches in konservativer Welt schlimmer ist, als spurlos zu verschwinden. Es ist der Verlust des Fundaments gesellschaftlicher Integrität. Das ganze kommt als deklarierter Roman daher. Dabei ist es genau so wenig fiktional wie Michel Friedmans Kaddisch vor Morgengrauen. Viel zu tief die Furchen der vernarbten Wunden, als das die Zeilen nicht voll von Authentizität durch eigenes Erleben sind.

Männer seien Aussitzer, sagte Fleischhauer im Interview mit der WAMS. Er hatte es sich in der Ehe bequem, beliebig gemacht. Bekam nichts mit. Da ist das Problem. Aussitzen hilft nicht, es ist Katalysator. Und die Frau zieht die Reissleine, trotz Kindern, trotz Verschuldung.

Denn Fleischhauer hatte zur Absicherung des Zusammenlebens, welches nie reibungslos war und nie harmonisch zugewandt wirkte, sondern eher nach ‚das hat man so‘, eine Immobilie in Berlin-Cherlottenburg gekauft. So fester der Stein, so loser die Beziehung. Die Transferierung von Festigkeit zwischen Menschen in Betongold ist grotesk. Meist lastet Stein schwerer als Liebe stützt, überhaupt stützen kann.

Warum halten die Leute den letzten Abschnitt nicht durch?, fragt Fleischhauer. Ja, da liegt es wieder, das Problem. Menschen, die in Phasen denken, wie Projektplaner in Betriebsprozessen. Aber Leben, gelebtes Leben, ist kein Betrieb, nur selten Prozess. Der schweizerische Autor Rolf Dobelli würde laut lachen: ist es doch ein erwiesener Denkfehler, zu meinen, nur weil man extrem viel Zeit in etwas investiert hat, sei es deshalb nicht abzubrechen, nicht abbrechbar.

Vermag auch Hesse von Stufen zu sprechen, meinte er nicht die behaviorale Einbahnstrasse, die Zwangsemporsteigung in vorbestimmte Ereignislosigkeit. Die Antwort bist du selbst, so der Name eines Briefband Hesses. Diese zu finden, empfinden zu können, ist vielen ihr ganzes Leben nicht möglich.

Fleischhauers Ex lernte es. Sie wollte keinen Tag mehr mit ihm zusammen sein. Full-Stop.

Natürlich ist der neue, jüngere Freund ein Lauch, empfindet zumindest der Gehörnte, und auch menschlich wird es dreckig. Wenn du Türen bei einer Trennung hinter dir zuziehst, bleiben sie zu, merkt Fleischhauer matt an. Er lässt Wohnung, Keramikmesser und Wohlstand hinter sich, verliert den Konkon der Beständigkeit und: ist pleite. Muss sich Geld pumpen. Am Ende, nicht weit weg von der Gosse. Er wird mittelschwer depressiv und Experte in Psychopharmaka. Doch auch da bleibt er Ästhet; er sucht sich seinen Psychiater nach der Praxisausstattung aus. Züge seines Ehemann-seins, mehr aussen als innen zu spüren. Mehr Hülle, statt inneres Objekt empfinden.

Eine Panikattacke lässt ihn in Schönefeld im Gate durch die Hölle gehen, seine Funktionsfähigkeit rast gen Keller. In Tränen ausbrechend sitzt er bei seiner Ressortleiterin, seine Resilienz ist so schwach wie ein Fötus ohne Mutterleib.

Ein Mensch verliert ob des Scheiterns seiner Ehe seine gesamte Einbindung in die Welt. Liegt darin der Fehler? Geschehen deshalb Morde durch verlassene Männer an ihren Ex-Frauen mit neuer Familie? Waren diese Männer nie ein Ganzes in sich, und lehnten sich so sehr auf ein Konstrukt, was des Tragens dieser Last nie mächtig war? Paartherapeuten nicken jetzt.

Fleischhauer schreibt ohne Pathos, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne schwarzen Humor. Fleischhauer schreibt nackt. Das macht den Text so wahrhaftig. Denn aus dem ehemals gelackten Konservativen ist ein zumindest großteils geläuterter Mensch geworden. Wer auf Youtube den Autor zwischen 2009 und 2017 vergleicht, merkt, hier hat jemand eine Reise zu sich selbst begonnen; eine Reise, die vorher nie angetreten worden war.

Aus der Retrospektive heraus ist alles leichter. Nach Onlinedating und dem zweiten Frühling mit ergrauter Tolle, ist Fleischhauer wieder verheiratet, wieder Vater. Aber sicher um einiges reicher an Wissen, dass eine Beziehung nicht die Beziehung zu sich selbst ersetzt.

Jan Fleischhauer: Alles ist besser als noch ein Tag mit dir ist erschienen im Knaus Verlag/ Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Edit: Ich freue mich, Jan Fleischhauer vor kurzem in München auf einen Espresso getroffen zu haben. Es waren 60 freundliche Minuten und eine schöne Signatur.

