Komplettes Interview mit Michael Meisheit – Drehbuchautor Lindenstraße

Das Interview wurde in Auszügen (Themenblock Selfpublishing) in der Wochenzeitung Der Freitag vom 08. Juni 2017 (siehe hier) veröffentlicht. Ich danke dem Freitag für die Erlaubnis, das Interview nun in Gänze veröffentlichen zu dürfen.

Groß ist er! Michael Meisheit beweist Weitblick. Er schreibt seit zwanzig Jahren als Drehbuchautor für die Lindenstraße und hat das Selfpublishing frühzeitig entdeckt. Wir treffen uns nachmittags im Café Atlantic, mitten in Berlin-Kreuzberg, in der Nähe seiner Wohnung. Sonnig und doch windig kalt gibt sich Berlin Anfang April. Mit leichtem Schnupfen (lass uns lieber drinnen sitzen) und einem heißen Ingwer-Tee geht es eine Stunde um die Autorenschaft an der Grenze zum Groschenroman, das Phänomen Lindenstraße und seinen außerordentlichen Erfolg als Selfpublisher – insbesondere unter dem Pseudonym Vanessa Mansini. Doch auch wer mehr als 100.000 Bücher verkauft hat, wird von irdischen Pflichten eingeholt: Am Ende muss Meisheit dringend weiter – in väterlicher Mission.

Jan C. Behmann: Sentimentality cheapens life, sagte Siri Hustvedt, die Frau von Paul Auster. Wenn man dieser These folgt: Wie billig ist folglich dein schriftstellerisches Leben?

Michael Meisheit: Was ist sentimental? Das müsste man erstmal definieren. Sentimentalität hat für mich immer etwas mit Rückschau zu tun. Dass man Vergangenes heraufbeschwört oder vermisst. Ich würde eher sagen, was mir wichtig ist, ist Emotionalität. Das ist der Kern, sowohl bei meinen Romanen als auch in der Lindenstraße, was man hoffentlich immer wieder merkt. Ich will Emotionen beim Leser und Zuschauer auslösen. Wenn man das sentimental nennt – von mir aus.

JCB: Warum sind Liebesromane in der allgemeinen Bewertung weniger angesehen als ein Entwicklungsroman mit gesellschaftlicher Tiefe?

MM: Das frage ich mich auch. Es handelt sich hier um eine künstliche Trennung, denn man kann das eine machen, ohne das andere sein zu lassen. Liebe und Beziehungen sind zentrale menschliche Themen. Da kann man sehr kitschig und simpel darüber schreiben, aber man kann es auch komplexer darstellen. Ich würde da überhaupt keine Grenze ziehen. Das ist halt was sehr deutsches, diese sehr starke Ernst & Unterhaltung-Unterscheidung, mit der ich nie so richtig was anfangen konnte. Ich erzähle gerne Geschichten und das fällt mir einigermaßen leicht und ist trotzdem ein sehr komplexer Vorgang, der mir zudem Spaß macht. Ich habe keine Ambitionen in irgendeine Richtung, will keinen Literaturnobelpreis gewinnen oder eine Kritik im Feuilleton von mir lesen. Ich will viele Leser erreichen und möchte, dass diese Emotionen erleben.

JCB: Würdest du dich dahingehend als uneitel charakterisieren?

MM: (überlegt) Ich freue mich natürlich über gute Bewertungen, aber ich habe lange Zeit Lindenstraße gemacht und da muss man auf jeden Fall ein bisschen uneitel sein…

JCB: Sonst kommt man unter die Bewertungsräder?

MM: Ja. Seit es Social Media gibt, ist es noch schlimmer. Ich lese nicht immer alles. Es gibt natürlich über die Lindenstraße viel Feedback. Jeder hat eine Meinung, viele finden sie gut, andere furchtbar.

JCB: Wie viele gucken davon?

MM: Wir haben ein sehr heterogenes Publikum, wobei es kaum eine Geschichte gibt, für die es nicht Fans und auch Hasser gibt. Wenn man hierbei wirklich eitel wäre und alles persönlich nähme, kannst du den Job nicht machen. Besonders gilt das für den Drehbuchautor, denn du trittst immer dann in Erscheinung, wenn irgendwas schlecht läuft. Wenn alles gut läuft, sind es tolle Schauspieler und eine gute Regie, aber wenn es andersrum läuft, dann liegt es an der Geschichte und an den Drehbuchautoren. Damit muss man leben.

Der Drehbuchautor tritt immer dann in Erscheinung, wenn irgendwas schlecht läuft.

JCB: Warum lieben wir so das Verurteilen?

MM: (denkt nach) Wahrscheinlich eine menschliche Regung? Vielleicht sind es eher eigene Probleme. Mein Sohn erzählt mir letztens, dass die jüngeren von älteren Schülern leicht gemobbt würden, und ich sagte ihm, dass die älteren das Problem mit sich selber hätten und schwach seien. Das hat er verstanden, auch wenn er erst sieben ist. So ist es eben auch mit manch schlechter Kritik, bei der du das Gefühl hast, die wollen dir gar nicht helfen.

MM: Dann haben aber viele Menschen Probleme, denn Reich-Ranickis gesammelte Verrisse gingen viel besser als seine gesammelten Lobreden?

