Stille

Wir brauchen sie, um nicht verrückt zu werden. Wir verachten sie, weil sie uns verrückt macht. Wir benötigen sie, wenn wir sie am wenigsten bekommen können. Und wir treten sie, weil wir sie nicht achten.

 

 

 

 

 

 

 

Stille.

 

 

 

Was ist Stille?

 

Ich weiß es nicht.
Der Autor auch nicht.

Aber er weiß etwas.

 

— dass wir sie brauchen. Dringend. Mehr. Wieder. Bewusster.

 

Der Lärm nimmt von uns Besitz, wird immer selbstredender. Lärm nicht nur in Dezibel. In Licht, Schatten, Blinken. Ansprache.

Alles, so übergriffig, ohne Distanz, mit immer währender Dringlichkeit.

Erdrückend. Erstickend ohne Atemnot.

 

Der norwegische Autor, der Rechtsanwalt, Verleger und Extremsportler wurde von der Welt wie wir sie kennen fast erdrückt. Er rannte um sein Leben und fand es im Extremsport. Doch das eine verdrängt dabei das andere.

 

Pest, Cholera. Menschenmengen wie Schneemengen.

 

In diesem leisen Buch in fast Steidl-artiger Produktion mit leisen Bilder von u.a Ed Ruscha (sehr Steidl-like) versucht Kagge 33 Versuche über die Stille.

 

 

 

Und die gelingen ihm. Das Buch gelingt und ist im stillen Einklang mit der Aufmachung. Den Bildern, dem glatten, dicken Papier.

 

Und es ist subtil.

 

Der Umschlag weiß, nur Schrift. Wenn Sie den Einband heben ist sie weg.

 

 

 

……..Wer?

 

 

 

Sie.

 

 

 

 

 

 

 

Die Stille.

 

 

 

Erling Kagge: Stille – Ein Wegweiser, Insel Verlag

 

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Advertisements

Rezension: Verwaltung verstehen

Denn Herrschaft ist im Alltag primär: Verwaltung.

  • Max Weber

Suhrkamp hält sich mit dem Klappentext kurz und schreibt lieber ein Zitat von Max Weber als alles umfassenden Satz. Denn, Weber hatte Recht. Verwaltungen sind in der Forschung wenig erschlossen und doch bilden sie die alltägliche Grundlage für das Leben wie wir es kennen. Man sagt der Verwaltung immer nach, man verdiene mit ihr kein Geld, sie sein nur ein Kropf des Systems, erwachsen aus den Einheiten, die produzierend tätig sind. Sei es nun physisch oder metaphysisch. Doch umkehrschlüssig ist ein Leben ohne Verwaltung ebenso sinnlos, wie man bei Loriot entlehnen kann. Durch die Sozilogie-Koriphäe Niklas Luhmann (gest. 1998) bin ich überhaupt dem Thema nahegekommen. Vorher war für mich Verwaltung das, was es für die meisten Menschen wohl immer bleiben mag: sie war da. Ungefragt, unangefochten. Eine Institution wie der Urknall. Neben der Frage, wie Verwaltung funktioniert, wäre auch die Frage, was Verwaltung ist. Wo fängt sie an, welche Einheiten sind ihr zuzurechnen? Wolfgang Seibel bietet in seiner bei Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft verlegten Studie eine „theoriegschichtliche Einführung“. Das Buch bietet die Möglichkeit, überhaupt eine Sichtweise auf die Verwaltung als Subjekt der Administration zu entwickeln. Seibel füllt Kapitel mit den Titeln „Verwaltung und Ethik“, „Verwaltung als Arena“ oder „Bürokratie, Bürokratisierung und Bürokraten. Für viele Menschen ist die Verwaltung ein seelenloses Wesen, dessen Anforderungen mit aller Kraft abgewehrt werden müssen – solange, bis es nicht mehr geht. Nicht umsonst lassen es viele Menschen beim Finanzamt immer bis zum Zwangsgeld der verwalterischen Kaskade gehen, bis sie reagieren. Sie fühlen sich gegängelt, forciert von einer Macht, derer sie kein gedanklicher Herr werden können. Und die Frage ist manchmal, bei Auswüchsen einiger Verwaltungsapparate wirklich: ist die Verwaltung selber überhaupt noch ihr Herr? Kennt sie sich selbst mit allen organisatorischen Wucherungen und Bypässen?

