Erste Medienkolumne auf freitag.de

Ich bin sehr glücklich! Heute erschien meine erste Medienkolumne, nein meine erste Kolumne überhaupt und das auf freitag.de zum Literarischen Quartett auf ZDF.

Viel Freude beim Lesen!

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Frühstückseier en masse: Moritz von Uslar

Was macht KiWi denn da grad für schöne Bücher? Ich bin wirklich begeistert! Nicht nur die Inhalte, auch die Ausstattung überzeugen mich sehr. Sei es das vorliegende Buch von von Uslar, als auch Weidermanns Dichtertreffen oder der Roman von Alexander Gorkow Hotel Laguna. Alle zeichnet eine liebevolle, aufwendige Ausstattung aus. Beide letztgenannten Bücher werde ich hier auch bald besprechen.

Nun aber zuerst zu Moritz von Uslars Sammelband seiner Frühstückskolumne Auf ein Frühstücksei mit…. Die Kolumne lief und läuft in der ZEIT und ist mir bisher nicht wirklich präsent gewesen, obgleich ich über ihr Vorhandensein wusste. Nicht zuletzt ob der Kolumne mit und über Michel Friedman, den ich als Journalist langzeitbeobachte.

Mit wem spricht von Uslar? Mit vielen, die ich sofort sprechen würde: Steffen Seibert (Omelette), Michel Friedman (gekochtes Ei), Ulrich Wickert (gekochtes Landei), Leander Haußmann (hart gekochte Eier), Caren Miosga (Spiegeleier), Nikolaus Blome (Spiegeleier). Und viele andere aus dem politischen und kulturellen Berlin, meistens Berlin. Auch Selige wie Peter Scholl-Latour (Club Sandwich) und Hellmuth Karasek (Eier im Martini-Glas) kommen noch zu Wort.

Otto Schily nimmt sie wirklich, Eier im Glas – kannte ich nur vom Hörensagen.

Inga Humpe kann keine bestellen, da es keine Bio-Eier gibt.

Joseph Vogel nimmt Weißwürstl statt Eier.

Einzeln fand ich selbige Kolumne etwas dünn, wenn auch nett zu lesen. Im Kollektiv werden diese Kolumnen aber erst schön. Nicht nur die habituelle und schon gelobte Aufmachung, sondern das Vergleichen können. Wer nimmt wirklich ein Frühstücksei, wer keins? Wer wählt welche Zubereitung? Im Glas, Spiegelei, hartgekocht, weichgekocht. Und: Wo findet das ganze statt und um welche Uhrzeit? Allein diese ersten zehn Zeilen machen es für mich spannend zu lesen. Ich bin ein großer Verfechter der Einleitung von Interviews mit der Situation vor Ort. Viele lässt sich daraus spüren, wie ein Interview verläuft. Und ganz nebenbei wird das Buch zum Frühstücks-Ratgeber.

In den vorliegenden Kolumnen ist dies häufig in den bekannten Café Einsteins, im Adlon oder in Berliner Szenecafés. Was von Uslar in seinen 99-Fragen-Interviews ausführlich macht, rafft er hier in einer Fast-Forward-Wiedergabe zusammen: Interviews von sicher einer Stunde und manchmal mehr, fasst er auf meistens zweieinhalb Buchseiten gekonnt zusammen. Sortiert das unwichtige und markiert das Markige. Er arbeitet mit kurzen Sätzen, stakkatohaft und so wünscht man sich am Ende manchmal doch, es wäre in dem Stil weitergegangen, aber eben länger.

Für mich beweist dieses Buch, dass das Zusammenführen von Kolumnen nicht immer eine Zweitverwertung des Geldes wegen ist, sondern Gesprächen nochmal einen kräftigeren Charakter geben kann.

Für meinen Geschmack ein wirklich lohnender Kauf.

Moritz von Uslar, Auf ein Frühstücksei mit… ist erschienen bei KiWi

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Stille

Wir brauchen sie, um nicht verrückt zu werden. Wir verachten sie, weil sie uns verrückt macht. Wir benötigen sie, wenn wir sie am wenigsten bekommen können. Und wir treten sie, weil wir sie nicht achten.

 

 

 

 

 

 

 

Stille.

 

 

 

Was ist Stille?

 

Ich weiß es nicht.
Der Autor auch nicht.

Aber er weiß etwas.

 

— dass wir sie brauchen. Dringend. Mehr. Wieder. Bewusster.

 

Der Lärm nimmt von uns Besitz, wird immer selbstredender. Lärm nicht nur in Dezibel. In Licht, Schatten, Blinken. Ansprache.

Alles, so übergriffig, ohne Distanz, mit immer währender Dringlichkeit.

Erdrückend. Erstickend ohne Atemnot.