MM: Das kann sein, aber es gibt auch eine Art von Kritik, die dir weiterhelfen möchte, und das wiederum finde ich gut. Manchmal kann sie es zwar nicht, aber der Versuch zählt. Du merkst es an den Texten, ob die Menschen nur draufhauen oder konstruktive Äußerungen überbringen wollen.

JCB: Hat dir so eine von negativen Gefühlen geleitete Kritik schon mal geschadet?

MM: Ganz am Anfang meiner Arbeit bei der Lindenstraße gab es vereinzelte negative Kritiken in den damaligen Internetforen, die ich mir mehr zu Herzen nahm. Ich musste erst lernen, damit umzugehen, und manchmal gab es auch etwas in der Zeitung. Es ist aber eher selten, dass Drehbücher in der Zeitung thematisiert werden. Anfangs, mit Mitte 20, hatte mich das zeitweise verunsichert beim Schreiben. Inzwischen versuche ich etwas daraus zu ziehen, wenn Kritik vorliegt. Heute ist es so, dass bei vielen Themen in der Lindenstraße klar ist, dass die Leute sich die Köpfe heiß diskutieren. Aber genau das wollen wir schlussendlich mit den Geschichten auch erreichen. Wir nehmen das Entstehen von Diskussionen über von uns erzählten gesellschaftliche Themen nicht nur in Kauf, sondern teilweise provozieren wir es.

JCB: Was schreiben dir Menschen? Hast du Fanpost?

MM: Mehr als Romanautor als als Drehbuchautor. Über Social Media habe ich ein paar Fans, die sich freuen, wenn meine Folgen der Lindenstraße kommen, da ich final bei allen Folgen doch dahinterstehe (Anm.: Die Handlungsstränge/Plots werden durch das gesamte Autorenteam festgelegt).

Das Handy vibriert. Der Nachbarjunge simst, ob Michaels Sohn zuhause sei.

Als Romanautor, vielleicht ist das doch ein wenig eitel, habe ich mir einen Zettel von Buchkritiken als Collage hingehangen z.B. Hören Sie bitte nie auf zu schreiben!, also ganz super positive Sachen. Es ist kurios, wenn du Romanautor bist, hast du wirklich Fans, Leute, die dich wahrnehmen…

JCB: …und nicht das System Lindenstraße?

MM: Ja, genau. Nachdem ich einen Roman geschrieben hatte, wollten alle signierte Exemplare.

JCB: Hast du Autogrammkarten? Und was machst du damit?

MM: Es stand mal auf unserer Lindenstraße-Internetseite, und da gibt es auch die Sammler. Ich war einmal auf der Langen Nacht der Lindenstraße in Bieberach und saß da mit vier, fünf Schauspielern und wir gaben Autogramme. Mich hatten sie extra in die Mitte gesetzt, damit klar war, dass ich dazugehöre. Es gab viele, die fragten, wer ich sei, aber auch Menschen, die einfach an mir vorbeigingen.

JCB: Harry Rowohlt nannte Autogrammkartensammler in seinen Briefen die niedrigste Form menschlichen Lebens

MM: …aber er hatte selber auch Autogrammkarten.

JCB: Ja.

MM: Was ich erlebt habe, war, dass Leute, die um Autogramme bitten, dir sehr genaue Anweisungen geben, aber gar keine Widmung wollen. Später findest du die Karten auf Ebay. Ich bin mir nicht einig, was ich kurioser finde: dass die das bei Ebay einstellen oder dass es Menschen gibt, die die wirklich kaufen.

JCB: Jemand schrieb letztens, seine Texte an einen Verlag zu schicken ist sinnloser als Lotto zu spielen. Kess gesagt: wenn du einen Liebesroman an HANSER oder Suhrkamp schicken würdest, wäre wahrscheinlich das Absageschreiben sehr allgemein gehalten. Wie siehst du die Chance, in einem Verlag unterzukommen?

MM: Im Moment recht gut, ich bekomme auch Anfragen. Aber ich wollte das damals gar nicht, denn die Entscheidung zu Selfpublishing war ganz bewusst. Es hat sich dort rumgesprochen, dass Selpublisher sehr erfolgreich und professionell sein können und man mit denen was machen kann. Viele von meinen Kollegen betreiben beides, viele auch schon wieder nicht mehr, weil die Verlage zu anstrengend sind. Es passiert eine Art Paradigmenwechsel, insbesondere im Unterhaltungsgenre. Bevor Suhrkamp Selfpublisher aufnimmt, wird es wohl noch ein wenig dauern. Im Selfpublishing tummelt sich natürlich viel Krimi, Liebesroman, Science-Fiction und Fantasy. Das kann sich inzwischen wirklich sehen lassen, wir haben hierzu auch immer wieder einen Stand auf den Buchmessen. Mit den zwanzig Autoren kommen wir auf über zehn Millionen verkaufte Bücher – und das ist dann schon eine Hausnummer.

Mit den zwanzig Autoren kommen wir auf über zehn Millionen verkaufte Bücher – und das ist dann schon eine Hausnummer.

JCB: Ich saß gestern mit einem Kulturredakteur zusammen und er wusste bei deinem Namen sofort die verkaufte Zahl deines Debütromans in der Mansini-Reihe von damals über 30.000 Stück.

MM: Ja, insgesamt habe ich bisher über 100.000 Bücher verkauft und bin damit schon ganz gut unterwegs, auch wenn es „nur“ E-Books sind, wofür aber doch jeder Leser bezahlt hat.