Seibel leitet das Buch auf sehr angenehme Weise ein. Er nimmt eine menschliches Beispiel. Das steht ihm gut zu Gesicht. Denn Verwaltung ist der Inbegriff für Regeln, die eingehalten werden müssen, derweil sonst die Verwaltung in sich obsolet würde. Doch diese Regeln, so ziseliert sie auch immer weiter definiert werden, decken eben doch nicht alle Fälle dahingehend ab, dass sie eine organisatorische, ökonomische und humanistische Allroundlösung bilden. Eine Finanzbeamtin bekommt Krebs. Wenn der Amtsarzt bescheinigt, dass ihre Erkrankung „infaust“, sprich hoffnungslos ist, werden ihr die Bezüge für ihre Familie gekürzt. Humanistisch ein no go. Doch wie verfahren? Im vorliegenden Beispiel verzögern die Beteiligten die Abgabe des Gutachtens so lang bis die Beamtin verstirbt, die Kürzung obsolet ist. Alle werden sagen: das war die richtige, die humanistische Lösung. Doch wo ist, ganz abstrakt gedacht, die Grenze des Beugens von Regeln zum Missbrauch und Straftat? Diese Frage wird kein Buch klären können, doch Wolfgang Seibel schafft ein gutes Entrée.

Wolfgang Seibel: Verwaltung verstehen erschienen bei Suhrkamp

Zusätzlich hierzu passend: Das unternehmerische Selbst von Ulrich Bröckling

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

Rezension: Die Ruhe weg

„Weil ich nie etwas besseres gefunden habe, um es mit mir selbst auszuhalten“, sagte Durs Grünbein 1998 im Interview mit Herlinde Koelbl für ihr Buch „Im Schreiben zuhaus“. Er lebe in den Tag hinein, auch wenn es ihm weniger gelänge, gibt er im weiteren Verlauf zu Protokoll. 

Ob Eva Sichelschmidt auch weniger Zeit hat, mit drei Kindern und Mann in den Tag zu leben, ist nicht bekannt. Aber sie hat es geschafft, bei KNAUS ihren Debütroman „Die Ruhe weg“ vorzulegen. Es wird ihr in der Berichterstattung hoffentlich erspart bleiben, die „Frau von“ zu sein. Denn Frau Sichelschmidt ist die Ehefrau des eingangs erwähnten Suhrkamp-Star-Lyrikers Durs Grünbein. Selbst als Schneiderin etabliert, wagt Sichelschmidt sich an das geschriebene, nicht genähte Werk. 

Es ist ein gut laufender Milieuroman geworden, der das neue romantisierte Familienleben in das Brennglas nimmt. Prenzlauer Berg, alles schnieke, man is(s)t bio, ist sich selbst und seiner Ansprüche überbordend bewusst, reist am Wochenende nach Brandenburg und fährt Volvo. Und dennoch ist die Fassade bröckelig; scheint auf der Zeitschiene progredient zu bröckeln. Die Brüste sind flach, die Erwartungen aneinander auch. Aus dem liebevollen, lebenshungrigen Paaren, sind Zombies der Umstände geworden. 

Marlies, Protagonistin, zwei grundverschiedene Kinder, daneben ihr farbloser Mann Till, nebst Affäre Ralf, steuern in die befreiende Brüchigkeit zu. Die Familie bricht real entzwei, doch nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, als Marlies mit Tochter zu einem Jobangebot in ihre begehrte Stadt Rom zieht.

Sichelschmidt schafft eine authentische Beschreibung aus Kiez-Problematik und der Schattenseite der monogamen Dauerbeziehungen, der sich wie Rinnsale ausbreitenden Gelüste, die durch normative Aussenumstände behindert und unterdrückt werden und die Menschen verhärmen lassen.

