Zu Besuch bei Roger Willemsen

…sein leerer Stuhl wird zu einer Bank der Begegnung.

Ich habe länger überlegt und mich entschieden, doch ein Bild vom Grabe Roger Willemsens mit ein paar Zeilen von mir hier zu posten. Nicht weil auf Wikipedia auch ein aktuelles Foto zu sehen ist, sondern weil sein Grab ein Ort der Begegnung und der kultivierten Sitzruhe ist. Zum seinem ersten Todestag hat der Afghanische Frauenverein, dessen Schirmherr Willemsen mit brennender Energie war, eine Sitzbank installiert.

Da ich nicht wusste, was auf der Bank in Dari steht, habe ich Willemsens Vertraute und Freundin, Nadia Nashir, Vorsitzende eben dieses Vereins, angeschrieben. Die Email an sie folgt hier gleich meinen Zeilen nebst der Übersetzung der Bankinschrift.

Sehr geehrte Frau Nashir,

am 08.02. dieses Jahres war ich, durch glückliche Umstände dienstehalber, in Hamburg und habe das Grab von Roger Willemsen besucht, nachdem ich letztes Jahr auch am öffentlichen Teil der Trauerfeier teilnahm. Herr Willemsen war für mich ein elementarer Vertreter und Mutgeber aufgeklärter Denkkultur. 

Obwohl ich ihn nicht persönlich kannte, empfinde ich eine tiefe Zuneigung zum Wesen seiner Arbeit, seines öffentlichen Seins. Ich schreibe dies bewusst so, da alles Nähere seinem direkten Umfeld gehörte und gehört.

Seine Erkrankung und sein für mich plötzlicher Tod haben mich sehr erschüttert – bis heute. Ich habe dieses und auch die Trauerfeier auf meinem Blog in einer langen Hommage verarbeitet (lesen Sie gerne „Wir verdichten für Sie weiter“ hier).

Vorausgeschickt sei, dass ich wenig geographischen Orientierungssinn habe und Zeitmanagement vor 11 Uhr – egal in welcher Zeitzone – nicht zu meinen Stärken gehört. 

Also eilte ich am Morgen des 08.02. mit Rucksack und einem Reisekoffer nach Ohlsdorf, um ihm meine Ehre zu seinem ersten Todestag zu erweisen. Unter Zeitdruck der nahenden Abfahrt meines nach Frankfurt fahrenden ICEs, irrte ich nun mit dem Gepäck über den Friedhof, um dabei erst festzustellen, dass die verwunderten Blicke mir galten, der sich hetzend durch die langen Straßen den Weg bahnte. Und plötzlich, noch gar nicht vorbereitet, stand ich da. Da, bei ihm. Es hat mich sehr ergriffen und doch auch gefreut: Die Bank. Wie sie da frisch platziert steht und so seiner Lebenskultur eine irdische Verlängerung bietet. Ich habe mich wider allen Hetzens hingesetzt und geschwiegen. 

Gerne würde ich über diesen Besuch auf meinem Blog berichten und daher meine Frage an Sie, was denn die Inschrift auf der Bank besagt, denn ich habe keine Übersetzung in arabische Schriftzeichen gefunden.

Liebe Frau Nashir, ich darf Ihnen mein Beileid ausdrücken und Ihnen für Ihre Arbeit weiter viel Kraft und Erfolg wünschen.

Herzliche Grüße

Jan C. Behmann

Ihre (sehr liebevolle) Antwort (auch) hinsichtlich der Inschrift:

Ich möchte Menschen glücklicher zurücklassen als ich Sie
vorgefunden habe. Roger Willemsen

Nadia Nashir hielt auf der Trauerfeier eine bewegende Rede von ihren Erlebnissen mit Roger; der Klassiker ist der, als sie bei einem Talibanführer waren, um für das Buch „Hier spricht Guantanamo“ einen Ex-Häftling zu interviewen. Sie war es, die Roger anhielt, schnell den Ort zu verlassen, als sie hörte, die Taliban beratschlagten sich, ob es wirklich so eine gute Idee war, dem deutschen Journalisten Auskunft gegeben zu haben.

Lesen Sie hier die Trauerrede von Nadia Nashir
Hier geht es zur Website des afghanischen Frauenvereins

Termine für Gedenklesungen

Das Beitragsbild ist am 08.02.2017 um 10:25 Uhr entstanden.

