Reuter meets Zürich

Ab und an werde ich hier nun aus meinem Romanprojekt „Reuter“ einige, meist eher eigenständige Passagen veröffentlichen. Diese Passage stammt aus dem zweiten, noch in Entstehung befindlichen Manuskript. Reuter I ist bereits fertig und wartet auf bessere Verlagszeiten :)

Das Copyright dieser Texte liegt, natürlich, bei mir und da bleibt es auch. Die Texte dürfen weder in Gänze noch in Auszügen in keiner Art (weiter-)verwendet werden.

Viel Spaß beim Lesen!

Kurz zum Verständnis: Reuter ist ein Mittdreißiger, unglücklich ver- besser gesagt entliebt, und hat in der Verlagskrise seinen Job verloren. Er lebt in einem „Gemeindebau“ (so sagt man in Wien; hier gemeint: Sozialer Wohnbau) in einer Vorstadt von Frankfurt am Main. Seine gute Freundin ist Alma, eine freischaffende Künstlerin, welche ihr Werk im Bereich abstrakter Aktmalerei in Acryl auf Großleinwänden angesiedelt hat. Mangold ist Reuters guter und wohl einziger männlicher Freund. Ihn lernte er noch im Verlag kennen. Mangold ist bald vierzig und besitzt eine eigene Firma (über die in der dem Verlag angeliederten Zeitung berichtet wurde). Er ist wohlhabend und daher und generell in der Selbstüberzeugung etwas „overdriven“.

Reuter rätselte manchmal, ob Schlaf der echtere Wachzustand war. Nur konnte er sich darüber meiste keine Gedanken machen, denn er war ja dann wach.
Es surrte in ihm als würde eine elektrische Zahnbürste an seiner Stirn entlanggleiten. Immer und immer wieder. Drumherum war es dunkel. Unendliche Dunkelheit. Wenn da nicht dieser unermüdliche Ton und diese surrende Erschütterung gewesen wäre. Reuter begriff, dass er er war und wohl auch Reuter. Die Augen erhoben sich wie schlecht geölte Stahltore, um dann unvermittelt zu brennen anzufangen. Wenn geboren werden so war, verstand er die Schreie der Babys im Kreißsaal. Reuter tastete um sich herum. Es schien ein Bett zu sein, auf dem er lag. Wohl sein Bett. Wessen sonst? Almas vielleicht, aber auch da wäre er sich sicher, nur geschlafen zu haben. 

Das Licht blendete ihn und tastete weiter nach dem Störobjekt. Er erfühlte einen metallisch-kühlen Gegenstand, der ansteigend vibrierte und dudelte. Es war sein Smartphone; er fand den Leiseknopf nicht. Erschöpft vom Wachwerden, ließ er den Kopf ins Laken sinken. Er drückte die Knöpfe nacheinander, aber der Wecker hörte nicht auf. Er riss die Augen mit einem Ruck auf und versuchte zu akkomodieren. Er las eine lange Nummer auf dem Display. Der Wecker rief ihn nun auch an? Seine Augen gewöhnten sich an die Helligkeit, es schien schon fast Mittag zu sein. Reuter sah eine 041 als Vorwahl. Wo war das denn schon wieder? Wollte ihn jemand schon am Morgen nerven? In ihm breitete sich Widerstand auf.

Am liebsten hätte er sich mit „Wer stört?“ gemeldet, aber das letzte und erste mal, dass er dies getan hatte, war es sein neuer und nun wieder alter Arbeitgeber gewesen. Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck, dozierte Mangold immer wieder. Also ergriff er das Smartphone, drückte den grünen Knopf und ließ sich zu einem langgezogenen Hmmmmm hinreissen. 

„Is daaa de Herrr Reoyyyterrr?“, kehlte es aus dem Telefon. Reuter sah ein Alpenpanorama vor sich. „Ich brauche keinen Käse, und eine Uhr, kann ich mir nicht leisten.“ Das fand er lustig, biss sich aber gleich auf die Zunge. Kein Rassismus, echote es hinter seiner Stirn.

„Naaa, das haben wir nicht im Angebot, aber einen Freund von Ihnen.“ 
Erpressung? Am frühen Morgen? Was wollten sie von ihm erpressen? Die Formel fürs Scheitern? Reuter rutschte im Bett in die fast Waagerechte. „Wer ist da, was fordern Sie?“, hörte er sich peinlich wie in einem billigen Film fragen.

„Gar nichts, Herr Reuter, aber Ihr Freund bräuchte Ihre Hilfe. Hier ist die Kantonspolizei Zürich. Herr Mangold wollte ein wenig schneller zu uns in die Stadt, als es erlaubt ist“, sagte die männlich, raue Stimme in den Apparat.

„Aha…“, dachte Reuter sich halblaut und fragte sich, was daran verwunderlich war. Er kannte Mangold und seinen Bleifuß. Diese Unerbittlichkeit vor sich selbst. Die Verweigerung gegen den Fortgang der Zeit.