Ob der Zauber dem Anfang inne wohnt, in dem sich dem ursprünglichen Zauber sich entrinnen lässt, ist eine Möglichkeit. Sicher hätte es Siegfried Unseld sehr gefreut, den bekannten Satz seines Lieblingsgedichts von Hermann Hesse im Klappentext der Ehefrau seines Autors Grünbein zu lesen. Denn es ziert auch seinen Grabstein.

Eva Sichelschmidt: Die Ruhe weg erschienen bei KNAUS/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Film-Tipp: Peter Handke. Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

Als ich gestern durch Zufall den Trailer fand, kriesch ich fast vor Freude: Eine Kino-Doku über den legendären zeitgenössischen Autor Peter Handke. 

Handke war es auch, den ich als ersten rezensierte; nämlich eines seiner Notizbücher, die inzwischen archivarisch behandelt werden. 

Der Trailer lässt viel farbsatte, selbstredende Bilder dieses Autors und seines speziellen Lebens erahnen. Der Autor lebt nach Jahren der Wanderlust (im wahren Wortsinne!) in Paris-Chaville.

Ab 12.11. im Kino und ich bin dabei!

Alle Bilder: Screenshots Trailer Piffl Film

Lese-Tipp: Der große Dulder

 

Raimund Fellinger, Cheflektor des Verlagshauses Suhrkamp ist die zentrale Figur dieses geschichtsträchtigen Hauses. Die SZ nennt ihn die wichtigste Suhrkamp-Figur.

Ein Schachspiel von Schwarz und Weiß hat sich in den letzen Jahren im Verlag mit der Rechtsform einer Aktiengesellschaft abgespielt. Die Witwe des einstigen Verlegers Unseld, Ulla Unseld-Berkéwicz, gegen den inzwischen verstorbenen Investor Hans Barlach. Durch geschickte juristische Winkelzüge konnte diese Schlacht geschlagen und der Verlag in beständiger Form erhalten werden.
Unseld übernahm den Verlag 1959 nach dem Tode des Gründers Peter Suhrkamp.
Handke, Hesse, Bernhard sind nur einige Autoren dieses Verlages, der eine feste Institution der Printwelt darstellt. Denn Bücher und Druckerzeugnisse sind im Hause Suhrkamp und Insel Verlag nicht nur eine Art Texte zu transportieren. Es ist Kunst der Herstellung und Darstellung von gebundenem Papier.
Es hat sich ein wahres Universum gebildet, in dem auch Briefwechsel Unselds mit seinen bekannten Autoren oder seine Reiseberichte veröffentlich wurden. Alle eint, dass die Liebe zum Produkt in allen Poren spürbar ist. Die Aufbereitung ist penibel, tendenziell fehlerlos und mit einer Qualität, die nah am Ende des Gewinns stehen dürfte. Es wird hierzu der Briefwechsel Unseld/Handke empfohlen.

Fellinger berichtet aus dem Nähkästchen der aufregenden Jahre im Hause Suhrkamp und gibt Einblick in die Tiefen der Beziehungen. Er betreut seit Jahrzehnten als persönlicher Lektor Peter Handke und Thomas Bernhard. Letzterer ist vor über 25 Jahren verstorben und dennoch bietet sein Nachlass ungeahnte Schätze, die es für Fellinger zu heben gilt. Hinderlich nur, dass Bernhard dies testamentarisch verhindert hat. Und so ist es Fellingers obsessive Aufgabe, dieses Konvolut an schriftstellerischem Können taktil zu erorbern.

Man beachte bitte genau a) das Bild und b) die Bildunterschrift! Aber, was sage ich, lesen Sie selbst.

Verbindungen

…über Zufälle.

Den grandios produzierten Briefwechsel von Peter Handke mit Verleger Siegfried Unseld habe ich schon länger und lese regelmäßig spontan ein paar Briefe darin. Freitag nun stolperte ich in Bockenheim in einen Uni-Buchladen und erstand für fünfzig Cent Handkes Buch Die Stunde der wahren Empfindung. Und eben schlug ich mal wieder den Briefwechsel auf und blätterte prompt auf folgenden Brief…

Siehe hierzu Anmerkung 2 des Briefes und dazu das Buch an sich.

Den Briefwechsel von Handke mit seinem Verleger Unseld finden Sie hier bei SV.