Advertisements

Roger Willemsen: Einjahr.

Gestern vor einem Jahr lebte er noch. Er der mit den Worten nur so jonglierte und sie dennoch nie zu Hülsen werden ließ. Eine „aggressive Krebserkrankung“ raffte ihn dahin wie einst seinen Vater als er, Willemsen, erst 15. Ein knappes halbes Jahr nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit, starb der Autor, Publizist, Fernsehmacher und grandioser Interviewer in seinem Haus in Wentdorf bei Hamburg.

Heute vor einem Jahr war er für die Öffentlichkeit noch am Leben. Morgen Nachmittag vor einem Jahr lief über die Ticker „Roger Willemsen tot“.

„Jörg, hier ist Frohsinn!“, schrieb er seinem Verleger Jörg Bong (Chef S. Fischer) aus seiner ersten Reaktion auf die infauste Diagnose – Willemsen war nach Oslo gefahren, ein letztes Mal am Fjord sitzen. Auch hier hielt er seinen früheren Aussagen Treue.

Aus Anlass seines Todestages, werde ich morgen sein Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof besuchen.

Rezension: Wer wir waren [Roger Willemsen – postume VÖ]

Hörtipp: Chris Isaak – Wicked Game live (wohl in den frühen 90ern)

Roger Willemsen
15. August 1955 – 07. Februar 2016

Roger Willemsen hatte -ob er das schon zu diesem Zeitpunkt ahnte oder nicht- seinen letzten öffentlichen Auftritt auf einem Hofgut in Mecklenburg-Vorpommern; er hielt dort seine Zukunftsrede – am 24. Juli 2015. Bereits am 06. August war er für seinen Freund Werner Köhler erst einmal nicht mehr erreichbar.*

Es jährte sich bereits, dass Roger Willemsen leise aber umso konsequenter ‚verschwand‘. Kurz vor den geplanten Feierlichkeiten zu seinem sechzigsten Geburtstag war er für seine engen Freunde nicht mehr erreichbar. Für den ewig ehe- und kinderlosen Willemsen waren die Freunde immer mehr als Wegbegleiter, sie waren Menschen, die bis zum bitteren Ende gegenseitig füreinander da sein. Dieser Schwur sollte sich für ihn schneller bewahrheiten, als jeder dachte. Dieser sprudelnde Charakter war unheilbar krank und legte den Stift zur Seite – für immer. Nur sechs Monate nach der Diagnose starb Willemsen in seinem (so schönen) Haus in Wentdorf bei Hamburg. So soll er zwei Tage vor seinem Tod gesagt haben, er sei im Reinen – und wiederholte zugleich die Aussage.

Roger Willemsen tot. Bis heute für mich unbegreiflich, eine ganze Weinkiste seiner Bücher steht in meinem Lesearbeitswohnzimmer. Wo sind Sie?, frage ich dann und wann in die Luft. Doch ich weiß es, war ich doch selber bei der von ihm noch selbst gestalteten Trauerfeier auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Noch vor einem Jahr atmete Roger Willemsen, wäre anrufbar gewesen, besuchbar. Wie hat er Weihnachten verbracht? Wie in die Zukunft geblickt, die für ihn nicht mehr bestand?

Aus Roger Willemsens Nachlass, dessen Verwalterin Insa Wilke ist, wurde nun seine Zukunftrede Wer wir waren veröffentlicht. Es war die Grund-DNA für sein nächstes Buch, welches er aber nach der Diagnose abbrach. So soll zumindest diese Art Urschrift, deren Gedanken Willemsen so wichtig waren, seinen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht werden, schreibt Insa Wilke in den editorischen Notizen. Wilke war auch jene freie Publizistin, die mit ihm seine Werkschau zum Sechzigsten so grandios erstellte (ebenfalls bei S. Fischer erschienen). Leider konnte er auch diese Buchform zu seinem Sechzigsten nicht mehr gebührend gesund genießen.

Im Mittelpunkt seines manischen Interesses stand die „Gegenwart“, unser konkretes Heute, unser Jetzt, unsere Wirklichkeit, schreibt Jörg Bong, Chef des S. Fischer Verlags – sein ‚Verleger‘, wie er ihn nannte. Und genau diese wollte er betrachten, begutachten, bewerten, kritisieren. Seine Position dafür hätte nicht absoluter sein können: Die abgeschlossene Zukunft. Sein futurologischer Versuch ist deprimierend und entwaffnend tatsächlich. So konstatiert die ZEIT-Feuilleton-Ressortleiterin Iris Radisch, aus seinen Texten in Wir-Form spräche das bereits erkrankte Singular Willemsens, wenn er schreibt: Dass wir nicht mehr können, erliegen, dass wir unrettbar sind, in der Kapitulation leben, das sagten wir nicht, wir fühlten es bloß.