 

Der norwegische Autor, der Rechtsanwalt, Verleger und Extremsportler wurde von der Welt wie wir sie kennen fast erdrückt. Er rannte um sein Leben und fand es im Extremsport. Doch das eine verdrängt dabei das andere.

 

Pest, Cholera. Menschenmengen wie Schneemengen.

 

In diesem leisen Buch in fast Steidl-artiger Produktion mit leisen Bilder von u.a Ed Ruscha (sehr Steidl-like) versucht Kagge 33 Versuche über die Stille.

 

 

 

Und die gelingen ihm. Das Buch gelingt und ist im stillen Einklang mit der Aufmachung. Den Bildern, dem glatten, dicken Papier.

 

Und es ist subtil.

 

Der Umschlag weiß, nur Schrift. Wenn Sie den Einband heben ist sie weg.

 

 

 

……..Wer?

 

 

 

Sie.

 

 

 

 

 

 

 

Die Stille.

 

 

 

Erling Kagge: Stille – Ein Wegweiser, Insel Verlag

 

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rom, Villa Massimo

Der Augenblick verweile auch in der schönsten Umgebung nicht, schreibt Eva Sichelschmidt (Rezension ihres Debüts hier). Und sie muss es wissen. Seit mehreren Jahren pendelt sie zwischen Berlin und Rom mit ihrem Mann, dem Lyriker Durs Grünbein. In ihrem kürzlich erschienen Artikel aus Rom, beschreibt sie mehrere Orte der italienischen Oase des urbanen la dolce vita. Und als erstes: Die Villa Massimo.

Eine deutsche Enklave mitten in Rom. Eine Künstlersiedlung, die Stipendien vergibt und die Künstler für fast ein Jahr aufnimmt, ihnen einen monatliche Apanage zahlt und sie einfach machen lässt. Ausgehend von Bildenden Künstlern, wirken die aneinandergereihten Studios für Schriftsteller beinahe überdimensioniert. Mit großen Fensterfronten und damit viel Licht, der die Studios flutet. Eingebettet in beste Gartenatmosphäre, nichts zu sehen vom Straßenlärm der Großstadt.

Hanns-Josef Ortheil wirkt wie ein typisch näselnder Schriftsteller, der gern in seiner Kammer sitzt und schreibt. Aber er wirkt nicht nur so, er ist es auch. Dabei ist er gerne etwas selbstreferentiell, er lässt den Leser an seinem Leben und Wirken als Autor teilhaben. Mal in eigener Person, mal in einem alter ego.

Sein alter ego im vorliegenden Buch ist der Wuppertaler Lyriker Peter Ka, 35 Jahre alt, bettelarm und dennoch einigermaßen zufrieden mit seiner Situation und seinem Wohnort. Hier schließt sich der Kreis. Auch Sichelschmidt, wie Ka, kommen aus Wuppertal. Doch für Sichelschmidt stand schnell fest, dass sie dort nur wegwill. Nach Berlin. Für den lethargischen Ka ist das keine Option, er rastet in seiner rastschwangeren Art der gelebten Armut. Alles für die Kunst.

Ortheil lässt seine Doublette also nach kurzer Einführung in Rom ein Stpendium antreten. Was wirklich schön geriet sind die Erlebnisse, die Peter Ka alleine durchlebt. Wie er sein Atelier betritt, den Kontakt zu Dritten meidet, das Uve e Forme entdeckt, sich durch Käse und Wein schmaust und seine Gedanken collagiert. So hätte es für mich weitergehen können, die anderen Künstler des Jahrgangs hätten noch farbloser werden können, blieben die Beschreibungen des Seins im Umfeld der Villa gleich. Doch leider führt Ortheil die Malerin aus Studio X ein, um der ganzen Storyline doch eine rechtfertigende Verlaufskurve der unerfüllten Liebe zu einer strangen Frau anzugedeihen. Es tut nicht weiter weh, hätte aber auch fehlen dürfen. Ich bin von Handke verwöhnt, das Erleben auf die Innenwelt der Außenwelt des Autors zu beschränkt zu erlesen.

Doch dennoch, es ist eine Lektüre für zwei lange Cortados bei schönem Wetter im Café.

Als btb-Taschenbuch erschienen: Hanns-Josef Ortheil, Rom Villa Massimo

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Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

Rezension: die taugenichtse

Hörtipp: Al Stewart: On The Border

Wir sitzen samstags im Café, ich und meine Männerrunde. Wir rauchen Zigarren und versuchen dabei nicht so zu sein, wie Männer, die Zigarre rauchen. Ich zumindest vor allem. Was mich nicht loben soll, sondern eher beschreiben.

