EH-Buch in der DNB angekommen

Eben erhielt ich die Empfangsbestätigung, dass man DGUV-anerkanntes Erste-Hilfe-Lehrbuch (nur eines von 12 in Deutschland!) mit den Pflichtexemplaren in den Bestand der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) aufgenommen worden ist.

Freude!

 

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Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva

Es ist ein sehr tränenreiches Buch. Nach bald zwei Jahren legt die Journalistin Schäfer ihr neues Buch im Gütersloher Verlagshaus vor.

Das letzte behandelte den Unfalltod ihres Bruders. Das jetzige geht auf den Holocaust zurück. Sie besucht die Shoa-Überlebende Eva und spricht mit ihr über das, was Menschen sich nicht vorstellen können. Und doch ist es aktuell wichtiger denn je, wieder aktiv und lauter denn je zu erinnern. Jetzt wo rechtes Gedankengut sich wieder salonfähig macht. Es ist widerlich, dass dies so ist. Die letzten Überlebenden sterben nach und nach und daher ist es wichtig, so viele Erinnerungen zu sammeln wie möglich.

Nie darf sich so etwas auch nur annähernd und wenn auch nur in Gedanken, wiederholen. Mit aller Kraft ist sich gegen Rechts zu stellen.

Eva schwieg fünf Dekaden. Sie verlor Bruder und Eltern, und war erst 11, als sie im Lager überlebte. Und das auch nur knapp, weil ein alliierter Soldat erkannte, dass sie noch atmete. Wie das ein Mensch seelisch überstand ohne damals oder später wahnsinnig zu werden, ist mir ein Rätsel.

Eva schaffte es, ein weitgehend normales Leben, inzwischen verwitwet, zu führen. Mit ihrem Mann sprach sie nie über die Erlebnisse. Doch nun spricht sie mit Schulklassen, berichtet, klärt auf über etwas, was sich die aktuell jungen Generationen kaum noch annähernd imaginieren können. Umso wichtiger ist Evas Engagement.

Bärbel Schäfer schafft ein Buch in dem sie auch selbstkritisch mit ihrer eigenen Familie umgeht: Wo wart ihr? Was habt ihr gemacht? Sie trifft auf eine Mauer des Schweigens, des Grolls der Nachfragen wegen. Ihr inzwischen verstorbener Vater lässt sie weitestgehend abprallen. Es ist eine Verhärtung, die ich auch aus eigener Familie kenne, inzwischen kannte.

Mir rutscht der Fokus manchmal zu sehr auf das Leben von Schäfer, ich hätte gerne mehr Passagen von Eva erlebt. Manchmal sind mir die Absätze auch zu gefühlig, zu assoziativ, zu wortklauberisch. Mir hätte ein Interviewbuch besser gefallen.

Schäfer schreibt aber auch nicht unbelastet. Sie konvertierte zum Judentum als sie ihren Mann, Michel Friedman, 2004 heiratete. Friedman selbst leidet sehr unter den Erlebnissen seiner Eltern, die zwar überlebten, aber unter den Folgen ein Leben lang schwer litten und somit der Sohn unweigerlich mitlitt. Er wollte nach New York, blieb aber im Land der Täter, den Eltern zuliebe. Diese hatten sich dem Pelzgeschäft wegen in Frankfurt am Main niedergelassen. Auch Eva kam mit ihrem Mann ins gehasste Täterland, auch nach Frankfurt. Friedman sagt, wenn er damals ein wenig älter gewesen wäre (er war 9), hätte er die Entscheidung, von Paris nach Frankfurt zu gehen, abgewandt. Die Verbitterung darüber ist ihm immer noch teilweise anzumerken. In seinem autobiografischen Roman „Kaddisch vor Morgengrauen“ (Aufbau Verlag, 2005) ist dies detailliert zu erlesen.

Nie schweigen! – das ist Friedmans Signiersatz. Und Bärbel Schäfer schließt sich diesem nun an. Richtig so!

Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva ist erschienen im Gütersloher Verlagshaus (Random House)

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Stille

Wir brauchen sie, um nicht verrückt zu werden. Wir verachten sie, weil sie uns verrückt macht. Wir benötigen sie, wenn wir sie am wenigsten bekommen können. Und wir treten sie, weil wir sie nicht achten.

 

 

 

 

 

 

 

Stille.