Willemsens Kernfrage ist: Wie kamen wir da hin, wo wir nicht estimierten hingewollt zu haben. Er nimmt klassische Beispiele wie Fernsehen, Luftfahrt, Tonfilm: In allen Branchen gab es ‚Erfahrene‘, die der neuen Technologie keine Chance einräumten, die die Geschichte aber eines diametral anderen (besseren?) belehrte. Er konstatiert Unrettbarkeit der Menschheit, verloren im Strudel der Technisierung, der dauerhaften Erreichbarkeit, der Vollverfügbarkeit den Arbeitgebern gegenüber. Die Rasanz sei das Therapeutische in Zeiten des Smartphones, wir seien der Gegenwart entrückt.

Willemsen hinterlässt uns in diesem Brevier einen Anker seiner Weltwahrnehmung. Eine deutlich dunklere, hoffnungslosere als wir sie von ihm kennen und kannten. Hoffen wir für unser aller Zukunft, dass auch auch ihm ein wenig der Blick des Erfahrenen zuteil wurde und so auch hier der Lauf der Zeit diametrale Wendungen schafft.

Roger Willemsen, editiert von Insa Wilke, erschienen bei S. Fischer

Interview des NDR Kultur mit Insa Wilke

Mein Nachruf, meine Hommage auf Roger Willemsen

Nachruf von Jörg Bong (S. Fischer Verlag) auf seinen Freund Roger

Video von Iris Radisch, DIE ZEIT, Rezension: Wer wir waren

Ich danke dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

_____

* siehe hierzu Trauerrede von W. Köhler auf hundertvierzehn.de

Eine Hommage: Roger Willemsen – Wir verdichten für Sie weiter! {Nachruf}

…über eine Liebe.

Eine Hommage voller inbrünstiger Zuneigung in sieben Akten

{Meine persönliche Empfehlung – Musik für das Lesen: Karl Jenkins´ „Palladio“}

AKTUELL: Radiofeature des Deutschlandfunks über Roger Willemsen

Akt 1: Das Kennenlernen

Ein Mann mit wirren Locken und einer Intro-Musik, die mir aus dem Formatradio der 90er nicht bekannt war. So lernte ich Roger Willemsen Mitte des endenden letzten Jahrhunderts kennen. Als Zehnjähriger konnte ich den Gesprächen zwar keinen Deut Inhalt abgewinnen, dennoch bemerkte ich eine sehr liebevolle Person in den zuweilen bunten Westen und Hemden verquickt mit einem langen Bein umhüllt von Cordstoffen, welche den Gästen am eckigen Tisch keck vorlehnend Fragen stellte; und dabei nie um ein verschmitztes Lächeln verlegen war. Willemsens Leuchtschriftzug in marinem Blau wurde für mich der erste Inbegriff einer Gesprächssendung verbunden mit den kosmopolitisch wirkenden Trompeten jazziger Natur im Vorspann.

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 00.07.29
Udo Jürgens zu Gast in Willemsens Woche 1995; Quelle: Screenshot Youtube

Er sollte mir danach Jahre aus meinem pubertärem Fokus scheiden, um dann umso mehr zum Beginn des dritten Lebensjahrzehnts wiederzukehren.
Als Inbegriff der Intellektualität.
Dieses mag vielen Intellektuellen nicht gerecht werden, doch er verband ohne aggressives Zutun den wissenschaftlich-eloquent denkenden Menschen mit boulevardeskem Lebensinteresse. Und das sicherte ihm mehr als die gern umschriebenen und gefeierten „Happy Few“. Das Erreichen derer war ihm qua Ausbildung gewiss, doch wie in seinem ganzen Lebenswerk, interessierte er sich immer bis an die Grenze. Sei es in „Die Enden der Welt“ oder „Der Knacks“ – mithin erschien er mir als Balancier der Abgründe, immer hinüberlukend in das, vor dem die meisten Menschen die grundlegende Existenz verleugnen zu versuchen. Als Gesprächspartner konnte er in seinen Sendungen unglaublich einfühlsame Werke der Kommunikation herbeiführen. Und Menschen grillen. So sind die Interviews mit dem ehemaligen FOCUS-Chefredakteur Helmut Markwort oder dem Konsul Weyer heute Lehrstücke für junge Journalisten. Unvergessen auch sein (vielzitiertes) Interview mit Madonna. „Kalt wie ein Eisschrank“ sei sie gewesen und als sie mit seinen „europäischen“ Fragen argwöhnte, kommentierte sie, ihre Therapeutin käme auch aus Argentinien – welches sie in Europa verortete. Er „floh“ danach mit dem Filmmaterial, weil er Sorge hatte, sie merke ihren Fauxpas und würde das gesamte Material kassieren.