JCB: Wie konvergent ist die Verlagsszene mit der Leserszene?

MM: Offensichtlich gibt es da Unterschiede. Verlage wissen auch nicht genau, was der Leser will, sonst hätte jemand schon längst die Lizenz zum Gelddrucken. Es ist auch nicht so viel anders, was Selfpublisher machen, doch du hast schon die Möglichkeit, etwas auszuprobieren. Ich mache zum Beispiel immer einen Genremix, z.B. mit Außerirdischen oder Thrillerelementen. Verlage könnten vielleicht damit nichts anfangen, sie würden fragen, in welches Regal das nun gehöre – frage ich mich aber auch manchmal.

Verlage wissen auch nicht genau, was der Leser will, sonst hätte jemand schon längst die Lizenz zum Gelddrucken.

JCB: Braucht man eine Kategorie?

MM: Ja, zum Finden schon, wenn du Geld verdienen willst. Ich gehe da von mir aus: Ich will damit Geld verdienen, will viele Leser erreichen. Natürlich kannst du auch selbst veröffentlichen und für eine Nische schreiben. Deine Bücher lesen dann vielleicht 400 Menschen, aber das ist nicht meine Ambition. Um mehr als eine Nische zu erreichen, musst du Marketing betreiben, brauchst Bühnen. Was beim Selfpublishen wegfällt, ist das Nadelöhr der Buchhandelsvertreter, die eine entscheidende Rolle spielen. Ähnlich Staubsaugervertretern entscheiden diese, welche Bücher erfolgreich werden können. Das Buch, wenn es nicht zur absoluten Elite gehört, muss auf den Vertreterkonferenzen gut ankommen. Verlage haben auch ihre Probleme, Leser zu finden. Einige Selfpublisher sind sehr erfolgreich, aber es gibt halt sehr viele, und dabei ist viel trial and error. Also mehr error (lacht). Ein paar haben sich dennoch gut etabliert und können mit den Verlagen mithalten.

JCB: Sigrid Löffler sagte einst sinngemäß, dass Leserrezensionen zwar schön seien, aber eben denen von professionellen Rezensenten nicht gleichgestellt werden könnten. Gibt es eine Emanzipation der Leserschaft und Autoren?

MM: Die Literaturkritik ist sicher noch ein in sich kreisender Verein. Ich würde sagen, dass es demokratischer wird; für Autoren aber auch für Leser. Hat es nicht sogar Jeff Bezos gesagt, für den Buchprozess brauche man zwei Leute: ein Autoren und einen Leser. Alles andere dazwischen ist austauschbar und nicht wichtig für den Prozess.

JCB: Siegfried Unseld dreht sich im Grab um!

MM: Ja, ja, aber wenn du es mal ganz reduzierst, stimmt es. Klar, Autor und Leser brauchen Hilfe, zueinander zu finden, aber was genau das ist: Wer oder was die Vermittlung übernimmt, ist verhandelbar.

JCB: Beim Lesen verschiedener Briefwechsel von Verleger Unseld mit seinen Autoren war ich verwundert, wie wenig vom Ladenpreis die abbekamen als Tantiemen und damit dennoch zu damaliger Zeit überaus wohlhabend wurden. Ist das jetzt die Rückeroberung des größeren Kuchenteils?

MM: Ja, deshalb ist Selfpublishing auch so erfolgreich. Die Verlage halten an den Preisen für E-Books fest, die ungefähr in der Höhe der gedruckten Taschenbuchausgaben liegen, obwohl das produktionstechnisch überhaupt nicht notwendig wäre. Ich bin froh, dass sie das tun, denn ich kann sie für drei bis fünf Euro weniger anbieten und habe mit meinen 70% die ich von Amazon bekomme, immer noch deutlich mehr als ein Verlagsautor mit seinen 5-10%.

Ich bin froh, dass die Verlage an den hohen E-Book-Preisen festhalten.

JCB: Selpublishern haftet der Ruf an, ihr Werk nicht an Verlage angebordet bekommen zu haben. Selbst bei Literaturbloggern las ich, sie wollten nur verlegte Manuskripte.

MM: Kommt drauf an, wie man seinen Blog gestaltet, was man gerne liest, aber es könnte sich für manche Leute mit der Zeit als Fehler erweisen. Es gibt mit Sicherheit jede Menge Schrott, da jeder alles hochladen kann. Aber da gibt es inzwischen ein System, was sich ein Stück weit selbst reinigt. Nichtsdestotrotz sind Publikationen erfolgreich, die ich für schwierig erachte. Das gibt es aber bei manchen Verlagspublikationen auch. Warum ist das eine ein Renner, das andere nicht. Ich will jetzt nicht Shades of Grey sagen, das ist im Grund ganz solide geschrieben, aber warum das so ein Renner ist, weiß ich nun auch nicht. Seit vier, fünf Jahren gibt es im Selfpublishing eine Professionalisierung der Publikationen, die locker mit Verlagspublikationen mithalten können. Die große literarische Perle wirst du selten finden, aber das ist auch schwierig. Zum Selfpublishen gehört halt auch eine Menge Self. Ich glaube, wenn du da ganz neue Wege gehst und ein, zwei Jahre daran sitzt, ist es sicher wichtig, dass du jemanden hast, der den anderen Kram übernimmt. Bei manchen Autorenpersönlichkeiten weiß ich, wenn ich die kennenlerne: Vergiss das mit dem Selfpublishen, du brauchst einen Verlag oder Dienstleister.