 

 

 

Was ist Stille?

 

Ich weiß es nicht.
Der Autor auch nicht.

Aber er weiß etwas.

 

— dass wir sie brauchen. Dringend. Mehr. Wieder. Bewusster.

 

Der Lärm nimmt von uns Besitz, wird immer selbstredender. Lärm nicht nur in Dezibel. In Licht, Schatten, Blinken. Ansprache.

Alles, so übergriffig, ohne Distanz, mit immer währender Dringlichkeit.

Erdrückend. Erstickend ohne Atemnot.

 

Der norwegische Autor, der Rechtsanwalt, Verleger und Extremsportler wurde von der Welt wie wir sie kennen fast erdrückt. Er rannte um sein Leben und fand es im Extremsport. Doch das eine verdrängt dabei das andere.

 

Pest, Cholera. Menschenmengen wie Schneemengen.

 

In diesem leisen Buch in fast Steidl-artiger Produktion mit leisen Bilder von u.a Ed Ruscha (sehr Steidl-like) versucht Kagge 33 Versuche über die Stille.

 

 

 

Und die gelingen ihm. Das Buch gelingt und ist im stillen Einklang mit der Aufmachung. Den Bildern, dem glatten, dicken Papier.

 

Und es ist subtil.

 

Der Umschlag weiß, nur Schrift. Wenn Sie den Einband heben ist sie weg.

 

 

 

……..Wer?

 

 

 

Sie.

 

 

 

 

 

 

 

Die Stille.

 

 

 

Erling Kagge: Stille – Ein Wegweiser, Insel Verlag

 

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Die Dynamik der betrunkenen Masse

Es waren nur knapp fünf Jahre vergangen, dass der Generalstaatsanwalt von Hessen,
Dr. Fritz Bauer, verstorben war. Der Mann, der mit der Initiierung der Ausschwitzprozesse in die Geschichte der Aufklärung der Nazi-Diktatur einging.

Wie sehr versuchte man alles, was noch die neue Zeit trüben könnte, unter den Teppich zu kehren. Angefangen mit Kanzleramtsminister Globke und einem ganzen Apparat alter Führungskader der Nazis. Die Menschen wollen einen Eigenheim und einen Kleinwagen, die Restauration habe die Revolution besiegt – wie so oft, lässt Lars Kraume den grandiosen Bauer-Darsteller Burghart Klaußner sagen.

Und es schlummert wie ein böser Fluch in der Gesellschaft. Zu einer Zeit Anfang der Siebziger saßen die noch im Publikum, die den rechten Arm nach oben geschwungen hatten; Leugnen zwecklos.

Und wie reflexartig die alten Verhaltensweisen hervorzurufen sind, sehen Sie in diesem kurzen Clip des Komödianten „Jonny Buchardt“ aus dem Jahre 1973. Das Alaaf gehört auf der Zunge eingefroren für die Enttarnung dessen, was angeblich überwunden und ausgemerzt.

Nichts ist vorbei, nichts vergessen.

 

Fuelled by Love: British Airways zeigt Menschlichkeit

Beitragsbild: Media Centre of British Airways – thank you!

…es mag kitschig wirken, aber es gibt diese Momente in der internationalen Zusammenarbeit und ich bin dankbar, solche auch schon erleben zu dürfen. Abschottung hilft niemanden, es ist die interkulturelle Kompetenz, die uns bei steigender Weltbevölkerung hilft, friedlich zusammenzuleben. Es lohnt sich. Für jeden.

Rezension: Ein Haus am Meer

Die Frage ist, was ist hier mehr Kunst: Die Texte oder die Ausstattung des Buches? Fangen wir mit der Ausstattung an: Die Verarbeitung hat schon Steidl-Charakter mit der groben Pappbroschur und dem eingelassenen Bild aus dem Nachlass Karl Bohrmanns. Den Gestaltern Hißmann, Heilmann aus Hamburg ist zu gratulieren für diese simple und dabei die Stimmung eines Hauses in Spanien perfekt aufzugreifen. Es erinnert an eine Hauswand mit davor reifenden Zitronen davor und eine je nach Tageslicht orange und gelb scheinende Sonne, nur bereichert durch einen leichten Luftzug.