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 00.05.19.png
Das legendäre Interview mit Helmut Markwort 1995, damalig Chefredakteur des FOCUS, der zweijähriges Jubiläum feierte

Es ist der 18. August, wenige Tage nach seinem 60., als ich von der Krebserkrankung Willemsens erfahre. Es klingt strukturiert und privat wie ich es vermutet hätte. Kein Wort über die genaue Art der Erkrankung, keine Bilder, keine Statements. Nichts. Es scheint also doch noch möglich zu sein. Oder ist es vielleicht doch die Herangehensweise des Promis gegenüber der Medien, wie Aussagen von Medienanwalt Christian Schertz (Schertz Bergmann, Berlin) erahnen lassen? Und was ohne Aufheben begann, bleibt auch von weiteren Meldungen frei. Kein Wort mehr, keine Wasserstandsmeldung. Ich greife nach dem Newsticker sofort zu meinem Briefpapier und schreibe Genesungswünsche.

Akt 2: Der Werdegang

Willemsen studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte zuerst in seiner Heimat Bonn, dann in Florenz und anderen europäischen Städten. Er promovierte zur Dichtungsthorie Robert Musils, der ihn zeitlebens beschäftigten sollte. Auf seine akademischen Titel oder gar einen solchen Habitus legte er keinen Wert. Nur die Menschen bei der Bank, so Willemsen in der Sendung „THADEUSZ“, müssen ihn mit „Doktor“ anreden.
Während seines Studiums arbeitete er als Reiseleiter und Pförtner. Hierbei ließ er gern verschmitzt lächelnd fallen, unter anderem für die FDP tätig gewesen zu sein. In seinem Pförtnerleben erlebte er auch die Untiefen des Lebens. In einer Nacht fand einer tote Person – und zweifelte bis in die Jetztzeit an den wirklichen Umständen des Todes. Quasi im Nebensatz einer lustigen Geschichte, die er wie kaum ein anderer parlierend und wachhaltend präsentierte, ließ er solche Untiefen des Lebens einrotieren.
Nicht ohne tiefer werdende Falten um seinen Mund.
Zwischen jovial und bitterem Ernst war bei ihm wenig Wegstrecke der Überbrückung notwendig. So klagte er Heidi Klums Vater mit Nachdruck an, seiner „Rede“ intellektuell nicht gewachsen gewesen zu sein und dass es besser wäre wenn er „aus dieser Form des Mädchenhandels entfernt würde“ (vgl. SWR Uni-Talk, ab ca. Minute 34:05). Günther Klum ist nicht für seine Ruhe auf solche Aussagen bekannt, dennoch bestand Willemsen vehement auf seiner Feststellung, „allein schon, um meinen Lebensbereich zu schützen“.
Dieser Ausspruch war mir ein sehr lieber geworden.
Denn auch so sehe ich häufig die Aufgabe derer, die nicht dem Mainstream entsprechen und nicht entsprechen wollen. Der Lebensraum des emotional agilen, feinfühligen, und herzlichen Menschen muss mit Rücksicht auf ihre sie selbst auch beherrschenden Eigenschaften mit Nachdruck gesichert und versichert werden.

Es ist der 08. Februar 2016 um genau 15:16, als mein lieber Freund SFA mir die kurze aber alles sagende SMS „roger willemsen verstorben“ simst.


Ich sitze an meinem Schreibtisch und komme grade von der Beisetzung des Sohnes eines Unternehmerfreundes. Dunkler hätte dieser Tag nicht werden können. Eine kurze Gegenrecherche bringt jeden Zweifel zum erliegen. Er ist tot. Unwiderruflich wie sein Werk. Unwiederbringlich wie seine Art. Gegen 15:40 Uhr renne ich zum Briefkasten gegenüber meinem Büro in strömenden Regen mit dem Kondolenzbrief.