„Leider gab es bei der Kontrolle ein kleines „Problemli“ und Ihr Freund ist seit gestern Nacht im Gewahrsam. Aber auch das“, leises Kichern wurde von Höflichkeit verschluckt,“ging ihm nicht schnell genug. Auf jedenfall will er schnell raus, aber er braucht jemanden, der ihn abholt.“

„Aha, hat er keinen Führerschein mehr?“
Reuter war von dieser Informationsflut am Morgen überfordert. 

„Das nicht direkt, er ist ja kein Staatsbürger“, wieder dieses leise Lachen, „aber er hat sich in der Zelle leicht den Kopf eingeschlagen, weil er nachts durch die Tür wollte.“

„Oh.“

„Wann könnten Sie hier sein?“

Wann konnte er sich eine Fahrt nach Zürich leisten. Fast wollte er sagen: Ginge es in zwei Wochen?, verschluckte den Satz dann aber.

„Bald. Ich kann Sie zurückrufen?“

„Ja, gern, wir sitzen ja nicht in der Zelle“, kicherte es.

Reuter dachte dabei wieder an einen Scherzanruf. Wehe, Mangold. 

„Wie heissen Sie eigentlich?“, und erinnerte sich an Folgen „Aktenzeichen XY“ mit Eduard Zimmermann. 

„Adjutant Spyrie, Kantonspolizei Zürich. Meine Nummer sehen Sie im Display?“
„Ja.“
„Adieu.“
„Äh, ja auch.“

Reuter setzte den Fuß auf seinen Bettvorleger arabischer Optik, den er am Mainbasar erfeilscht hatte. Alma im Hintergrund, wagte er alles, und bekam den Läufer mit den Verzierungen in rubinrot und ocker. Seitdem lief er gerne über diesen gelebten Grenzübertritt. Jetzt war es aber eher Schlurfen. 

Er hielt sich am Türrahmen fest, und atmete noch sehr nasal von einer Erkältung, die ihn letzte Woche durchweht hatte. Er griff sich ins verworrene Haar und stand im Wohnzimmer. Dann ging er weiter ins Bad, warf sich kaltes Wasser ins Gesicht wie in einer schlechten Werbung (gab es eigentlich gute?, fragte er sich in Klammern). Die elektrische Zahnbürste röhrte leise über seine Zähne. Er hatte sich nicht für die beste, sondern die leiseste entschieden. Und dann herausgefunden, das es die beste war. Das bestätigte ihn in der Bewertung von Stille. 

Er hörte Rascheln. Schaltete die Zahnbürste aus. Kein Rascheln, schaltete sie wieder an. Er spülte sich den Mund mit, angeblich „sanfter“, Mundspülung und machte dann doch flügelartige Bewegungen als hätte er zu heiss gegessen. Wieder Rascheln. Er nahm Kutipps und reinigte sich die Ohren. Nein, daran lag es nicht. Er ging in die Küche, nichts. Wohnzimmer, nichts. Er stand im Schlafzimmer, Rascheln! Es kam aus dem Wohnzimmer. Das Sofa, über und über mit Zeitungen, aus denen oben Haare ragten. Gelockte, schwarze Haare. 

„Morgen!“, sagte der Zeitungsberg.

Alma! Alma?, dachte Reuter.

„Was machst du denn hier?“

„Ja, was wohl, Entenzucht. Sieht man das nicht?“, raunte sie zurück. „Wir waren gestern unterwegs, Sie erinnern sich, Herr Reuter?“

„Achja.“

„Achja, achja“, äffte sie ihn nach. „Wo ist mein Kaffee?“

„Seh´ ich aus wie nen Hotel?“

Alma guckte sich betont bewertend um, die Zeitung raschelte so laut, das Reuters Kopf brummte.

„Nö, eher wie son´ Gemeindebau.“

„Na, danke!“

„Kaffee?“

Reuter lief genervt in die Küche, füllte den Wasserkocher und stellte ihn an. Er griff zur Kaffeedose und ließ den Verschluss aufschnappen. Der Kaffeeduft strömte ihm samtig entgegen und streichelte ihn. Er gab sechs Löffel und eine Prise Salz auf den Haufen Kaffeepulver und wartete starrend auf das kochende Wasser. Er goss das brodelnde Wasser auf das Kaffeepulver, was sogleich schäumte.

„Wer wollte denn so dringend was von dir?“, rief es von nebenan.

„Was?“

„Wer angerufen hat?“, rief Alma in gleicher Lautstärke, stand aber nun in der Küche direkt neben Reuter, der zusammenzuckte.

„Schrei doch nicht so!“

„Pfff!“

„Die Polizei.“

„Mangold?“

„Woher weisst du?“

„Mangold.“

„Ja, aber…ach, egal.“

„Wir müssen nach Zürich, bald.“

„Wir?“

„Ja?!“

„Aha, ganz neue Infos vorm ersten Klogang.“

„Igitt!“

„Nix igitt, menschlich.“

„Nicht weiblich!“

„Doch!“

Reuter hielt sich am Küchenschrank ohne Türen an einem Brett fest.