Meine Runde ist politisch durchmischt, doch eher mischt sie sich um Konservative. Ich bin der Rote, der Linke, der „Kommunist“. Die Sicht bestimmt die Wahrnehmung, die politische und kosmopolitische Erfahrung ebenso. Und so sitzen wir im Café und mein einer Bekannter stößt mitten im Gespräch aus „Oh, schaut, wir sind in der Unterzahl!“ – ich schaue ihn an, antworte: „Hä, heute sind doch alle mal gekommen?“, und meine damit unseren erweiterten Besuchskreis aus Zigarrenrauchern. Er hingegen raunte dies ob der beiden Nebentische an denen Paare mit Kopftüchern und Vollbart sitzen. „Ja, das sind Touristen, und auch wenn nicht?!“.

Meinen Bekannten beruhigt das nur mäßig und dann doch wieder mehr, denn die Touri-Definition war ihm gar nicht aufgefallen. Nichtsdestotrotz müssen Menschen nicht Touristen sein, um sein zu dürfen! Die Divergenz zwischen seinem Einsamkeitserlebnis und meine Nicht-Wahrnehmung zeigt, wie wichtig es ist, in der Jugend schon multikulturell erzogen zu werden und fremde Länder zu sehen – außerhalb von Poollandschaften. Dann lernt man nämlich, dass in Minderzahl zu sein auf die meisten Orte dieser Welt zutrifft und dieses Gefühl auszuhalten und nicht in eine Art reflexhaften Verteidigungskampf zu gleiten, eine grundgütige und nötige Gabe ist.
Denn Anderssein ist normal, Fremdsein auch. Doch das fehlt hierzulande Menschen, die in ihrer Lokalbubble schwofen und maximal in das touristische Gehege Mallorcas „ausbrechen“, um dann doch alles zu finden, wie es sich der Landsmann eben so wünscht. Abwechslung unerwünscht, Einheimische auch gerne nicht und dann dieses fettige Essen! Gerhart Polt setzte dieser Spezies deutscher Urlaub „Man spricht Deutsh“ 1987 ein filmisches Denkmal.

Unverhofft kommt manchmal doch. So erblickte in meiner Packstation letztens ein Buch das Licht der Lesewelt, als ich es gar nicht erwartete, ja nichtmal wusste, es bestellt zu haben. Nun habe ich die Dreißiger Schallmauer doch durchschlagen und zweifele manchmal an meinen kognitiven Fähigkeiten, oder besser: den mnestischen.
Helmut Schmidt war übrigens zu Beginn seiner Autorenkarriere dabei nicht so erfolgreich und erkundigte sich in seinem Umfeld aktiv danach, wie man sich denn so viele Eindrücke merken könne. Jeder fängt mal kleiner an, auch ein ehemaliger Bundeskanzler /lesen Sie hierzu: Karlauf, Thomas: Helmut Schmidt – die späten Jahre/.
Aber lassen wir das. Ich entriss dem Buch seine papiernen Kleider und erblickte ein buntes, gebundenes Buch von dtv. Der mir wohlgesonnene und herzliche Verlagsmitarbeiter Z. schickte mir dieses zusammen mit einem handgeschriebenen Brief, welcher eine Replik auf meinen Brief war. Nun also verschmolz Brief und Geschenk in einem. Wie nett!

Der Verlag bewirbt das Buch mit seiner Aktualität und ich dachte mir nichts bei, sah in die freundlichen braunen Augen des Autors mit Bart und Strickpulli in schwarz-weiß und las bei Thong Thai in Frankfurt mit vollem Bauch los. Die Szene am Bahnhof erliegt einem Lachen, wenn man sich seiner eigenen agitierten Verwandschaft schon einmal schämen musste, der Text fließt und zeichnet ein Bild, was wirklich aktueller nicht sein könnte: junge Männer werden aus der Karibik in eine Welt geschwemmt, die fremder nicht sein könnte, in der sie sich zurecht finden, behaupten müssen und dann noch ihren verehrten und geliebten Anhang, eine Großfamilie, mit Informationen und Devisen versorgen sollen. Und mit dem Versprechen der erlebten Glückseligkeit. Genug Anlass zur Enttäuschung und kreisender Erregung diverser Familienmitglieder und Nachbarn zuhause. Und vom Wetter in London, den Eigenschaften der Inselbewohner und dem Gefühl doch niemals anzukommen, wollen wir nicht schreiben, sondern lesen.

Und ich denke mir nichts böses und sinniere, wie es wohl wäre, den Autor Samuel Selvon zu interviewen. Doch mein Begehr wird schnell bei Sichtung des Wikipedia-Eintrags zunichte gemacht, denn Selvon ist seit 1994 tot. Und umso ergreifender ist die Tatsache, dass sich an Emotionen, Erleben, Ängsten, Nöten nichts geändert zu haben scheint. Nur der Drang in eine andere, bessere, idealisierte Welt ist die Triebfeder mit Sack und ohne Pack durch Meere Wege aufzunehmen, die ein von Pommes verfetteter Deutscher sich nicht annähernd imaginieren kann. Das Buch kommt daher umso besser nun auf Deutsch daher, da es eine Vorahnung auf das geben wird, was jetzige Flüchtlinge „on duty“ erleiden müssen und uns eines Tages berichten werden.