Akt 3: Die Brüche

Nicht ohne Schrecken für mich, sagte er in der durch eine Indiskretion veröffentlichen Testsendung von Charlotte Roche „Wahrheit oder Pflicht“ im Jahr 2007 „…heute würde ich sagen, meine Mutter liebt mich nicht…“. Es ist die Mutter, die in der ersten Reihe der großen Trauerhalle des Ohlsdorfer Friedhofs sitzt; nur wenige Meter von mir entfernt. Sein Vater war bereits an Krebs gestorben als er 15 Jahre war. Dessen Tod verarbeitete in literarischer Form in „Der Knacks“.

Bildschirmfoto 2016-03-30 um 01.28.42.png
Charlotte Roche: Wahrheit oder Pflicht Teil 1; Quelle: Screenshot Youtube

Ist ein Besuch bei der Trauerfeier statthaft? Durch die Anzeige der Familie in der Hamburger Morgenpost wusste ich die Daten. Seine Assistentin J.W. antwortet doch aber tatsächlich rasch auf meine Email und ermutigt mich zu kommen. Dafür bin ich ihr wirklich dankbar.

Foto: JCB
img_2125
Selbst bei der Wahl der Bestattungsfirma blieb er er. Ich sah das Auto und musste schmunzeln. Das trostwerk – andere bestattungen aus Hamburg ist wirklich eine hervorstechende Einrichtung im sonstig trüben Teich der Bestatter. Foto: JCB

Die Trauerfeier beginnt. Es spielt die Musik von Bill Evans. Das Stück „Peace Piece„. Es wird für mich immer und unweigerlich mit dem Beginn seiner Trauerfeier verbunden sein. Es setzt den Markstein für den Abschied dieses immersprudelnden Menschen, der wider Erwarten so schnell verstummte.

Akt 4: Nach dem Fernsehen

Willemsen brillierte nach seinem Ausstieg aus dem Fernsehen weiter als Buchautor ganz besonderer Klasse. Er wolle Genauigkeit herstellen, so erklärt er es Katrin Bauerfeind. Sei es mit seiner sehr warmbildlichen Reiseliteratur (z.B. Bangkok Noir, Deutschlandreise) oder seinen Interviews mit Entlassenen aus Guantanamo. Letzteres ließ ihn Reisen in die USA unterlassen – es bestand scheinbar reale Sorge für die im dem Buch offenbarten Zustände nicht minder Problemen ausgesetzt zu sein. Wer „Hier spricht Guantanamo“ angelesen hat, weiß wovon ich schreibe. Oder auch seine Kolumnen, hier insbesondere „Unverkäufliche Muster“.

Nach dem Stück von Bill Evans beginnen die Ansprachen. Zuerst spricht sein väterlicher Siez-Freund Manfred Bissinger mit gefasster Stimme. Zusammen hätten sie auf dem Ohlsdorfer Friedhof sich eine Lichtung teilen wollen, auf der sich das Licht der Sonne durch die Zweige der Bäume bricht. Doch wäre er als Älterer an der Reihe zuerst gewesen, so Bissinger.

Nadia Nashir, Freundin und Vertreterin für den Afghanischen Frauenverein, beschreibt Willemsens Arbeit für Afghanistan, seine nicht immer ungefährlichen Exkursionen mit ihr. Seine ehrliche Aufopferung für die Menschen dieses Landes.

Es folgt ihr sein (wahrscheinlich) bester Freund Werner K., der am Rande seiner Fassung ist. Er fliegt durch private Erlebnisse mit W. und schließt mit dem letzten Satz des letztens Briefes von W. an ihn unter lauten Tränen: „Dein immer währender Freund, Roger“.

Der emotionale Hochtiefpunkt. Es wird der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Trauerfeier.

Für mich in dieser Sekunde beruhigend: Er konnte denken, er konnte lesen, er konnte schreiben bis kurz vor seinem Tod. Und er konnte damit (vermutlich) seine eigens geäußerten Wünsche in Erfüllung gehen lassen: Lieben, sehen und lesen äußerte er als essentielle Fähigkeiten in einem Interview von vor 2011, die er bis zum Schluss nicht verlieren will.