Reinhild Böhnke hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Literaturnobelpreisträger von 2003, J. M. Coetzee, ins Deutsche zu übertragen. Wer sich mit Harry Rowohlts Werk befasst hat, weiß, dass Übersetzungen kein Kinderspiel sind, obwohl sich manche Übersetzer es daraus machen. Was man freilich merken kann.

In diesem schmalen Band sind drei kurze Geschichten vereint:

Ein Haus in Spanien aus 2000

Noteverloren von 2002

und

Er und sein Mann von 2003 (Rede zum Nobelpreis)

Alle drei haben wenig Handlung und keine turning point oder auch nur in irgend einer Art und Weise geartete „Action“. Und das macht es eben wieder so spannend, sich nicht in episch langen Episoden zu verlieren (wie so mancher Autor bei uns bekannten Wochenzeitungen), sondern einen Gedankenkomplex ohne viel Sahne und Schmand in einen dreidimensionalen Raum zu stellen und vorsichtig zu beleuchten, dabei Fragen und Antworten weitestgehend offen zu lassen.

So bearbeitet Coetzee in Ein Haus in Spanien die Frage nach der Liebe zu einem Haus, einem physischen Objekt, und fragt damit auch nach Heimat, nach Ankommen im gestiegenen Alter und final der Sinnfrage. Die Geschichte kommt aber wie ein seichter Sommerhauch und verschwindet ebenso wieder; dabei lässt sie aber die Gedanken an den Fragestellungen und verleitet zum Sinnieren.

In Nietverloren greift der Autor kritisch den Tourismus seiner Heimat Südafrika und die damit verbundene Scharade der Einwohner hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber Touristen auf und prangert an, beklagt und führt vor. Bleibt dennoch ruhig und doch wehleidig den sinnlose Riten gegenüber.

Das Buch ist sowohl handwerklich als auch inhaltlich schön und empfehlenswert. Ich habe es genossen, denn: Coetzee hat etwas zu sagen.

J.M. Coetzee, Ein Haus in Spanien, Drei Geschichten, erschienen bei S. Fischer

Ich danke dem Verlag, erhalte kein Honorar.

 

Dallmayr Tabacladen schließt, aber…

Das wunderbare Team von Marco Schum, der Pächter des Dallmayr Tabacladen, zieht um.

Grund ist, dass die Fläche renoviert wird und in Zukunft kein Platz mehr für Tabake sein wird. Daher hat Herr Schum nun in der Ledererstraße seinen neuen Laden in Schale geschmissen. 

Es ist nun unter der Marke „Casa del Habano“ zu finden, der neue Laden ist diametral zum alten Vintagestyle von Dallmayr: hell, anthrazitfarbener Stein, transparent von außen und ein begehbarer Glashumidor. 

Besuchen Sie ihn, gleich fußläufig vom Platzl Hotel oder seine neue Website.

Rezension: Meine Geschichte ohne dich

Ja, das ist lesenswert. Das Zusammenbrechen der zweiten Ehe, für viele die Bestätigung des kompletten Gescheitertseins im gesellschaftlichen Sein. Der spanische Autor Torné lässt seinen Protagonisten Revue passieren gegenüber seiner zweiten Ehefrau, an dem Punkt, an dem eh´ alles egal ist, wo man(n) endlich offen sein kann.

Es ist jene Offenheit, die vielen Paaren in ihrer Beziehungszeit schmerzlich fehlt. Sie reden nicht über Vergangenheit, ihre Herkunft, ihre Wünsche, ihre Macken. Sie reden nur über das Passen, passen müssen. Wege wirken unumkehrbar, Liebe gilt wiederromantisiert als unendlich und wird verklärt wie nie ausagiert. Der Trauschein ist der Beton für die Versiegelung des Glücks. Aus Individuen werden Teams der Religion und des gesellschaftlichen Seins. Dabei müssen sie sehr viel aushalten, oft viel zu viel. Wer sich fragt, warum manche Menschen ein Familiendrama anrichten, sollte nicht fragen, was an jenem Tag falsch lief, er sollte fragen, was über Jahre falsch lief.