Samuel Selvon, die taugenichtse ist erschienen bei dtv als gebundenes Buch

Ich danke dtv und insbesondere Z. für die freundliche Aufmerksamkeit.

Die Übersetzerin Miriam Mandelkow im Interview über das Buch, welches im Original seit 1956 vorliegt.

Hörtipp zum Abschluss: Men At Work: Who Can It Be Now

Rezension: Zuhause

Der Begriff "Zuhause" bedeutet für mich etwas magnetisches. In der Jugend will man real weg, später sehnt man sich in nicht zwingend zu erfüllender Realität zurück; beginnt wortlos Frieden zu schließen mit dem, was nicht so gut war, aber auch der Erkenntnis, alles hätte auch wirklich schlimmer, unangenehmer sein können. Sind doch für die heutige Situation auch viele heimatliche Dinge grundlegend gewesen, grundlegend gut.

Daniel Schreiber legte 2014 einen Bestseller über seinen Weg aus der Alkoholsucht vor, nun legt er nach, in dem er über Heimat, seine Heimat sinniert. Man spricht hierbei von einem Essay, darüber bin ich nicht glücklich. Es ist eher ein persönlicher Leidensbericht.

Schreiber berichtet über dunkle Phasen, über ein Nicht-Ankommen in der eigenen Person. Die Frage ist also, ob man sich so außerhalb der extremen Ich-Zentrierung Schreibers, der Bedeutung "Zuhause" überhaupt nähern kann? Ich finde nicht. Und: ist Zuhause nicht ortsunabhängig, und in vielerleit Hinsicht zu verstehen? Ist Heimat nicht die Frage der Stunde?

Es sind die Berichte aus einem sicherlich nicht immer leichten Leben, allerdings immer mit einer Spur zu viel Zucker des selbstbestimmten Lebens zwischen Berlin und New York und London. Die Wahlfreiheit muss man erstmal haben, und dennoch scheint es alles final nicht glücklich zu machen, wenn man mit sich nicht im Reinen ist, einen Trennungen von einer Liebschaft so aus der Bahn werfen und Berliner Radfahrer als so störend empfunden werden, dass man wieder nach New York will.

Diese Erkenntnis hat der Autor auch selber, aber drumherum ist viel Text.

Es ist mir zu akademisch, großbürgerlich verkopft, wobei ich Schreibers Lage dennoch bedauere. Ob das als Essay über "Zuhause" zwischen zwei Buchdeckel gehört, möge der jeweilige Leser entscheiden. Mich hat es final nicht überzeugt.

Daniel Schreiber "Zuhause" ist erschienen bei Hanser Berlin.

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Ein Haus am Meer

Die Frage ist, was ist hier mehr Kunst: Die Texte oder die Ausstattung des Buches? Fangen wir mit der Ausstattung an: Die Verarbeitung hat schon Steidl-Charakter mit der groben Pappbroschur und dem eingelassenen Bild aus dem Nachlass Karl Bohrmanns. Den Gestaltern Hißmann, Heilmann aus Hamburg ist zu gratulieren für diese simple und dabei die Stimmung eines Hauses in Spanien perfekt aufzugreifen. Es erinnert an eine Hauswand mit davor reifenden Zitronen davor und eine je nach Tageslicht orange und gelb scheinende Sonne, nur bereichert durch einen leichten Luftzug.

Reinhild Böhnke hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Literaturnobelpreisträger von 2003, J. M. Coetzee, ins Deutsche zu übertragen. Wer sich mit Harry Rowohlts Werk befasst hat, weiß, dass Übersetzungen kein Kinderspiel sind, obwohl sich manche Übersetzer es daraus machen. Was man freilich merken kann.

In diesem schmalen Band sind drei kurze Geschichten vereint:

Ein Haus in Spanien aus 2000

Noteverloren von 2002

und

Er und sein Mann von 2003 (Rede zum Nobelpreis)

Alle drei haben wenig Handlung und keine turning point oder auch nur in irgend einer Art und Weise geartete „Action“. Und das macht es eben wieder so spannend, sich nicht in episch langen Episoden zu verlieren (wie so mancher Autor bei uns bekannten Wochenzeitungen), sondern einen Gedankenkomplex ohne viel Sahne und Schmand in einen dreidimensionalen Raum zu stellen und vorsichtig zu beleuchten, dabei Fragen und Antworten weitestgehend offen zu lassen.