„Das Problem ist, er ist in Gewahrsam.“ 

„Sicher zurecht!“

„Alma!“

„Ja, was denn? Mangold eben. Der raucht die Dunnhill mit Mundstück. Das allein gehört unter Strafe gestellt.“

„Wie dem auch sei, er ist zu schnell gefahren, und hat sich dann den Kopf im Gewahrsam eingeschlagen.“

„Polizeigewalt, hm? Wunderbar!“

„Alma!“

„Jaja, dem Kapitalisten nix böses, du Kuscher.“

„Wie kommen wir aber nach Zürich? Ohne Geld? Hast du nen Sparstrumpf, eine private Künstlersozialkasse?“

Alma deutete auf ihre Füße.

„Siehst du?“

„Ähm, eingewachsener Zehennagel?“

„Ja, das auch. Aber wieso siehst du das?“

„Achso, kein Sparstrumpf. Gut dass du mit Wortwitzen kein Geld verdienst. Aber wie kommen wir nun billigst nach Zürich, schnell?“

„Kostenlos und schnell? Da gibt es einen Weg…“

Reuters Gesicht erhellte sich.

„…aber der wird dir nicht gefallen.“

Reuter hätte sich vor einer halben Stunde nicht vorstellen können, wie sehr ihm das nicht gefällt, was Alma mit kostenlos und schnell meinte. Der Wind zersauste ihm sein Haar, der Regen rann sein Gesicht runter wie Nadelstiche. Mit einer kleinen Tasche waren sie losgeeilt, Reuters Unterhosen in doppelter Anzahl, auch für Alma. 

Sie standen an der Autobahnauffahrt zur A5 in der Nähe zum Rebstockbad. Ganz im Westen von Frankfurt. Da seien die Chancen besser als im Osten, meinte Alma mit Bestimmtheit. Eine halbe Stunden standen sie nun da, mit einem eilig gebastelten Schild „Zürich oder gleiche Richtung“. Die afroamerikanische Künstlerin in buntem Tuch und kaffeebrauner Lederjacke und der leicht übergewichtige blasse Reuter. Sie sahen aus wie eins dieser nostalgischen Fahrräder mit einem großen und einem kleinen Rad. Sogar einen Mittelfinger hatten sie kassiert. Besser gesagt, Reuter hatte ihn kassiert. Alma hatte es auch nicht besser erwischt, ihr wurden Blasgesten wie Luftküsse entgegengeworfen. Vom Rest der Autofahrer erhielten sie unbeachtende Verachtung.

„Das bringt doch nix, lass uns versuchen, mit der Bahn zu fahren.“

„Ohne Ticket, wir? Da steht doch auf der Stirn: bitte kontrollieren sie extra! Das muss nichtmal nen Ossi als Kontrolleur sein. Das weisst du doch.“

Ja, leider wusste das Reuter. Es war eine schlimme Erfahrung, wie Menschen zu Ur- bzw. Untieren in sekundenschnelle verkamen, wenn sie Alma sahen. Eine schwarze Künstlerin mit großen Brüsten und großem Po: man kam nirgends unbeachtet lang. Leider meistens beleidigt oder gedemütigt oder beides. Affenrufe waren dabei noch das geringste Übel. Schon oft waren sie nur knapp einem Übergriff entkommen, einmal hatte Alma eine Becksflasche an den Kopf bekommen. Doch, das bewunderte Reuter zutiefst, sie ließ sich nicht unterkriegen, was aber nicht hieß, dass sie nicht litt. Er selbst wusste nicht, ob er das im Alltag so aushalten könnte. 

Ruuuuusch. Hielt der LKW. „Hilft euch Freiburg?“ Beide nickten. Vielleicht hätten sie auch bei Hamburg genickt. Im Führerhaus von Detlef roch es nach Kaffee und Gebäck. Detlef war wie man sich einen Trucker vorstellte. Übergewichtig, bärtig und tätoowiert. „Ihr beiden“, sagte er in den Regen starrend, „müsst´ aufpassen. Ich will ja nix sagen, aber ihr seid keine gute Kombi. Und ich wähle nichtmal AfD.“ Endlich mal was neues, dachte Reuter und Alma zog einen Socken aus, und bearbeitete ihren eingewachsenen Zehennagel. 

„Komisch, das Blut, ist bei euch auch rot.“

„Hm?“

„Na da, das Blut von deiner Freundin.“

„Ja, was solls denn sonst sein? Lavaschwarz?“, grimmte Reuter.

„Lass es,“ zischte Alma, „besser so als noch ganz anders.“

Sie rauschten die A5 gen Süden. In Freiburg hatten sie schneller Anschluss gefunden, als Reuter lieb gewesen war. Seine Blase drückte, als Alma ihn schon auf die Rückbank eines roten Alhambra lotste. Ingenieursehepaar aus Salzhemmendorf auf dem Weg an den Pfäffiker See. 

„Waren Sie schonmal in Auslikon?“

Beide schüttelten den Kopf, wie die Kinder, die eigentlich auf die Rückbank gehörten, aber auf Zeltlager waren.