JCB: War der Reiz nicht da, es zumindest bei Verlagen zu versuchen als du am Anfang standest, um quasi grünes Licht zu bekommen, zu publizieren?

MM: Nö, bei mir ist ja anders entstanden. Das erste, was ich veröffentlicht habe, war Soap unter meinem richtigen Namen, das hatte ich schon zehn Jahre zuvor geschrieben, damals gab es noch kein Selfpublishing. Ich habe es versucht, an Verlage zu schicken. Zwei Verlage haben es gelesen und freundlich abgelehnt, und dann hatte ich eine Agentin, die sich dafür interessiert hat, aber meinte, dieses Fernsehthema läuft nicht. Und das sind dann immer diese pauschalen Aussagen, die man aus der Verlagswelt bekommt, etwas laufe nicht – mal dahingestellt, ob die stimmen oder nicht. Das war mir damals alles zu mühselig und ich legte das Manuskript in die Schublade. Acht Jahre später kam das Selfpublishing auf und ich dachte mir: Das ist genau dein Ding!, da schlummert doch noch was in meiner Schublade. Wenn du Drehbuchautor insbesondere bei einer Serie bist, hast du wahnsinnig viele Leute, die mitreden, bist wahnsinnig abhängig von anderen. Auch wenn ich gerne im Team arbeite und dort Inhalte sich verbessern können, ist es nie ganz deins. Du musst immer Kompromisse eingehen. Daher fand ich es super, selber veröffentlichen zu können. Ich bin dabei gar nicht auf die Idee gekommen, zu einem Verlag zu gehen, wo ich dasselbe in Grün habe, und warten muss, wem es gefällt, was der Lektor dazu sagt, usw. Das war gar nicht reizvoll. Aber wenn ein super Angebot eines Verlags käme, würde ich nicht schreiend davonlaufen.

JCB: Warum die Verquickung mit Science-Fiction und ähnlichen Stoffen – läuft es so gut, weil die Leser aus der realen Welt flüchten wollen?

MM: Weiß ich nicht. Da gehe ich wirklich danach, was mich interessiert zu erzählen. Bei mir bzw. der Marke Vanessa Mansini hat sich mehr und mehr gezeigt, dass es eben genau der Mix ist. Ich schreibe sehr alltagsbezogen, meine Figuren leben auch hier (Anm. gemeint: Berlin-Kreuzberg), beschreibe die Orte sehr nah, die Kinder sind immer genau so alt wie meine Kinder, weil ich vieles aus meinem persönlichen Leben ziehe. Die Berufe der Figuren kenne ich meistens und weiß um die alltäglichen Umstände, so wie ich es aus der Lindenstraße auch gelernt habe und es wirklich Spaß macht. Die recht authentischen Figuren will ich dann mit etwas konfrontieren, was bigger than life ist.

JCB: Ist Life nicht big enough?

MM: Nö, mir macht es halt Spaß, das Klassische: was wäre wenn?. Das zu erzählen und sich möglichst ungewöhnliche Situationen auszudenken und durchzuspielen.

JCB: Also freies Durchklinieren bzw. -assoziieren?

MM: Ja, es ist eine Herausforderung, aber mir macht es wirklich Spaß und ich glaube bzw. ich weiß, dass es auch vielen Lesern Spaß macht, und es ist natürlich auch ein gutes Verkaufsargument. Wenn du mit drei Sätzen sagen kannst, was das Besondere an dem Buch ist, hast du da schon mal einen Vorteil.

JCB: Michael, du hast seit 2013 eine gespaltene Persönlichkeit. Wer putzt wem die Zähne?

MM: (lacht)

JCB: Ihr schreibt euch Briefe, habe ich gesehen…

MM: Ja, das haben wir schon gemacht, aber ich kriege das schon noch ganz gut unter ein Dach. Ich mache das öffentlich und es war von Anfang an klar, und im ersten Moment nur eine Marketingsache, dass da ein anderer Name draufsteht. Wenn du im Selfpublishing verkaufst, verkaufst du über diese kleinen Icons auf der Amazon-Seite – das ist das Entscheidende, alles andere kannst du vergessen.

Die Icons auf der Website sind das Entscheidende.

Es sind drei Elemente, die zählen: das Cover, der Titel, der Autorenname. Wenn das jemand sieht, muss er eine Vorstellung haben, es muss ihn reizen, dass er klickt.

JCB: Verkauft man einen weiblichen Traum?

MM: Was heißt weiblicher Traum? Der Name lässt es einordnen, denn auch meine ganzen Kolleginnen und Kollegen, die Liebesromane schreiben, nutzen zu zwei Dritteln nicht ihren eigenen Namen. Es sind alles wohlklingende Namen und damit hast du eine gewisse Einordnung. Ich vermute schon, dass den Lesern klar ist, dass jemand nicht Vanessa Mansini heißt. Vielleicht wissen es auch viele nicht. Es hat sich zumindest noch nie jemand beschwert.

JCB: Schreiben dir Leute an deine Postadresse an dein Pseudonym?