So bearbeitet Coetzee in Ein Haus in Spanien die Frage nach der Liebe zu einem Haus, einem physischen Objekt, und fragt damit auch nach Heimat, nach Ankommen im gestiegenen Alter und final der Sinnfrage. Die Geschichte kommt aber wie ein seichter Sommerhauch und verschwindet ebenso wieder; dabei lässt sie aber die Gedanken an den Fragestellungen und verleitet zum Sinnieren.

In Nietverloren greift der Autor kritisch den Tourismus seiner Heimat Südafrika und die damit verbundene Scharade der Einwohner hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber Touristen auf und prangert an, beklagt und führt vor. Bleibt dennoch ruhig und doch wehleidig den sinnlose Riten gegenüber.

Das Buch ist sowohl handwerklich als auch inhaltlich schön und empfehlenswert. Ich habe es genossen, denn: Coetzee hat etwas zu sagen.

J.M. Coetzee, Ein Haus in Spanien, Drei Geschichten, erschienen bei S. Fischer

Ich danke dem Verlag, erhalte kein Honorar.

 

Rezension: Poe – Neuübersetzung

dtv hat hier in der Klassik ein ziemliches Brett an Druckqualität und inhaltlicher Neupräsentation hingelegt. Soweit die Vorschusslorbeeren vorweg. Man mag mich einen Dummen schimpfen, aber ich kannte Poe nur vom Hörensagen. In irgendeinem Radiointerview bezog sich der Interviewte immer wieder auf Poe und dessen gruselige Geschichten. In Ravensburg während einer Recherchereise drängte er sich dann wieder auf: Auf dem Bürgersteig lag ein Nachlass rum. Von wem und wieso, ließ sich nicht klären, aber eine Bücherkiste mit dem Vermerk „Er braucht es nicht mehr – bedienen Sie sich!“ offenbarte nicht nur Werke zur Analyse der DDR als die DDR noch wirklich lebte, sondern eben auch eine schmale Poe-Ausgabe. Leider war diese schon so ranzig, dass ein Lesen nicht möglich war. Dennoch wird sie mit Liebe in einer Weinkiste verwahrt – bis ich sie nicht mehr brauche.

Horrorgeschichten sind nicht mein Genre, so habe ich doch diese Art Erlebnisse ganz bewusst in meinem ersten Berufsleben, im Rettungsdienst, als aktiv Beiwohnender durchlebt. Es macht für viele im Leben noch wartende Ereignisse ruhiger, lässt die kapitalistisch dressierte Mehrheit der Menschen manchmal derartig grotesk wirken, dass es einen schaudern lässt. Menschen, die traurig sind, wenn sie nicht bei jedem Besuch einer Innenstadt oder einer Mall nicht irgendwas kaufen können. Ich verstehe immer gar nicht, was diese Menschen denn immer kaufen wollen. Ich erahne aber, dass es eine kompensatorische Handlung für etwas ist, was ihnen so fehlt, dass es um aller Willen ersetzt werden muss durch den kurzen Kick der Inbesitznahme neuer Konsumgüter. So gibt es also auch beim Horror eine Vielzahl von Wirklichkeiten des Erlebten, Watzlawick sei hier mehr als verifiziert.

Wenn existentialistischer Horror weiter weg ist als irgend möglich, ergeben sich zwangsläufig neue zu erlebende Katastrophenszenarien, und sei es das nicht mehr vorhandene Shirt in XS (XS, natürlich!) bei H&M. Dramen ihrer selbst Willen, mit dem sekundären Gewinn der geheuchelt und dennoch gern angenommenen Geste des Mitgefühls sogenannter Freunde.
Apropos Freunde: Beobachten Sie mal „Freunde“ im Café. Freundschaft ist auch so eine Art Konsumgut geworden, das Propagieren ganz besonderer Enge und Zuneigung erfüllt den Schall der Häuserschluchten und Balkone. Man mag sich, liebt sich unendlich und könnte nie wieder ohneeinander. Nicht realer könnte das diametral sich Bahnbrechende sein. Die Niederschwelligkeit des Über-Bord-Werfens bisheriger Schwüre könnte nicht tiefer liegen als der Einer im Schwimmbad. Konvergent ist hier nur die Einigkeit über die Wichtigkeit von Freundschaften in der exzentrischen, außengeleiteten Auslebung.