„Wollten die doch beide nicht mit, glaubt mans! Sie werden so schnell groß.“

Phrasenzeit, dachte Reuter.

Die Herzogs waren in den vierzigern, hatten ein kleines aber „neckisches“ Reihenhaus mit Klinkeroptik und zwei Kinder, sieben und neun. Friedrich und Helena. Sie mit Kurzhaarschnitt, er mit Kurzarmhemd. Vor Reuter wackelte Helenas DVD-Monitor; er war aus. Als die Herzogs sie in Zürich am Hauptbahnhof rausließen („klar fahr’n wir euch rein!“) entknackten sich Reuters Knie und sein Hals war trocken. So konnte er nur Nicken, während Alma sich herzlich parlierend bedankte. Reuter warf ihr abkürzende Blicke zu.

„Sei doch nicht so, nette Leute.“ 

„Hm.“

„Nix hm!“

„Die sind alles, was wir nicht sein wollen.“

„Na und? Aber sie sind nett und haben uns hierher gebracht für wieviel Euro? Na!“

Reuter grimmte nur.

Die schmiedeeiserne Tür des Zentralkommissariats öffnete sich, Alma drückte die Tür auf. 

„Grüezi!“, glimmte Alma auf regionalen Kontakt bedacht.

„Guten Tag!“, kehlte es von einem hageren Schulterklappenträger sachlich zurück.

„Wir suchen Mangold.“

„Aha.“

„Frederic Mangold“, sagte Alma zuckersüss, wobei Reuter doch eigentlich, dachte Reuter.

„Ah, der Deutsche.“

„Ohoh,“ raunte Reuter.

„Psst. Lass mich machen.“ 

„Genau den, den würden wir gern wieder mitnehmen.“ 

„Das geht nicht.“

„Wieso, wir sollten ihn doch abholen. Hier sind wir!“

„Das ist schön. Der Herr Geheimrat Mangold,“ der Polizist kicherte wie der Adjutant vorhin am Telefon, „hat es sich anders überlegt. Er hat die Sicherheitsleistung mit Paypal bezahlt und sich gegen ärztlichen Rat aus der Zelle entfernt.“ 

„Seit wann kann man sich selbst aus einer Zelle entfernen? Die sind doch dafür da, dass man nicht geht,“ zickte Alma.

Reuter schaute benebelt.

„Ja, aber heute morgen war seine Gewahrsamszeit zu Ende und der Polizeiarzt hat ihn gegen Unterschrift gehen lassen.“

„Und wo finden wir ihn nun?“, meinte Reuter.

„Bin ich die Auskunft? Rufens ihn doch an.“ Damit drehte der Polizist sich zum Gehen um.

„Achja, obwohl. Er hat sein Handy hier vergessen. Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, er kann es abholen.“

„Und wo sollen wir ihn nun finden? Und wie sollen wir ohne ihn zurückkommen?“, fragte Reuter am Rande seines Nervenbandes.

Alma rührte in einem dieser geriffelten Plastikbecher mit einem Holzstäbchen in etwas, das der Mann von der Baustellenkantine „Kaffee“ nannte. 

„Weiss nicht. Lass uns einfach durch dir Stadt streifen.“

„Na wunderbar. Gute Idee. In einer der teuersten Städte Europas, in der eine billige Pizza schon so viel wie ein Drei-Gänge-Menü hinter der Grenze kostet.“

„Es ist dein Freund, Reuter.“

„Hm.“

„Nix hm.“

Sie gingen ziellos durch die blinkende Innenstadt, die so sauber war, dass Reuter manchmal das Ende einer Kulisse erwartete, hinter der es nicht weiterging. Doch es schien echt hier zu sein. Die Preise beim Coop waren es auf jedenfall. Alma kramte nervös in ihrem Portmonnaie. Sie hatte sich im Preis vertan, weil sie ihre Brille nicht aufhatte. Nun hatten sie mit Reuters letztem Fünfer ein Quarkhörnchen bezahlt. Und jetzt hieß es: rien de va plus.

Vielleicht ließ die Erschöpfung gepaart mit Geldlosigkeit die besten Ideen erst entstehen. Vielleicht wären Steve Jobs seine Ideen auch nicht außerhalb einer Garage gekommen? So jedenfalls war Alma die Idee gekommen, als sie frierend am Zürichsee mit Blick auf die große Turmuhr saßen, dass Mangold nur da sein könnte, wo es teuer sei. Leider war aber in Zürich irgendwie alles teuer, und Mangold weiterhin ohne Handy. Das Schicksal war aber gütig mit ihnen oder es war doch ihre analytische Fähigkeit. Alma hatte unter genervten Blicken von Reuter die teuersten Hotels der Stadt gegoogelt. Nur die mit Seeblick und schönem Namen berücksichtigt und schon waren sie ins La Reserve Eden au Lac Zurich gestolpert. Beide in eher derangierter Kleidung, wirkten sie in der plüschigen Eingangshalle des Hotels wie eine Fehlbesetzung. Lieferanteneingang hinten!, wäre für sie die richtige Regieanweisung gewesen. Über jedem Fenster war eine blau-weiß gestreifte Markise gespannt, das Abendlicht vom See blinkte durch die perfekt geputzten Fenster und in der Lobby fühlte sich die kühle Seeluft erfrischend und nicht erfrierend an. Was doch ein kleiner Ortswechsel doch bewirken konnte, dachte Reuter.