Der Mensch ist von seiner Grundausstattung für ewige Beziehungen wenig gedacht; selbst solche, die die Gesellschaft verklärt, sind im Nachhinein brüchig und voller Verstöße. Helmut Schmidt offenbarte kurz vor Ende seines Lebens freimütig von einer langjährigen Affäre, Weggefährten sollten später in Reportagen aussagen, es seien Schmidts bekannte Bonner Nebelflüge gewesen: Immer wenn er zum Wochenende nach Hamburg flog und vorher noch seine Geliebte besuchte, wurde Ehefrau Loki in Hamburg mitgeteilt, in Bonn sei Nebel, der Kanzlerhubschrauber könne noch nicht starten.

Perfekt ist daher nur die Nicht-Ehe, nur die Partnerschaft, die in sich klar ist, nicht die perfekte zu werden, in dem sie sich so nennt. So dogmatisiert und der Außenwelt sich stigmatisiert. Die Außenleitung der meisten Pärchen ist verheerend, die Auswirkungen in der Krise umso größer: Nino de Angelo, eher sparsam erfolgreicher Schlagersänger ist so ein Beispiel. Die große, große propagierte Liebe und dann Einsätze der Polizei wegen angeblich häuslicher Gewalt. Das Pendel schlägt grausam aus, aus Extremen werden Extremisten ihrer Haltung.

Wer kann ihnen aber Vorwürfe machen? Liebe ist nicht definiert, Paar-sein ebenso wenig. Keiner lernt es, jeder macht es, es ist Teil des Lebenstriebs unter erschwerten Bedingungen der Vergleichbarkeit, der öffentlichen Hingabe. Dabei erodieren die Menschen nach innen und dem Gegenüber hin, die Verbindung wird brüchig, verlogen, oft grotesk in ihrer Schauspielerei. Doch lieber leise leiden, als laut scheitern. Das Stigma der Scheidung haftet wie Teer an einem, als wenn die Leute ob ihrer Entscheidung fehlerhaft seien; ganz im Gegenteil, denen gebührt Anerkennung, die aus dem Geflecht von Familie und Verpflichtungen ihrer selbst Willen ausbrechen. Das Stigma ist dennoch sicher, denn wie schön hätte es – für die anderen! – sein können.

Torné erinnert mich bei der Gegenüberstellung der auseinander treibenden Ehepartnern an Navid Kermanis Sozusagen Paris. Er nutzt den gegenseitigen Resonanzraum, um die Personen zu spiegeln in ihren tiefsten Bedürfnissen, die gleichzeitig die wichtigsten und dennoch unausgesprochensten sind.

Tornés Roman sollte Ansporn sein zu erleben, dass das sich-Öffnen ein unerlässlicher Bestandteil des Erfüllens der Möglichkeit zur Annäherung an das Glück ist. Nur wer sich reflektiert, reflektieren lässt, hat die Chance, nicht in den Strudel der Unfähigkeit der überhohen Anforderungen des Umfelds zu geraten, an denen eine gute Beziehung zerbrechen muss, eine schlechte sich aber bestätigt fühlt.

Menschen bleiben Individuen mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem Verhalten, ihren Abgründen und Hochebenen. Der Titel lässt es erahnen: Es geht immer weiter, ein Horizont auch nach dem Zweisein.

Beziehung ist alles. Aber nicht leicht. Nie klar. Nie einfach gewesen.

Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich erschienen bei DAV/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Kritik: KOHLHAAS-Solo mit Isaak Dentler

Dass nicht allen Menschen klar ist, welche enorme Leistung hinter einem Soloabend steht, ist klar, als ich in die verhärmten Gesichter neben mir blicke. Ein junges Paar, welches nur qua Ausweis als jung gilt, ist sichtbar konsterniert ob der akklamatorischen Gewalt des Publikums die Isaak Dentler nach knapp einer Stunde als Michael Kohlhaas entgegenschlägt.

Ganze fünf mal kehrt er auf die Bühne zurück.