Kitschig sind Erinnerungen und es gibt nie die eine Erinnerung, dennoch kann ein abstrakter Begriff wie „krass“ auch für mehrere an einem Erlebnis teilhabende Personen eine Umschreibung für das sein, was sie gemeinsam und doch jeder für sich erlebt haben.
Es ist ein Nachteinsatz im Sommer, kurz nach Mitternacht, Geisterstunde. Verletzte Person! wird gemeldet, die Anfahrt erfolgt mit dem üblichen Trara an Sonder- und Wegerechten, das Blaulicht zuckt stroboskopartig durch die Nacht, die Wege sind frei. Bei Erreichen der Einsatzstelle ist es aber kein Haus, keine Definitivum, sondern ein Park mit Teich und -passend zur Stunde- Nebel, der durch selbigen wabert. Mehrere Polizeifahrzeuge verstärken den Eindruck, dass die Verletzung vielleicht doch anders gelagert ist, als es das Wort im Arbeitsalltag erahnen lässt, verbunden mit dem kaum daran anschließenden Ereignis, dass ein Polizist panisch entgegen rennt und die Hilfe forciert anfordert – der verblutet uns! Durch den Nebel mit dem Notfallkoffer hechtend, erschließt sich eine Szene, die Poe sicher als Story gefallen hätte. Ein Mann, scheinbar jung, liegt zum Boden gedreht auf dem Boden, ein schwarzes Poloshirt tragend, ohne Reaktion. Unter dem Poloshirt ragen schwarze Kabel hervor, es ist ein Defibrillator, den die Polizisten angeschlossen haben.

Vieles hat man in der Ausbildung durchgekaut und so fiktiver die Situation klang, desto weniger hat man zugehört. Reiner Reflex, kein böser Wille.  Der junge Mann hingegen stellte nun so ein real werdendes Fiktivum dar. Man klärt uns auf, er sei hier im Park überfallen worden, niedergestochen. Zig mal hat man so etwas in der Zeitung gelesen, in depperten Krimis den geschminkten Mimen zugeschaut. Doch das, was beim Hochschieben des Shirts sich entblößt, hat etwas ganz anderes bei sich: es ist real. Der junge Mann hat mehrere Einstichstellen über den Rücken verteilt. Echte Einstichstellen, nicht geschminkt, nicht fingiert. Jemand hat ihm wirklich sechs mal in den Rücken ein Messer gerammt. Es blutet kaum, sieht eher aus wie ein Toastbrot aus dem Marmelade quillt. Ach du Schreck! – es sind keine großen, keine prosaischen Gedanken, die einem in diesem Moment durch den Kopf gehen. Die Realität ist kein Drehbuch, sie ist profan und doch tödlich. Dass er wenig blutet, mag beruhigen, weiß man aber doch, dass gerade das herausgezogene Tatwerkzeug die Gefährlichkeit erhöht, der Patient blutet nach innen, die innere Blutungen werden durch nichts mehr tamponiert, gehindert. Der junge Mann ist wach, ansprechbar, und hat so gar nichts theatralisches an sich, was man gemeinhin erwartet. Er lebt. Noch.

Edgar Allan Poe lebte zu einer Zeit, die vergangen ist, weit weg von Fotos und heutzutage als wahrhaft erlebter Dokumentation. Sein Lebens- und vielmehr Leidensweg ist wenig valide dokumentiert, streckenweise taucht er somit ungewollt ab, ist in seiner Entwicklung nicht beschreibbar.

Kunst soll überfordern, sagte Roger Willemsen immer mit tiefer Inbrunst, doch die Menschen wollen lieber ihr Eigenheim und einen Kleinwagen, lässt Lars Kraume die reale Figur Fritz Bauer sagen. Die Menschen strengen sich ungern an und wenn dann nur der Schau wegen. Dauer ist hier ein wichtiger Faktor der Glaubhaftigkeit von Anstrengung. Kurz und tiefgehend, das ergibt keinen Pathos, keine Wahrhaftigkeit. Tiefe ist schwer beschreibbar, schwer beweisbar – ohne das die Notwendigkeit von Beweisbarkeit plausibel darlegbar ist. Und sie ist dem Zeitgeist geschuldet. Der jetzige verdingt sich in Körperlichkeit, in Darstellung, weniger in Aufklärung. Askese und Richtigkeit in der Masse sind die Werte der Zeit. Jetzt. Noch.

Poe ereilte das Schicksal der Zeit in der er lebte und produzierte. Die Rezeption seines Werkes fand nicht statt, die Progressivität entfaltet sich asynchron seiner Lebenszeit. Charles Baudelaire schaffte es, ihn zu platzieren, in Frankreich, zu einer anderen Zeit. Hätte es Poe erfreut, mit welcher Mühe und Hingabe nun sein Werk in mehreren Bänden verlegt, gestaltet und interpretiert wird?