Alma war es wieder, die voranschritt und sich der Blicke ihrer wegen gar keine Gedanken zu machen schien. Ob ein Herr Mangold zu Gast sei, fragte sie im servilen Ton, den Reuter gar nicht von ihr kannte. Als Reuter hörte, der Herr Mangold sei im Restaurant Le Croc zugegen, dachte er erst, er fabuliere nun schon, und wollte sich Wasser in der Toilette ins Gesicht schütten. Der Herr von der Rezeption zeigte ihnen aber unaufgeregt den Weg Richtung Restaurant, um dann aber doch leicht zu hüsteln.

„Meine Dame, mein Herr,“ er wand sich, „es tut mir leid, aber ich muss sie höflichst auf unseren hier existierenden Dresscode für unsere Restaurants hinweisen.“ Es schien ihm ehrlich unangenehm. Vielleicht war er unter dem dunkelblauen Anzug volltätowiert und zählte die Tage bis zur beruflichen Selbstbestimmung?

„Könnten Sie den Herrn Mangold vielleicht rausbitten?“, fragte Alma und Reuter war wieder über ihre diplomatischen Fähigkeiten verwundert. Er lernte auf dieser ungeplanten Reise ganz neue Seiten von Alma kennen.

Der Mann von der Rezeption verschwand und kam nur wenige Sekunden später mit Mangold wieder. Haare in Pomade fixiert in einem blütenweißen Hemd seiner Lieblingsmarke Kiton (soweit hatte es sich Reuter der Freundschaft wegen aber dennoch widerwillig gemerkt) und einer eleganten Chino mit dunkelbraunen Rauhaarslippern und goldener Schnalle. Das er Reuter und Alma auch nur kannte, wirkte eher wie ein Unfall des Schicksals.

„Wie schön euch zu sehen!“, rief Mangold durch die halbe Empfangshalle. Vielleicht dachte er, dachte Reuter, das Angriff in dieser Umgebung doch die beste Taktik wäre. Die verschollene, verarmte Verwandtschaft, einfach laut umarmen und dann im See versenken, oder so.

„Und auch die Frau Künstlerin, Sie kennen Ihre Bilder nicht, ganz begabtes Mädel!“ du zeigte auf Alma und schaute den Rezeptionisten an, der untertänigst lächelte.

„Der Penner ist doch auf Koks“, grunzte Alma leise.

„Ne, Mangold einfach, oder?“

„Wie der immer tut als sei er fucking fünfzig und sonstwas. Penner.“

„Alma, bitte.“

„Danke.“

„Wie?“

„Och Reuter.“

Die Wunde hatte er wirklich, über der linken Braue, was ihm aber gar nicht abträglich zukam. Eher sah es aus wie eine Lebenswunde, die er mit der ihm eigenen Art der natürlichen Haltung trug. Ähnlich wie Männer mit hässlichen Narben, die sie mit einer Selbstverständlichkeit trugen, sodass die Damenwelt dies sogar als anziehendes Merkmal wahrnahmen. Reuter wunderte sich immer wieder über diese Wirkweise; er selbst hätte eine Narbe wohl nie so tragen können. So wurde er auch ohne Narbe eher übersehen.

„So, meine Lieben, was macht denn ihr hier? Eine kleine kulinarische Reise?“

„Ja, klar, wir hatten eine kurze Champagnertour vor. Die freie Künstlerin und der Arbeitslose. Natürlich. Irgendwo muss das Geld ja hin.“

„Ach, wirklich?“ Mangold dachte wohl kurz wirklich, sie meinte es ernst.

„Nein, natürlich nicht du bornierter Affe. Die Polizei hatte Reuter angerufen und dann sind wir hierhergetrampt. Wir wussten ja nicht, dass du dich hier ins dolce-vita-Leben fallen lässt. Es klang eher nach Gefangen-in-einer-Zelle.“

„Tja, alles wird überwunden.“

„Schade.“

„Aber ihr seid hier. Gehen wir gemeinsam zu Tische?“

„Äh, ja, also“, konnte Reuter nur anfangen, dann übernahm Alma den Satz.

„Ja, auf deine Kosten. Wir sind hier hergetrampt. Für dich!“

„Wie geht das denn?“

„Was?“

„Trampen?“

„Willst du uns eigentlich verarschen?“

„Nein, nein, nur ein kleiner Scherz niederen Sujets.“ Mangold kicherte und griff seine Zigarettenspitze und die Dunhills aus seinem marinablauen Sakko mit den goldenen Seemannsknöpfen.