Und zwar als Mensch, nicht mehr in seiner Rolle. Burghart Klaußner sagte hierzu in Alles Theater, dass der Text, die Rolle und das Dunkel des Zuschauerraumes viel mehr Schutzraum als Agora für Schauspieler sei. Dentler sieht man seine Freude, aber auch seine immense Scheu gegenüber dessen, was er in dem bunt durchmischten Publikum auslöst. Er hat es – wieder – geschafft; sie zu enthemmen, sie zu begeistern, quer durch alle Altersgruppen durch. Und das ohne Dialog, ohne faktisch das, was wir Handlung nennen. Nur mittels einem altertümlichen Monologs. Wortgewaltig, klar in der Aussprache, ohne Tonverstärkung und präzise im Tempo, zeigt er Kohlhaas Verwandlung vom Menschen zum Mörder.
Dentler beweist ungewollt immer wieder, dass Theater mit Anspruch und Publikumsnähe sich wahrlich nicht ausschließen, sondern gar bedingen. Man sieht ihn vor der Vorstellung gerne mal in der Kantine sitzen, bereits im Bühnenoutfit.
Er steht diesmal auf Anfangsposition und geht in sich, als Damen in der ersten Reihe sich nicht einigen können, wie man denn am besten sitzt. So weist er ihnen schlicht zu, sich doch, wenn schon, zusammenzusetzen. Die Damen nehmen es belustigt an und folgen dem Rat von der Bühne. Neben der Gewalt des Wortes, der Gewalt der Taten, ist auch die Bild- und Tonumsetzung ergreifend und doch nicht gewollt avantgardistisch.
Zuerst nur auf einer kargen Bühne mit Scheinwerfern im Rücken, mit Nieselregen von oben niedertröpfelnd monologisierend, wird der Knacks in Kohlhaas´ von Ungerechtigkeit drangsaliertem Leben durch das Übergießen mit Blut symbolisiert, der Eintritt der Taten mit Lichtblitzen. Extremem Licht.
Das Stück läuft seit 2015 und damit fünf Jahre weniger als sein Soloprogramm Werthers Leiden, in dem er mehr improvisieren kann und es dann auch wirklich kann. Ganz lässt es sich Dentler aber auch in diesem weniger zur Interaktion neigenden Text nicht nehmen, die Zuschauer mit einzubeziehen.
Er reicht seine blutverschmierte Hand gen Publikum der ersten Reihe. Keine Reaktion, er schwenkt sie weiter, eine Frau greift fest zu. Er aber auch. Und zieht sie auf die Bühne und offeriert befehlend und gleichzeitig charmant: Nehmen Sie Platz! – ebenso eine zweite Dame, um dann zu gellen: Sonst noch wer? Beide Damen bleiben längere Zeit auf den Brettern die die Welt bedeuten und erleben eine Perspektive, die es wahrlich nicht zu kaufen gibt. Inklusive Kunstblut.

Dennoch er auf die Ein-Personen-Stück abonniert zu sein scheint, verliert er nicht die Lust. Kürzlich gab er den 100. Werther. Alleine. Ich musste dabei kurz an Joachim Meyerhoff denken, der anrührend und entnervt von seinen Erlebnissen als junger Werther-Darsteller in seinem Buch Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erzählt. Von Technikern, die ihren Einsatz für den Schuss- und damit Schlusston verpassen und es keiner im meist von Schülern besetzten Publikum merkt. Im hiesigen Publikum wissen aber sowohl das Technikteam als auch der Solodarsteller um ihre Einsätze.
Neben der optischen Inszenierung, Dentlers dramaturgischer Hingabe, sorgt der Stoff auch für Gespräche danach. So raunen sich Studenten mit Nickelbrille zu, dass sie das mit dem Luther nun nicht präsent hatten, ergo, sogar noch was gelernt fürs Studententicket.

Es herrscht Glück und ein befriedigtes Gefühl durch alle Reihen, einem Geheimtipp gefolgt zu sein, dessen Besuch sich lohnt. Als ich vor die Kammerspiele trete ist es frühlingshaft, ein Taxifahrer mit Baskenmütze fährt vor. Kultur und Stil überall. Herrlich.

Isaak Dentler im Schauspiel Frankfurt in: KOHLHAAS

PS: Auch das Frankfurter Schauspiel bietet Dentler und seine Stücke für Schulen an; wir hoffen, mit etwas mehr Glück bei den Publika.

Rezension: Nichts fehlt, außer dir

Dieses Hörbuch hat mich gereizt, da ich Briefwechsel mag. Hier handelt es sich um die (Liebes-)Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Claire und Yvan Goll. Das Dichterpaar war exaltiert und konnte nicht mit und nicht ohne sich.

Aber: Die Texte sind mir zu schwülstig, die Wirkung zu gewollt und zu, hm, dann doch zu inhaltsleer und nur um die Zweisamkeit kreisend.