Andreas Nohl hat sich an eine Neuübersetzung Poes Konvoluts „Unheimlicher Geschichten“ gemacht und hat dabei wieder eine neue Wirklichkeit erschaffen. Die Anmerkungen des Übersetzers listen dabei eine Vielzahl vorheriger Versionen auf, und klärt auf, diese solle nun weniger verklären, weniger Poe in einen schmalzigen historischen Kontext setzen. Ein Destillat, der Komplexität deutscher Sprache bedingt ausgedünnt, um die eigentlichen Geschichten nicht zu verschwurbeln. Dass man überhaupt weiß, wer sich da so viel Arbeit gemacht hat, verdankt die Branche der Übersetzer ohne Gesicht Harry Rowohlt. Er hat seinerzeit bei Suhrkamp darauf bestanden, nicht in „6 Punkt in der Titelei unterzugehen“ und legte Übersetzungen von Werken vor, die bis dahin als nicht übersetzbar galten. Schade ist daher, nicht dass die Anmerkungen des Übersetzers überhaupt stattfinden, aber doch gar unpersönlich und ohne Signatur daherschreiten. Schön ist aber, dass sein Name auf dem Titel ebenso groß geschrieben wird, wie Baudelaires Herausgeberschaft. Wie wichtig eine Neuübersetzung sein kann, welche Schnitzer der alten Version anhaften können, erlebt man bei der ebenfalls bei dtv erschienen Neuübersetzung von Ein Winter auf Mallorca von George Sand.

Das Wirklichkeit und Wahrnehmung mehrschichtiger Natur ist, beweist sich in dem Hinweis Nohls, eine Ausgabe hätte der „namhafte Übersetzer Hans Wollschläger“ mitübersetzt. Harry Rowohlt äußert sich hingegen in seinen aktuell in der Edition Tiamat veröffentlichten Audio-Autobiographie-Gesprächen abfällig über W. – Rechthaben ist dabei die Perspektive.

Bücher braucht man nicht zu lesen, um sie zu lieben, es gibt hierfür sogar ein japanisches Wortgebilde. Für Menschen dieser Art Leserschaft sei auch dieses Buch geeignet, und das nicht im abfälligen Blick. Das Buch lohnt sich zu kaufen, nur um es in seiner Ausstattung zu genießen. Es ist sattes, glattes, gelbstichiges Papier mit unglaublich exaktem Druckergebnis – auch mit Lupe begutachtet. Die Geschichten können genug atmen, haben genug Weißseiten zum Sich-Entfalten. Der transparente Umschlag erinnert an Butterbrotpapier; in der Kindheit versteckte sich darin auch immer etwas leckeres oder grausames. Wer den Umschlag ablöst, den lässt er erinnern, dass es immer zwei Seiten einer Sache gibt, mindestens. Denn der Schwan auf dem Umschlag wird auf dem Buch selbst zu einem Skelett. Horror je nach Sichtweise.

Der junge Mann liegt auf der Wiese, der Nebel umschwirrt alles. Mag also in Horrorgeschichten nicht alles ausgedacht sein, der Nebel ist wahrhaftig. Auf die Wunden drücken, immer auf die Wunden drücken!, doch wie bei gleich sechs Einstichen? Mehrere Hände werden gebraucht, denn die allgemeine Versorgung muss auch stattfinden. Die Erfahrung, dass die Stichwunden -wie sonst immer- nicht aufgeschminkt sind, erlebt man, wenn man die Kompresse fest aufdrückt. Da ist ein Loch, ein wirkliches Loch in der Haut eines sonst unversehrt scheinenden jungen Mannes, der wir ein Fremdkörper auf dieser Wiese, in einem am Tag sicherlich heimeligen Parks, liegt. Schnell transportieren, Load & Go, liegt in der Luft, eine flimmernde Angst und die erlebte Erkenntnis, dass es Horror doch gibt. Im englischen Sprachgebrauch drückt das Wort „rush“ diese Arbeit gut aus. So rushen wir mit dem jungen Mann mit Infusionen und pressierten Kompressen Richtung Krankenhaus. Er überlebt. Die Stiche gingen immer knapp neben lebenswichtige Organe oder Organstrukturen. Er hatte Glück, so wie Poe Pech hatte, nicht rezipiert zu werden seinerzeit. Es sind Beschreibungsvehikel für etwas, was nicht so eingetreten ist, wie man es sich wünscht. Was der Täter sich hingegen wünschte, ist nicht überliefert, ähnlich wie Poe es gefunden hätte, anerkannt zu werden.

Warum etwas zum Horror wird, ist höchst subjektiv, die Auslöseschwelle dem Zeitgeist geschuldet. Weshalb der junge Mann übersät wurde mit Einstichen, ist hingegen ein lebloser Gegenstand.

Es war ein Konsumgut.