„Kommt, lasst uns eine rauchen und dann lade ich euch zum essen ein.“

„Und wann fahren wir mit deinem Auto wieder zurück?“

„Ja, also,“ und hier wurde Mangold dann doch wortkarg, „das besprechen wir besser beim Essen und einem guten Wein.“

Sie saßen auf der Terrasse des Eden und schauten über den ruhigen Zürichsee. Die Sonne stand tief und die Nacht zog auf. Man servierte ihnen Kaffee in feinem Porzellan und Reuter war mehr mit der Vorsicht beschäftigt, es nicht zu zerstören, als den Kaffee zu trinken.

„Siebträger, merkt man sofort, nicht?“

„Kaffee, ist ok“, sagte Alma.

„Lecker, ok“, schloss Reuter an.

„Mensch, Reuter, so still. Was ist los?“

„Vielleicht etwas viel Aufregung die letzten vierundzwanzig Stunden.“

„Ach, was, den Abend lassen wir nun hier schön ausklingen und dann schlaft ihr euch erstmal schön aus.“

„Wo denn?“, ließ Alma gleich anklingen.

„In eurem Hotel?“

„Wir haben kein Hotel, weil wir kein Geld haben. Damit auch du es endlich mal kapierst.“

„Achso?“ Mangold klang eine Oktave höher.

„Ja, Mensch, wir sind ja hier nicht aus Menschenliebe hergetrampt.“

„Achso, ich dachte so das Abenteuer, nah an den Menschen und so? Dann kann Reuter endlich mit seinem ersten Roman beginnen.“

„Nee“, sagten Reuter und Alma im Chor.

„Naja, ich lasse euch Zimmer im MotelOne reservieren. Oder doch lieber eins zusammen?“, ließ er sich nicht nehmen mit Augenzwinkern zu fragen.

„Nee!“, riefen beide etwas zu laut aus. Vom Nachbartisch wurden ihnen vernichtende Blicke zugeworfen.

„Danke, Mangold“, rang sich Reuter ab.

„Natürlich“, antwortete Mangold ganz ernsthaft – und meinte es auch so.

Sie blickten alle auf den See, der Kaffee dampfte aus dem feinen Porzellan und Reuter dachte sich kurz, so ein Leben mit Geld, sei auch nicht so verwerflich wie er immer dachte.

„Jetzt lasst uns ins Restaurant gehen!“, sagte Mangold und erhob sich schon.

„Das geht doch nicht, wegen unserer Klamotten.“

„Achso, jaja, da war ja was. Was machen wir denn da?“, fragte Mangold mehr sich als die anderen. Er erhob sich und schritt schnellen Fußes in die Lobby.

„Kommt, wir können herein!“

Alma und Reuter schauten sich fragend an und standen auf.

„Wie hast du das denn geregelt?“, fragte Reuter leise.

„Mit einem kleinen Geschenkli“, lachte Mangold leise und mimte schweizerischen Dialekt.

„Klar, womit solltest du sonst etwas regeln? Empathie?“, grummelte Alma.

„Nein, dafür haben wir ja die linke Künstlerelite, die alles richtig macht“, lachte Mangold und zeigte einladend in das Restaurant.

„Herr Mangold, einen schönen guten Abend, herzlich willkommen im Le Croc. Darf ich Sie und Ihre Freunde in diese Ecke des Restaurants leiten?“

„Ja, sehr gern.“

Alma äffte Mangolds Antworten leise nach. Reuter guckte sie vernichtend an.

Sie bekamen einen Gruß aus der Küche, ein Lachs mit Schaum von etwas anderem aus dem Meer. Dann folgte eine Suppe aus Garnelenschwänzen, als Hauptgang eine Kalbsleber rosa gebraten auf Naturreis mit einer Senf-Safransauce. Als Dessert landete ein Zitronensorbet auf extra dafür geeisten Tellern. Reuter konnte sich nur wundern, das hatte er rund um den Gemeindebau noch nie gesehen. Er wischte sich den Mund nicht nur von Essensresten ab, sondern auch vom Schweiß, der ihm über die Mundwinkel lief, wenn er das ganze Besteck sah. Und wie leicht Mangold dies alles mit einer Selbstverständlichkeit passieren ließ. Das Bestellen hatten sie ihm gleich komplett überlassen und Mangold ließ es sich natürlich nicht nehmen, eine vorzügliche Auswahl für sich und seine Begleitungen zu treffen. Das ganze wurde von korrespondierenden Weinen abgerundet, deren Namen Reuter noch nie gehört hatte und bei den Preisen ihm der Kopf rot anlief. Nach einem abschließenden Espresso aus dickwändigen, heißen Tassen, rieb sich Mangold über den Bauch und atmete zufrieden aus.

„Und, was machen wir mit dem frischen Abend?“ und schaute beide erwartungsvoll an.

„Ins Hotel?“

„Aber, aber, junge Dame. Nicht so schnell mit den schlafenden Pferden!“ Nehmen wir noch einen Absacker in der Bar?“

„Tja, nun Mangold, also…“, begann Reuter.

„Auf meine Kosten, natürlich.“

„Das ist ja auch das Mindeste!“

„Ach, Alma, nun lass auch wirklich mal gut sein.“

Sie guckte Reuter an, der müde schaute. Mangold grinste.