Die Verarbeitung des Materials ist wunderschön, das Schwarz mit der goldenen und weißen Schrift in der Comedian-Harmonists-Optik passt wunderbar, die Sprecher Sandra Quadflieg und Ulrich Tukur in ihrer Optik sind ebenfalls eine Bereicherung.

Ich breche die Lanze für das Produkt, da es sicher seine Hörer/innen findet, und in der Verarbeitung keine Wünsche offen lässt. Aber es ist eben nicht meines. Vielleicht aber ist genau das sein Distinktionsmerkmal?

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Nichts fehlt – außer dir ist erschienen als Hörbuch bei Random House Audio

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Zu Besuch bei Roger Willemsen

…sein leerer Stuhl wird zu einer Bank der Begegnung.

Ich habe länger überlegt und mich entschieden, doch ein Bild vom Grabe Roger Willemsens mit ein paar Zeilen von mir hier zu posten. Nicht weil auf Wikipedia auch ein aktuelles Foto zu sehen ist, sondern weil sein Grab ein Ort der Begegnung und der kultivierten Sitzruhe ist. Zum seinem ersten Todestag hat der Afghanische Frauenverein, dessen Schirmherr Willemsen mit brennender Energie war, eine Sitzbank installiert.

Da ich nicht wusste, was auf der Bank in Dari steht, habe ich Willemsens Vertraute und Freundin, Nadia Nashir, Vorsitzende eben dieses Vereins, angeschrieben. Die Email an sie folgt hier gleich meinen Zeilen nebst der Übersetzung der Bankinschrift.

Sehr geehrte Frau Nashir,

am 08.02. dieses Jahres war ich, durch glückliche Umstände dienstehalber, in Hamburg und habe das Grab von Roger Willemsen besucht, nachdem ich letztes Jahr auch am öffentlichen Teil der Trauerfeier teilnahm. Herr Willemsen war für mich ein elementarer Vertreter und Mutgeber aufgeklärter Denkkultur. 

Obwohl ich ihn nicht persönlich kannte, empfinde ich eine tiefe Zuneigung zum Wesen seiner Arbeit, seines öffentlichen Seins. Ich schreibe dies bewusst so, da alles Nähere seinem direkten Umfeld gehörte und gehört.

Seine Erkrankung und sein für mich plötzlicher Tod haben mich sehr erschüttert – bis heute. Ich habe dieses und auch die Trauerfeier auf meinem Blog in einer langen Hommage verarbeitet (lesen Sie gerne „Wir verdichten für Sie weiter“ hier).

Vorausgeschickt sei, dass ich wenig geographischen Orientierungssinn habe und Zeitmanagement vor 11 Uhr – egal in welcher Zeitzone – nicht zu meinen Stärken gehört. 

Also eilte ich am Morgen des 08.02. mit Rucksack und einem Reisekoffer nach Ohlsdorf, um ihm meine Ehre zu seinem ersten Todestag zu erweisen. Unter Zeitdruck der nahenden Abfahrt meines nach Frankfurt fahrenden ICEs, irrte ich nun mit dem Gepäck über den Friedhof, um dabei erst festzustellen, dass die verwunderten Blicke mir galten, der sich hetzend durch die langen Straßen den Weg bahnte. Und plötzlich, noch gar nicht vorbereitet, stand ich da. Da, bei ihm. Es hat mich sehr ergriffen und doch auch gefreut: Die Bank. Wie sie da frisch platziert steht und so seiner Lebenskultur eine irdische Verlängerung bietet. Ich habe mich wider allen Hetzens hingesetzt und geschwiegen. 

Gerne würde ich über diesen Besuch auf meinem Blog berichten und daher meine Frage an Sie, was denn die Inschrift auf der Bank besagt, denn ich habe keine Übersetzung in arabische Schriftzeichen gefunden.

Liebe Frau Nashir, ich darf Ihnen mein Beileid ausdrücken und Ihnen für Ihre Arbeit weiter viel Kraft und Erfolg wünschen.