Depeche Mode bei Letterman

…was ein unglaublicher Live-Auftritt, wie perfekt der Gesang, wie voll der Ton. Ein mitreißender Auftritt von Depeche Mode, den ich mir voller Hingabe immer wieder gerne anhöre.

Dazu im Vergleich die ebenso fulminante Wirkung in einer riesigen Halle:

 

Briefwechsel für Genießer und Beginner: Harry Rowohlt

Briefsteller (meint: Briefschreiber) und Briefwechsel sind ein spezielles Genre, nicht immer mit Liebe angesehen. Suhrkamp hat aus den ungewöhnlich vielen Briefwechseln von Verleger Unseld mit seinen bekannten Autoren Handke, Bernhard oder Johnson herrlich produzierte Briefwechsel mit unglaublicher Detailtiefe produziert.

Nur, das Problem: Da muss man sich derbe reinlesen und ein Hang zu neurotischen Autorenpersönlichkeiten haben. Nicht jedermanns Fall.

Daher biete sich zum Einstieg die drei herausragenden Briefwechsel von Harry Rowohlt an. Der begnadete Übersetzer und Rezitationskünstler, der nichts direkt mit Rowohlt-Verlag zu tun hatte, starb leider 2015 in Hamburg. Er war nicht nur optisch eine einzigartige Persönlichkeit und schrieb seit den 60ern grandiose Briefe. Immer einer Spur den Respekt vermissen lassend, ist er mir Vorbild geworden, auf Briefe zu antworten, aber doch nicht immer den steinernen Ernst der Sache durchblitzen zu lassen.

Im Dezember 2016 habe ich den pusthum erschienenen Band „Nicht weggeschmissene Briefe III“ besprochen. Kein & Aber ließ mir dann auch Einblick in die beiden ersten Bände, und was soll ich sagen: GRANDIOS. KAUFEN.

Seine Freundin Anna Mikula ist zu danken für die Zusammenstellung, gegen die er sich nicht wehrte, was mehr ist als des Allgemeinen Zustimmung ausdrückt.

Mehr braucht es nicht zu sagen. Wie Rowohlt der im Zweifelsfalle auch lieber schwieg und damit mehr sagte.

Danke, Harry Rowohlt!

Der Kampf geht weiter – nicht weggeschmissene Briefe I
Gottes Segen und Rot Front – nicht weggeschmissene Briefe II
Und tschüss – nicht weggeschmissene Briefe III

Harry Rowohlt erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege; edition tiamat

Ein schönes Interview aus 2012 sehen Sie bei Youtube. Harry Rowohlt mit Knut Cordsen beim Münchner Literaturfest auf der BR 2-Bühne.

Das eher dilettantische Cover-Arrangement ist von mir…

Ich danke Kein & Aber und der edition tiamat; ich erhalte kein Honorar.

Gerhard Schröder über Doris

Gerhard Schröder lebt seit Herbst 2016 in Scheidung von seiner vierten Ehefrau Doris. Lange war nicht bekannt, dass Schröder eine neue Lebenspartnerin an seiner Seite hatte. Dieses wurde erst vor kurzem Publik. Schröder-Köpf offenbarte es auf ihrer dienstlichen Facebook-Seite.

Als das ZDF Anfang 2017 eine Reportage über Schröder Wirken sendete, sagte er hierin zwar wie regulär nichts über seine Beziehung zu Wladimir Putin, aber über sein Privatleben sprach er umso mehr. Verwunderlicherweise. Mit dem heutigen Wissensstand machen diese sehr warmen Worte noch mehr Sinn, werden aber m.E. nicht ausreichend gewürdigt. Insbesondere da Schröder gerne als rüpelhafter Macho dargestellt wird.

Wie sehr er auf Doris´ Rat hörte, sehen Sie hier, als er seine Rede zum Nein an die USA bei der Unterstützung im Irak-Krieg vorliest, ab Minute 34:28.

Und jetzt wird es direkt nach diesem O-Ton wichtig, denn es wird über Schröders Ehe-Aus gesprochen. Dabei verlautbart er folgendes kurz nach 35:35:

Die Trennung als solche ist nicht anders als bei anderen Menschen auch, nämlich schwierig und schmerzhaft, gar keine Frage. Die Tatsache indessen, dass diese Trennung öffentlich wird, macht es nicht einfacher.

Wenn da was schiefgegangen ist – und da ist ja was schiefgegangen in meinem persönlichen Leben – lag das sicherlich mehr an mir als an den Frauen.

Das gilt auch und insbesondere für meine jetzige Noch-Frau. Sie wissen um die Trennung und sie (gemeint: Doris Schröder-Köpf) ist sehr politisch, sehr intelligent und eine wunderbare Mutter; und ich werde nie ein schlechtes Wort über sie verlieren.

Die Reportage ist bei Youtube unter „Mensch Schröder!“ zu finden.

Das Verhältnis wirkte nicht immer so gesellig. Im Portrait über Schröder-Köpf bei ihren Ambitionen für den niedersächsischen Landtag, wirkte es bisweilen doch eher ruppig, lesen Sie hier in der ZEIT.

 

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