„Na gut. Aber wie kommen wir morgen nun nachhause?“

„Tja, also,“ und hier wurde Mangold zögerlich. „Wir müssten wohl einen Flug nehmen.  A conto meiner Person natürlich.“

„A co..was?“

„Auf meine Kosten, on my expences…“

„Was ist mit deinem Auto“, fragte Alma.

„Tja, das ist gestern leider etwas demoliert worden. Kleiner Betriebsunfall“, lächelte Mangold.

„Wie?“

„Naja, der eine Polizist, wollte es zum Asservieren in die Tiefgarage einparken, dabei gab es eine leichte Verwechslung der Pedale. Der Herr war kein Automatik gewöhnt.“

„Und jetzt?“

„Jetzt hat mein A8 leider eine kleine Delle vorne.“

„Und warum kann man damit nicht mit nachhause fahren?“

„Nunja,“ räusperte Mangold sich, „hier seht selbst“, und zog sein Handy aus der Sakkotasche.

Nunja, dachte Reuter. Das war wirklich etwas mehr als eine Delle. Selbst er, der sich mit Fahrzeugschäden nicht so auskannte, sah, das dies hier ein fundamentaler Schaden war. Der Adjutant schien mit voller Wucht in die Parkhauswand eingeschlagen zu sein. Vom Kühlergrill war nicht mehr viel übrig und die Motorhaube war wie ein Buchrücken eingeknickt. Reuter pfiff durch die Zähne.

„Ach, alles halb so wild. Zahlt ja die Polizei!“, frohlockte Mangold, als wäre dies ein Highlight seiner Zürichreise.

„Passt euch morgen ein Flug gegen Vormittag?“

„Was ist Vormittag für dich?“, fragte Reuter vorsichtig. Ihm war Mangolds Hang zu frühem Aufstehen nur allzu sehr bekannt.

„Naja, ich dachte so um halb sieben, meine Künstlerclique.“

Alma und Reuter schauten.

„Na gut, nehmen wir den Flug um 08:15 Uhr. Wie findet ihr das? Habe uns drei Plätze zusammengebucht.“

„Wunderbar“, raunte Alma und rollte die Augen.

Reuters Handy klingelte um 05:30 und mit langsamen Bewegungen hatte er sich zuerst unter die Dusche und dann vor dem großen Spiegel die Zähne geputzt und sich begutachtet. Zuhause hatte er nur einen kleinen Spiegelschrank, einen Ganzkörperspiegel hatte er sich nie zugelegt; das fand er zu selbstsüchtig. Beim Frühstück blieb er stumm und auch Alma sah keine motivierende Veranlassung ein Gespräch zu beginnen. Beide schlürften ihren lauen Automatenkaffee und warteten auf die Dinge. Um 06:30 kam Mangold mit einem Schuss zu viel Dior-Parfüm um die Ecke, sodass Alma sich erstmal demonstrativ die Nase zuhielt.

„Guten Morgen, seid ihr bereit? Das Taxi wartet.“

Beide ließen sich auf den Rücksitz fallen, Mangold plumpste auf den Beifahrerplatz und dirigierte den Taxisfahrer mit strikten Anweisungen gen Flughafen, was der mit grimmigen Blicken wortlos kommentierte.

Nach einem weiteren Kaffee, nun aus einer Siebträgermaschine, saßen sie im Gateraum. Mangold shoppte sich die Seele im Duty free frei, währenddessen Reuter und Alma sich um jede Minute Ausruhen rissen. Für beide war das Fliegen nicht so leicht, wie sich das in der Gedankenwelt von Mangold darstellte. Doch Angst, hatten alle drei.

Reuter hatte Angst vor Geschwindigkeit, Alma hatte Angst vor Enge und Mangold Angst vor Nichtbeachtung. So saßen sie nun in zu dritt im hinteren Drittel (sicherste Ecke!) und Mangold schnipste ,noch während die anderen Gäste einstiegen, mit der Hand mit dem goldenen Siegelring, um sich einen Brandy Alexander zu bestellen.

Als die Flugbegleiterin, Anfang zwanzig und mit immenser Spachtelmasse im Gesicht, erst genervt und dann verstört guckte, arbeitete Reuter daran, unsichtbar zu werden. Alma hingegen rüttelte an den Armlehnen: „Waren die immer so eng?“

„Die müssen so!“, sagt Mangold und macht eine wegwerfende Handbewegung.

„Achja? Weil?“

„Ja, weil so der Gast sicher fixiert ist.“

„Wieso muss ich fixiert sein? Ich bin ein freier Mensch.“

„Seit wann ist Fliegen was für freie Menschen? Es ist die regulierteste Art zu reisen. Damit auch die sicherste. Aber…nunja, freier ist man höchstens weiter vorne. Aber da sitzen wir heute nicht.“

„Will ja auch nicht fliegen, sondern geflogen werden.“

„Doch nicht als Pilotin! Wer will schon selber fliegen? Als Business Class Gast. Das versteht sich doch von selbst.“

„War ja klar, du bornierter Affe. Wie soll sich eine ehrlich schaffende Künstlerin das denn leisten?“

„Tja, da sehe ich schwarz.“

Reuters Augen wurden zu Pizzatellern.