Es schließt an als Live-Darbietung Isabelle Faust mit „Chaconne“ aus der Partita Nr. 2 d-moll von J.S. Bach. Faust selber weint vor dem Auftritt, das Taschentuch fest im Griff. Sie hat mit Willemsen das Programm „In aller Stille“ aufgeführt. Stolz wie Oskar präsentierte Willemsen in der Sendung „Bauerfeind assistiert…“ das Tourplaklat von Faust und ihm bei seiner Floristin Frau Lichtenknecker.

Akt 5: Für die Fremde

Sein Engagement in Afghanistan war ihm ein Herzensanliegen. Er ließ Kinder in Afghanistan ihre Erlebnisse zeichnen und brachte sie unter dem Titel „Es war einmal oder nicht“ (so beginnen Märchen in A.) heraus. Einen Großteil seines Vermögens widmete er seiner interkulturellen Arbeit. Fernab von Kameras und großem Auftritt. So wie er für seine Bücher reiste, in sich allein und mit möglichst geringer Entourage. Authentisch, so wollte er sein und so wollte er vor allem auch reisen, sich bewegen, sich den Menschen nähern, nähern können überhaupt. Seine Überzeugungen warf er auch dann nicht über Bord und seine grundlegende Contenance ebenso nicht, wenn Til Schweiger bei 3nach9 auf seine Thesen zu Afghanistan und den dortigen Einsatz der Bundeswehr torpedierte. Seine Überlegenheit zeigte sich dabei durch Nichttun aus (vgl. dazu dieses Video ab Minute 11:10).

Akt 6: Der Autor

Nach Fausts langer und gefühlvoller Darbietung auf der Geige, ergreift das Wort der sichtlich aufgeräumte und dennoch nahestehende Oliver Vogel. Vogel ist bei Willemsens lieb gewonnen Verlag S. Fischer Programmleiter für deutschsprachige Literatur. Er spricht bewusst vom „Autor Roger Willemsen“ nur um gleich anzuschließen, dass dies untrennbar vom Menschen sei. Und jede Charkterisierung als Autor sei auch eine des Menschen. Er berichtet vom Erfolg des letzten Buches.

Mit „Das hohe Haus“ schuf er ein besonderes Genre der Beobachtung. Willemsen wollte wieder „raus“ und „reisen“ und so zog es ihn in das deutsche Parlament. Mit allerlei spannenden Erlebnissen, die er auf gut 400 Seiten presste – oder als szenische Lesung den Menschen dieses Landes näherbrachte. Er verband dabei seine analytische Gabe mit der generellen Einordnung unserer Demokratie und deren Verortung in der Landschaft der Regierungen. Willemsen war nämlich durchaus politisch und nahm Stellung, z.B. 2013 zur Schweiz und deren (Abstimmungs-)verhalten zu Grenzen und Einwanderern. Dies untermauerte Willemsen mit der ihm passenden jovialen Eloquenz, „es könne nicht immer alles lustig sein“. Es gelte Verantwortung zu übernehmen.