Lese-Tipp: Der neue Chef

…über Verheißungsvolles.

Kein Mensch kann aber handeln, ohne selbst zu sein. (…) Seine Gefühle und Selbstdarstellungsinteressen lungern während der Arbeit funktionslos herum und stiften Schaden, wenn sie nicht unter Kontrolle gehalten werden.

Manche Menschen haben die Kunst, ganz gewöhnliche und gleichzeitig abstrakte Vorgänge schriftlich zu definieren und wie unter einem Brennglas zu verdichten. Dabei ist es fast gleich, was sie beschreiben, hier zählt nur das wie. Sie finden Worte für das, was andere gar nicht sehen, sehen können, sehen können wollen.

Die Ethnographie der Chefetagen, (…), sind kaum entwickelt. – Jürgen Kaube

Niklas Luhmann, bereits 1998 verstorbener Professor für Soziologie, ist so ein Quell der klugen Worte und wird in allen drei dargebotenen Aufsätzen nicht müde die Strukturen von Organisationen, hier insbesondere Behörden, zu beleuchten.

Der Wechsel des Vorgesetzten gehört zu den wenigen aufregenden Ereignissen im Verwaltungsalltag.

Es ist Stoff, der mich in das Jahr 2003 zurückkatapultiert. Ich saß in der Eingangshalle meines Gymnasiums in Hannover und suchte intelligente Wege mich um die Erstellung der sog. Hausarbeit zu drücken. Der jetzt vorliegende Stoff erinnert sehr an Ulrich Becks Bücher, ebenfalls bei Suhrkamp erschienen.

Die Konflikttheorie stellt weder die Elastizität noch die Plastizität menschlicher Einstellungen hinreichend in Rechnung.

Dass die drei Aufsätze „Der neue Chef“, „Spontane Ordnungsbildung“ und „Unterwachung oder Die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ in diesem Suhrkamp-Brevier erscheinen konnten, hat ein neuer Chef möglich gemacht. Jürgen Kaube ist Nachfolger des im Sommer 2014 viel zu früh verstorbenen Frank Schirrmacher auf dem Posten des FAZ-Mitherausgebers für den Bereich Feuilleton. Und auch Suhrkamp wartet nach langer interner Streitphase mit einem neuem Chef auf. Einzig Luhmann war selber nie Chef. So konstatiert Kaube im Nachwort, hätte er wohl auch kein Buch über dieses Thema schreiben können, derweil Chefs in Sozialwissenschaften rar gesät seien.

(…) Zufriedenheit am Arbeitsplatz (…), und daß mancher nur deshalb zufrieden ist, weil er einen Fernsehapparat und keine anderen Hoffnungen mehr hat.

Luhmann seziert mit einer außergewöhnlichen analytischen Fähigkeit und Ausdauer die hierarchischen Gebilde von Bürobetrieben. Dabei scheint seit den sechziger Jahren kein Fortschritt in den ureigensten Wirkmechanismen zwischenmenschlicher Arbeitskultur geschehen zu sein. Wieder ein Beweis dafür, dass der vielgefürchtete Fortschritt, nicht der Kern allen Übels sein kann. Es ist also egal, ob und wie Arbeitnehmer Technik benützt oder in Voll- oder Teilzeit arbeitet. Die Hackordnung bleibt. Wie sehr erkenne ich die Strukturen wieder.

Denn der Verwaltungsmensch ist dazu prädestiniert, ein Taktiker zu werden.

Besondere Gewichtung bekommt etwas, was fast ob seines Namens zum Verlorengehen bestimmt ist: Das Nachwort. Kaubes wenige Seiten umfassende Nachsicht auf die Werke Luhmanns hat inhaltlichen und urteilenden Charakter und liest sich sehr angenehm. Kaube selbst hat zur Veröffentlichung dieses Buches erheblichen Teil beigetragen, indem er z.B. den dritten Aufsatz aus dem Nachlass Luhmanns barg und für die Veröffentlichung editierte.