MM: Nein, aber ich habe eine Facebook-Seite als Vanessa Mansini, auf der es nicht sofort erkenntlich ist. Dort muss man ein wenig lesen, um das zu erkennen. Da hatte ich letztens eine Bloggerin, mit der ich zwecks einer Buchverlosung schrieb, und ich habe ihr immer wieder Nachrichten mit meinem echten Namen in der Grußformel geschickt. Irgendwann musste ich ihr eine Email mit einer Datei schicken, da war sie dann ganz irritiert, wer denn Michael Meisheit sei.

JCB: Das spricht dann aber eher gegen die Bloggerin als gegen dich…

MM: (lacht) Da dachte ich dann auch: Die hat es noch gar nicht so mitbekommen.

JCB: War schon mal jemand enttäuscht?

MM: Ja, das hatte ich jetzt gerade. Am Anfang dachte ich, es würde öfter passieren, dem war nicht so, und es steht hinten in den Büchern auch drin. Manche sagen, ich hätte es nicht gekauft, wenn ich um den männlichen Autor gewusst hätte, bin aber nun froh, es gelesen zu haben. Es gibt auch Leser, die sagen, man merkt beim Lesen, dass der Autor ein Mann sei. Vor ein paar Monaten schrieb mir ein sechzigjähriger Studienrat ganz empört, dass er Im Falschen Film gerade lese und ganz begeistert war, dann habe er recherchiert, wer diese Vanessa Mansini sei und fand heraus, dass es ein Mann ist und nun nehme er diesen Romanen nichts mehr ab – es sei ja nicht authentisch.

JCB: Hat er sich also Im falschen Film wirklich im falschen Film wiedergefunden?

MM: Ja, ich finde es ganz spannend, dass in dem Moment, in dem er weiß, dass es ein Mann geschrieben hat, es nicht mehr authentisch für ihn wirkt.

JCB: …weil du seinen sexuellen Traum zerstört hast?

MM: Das kann sein, aber das würde bedeuten, ich könnte nur für über vierzigjährige Männer in Berlin schreiben. Wozu ist man dann Autor? Das habe ich ihm geschrieben und wir haben uns geeinigt, aber der war richtig erbost.

JCB: Die Menschen bringen anscheinend häufiger Fiktion und Realität durcheinander?

MM: …ja, da fällt mir immer wieder ein, dass die Schauspielerin Liz Baffoe in der Lindenstraße einen Flüchtling spielte und sie dann in Köln von einer Frau auf der Domplatte angesprochen wurde, die sie wirklich vor der Polizei verstecken wollte. Liz versuchte dann zu erklären, dass sie nur eine Rolle spiele und war ernsthaft irritiert, dass diese Dame das wiederum nicht verstehen wollte und musste sich richtig wehren gegen diese Zuschauerin. Da kommen wir wieder auf den Anfang: Emotionen spielen eine wirklich große Rolle.

JCB: Wie war die Erfahrung mit deinem Pseudonym auf Messen?

MM: Ich gehe damit inzwischen offensiv um, da es ein ganz guter Marketinggag ist. Die Leute lachen dann, merken sich dich und schauen nach, was du so schreibst. Jeder macht so seine Witzchen darüber, aber es gibt keine negativen Reaktionen.

JCB: Wie kamst du zu dem Namen? Ein typischer Klogedanke?

MM: Nein, meinem damaligen Coverdesigner habe ich gesagt, da kommt noch ein anderer Autorenname drauf, Vanessa und irgendein Nachname und dann hat er als Platzhalter aus Meisheit Mansini gemacht. So blieb der Name und ich fand es ganz lustig, dass Mann darin enthalten ist.

JCB: Deine erste Lindenstraße-Folge hieß Rückkehrer (651) – war die Aufnahme in der Lindenstraße genauso ablehnend wie in deinem Roman Soap, in dem dein alter ego schwer mit dem damaligen Chefautoren zu kämpfen hatte?

MM: Nein, das lief anders, das steht sogar ausführlich im Blog. Ich habe an der Filmakademie studiert und habe da Herrn Geißendörfer in den Einführungswochen als Gastredner kennengerlernt. Das wäre eigentlich für die höheren Studiengänge gewesen, aber ich habe blaugemacht, um dort hinzugehen. Er hat uns die nächste Lindenstraßen-Folge gezeigt und ich war begeistert, allerdings der Einzige im Plenum, obwohl ich kein Fan war. Während die anderen nur über seine Filme sprechen wollten und an der Serie mäkelten, merkte ich, dass ich gut in dem Thema drin bin. Hinterher sprachen wir, er meinte, sie hätten Autoren, aber ich solle mich mal bewerben. Ich hatte dann das Glück, dass seine damaligen Stammautorinnen ihm gekündigt hatten, um eine eigene Serie zu verwirklichen – den Seriennamen kennt man heute nicht mehr, ein wahnsinniger Flop in der ARD. Dann stand er alleine da und musste ein neues Team aufbauen. Er hat viele andere Leute getestet, aber ich gehörte am Ende zu den fünf, die dann anfingen.

Meine ersten Drehbücher waren schlecht – ich war kurz davor rauszufliegen.

JCB: Waren deine Drehbücher bei Einstieg wirklich so schlecht am Anfang?

MM: Aus heutiger Sicht ja, ich weiß auch, dass ich kurz davor war, rauszufliegen. Die Dramaturgin war gar nicht zufrieden. Retrospektiv war da noch einiges zu tun. Meine Stärke war es bereits damals, Plots zu entwickeln. Das Drehbuschreiben an sich war komplett neu und mit 24 war es dann sicherlich eine Lernkurve.