Dann kommt Vogel zum wirklich emotionalen Teil seiner Rede. Willemsen wurde am 15.08. sechzig Jahre. Es war nach einer kleinen Feier am Geburtstag selber ein rauschendes Fest im S. Fischer Verlag geplant. So hatte es Willemsen auch bei der Aufzeichnung von THADEUSZ geäußert. Doch war er kurz nach seinem Geburtstag nicht mehr erreichbar gewesen – nach der Diagnose. Wie ich heute weiß, war diese von Anfang an wohl infaust – hoffnunslos. Vogel sollte auf dem Fest eine Rede halten. Und wurde ausgeladen. Stattdessen sollte er auf der Trauerfeier sprechen. So habe es sich Willemsen gewünscht. Und so wurde aus dem Geburtstagsbuch seines Verlages „Der leidenschaftliche Zeitgenosse – Zum Werk von Roger Willemsen“ ein Buch zum Abschluss des Lebens von Roger Willemsens. Als Mensch, als Publizist, als Fernsehmacher. Es ist eine Bibel für alle die Willemsen mögen, verehren, lieben, bewundern. Oder verachten. Auf über 500 Seiten wird seinem Lebenswerk gedacht. Als wenn er lebte. Denn im Cover tut er das noch. Und so wirkt es wir ein überholter Abschied mit der kleinen Hoffnung, die Szene auf dem Ohlsdorfer Friedhof sei nur NDR-Fiktionsprogramm. Extra3 oder so. Der Kern allen seins war für Willemsen bei aller gewollten Vereinzelung dass Gespräch. Und so führt durch das gesamte Buch ein Dialog von Herausgeberin Insa Wilke mit W. In vier Hauptkapiteln wird seine Vita und sein damit verbundenes Oeuvre strukturiert, verortet und beleuchtet. So ist im Kapitel „Anfänge“ seine Abiturrede vom 25. Juni 1976 zu lesen, oder ein Fragment seines Romans, den er sich selber nicht mehr imstande sah zu vollenden. Und auch die bereits bestehenden Fragmente nicht mehr in gleicher Qualität erstellen zu vermochte (vgl. „Bauerfeind assistiert…„).  Im Kapitel „Schreiben und Reisen“ wird Willemsens Fernweh und Entdeckungswille erarbeitet. So sind es, wie in allen Kapiteln, Arbeitsfragmente, Interviews oder Fremdbetrachtungen die eine Perspektivvielfalt gewähren. In „Teilnehmen“ geben Mitreisende, Weggefährten und Komplizen Einblick in seine Art der Teilnahme an Projekten, die er gerne als „Komplizenschaft“ bezeichnete. Der abschließende Teil „Schauen, Sprechen, Zuhören“ sind sowohl Fragmente seiner Fernsehzeit als auch die Trauerrede für Dieter Hildebrandt vereint. Die Buchteile sind so frei gestaltet wie Willemsen es immer auch als Mensche war. Eine Fundgrube in der man wild hin- und herblättern kann und soll. Mit Bildern und Abbildungen, z.B. aus dem Gästebuch von „Willemsens Woche“. Und auch der Anhang sei nicht zu verachten: Er gibt einen vollständigen Überblick über Willemsens Werke jeglicher Art (Buchangaben am Ende des Textes).

u1_978-3-10-002422-0 (1)
Quelle: S. Fischer Verlag

Akt 7: Der Mann

Die Reige der Redner/-innen schließen tut die Autorin Katja Scholtz. Hier blieb mir in Erinnerung, dass sie den kecken, schnittigen Mann Roger Willemsen beschrieb. Der der öffentlich bekanntgab, Liebe halte nicht länger als zwei Jahre. Und daher der ewige Junggeselle blieb. Der der sich in der Jugend als „libidinös unerlöst“ bezeichnete und aus einer traurigen Zeit ein eloquentes Schauspiel rückwärtiger Verklärung zauberte. Junggeselle sein zu müssen war auch immer seine Begründung zum Erhalt und Legitimation seines unsteten Lebenswandels und den Gefahren bei seinen Reisen. Er könne sich diesen nicht aussetzen wenn er zuhause Verantwortung für andere trüge, so Willemsen in THADEUSZ.

Es schließt die Trauerfeier mit Keith Jarrett: „Blame It On My Youth, Meditation“.
Jeder bekommt einen Topf Ranunkeln. Der Ohlsdorfer S-Bahnhof ist danach ein sich verstreuendes Meer an Ranunkeln, seinen Lieblingsblumen (vgl. Bauerfeind assistiert).

Er habe in einem persönlichen Gespräch mit einem der Trauerredner geäußert:
„Ich bin mit mir im Reinen. Ich bin mit mir im Reinen.“

Eines hatte uns Willemsen schon immer voraus; schon lange zu Lebzeiten. Es ist der Satz, der seine Traueranzeige zu einer Erweiterung seines literarischen Schaffens macht.

„Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.“

Alles Liebe, lieber Roger Willemsen.

Alle Reden finden Sie im Blog des S. Fischer Verlags hier.


Ich danke dem S. Fischer Verlag herzlich für die kostenfreie Stellung eines Rezensionsexemplars von „Der leidenschaftliche Zeitgenosse – Zum Werk von Roger Willemsen“.

Roger Willemsen…
Bibliographie
Nachruf der ZEIT
Keynote „Die Kunst des Streitens in der Mediengesellschaft“
bei Bauerfeind assistiert
bei Wortwechsel
bei SWR 1 Leute, 1
bei SWR 1 Leute, 2
bei SWR Unitalk

Alle Video-Screenshots: Youtube.com

Quelle: Büro Roger Willemsen
Ein persönlich signiertes Exemplar hat nicht mehr sein sollen. Aber durch Zufall habe ich bei Amazon ein signiertes Exemplar bekommen. Foto: JCB

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