(…) der triviale Umstand, dass „Chef“ eine Rolle ist, der Chef zugleich aber auch eine Person [ist] (…). – Jürgen Kaube

Wer leichte Lektüre sucht, sollte hiervon Abstand halten, gewiss. Doch wer die Bedürfnisse, Wirkwege und Abhängigkeiten in Firmenstrukturen in Relation zum Chef, hier insbesondere dem neuen Chef, in einer völligen Brillanz dargelegt haben möchte, dem sei dieses Brevier empfohlen. Für 10,00 Euro Invest auch eine wirklich erschwingliche Alternative zu angeblich so tollen „Ratgebern“.

Mehr Informationen über „Der neue Chef“ bei Suhrkamp

Verweise von Jürgen Kaube auf Sekundärliteratur:
– Katharina Münk, Und morgen bringe ich ihn um. Als Chefsekretärin im Top Management, Frankfurt am Main 2006
– Stephan Marglin, What Do Bosses Do? The Origin and Function of Hierarchy in Capitalist Production, Review of Radical Political Economics 6 (1974), S. 60-112, und 7 (1975), S. 20-37

Besprechung in der SZ

Lese-Tipp: Alles Theater

…über danach.

Ich schreibe diese Besprechung in Wien, in direkter Nachbarschaft zur Oper, einen Steinwurf weiter ist „die Burg“, das Theater in der Josefstadt ist auch nicht wirklich weit. Wo sollte man sonst ein solches Buch besser besprechen können? Gestern fädelte ich mich in einen Strom von Musikern ein, die nach ihrer Gustav Mahler Aufführung den Weg zur Hotel(-Bar) aufnahmen und die in dem Buch konservierte Stimmung ausstrahlten.

Die äußerliche Schönheit des Buches nahm mich im Hugendubel gefangen. Eines der wenigen Argumente für eine reale Buchhandlung. Stromernd passierte ich die recht kleine Ecke der „Theaterwissenschaften“ und das samtfarbene Rot des Covers fing meinen Blick. Das im Insel Verlag erschienene Buch zeigt ein Blick in einen Zuschauerraum, der klassischer nicht sein könnte. Samtrote Sitze werden nach oben hin durch mit Stuck verzierte Ränge nebst Leuchtern abgegrenzt, der Einband führt diese ergreifende Farbe totalitär weiter. Typisch für Insel ist das Hardcover mit Farbenbindung und der im Schulheftstil eingelassene Titel. Alleine Berührung und Anblick des Buches reichen schon für den literarischen Lustgewinn. Das Papier duftet bildbandartig. Und das trifft es fast schon korrekt.

Die Fotografin Margerita Broich zeigt Schauspieler/-innen im Schmelztigel ihres Seins. Selbst auch Schauspielerin, begann sie nach einer Vorstellung sich zu fotografieren. Damit startete, wie sie schreibt, ihre konzeptionelle Arbeit. Und so fing sie an, vor oder nach Proben oder Auftritten die Aura der Verausgabung, der Ekstase dieses außergewöhnlichen Berufes einzufangen – wenn man nach der Lektüre überhaupt noch von Beruf reden kann.

31 Künstler erfasst sie in passenden wie unpassenden Momenten. Alle vereint, sie sind im Grenzgebiet ihrer Rolle. Noch in oder schon in Kostüm und Maske und doch blitzt die eigentliche Person noch unter dem Mantel der vollkommenen Verwandlung hervor. Allein die farbkräftigen Bilder binden die Blicke des Lesers und werden vollendend vereinnahmt durch die Texte von Brigitte Landes. Die in der Ich-Form verfassten Texte vereint die Unvereinbarkeit ihres Stiles, ihrer Aussagen, ihres Daherkommens. Und doch beschreiben alle die Klippe des Seins, des Darstellens. Sie Beschreiben die Grenze und deren pflichtgemäße Überschreitung. Das Erreichen des Optimums und den entsprechenden körperlichen und psychischen Erscheinigungen dieses energievollen Strebens. Der selige Otto Sander schafft dabei die kürzeste, wenn gar nicht pointierteste, Aussage: „Kellner, Nutten, Taxifahrer und Schauspieler. Alles dasselbe. Dienstleistendes Gewerbe.“

Ich kann dieses Buch von Herzen empfehlen, es ist im Bild- wie im Textbereich voller Hingabe und Herzlichkeit gestaltet und wird abgerundet durch einen Verlag, dessen Herstellungsweise diesem hochsensiblen Stoff gerecht wird.