Herzliche Grüße

Jan C. Behmann

Ihre (sehr liebevolle) Antwort (auch) hinsichtlich der Inschrift:

Ich möchte Menschen glücklicher zurücklassen als ich Sie
vorgefunden habe. Roger Willemsen

Nadia Nashir hielt auf der Trauerfeier eine bewegende Rede von ihren Erlebnissen mit Roger; der Klassiker ist der, als sie bei einem Talibanführer waren, um für das Buch „Hier spricht Guantanamo“ einen Ex-Häftling zu interviewen. Sie war es, die Roger anhielt, schnell den Ort zu verlassen, als sie hörte, die Taliban beratschlagten sich, ob es wirklich so eine gute Idee war, dem deutschen Journalisten Auskunft gegeben zu haben.

Lesen Sie hier die Trauerrede von Nadia Nashir
Hier geht es zur Website des afghanischen Frauenvereins

Termine für Gedenklesungen

Das Beitragsbild ist am 08.02.2017 um 10:25 Uhr entstanden.

Roger Willemsen: Einjahr.

Gestern vor einem Jahr lebte er noch. Er der mit den Worten nur so jonglierte und sie dennoch nie zu Hülsen werden ließ. Eine „aggressive Krebserkrankung“ raffte ihn dahin wie einst seinen Vater als er, Willemsen, erst 15. Ein knappes halbes Jahr nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit, starb der Autor, Publizist, Fernsehmacher und grandioser Interviewer in seinem Haus in Wentdorf bei Hamburg.

Heute vor einem Jahr war er für die Öffentlichkeit noch am Leben. Morgen Nachmittag vor einem Jahr lief über die Ticker „Roger Willemsen tot“.

„Jörg, hier ist Frohsinn!“, schrieb er seinem Verleger Jörg Bong (Chef S. Fischer) aus seiner ersten Reaktion auf die infauste Diagnose – Willemsen war nach Oslo gefahren, ein letztes Mal am Fjord sitzen. Auch hier hielt er seinen früheren Aussagen Treue.

Aus Anlass seines Todestages, werde ich morgen sein Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof besuchen.

Woran erkenne ich Unsinn?

Schauen Sie erst dieses Video (kurz) auf Youtube, und lesen dann meinen Text.

Es ist leider eine Begleiterscheinung der sozialen, der barrierefreien Medien: Jeder kann ohne jeden Filter etwas posten, meinen und damit auch entsprechend Sorge verbreiten. Seit man Krankheiten googlen kann, ist es für die Kränkelnden nicht immer leichter geworden, oft schwerer. Und so ist es auch bei Vorgängen von denen jemand keine Ahnung hat, z.B. bei der Landung eines Flugzeugs. Keine Instanz kann die Person hindern, Sorge zu verbreiten – gewollt wie ungewollt. Das was Sie in dem Youtube-Video sehen, ist eine landende Airbus A380 der Lufthansa auf den Flughafen Frankfurt im very short final approach, die ein sog. „swing-over“ von der linken Bahn (25L) auf die mittlere Bahn (25C; früher 25R) macht. Dies ist ein sehr beliebtes Manöver bei Piloten, da man einfach mal händisch etwas fliegen kann. Vorgegeben wird dieses Manöver vom Tower, z.B. weil ein anderes Flugzeug wider Erwarten die Runway blockiert. Damit ein teures Durchstarten (sog. „go around“) vermieden werden kann, kann der Pilot gefragt werden, ob er ein swing over macht.

Mehr sehen Sie nicht – doch wenn Sie ahnungslos sind und sich Sorgen um Fliegen machen, haben Sie gleich ein ungutes Gefühl.

Haben Sie das nicht. Und stellen einfach alles in Netzwerken infrage.