JCB: Zusammen mit Irene Fischer hast du das Drehbuch zur Live-Folge der Lindenstraße geschrieben, ihr habt damit Maßstäbe gesetzt und doch ist nach Staffel 34 im Jahr 2019 ungewiss, ob sich die ARD diesen Luxus-Dreh noch leisten kann und leisten will?

MM: Was heißt Luxus-Dreh?

JCB: Naja, ihr habt echte Schauspieler, die können was. Das ist auf anderen Sendern ein Grund, nicht engagiert zu werden.

MM: Du, dass weiß keiner. Ich denke nach wie vor, sie wären blöd, wenn sie die Lindenstraße einstellen würden, sie ist eine große Marke des Senders.

JCB: Es wirkt aber alles so holprig, vor allem bei der letzten Verlängerung. Dazu gab es Sendeausfälle im Hauptprogramm.

Ich bin auch nicht ganz glücklich, was die ARD so alles macht.

MM: Ja, ich bin auch nicht ganz glücklich, was die ARD so alles macht. Bei der Livefolge haben sie toll mitgemacht, vor allem der WDR. Die entscheidenden Folgen danach sind zugunsten von Handballspielen im Nirvana gesendet worden. Das hat mich schon sehr getroffen; nicht nur weil es meine Folgen waren, sondern weil es eine Konzeptkette war und die Höhepunktfolgen darstellten: Die Quote ging hoch, alles kam super an, dann sind die beiden entscheidenden Folgen, vor allem zwei Wochen hintereinander, nur in One (Anm.: früher EinsFestival, Spartensender der ARD) und online gesendet worden.

JCB: Also aus Sicht des Publikums: nirgends.

MM: Ja, die sagen, auch One habe eine hohe Reichweite, aber die Leute finden das nicht. Viele Zuschauer, insbesondere ältere, haben das nicht verstanden und dachten, Lindenstraße gäbe es nicht mehr. Wir haben dadurch massiv Zuschauer verloren, obwohl wir dabei waren, etwas Neues aufzubauen. Das hat bei mir ganz schönen Frust ausgelöst.

JCB: Wenn die Lindenstraße eingestellt würde, symbolisiert diese Soap dein fast halbes berufliches Leben und ist ein fast beamtenähnlicher Status – lässt einen das manchmal unruhig schlafen bei der Vorstellung, dass eine solche Institution aufgelöst wird?

MM: Nein, das wäre schade, sicherlich, aber ich glaube nicht, dass ich mich besonders schwertun würde. Es gibt für mich viele Möglichkeiten, was ich sonst noch machen kann. Ich habe große Freude am Romanschreiben, ich beobachte sehr interessiert und aus der Nähe, was aus Amazon Prime (Anm.: er war gerade als VIP auf Schweighöfers Amazon Prime Serienpremiere), Netflix und Co. passiert und welche neue Wege der Produktion und des Erzählens entstehen; da bin ich eher optimistisch für mich selber. Es sind tolle Sachen möglich und eigentlich, ich weiß nicht, ob ich das öffentlich sagen soll, finde ich auch, dass die Lindenstraße auf Netflix oder irgendwie einem Pay-TV ein ganz langes Leben haben kann, denn es gibt eine ganz große Fangemeinde, die, gemessen an den Anfangsquoten von 10 bis 12 Millionen Zuschauern, zwar nicht mehr so groß ist, aber du hast bestimmt eine Million Menschen, die zehn Euro zahlen würden, wenn sie sie weiter gucken könnten. Vielleicht muss man irgendwann einfach mal drüber nachdenken. Dinge verändern sich und das Sehverhalten der Menschen auch (denkt nach). Ich gucke längst kein Fernsehen mehr, ich gucke nichts mehr, ich schaue nur meine Apps auf dem Fernseher – oder Fußball.

JCB: Also klassisch (denkt nach) ich sage schon klassisch, meine aber das Moderne.

MM: Ich denke wirklich, Fernsehen gibt es bald nicht mehr.

JCB: Das wissen nur die nicht, die noch hochbezahlt in diesem Kokon leben. Max Frisch sagt: Es ist schwer das Leben auszuhalten, ohne sich auszudrücken. War neben dieser Grundlage aller Schreibenden, auch Gründe, sich ein weiteres Standbein zu erschaffen neben der Lindenstraße, wenn diese eben crashed oder man gefeuert wird – aus welchem Grunde auch immer?

MM: Das Romanschreiben?

JCB: Ja.

MM: Hm, so ist es nicht entstanden, aber so ist es tatsächlich mittlerweile. Ich hätte auch nicht gedacht, dass das so schnell so viel Geld bringt, aber ich kann ja auch noch andere Drehbücher schreiben.

JCB: Was wird denn aus den Schauspielern, die lange Jahre zum Ensemble gehören, wenn in der Produktion das Licht ausgeht?

MM: Für Schauspieler ist es teilweise nochmal schwerer, gerade wenn sie festgelegt sind, aber auch für Schauspieler gibt es andere Jobs.

JCB: Einige sind als Kinder zur Lindenstraße gekommen. Da wäre meine Frage: Sind das überhaupt Schauspieler?

MM: Manche sind dahineingewachsen, haben viel am Set gelernt oder parallel Schauspielunterricht bekommen. Aber tatsächlich höre ich immer mal wieder bei irgendwelchen Plotten: ne, die macht dann noch eine Ausbildung zur Altenpflegerin, die können wir in der Zeit nicht so viel einsetzen.