„Mangold!“

„Ja, was? Bei dem, was die im Jahr verdient, kann sie nur bis zur Haustür Business fliegen.“

„Darum geht es nicht!“

„Um was dann?“

Mangold biss in einen mitbrachten Valrhona-Riegel das es knatschte.

„Ist doch alles relaxed. Take it easy. Bemitleidet mich lieber.“

„Wieso nun schon wieder?“

„Wegen meiner wenig passablen Sitzsituation.“

„Wegen uns, willst du damit sagen?“

„Ja, wegen euch, um genau zu sein. Ich wollte euch nicht alleine lassen.“

„Wir hätten verzichtet.“

„Hättet ihr nicht gewollt.“

„Doch.“

„Alma.“

„Was? Der bornierte Affe geht mir auf den Sack.“

„Auch ein wenig Konfekt?“ galantierte Mangold mit gefälligem Grinsen.

„Nicht mal in der Hölle.“

„Aber da wären wir doch grad, wenn ich Herrn Reuter so anschaue, der auf invisible tut.“

„Wie?“

„Ja, sehr wohl, du, Mister Ungesehen.“

„Ich will euch nur nicht in der Entfaltung eurer Zuneigung bremsen.“

Mangold beschäftigte sich plötzlich mit seiner Fensterblende und Alma räumte das Sitznetz vor sich auf.

„Hallo? Habe ich was falsches gesagt?“

„Hallo! Entschuldigung, Frau Stewardess!“ Mangold lehnte den Begriff „Flugbegleiterin“ ab.

„Ja?“

„Haben Sie wohl eine Wirtschaftswoche für mich?“

„Eine was?

„Eine…das ist eine Zeitung…“, er räusperte sich vor den Kopf gestoßen und hob die Stimme an. Mangold schaute in das ratlos dreinschauende Gesicht dieser jungen Frau, die sich unter Peter Styvesant-Atmosphäre etwas anderes als Kurzstrecke vorgestellt hatte. Wahn und Wirklichkeit.

„Wir haben eine App, die können Sie downloaden und sich dann eine Zeitung aussuchen, wie die Gala oder Ihre Woche.“

„Sie meinen Wirtschaftswoche. Die Woche ist schon lange eingestellt.“

Die junge Frau blickte ihn an wie einen irren und ging wortlos wieder in die Galley. 

„Seelenlose Türbewacherin“, zischte Mangold. 

Reuter sank zwischen den beiden zusammen.

„Im Gegensatz zu dir“, keifte Alma.

„Achja?“, Mangold genoss den Moment und strich sich durch die Pomade.

„Kleb nicht an deinem Sekundenkleber fest!“

„Das ist Pomade, das muss so. Wie die Armlehnen.“

Reuter war froh, dass Alma noch kein Plastikmesser vom Catering in der Hand hatte. Nur zu gerne hätte sie es wohl in seinen Arm mit der Goldkette reingerammt. Der Goldkette in sein Name eingraviert war. „Damit du dich selbst nicht vergisst“, brachte sie bei jeder Gelegenheit an. Mangold machte das nur immer noch gelassener.

Das ein oder andere Mal war Alma dann unter dem Ausrufen von Hasstiraden gegangen, aber das ging nun nicht. Mindestens eine Stunde und zehn Minuten saßen sie in einer aufgepumpten Röhre aus Faserverbundstoffen in engen Sitzen, die wie Schuhanzieher für Menschenkörper waren.

Reuter suchte die Decke nach Monitoren ab. Vergeblich. Entertainment gestand man ihm auf diesem Flug nur von seinen Sitznachbarn zu. 

Die Sache mit dem Cateringgeschirr hatte sich aber von selbst erledigt, es gab lediglich belegte, fertig verpackte Baguettes. Und die waren so weich, dass jede punitive Tätigkeit an Mangold eher als Scherzattacke gewertet worden wäre. Der Flug verlief (für Reuter erst nach dem Start) soweit reibungslos. Mangold blätterte in irgendeinem Jahresreport und grunzte bei bestimmten Zahlen, schnalzte mit der Zunge oder kommentierte für einen unsichtbaren Zuhörer Vorstandsgehälter.

Alma strich sich rhythmisch den Rock glatt, und hielt sich damit Armlehnen auf Abstand. 

Reuter schaute auf die Welt herunter. Die Wolkendecke und die Städte und Landschaften unter ihm. All das, was sie mit so einer unglaublichen Geschwindigkeit überflogen und dennoch in dieser Röhre die gleiche Existenzgeschwindigkeit hatten, wie die Menschen da unten am Boden, deren Leben weiterlief, egal ob sie oben flogen oder nicht. Sie nahmen hier eine Auszeit von dem Sein und blickten auf selbiges, ohne den Zeitkorridor dennoch verlassen zu können. Und doch merkte Reuter ein eigenartiges Gefühl der Freiheit. Er schloss die Augen und überließ sich dem Surren dieser fremden Welt.