Die „teuren“ 18,50 Euro wiegen daher nicht schwer. Sie wirken sogar federleicht.

Mehr Informationen erhalten Sie beim Suhrkamp-Verlag


Kleines Nebendetail sei neben den Copyright-Hinweisen die liebevollen Angaben über Bindung und Papierherkunft.

Besprechung: Notizbuch von Peter Handke

…über Verdichtung.

Notizbuch vom 31.08.1978 bis 18.101978, Insel-Bücherei Nr. 1367

Das quasi sekundäre Werk von Peter Handke (P.H.), seine Notizbücher, erscheinen Stück für Stück bei Insel. Doch die Kunst beginnt bei Suhrkamp/ Insel nicht beim Inhalt. Es beginnt bei der Aufbereitung, bei der Darbietung, bei der Verarbeitung.

So wiegte ich das Buch öfter in meinen Händen als ich es las, ließ meine Fingerspitzen über den harten Umschlag mit der Einlassung für den Titel analog eines antiquarischen Schulheftes gleiten und genoss allein hierbei schon das Haben desselbigen.

Auf knapp 63 Seiten gliedert sich das Werk in drei Teile. Beginnend mit den Abbildungen des Original-Notizbuches inkl. drei Zeichnungen, der Transkription mit leichten, verständnisermöglichenden Ergänzungen, und dem editorischen Bericht von, wem auch sonst, Raimund Fellinger – Handkes langjährigem Lektor.

Auf den 24 Seiten des Notizbuches lässt sich ein Einblick in Handkes Arbeitsweise erahnen. Das als Nr. 16 in der Forschung geführte Notizbuch ist bisher nur als Kopie verfügbar. So geht Fellinger im sehr ergiebigen, detailreichen Bericht neben Handkes textlichen Handwerk, auch auf die Details zu den Notizbüchern ein.

Die Zeichnungen, mit denselben Stiften, die auch zum Schreiben verwandt wurden, schafft es die eine von Seite 15 (Original Seite 75) auf den Titel der Taschenbuchausgabe von Langsame Heimkehr aus 1984. Lediglich eine handschriftliche Notiz und das Entstehungsdatum (typisch für P.H.) werden retuschiert.

So kann sich beim Blättern der hellen, anfangs leicht rauen Papierseiten, P.H.s Arbeitsweise zusammengenommen mit den editorischen Notizen Fellingers, leicht genähert werden. P.H. hakt die Passagen ab, wenn er sie entsprechend weiterverarbeitet hat, oder wie er sagt: „die Notate werden verwendet – verwandelt ins Erzählen, in die Folge, die Erzählung.“ (S. 59). Er (oder Fellinger) spricht an anderer Stelle von Verdichtung des Materials zum finalen Text.

Das Buch, oder eher liebevoll gemeint, das Büchlein, lässt mich innehaltend zurück. Es ist wie ein Blick durch eine Türspalte im Dunkeln; das helle, warme Licht lockt von anderer Seite und lässt doch einen klaren Durchblick verwehrt.

So Ende ich mit der Lektüre im gleitenden InterCity nach Westerland mit Blick auf saftige Wiesen und neblige Weiten, wie ich begonnen habe; ich streichle liebevoll den eingelassenen Einband.

Handke, Peter: Notizbuch 31.08.1978-18.10.1978, Insel-Bücherei Nr. 1367, 63-seitige Fadenbindung mit Hardcover, Berlin 2015
Preis: angemessen. Weitere Informationen finden Sie beim Suhrkamp/ Insel-Verlag.

Ebenfalls sehr sinnvoll zu lesen:
Briefwechsel von Siegfried Unseld mit Peter Handke, erschienen im Suhrkamp-Verlag als wundervoll gebundenes Buch, mit tollem Seitenpapier und bester Aufbereitung des Schriftverkehrs vom Beginn der Arbeitsbeziehung 1965 bis zum Tode Unselds 2002.

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