JCB: Das wundert mich dann auch wieder: es gibt so viele Menschen, die auf die Bühne wollen und die Leute, die am Nektar durch Zufall laben, wollen dann lieber Mechatronikerin o.ä. werden.

MM: Ja, da gibt aber solche und solche, das ist unterschiedlich.

JCB: …aber gerade die ganzen (ehemaligen) Kinderdarsteller?

MM: Die haben es sich damals nicht ausgesucht und ob die eine Rampensau werden, wusste man damals noch nicht. Manche versuchen, sich sehr professionell als Schauspieler aufzustellen, und wir haben einige hervorgebracht, die inzwischen anderswo auftauchen wie Ulrike C. Tscharre zum Beispiel oder Til Schweiger. Andere wiederum haben sich für andere Wege entschieden. Man kann es eben auch nebenbei machen, keiner überarbeitet sich da als Schauspieler.

Keiner überarbeitet sich da als Schauspieler.

JCB: Manche drehen nur ein paar Wochen im Jahr?

MM: Stimmt.

JCB: Kann man davon leben?

MM: Es kommt auf deinen Lebenswandel an. Aber wenn du eine Hauptrolle in der Lindenstraße hast, kannst du davon sicher leben, ich denke es zumindest.

JCB: Kommen wir zur Nahbarkeit: Du twitterst mit deinen Lesern. War der Autor schon immer, wenn er denn wollte, nahbar?

MM: Ein paar müssen es jetzt, auch welche, die nicht richtig wollen. Das Hausierengehen mit den eigenen Sachen ist mir anfangs auch schwergefallen, aber es gehört dazu, man muss da mit Spaß dran und dann geht das auch. Es gibt sicher immer noch Autoren, für die das nichts ist; die brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt, was nicht gleichbedeutend ist, dass sie nicht schreiben können. Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich Ende der Neunziger ein Buch gelesen habe, an dessen Titel ich mich jetzt spontan nicht erinnere, aber da stand hinten drin die Emailadresse des Autoren. Das hat mich total geflasht: wie dem kann ich jetzt eine Email schreiben?. Ich schrieb ihm dann, ich fände sein Buch toll und er hat mir geantwortet – noch am selben Tag! Das war damals die erste Mail eines Lesers aus Deutschland für ihn. Es klappte ganz gut mit meinem Englisch, und dann hat der Autor sich über die Gepflogenheiten des Buchmarkts hierzulande mit mir ausgetauscht. Heute gehört es zum Repertoire, bis hin zum (gemachten) Starkult: Autoren mischen sich ein, z.B. Stephen King oder Joanne K. Rowling, die beide auf Twitter politische und gesellschaftliche Diskurse anstoßen.

JCB: Sind das noch Autoren oder schon Personen der Zeitgeschichte?

MM: Beides, klar.

JCB: Wärst du gerne Person der Zeitgeschichte – aus Autorentätigkeit entstehend?

MM: Habe ich kein Problem mit. Ich will natürlich etwas hinterlassen in dieser Welt, aber wie berühmt, da gibt es keine Ziele.

JCB: Herlinde Koelbl schaffte 1998 den Interviewbildband Im Schreiben zuhause, in dem sie bekannte Autoren (z.B. Peter Rühmkorf, Durs Grünbein) besuchte, und ihre Schreibräumlichkeiten ablichtete: Wenn Frau Koelbl sich nochmal aufschwingen würde, und Michael Meisheit in Berlin besuchte, müsste sie an mehrere Orte kommen – wie sähen diese denn aus?

MM: Ja, ich schreibe hauptsächlich bei mir zuhause. An meinem Arbeitsplatz entsteht schon das meiste. Das Plotten hingegen findet oft unterwegs statt und manchmal aus Flucht vor den Kindern in umliegenden Cafés.

JCB: Hast du Anforderungen an deinen Schreibraum?

MM: Ich muss mich schon irgendwie wohlfühlen, ich bin da nicht Thomas Mann, der war das doch…

JCB: …den das eine Kind erst im Arbeitszimmer besuchen durfte, um ihn über den anstehenden Erhalt des Nobelpreises zu informieren…

MM: Die Kinder auszuschließen, ließe sich auch gar nicht umsetzen, finde ich auch eigentlich schön sie um mich zu haben, merke aber auch, wenn beide Kinder in Schule und Kindergarten sind, ist ein intensives Arbeiten und so ab nachmittags lege ich mir eher das Überarbeiten oder Social-Media-Aktivitäten.

JCB: Axel Hacke hat geregelte Schreibzeiten…

MM: Ich muss tatsächlich gleich gehen, ich habe um 19:00 Uhr noch Elternversammlung, bin Elternsprecher an der Schule meines Sohnes.

JCB: Wir sind gleich fertig. Der nächste Roman heißt dann: Ich, der Elternbeirat.

MM: (lacht) Ich versuche tatsächlich ab 9:00 Uhr, wenn die Kinder aus dem Haus sind, zu starten, und ganz wichtig ist zwischendurch ein Mittagsschläfchen. So nach dem Mittagessen, nicht lang, nur zwanzig Minuten und dann bis vier arbeiten. Wenn es mal drückt, versuche ich die Kinder vereinzelt mal fernzuhalten und arbeite dann bis sechs; das ist aber nicht die Regel.