Rezension: Richtig leben

Nein, dieses Buch machte mir keinen Spaß. Die Taschenbuchausgabe ist billig produziert – klar, dass Buch hält die Seiten zusammen, aber Papier und Umschlag, bei dem man immer denkt, er sei dreckig, überzeugen nicht. Wie Verlegerpapst Steidl aus Göttingen schon 2010 sagte: Sowas muss nicht mehr auf Papier gedruckt sein. Aber auch der Inhalt geht mir nach wenigen Seiten auf den Nerv. Jürgen Domian führt anhand seiner über 20.000 geführten Gespräche auf 1live und im TV im WDR durch seine Gedanken und Meinung zu verschiedenen Themen seiner Anrufer. Doch schon beim ersten Beispiel nervt mich sowohl sein Text als auch die in fett gehaltene „Gegenstimme“ seiner selbst. Eine Frau meldet sich mit 48 Jahren aus einem Hospiz und berichtet, sie habe immer nur gearbeitet, nie an andere gedacht, ihre Mutter sei allein gestorben als sie auf Geschäftstermin war und nun sei sie unheilbar krank und habe das Gefühl, immer nur an sich gedacht zu haben. Domian sieht das auch so, aber es gibt natürlich keinen finalen Schlagabtausch, sondern tröstende Wort. Dennoch führt er nun im Buch aus, diese Frau sei egoistisch gewesen. Das ist natürlich völlig eindimensional und auf einer so schmalen Grundlage des Wissens um die Umstände gesprochen und daher riskant! Das ist eine Meinungshaltung vom Stammtisch, derer Beurteilung Domain selber nicht standhalten würde. Ist ein Mensch, der nur arbeitet und nie etwas für sein ureigenes Leben (Selbstverwirklichung, Partner, etc.) nichts tut, sondern nur den monetären Aspekt und seine Leistung im Fokus hat, egoistisch? Ich sage: nein. Ganz im Gegenteil, es ist absolute Fremdbestimmtheit, es müsste viel genauer analysiert werden, wie es zu dieser Lebenshaltung kam – oft ist es Erziehung, Erfahrung von Ohnmacht; sprich: multifaktorielle Ursachen der Entstehung. Das lässt sich in keinem Telefongespräch so kurz eruieren, daher ist es wichtig, dann nicht in einem Text die Moralkeule rauszuholen. Die Frau war allem Anschein nach eben nicht egoistisch, zumindest nicht im gesunden Sinne zu sich selbst. Und diese „Mutter-starb-alleine“-Causa: Da schreit die Menge natürlich: Wie kann man nur! Wie unmenschlich! Auch dieses eher die Ansicht der ganz einfältigen Zeitgenossen. Es ist doch überhaupt nicht analysierbar und daher nicht klar zu urteilen, wie das Verhältnis von Mutter-Tochter wirklich war. Vielleicht sorgte die Beziehung dafür, dass die Tochter sich in die Arbeit flüchtete, um ihre Gefühle zu unterdrücken und sich nicht der Beziehungsaufarbeitung stellen zu müssen? Eine ebenso berechtigte These wie die von Domian, doch etwas differenzierter. Bei Eltern oder Verwandten neigen Menschen dazu, bei irgendeiner Abweichung des geeichten Sippenverhaltens, die Abweichler in lynchandrohende Sippenhaft nehmen zu wollen. „Ohne deine Eltern wär der Mensch nicht da“, ist da gerne eine Aussage in Diskussionen. Doch das ist doch Unfug. Denn nach dem „da sein“ kommt die Erziehung auf Grundlage der Beziehung. Wenn diese auf einer malignen Art läuft, ist es durchaus vorstellbar, dass Menschen nicht gefühlig nach Hause pilgern, um sich um die Eltern zu kümmern.

Sie sehen, liebe Leser, alles nicht so einfach. Ich kann zu diesem Buch nicht raten. Ich verzichte daher auch auf Abbildungen.

Jürgen Domian: Richtig leben ist bei Pinguin/ Random House erschienen

 

Offline-Zeiten wegen technischer Probleme

Liebe Leserinnen und Leser,

aufgrund von technischen Umstellungen kam es wiederholt an diesem Wochenende zu Offline-Zeiten.

Ich werde versuchen, dass der Blog in Zukunft direkt auf der Domain „behmannsblog.de“ läuft, dies ist aber technisch anspruchsvoller als gedacht. Daher kam es auch zu den Ausfallzeiten.

Also in den nächsten Wochen nicht wundern, wenn es kurzfristig zu Ausfällen kommt, diese ist nur umstellungsbedingt.

 

Klaus Lage sang in den Achtzigern: Und es hat zoom gemacht…
Beitragsbild: FAZ vom 30.12.2016

Kobberger zieht um

Meine inhabergeführte Stammparfümerie Kobberger (nebst Inhaber Herrn Kobberger in gedeckten Sakkobrauntönen festerer Textur)m und Lesebrille) ziehen zum 01.02. von der Hauptwache in das Thurn-und-Taxis-Palais Nr.1 (neben der Hauptwache).

Wer keinen Bock auf Douglas und dessen Personal hat, darf gerne hierhin gehen. Oder in die zweite Filiale auf der Textor.

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