JCB: Also romantische Abendarbeit im Schreibkämmerchen gibt es bei dir nicht?

MM: Nein.

JCB: Ideen kommen immer?

MM: Ja, Ideen kommen immer. Abends schaue ich eher Serien oder bin unterwegs. Die Ideen kommen an jedem Ort, mit denen gehe ich auch schlafen, oder sie kommen mir beim Schwimmen. Abends schreibe ich nur im Notfall. Das kam lange nicht mehr vor, denn meine Arbeitsorganisation ist sehr gut.

JCB: Ist es dann eine Fünf-Tage-Woche?

MM: Ja schon bzw. mindestens. Immer mal wieder, wenn meine Frau da ist und Zeit hat, nehme ich mir dann Schreibzeit am Wochenende.

JCB: Cover sind ein schwieriges Genre und bei Selfpublishern finde ich diese oft grässlich: Schaffen es Menschen ohne graphische Ambitionen so etwas verkaufsfähig herzustellen?

MM: Also, ich kann es nicht und bin froh, dass ich dafür Leute habe. Die Cover gefallen mir schon auch, sind aber nicht die, die ich kaufen würde. Die Cover sind an der Zielgruppe ausgerichtet und da schwimme ich immer. Ich lese meine Sachen gerne, lache auch über meine eigenen Witze (lacht), aber die Cover sind oft…hm.  Aber sie sind ein Instrument mit einer bekannten, etablierten Bildsprache, die anzeigt, was man zu erwarten hat. Wenn ich etwas zu schräge Cover habe, rächt sich das. Das habe ich ein paarmal gemerkt…

JCB:  Was war mit dem Cover von Millionär los?

MM: Ja, das war so ein Beispiel. Millionäre laufen halt wahnsinnig gut, auch wenn es in diesem Falle eigentlich ein Betrüger ist.

JCB: Das ist dann aber an der Klippe zu den sehr gut laufenden Groschenromanen.

MM: Ja, … ja, mit denen habe ich auch kein Problem.

JCB: Warum sind die so verrufen? Keiner setzt sich mit dem Groschenroman ins Schauspiel, mit der Thomas-Mann-Werksausgabe schon.

Die Bedienung kommt mit Berliner Schnauze an den Tisch gerauscht: Bei euch alles ok? Darf ich euch schon die Rechnung vorbeibringen?

MM: Das ist aber auch wieder nur eine bestimmte Szene und jetzt sitzen eh´ alle mit dem E-Reader da und du weißt nicht, was sie lesen. Ich habe da keine Berührungsängste, wenn es gut gemachte Sachen sind.

JCB: Sind wir da zu verhaftet in Eitelkeit?

MM: Ja, ich glaub schon und es gilt für einen gewissen Prozentsatz und gar nicht mal so einen großen, die diese distinguierten Sachen lesen. Nicht eben vor allem Groschenromane – diese Branche wird übrigens durchs Selfpublishing abgelöst – aber Werke wie von Dan Brown zum Beispiel. Das ist dann eben populäre Literatur.

JCB: Über 100.000 verkaufte Exemplare: Du hast also Geld verdient?

MM: Ja, es sind zwar viele 0,99-Cent-Aktionen mit dabei, man kann es folglich nicht 1:1 umrechnen, aber man verdient damit eine Menge Geld.

JCB: Kann man davon in Kreuzberg den Soja-Latte Macchiato bezahlen und bei Allnatura einkaufen, ohne klauen zu müssen?

MM: Ja, ich habe nun noch eine andere Einnahmequelle…

JCB: Lassen wir die weg! Nehmen wir an, die Geißendörfers urlauben ab nächste Woche dauerhaft in Griechenland.

Man kann davon leben, ja.

MM: Man kann davon leben, ja. Auch hier in Berlin, obwohl es auch teurer wird. Ich könnte davon sicherlich leben (denkt nach) und hätte noch mehr Zeit zu schreiben und – hoffentlich – würde es dann noch mehr werden. Ich habe ein paar Kollegen, die wirklich komische Sachen mit ihrem Geld machen.

JCB: Was machen Autoren gerne mit Ihrem Geld?

MM: Naja, zum Beispiel Elke Bergsma, eine der erfolgreichsten Krimi-Selfpublisher, hat sich ein Boot gekauft, was durch die Gegend schippert, auf denen sie Lesungen veranstaltet.

JCB: Könnte mir schlimmere Ausgaben vorstellen…

MM: Ja, aber kommst du natürlich nicht drauf, wenn du nicht entsprechend verdienst.

JCB: Michael, hoffen wir auf ein gutes Boot für dich, ganz lieben Dank für das Gespräch!

Ich muss tatsächlich ein bisschen flitzen, ruft er und eilt ins wuselige Kreuzberg.

Mit Michael Meisheit sprach Jan C. Behmann.

Das Interview wurde in Auszügen (Themenblock Selfpublishing) in der Wochenzeitung Der Freitag vom 08. Juni 2017 (siehe hier) veröffentlicht. Ich danke dem Freitag für die Erlaubnis, das Interview nun in Gänze veröffentlichen zu dürfen.

Website von Michael Meisheit

Ich sprach am 06. April 2017 in Berlin-Kreuzberg mit Michael.

Beitragsfoto: (c) Michael Meisheit in der Lindenstraße-Außenkulisse 2017, Köln-Bocklemünd.

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