Edgar Allan Poe Unheimliche geschichten, übersetzt von Andreas Nohl und herausgegeben von Charles Baudelaire ist erschienen bei dtv

Ich danke dem Verlag, insbesondere Herrn Z.; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Auerhaus

Ja, keine Diskussion, ganz tolles Buch. Wenn ich ein Buch an einem Stück mit Nackenschmerzen durchlese und dabei ein Brot esse und in das Buch die Marmelade tropft und ich diese ohne Groll wegwische, um weiterlesen zu können, dann, ja dann ist es ein wirklich tolles Buch.

Bov Bjerg hat so einen Klassiker der Jugendretrospektive geschaffen, ähnlich wie Frank Goosen mit liegen lernen und So viel Zeit. Die Sechsergruppe, die nicht unterschiedlicher sein könnte, nicht aus grundsätzlich anderen Himmelsrichtungen kommen könnte und dennoch sich in diesem baufälligen Haus zusammenfindet, in dessen fensterlosen Lagerraum nicht nur Material gelagert wurde in der Vergangenheit.

Bjerg zeigt uns im großen Erzählbogen nicht nur die Lebenswege am Ende der Schule und kurz danach, die damaligen Unsicherheit der Wehrpflicht, die Planlosigkeit auf das Leben, er übt auch Gesellschaftskritik und beweist, dass ein Happy End doch nicht die reale Lösung für die meisten Leben sind. Er kreist um das Thema Suizid und bleibt doch immer ästhetisch dabei.

Er schafft in wenigen Absätzen meisterliche Pointen, Spannungsaufbau und scharfe Systemkritik und dann wieder großes Lachen der gemeinsamen Erlebnisse. Das Buch ist wie ein schöner Abend mit traurigen Momenten und der realen Erkenntnis, dass Lebenswege eben doch nicht planbar sind, das Zusammenhalten des jungen Teams auch mehr Illusion ist und die Zeit dieser Epoche eben doch begrenzt ist. Hesses Stufen sind hier in Prosa ausgeschrieben.

Ich möchte gar nicht viel mehr erzählen, der Text ist ein Schatz und so schön verdichtet und dennoch leichtgängig, die Personen so scharf gezeichnet, dass sie dem Text entsteigen und einen mitleiden lassen, so real dass man sich mit ihnen freut und doch auf eines hofft: ein Happy End.

Neben der grandiosen Geschichte, ist das Buch in seiner Taschenbuchausstattung außergewöhnlich hochwertig und ein Kauf für sich wert.

Bov Bjerg: Auerhaus, erschienen beim Aufbau Verlag

Rezension: Die Badende von Moritzburg

Literatur soll unterhalten. Das wird leider häufiger vergessen und ein Buch darf gerne mehr hinterlassen, als nur ein profan erlebtes Durchlesen. Bestimmte Bücher verbinde ich mit einem konkreten Ton an Gefühl; auch über Jahre hinweg. Hierbei fallen mir zu allererst Ein Winter in Wien und Der Trafikant ein.

Ein Freund von mir würde ziemlich negativ von Belletristik sprechen. Das ist natürlich quatsch, alles fernab von sogenannter Hochliteratur runter zu reden. So älter ich werde, desto mehr halte ich es demokratisch: Hauptsache, die Menschen lesen und vor allem: träumen. 

Der Autor Michael Meisheit hat mich hierbei letztens beeindruckt; bei ihm habe ich die Haltung eines Autors zu seinem Genre erlebt. Auch wenn sie seicht, unterhaltend, oder sonst wie erscheint, wenn sie Leser/innen findet, dann ist es (in der Regel) gut.

Die Badende von Moritzburg ist eine kleine, knapp hundertseitige Novelle aus dem Hause Rowohlt unter der Ägide des Imprints Kindler.  Der Autor Ralf Günther ist Schriftsteller und Drehbuchautor und hat einen seichten Sommerwind in Textform hingelegt. Das Buch liest sich leicht von der Hand, ich habe es auf meinem Balkon in der Abendsonne konsumiert und genossen wie einen guten Weißwein. Es ist stilvoll gebunden und hat -was mir wichtig ist- ein Leseband.

Es ist um 1910, als Günther seine Protagonistin Clara auftreten lässt. Eine junge Frau aus gutem Hause mit – das würde man heute diagnostizieren – Panikattacken, ob ungelöster Libido und einer verpflichtenden Stellvertreterfunktion für die verstorbene Mutter gegenüber dem Vater. Diese Anfälle akuter Luftnot führt sie nun in ein Sanatorium; der dortige Arzt ist vertretungsweise tätig und diese Betrachtung zeigt allererst den Spiegel, welche rasante Entwicklung die Medizin (und damit die Ansichten!) in nur hundert Jahren erlebt hat.

Mit – aus heutiger Sicht – sinnfreien Luftbädern wird versucht, die Patientinnen wieder fit zu bekommen. Ersatz-Arzt Dr. Brandstetter entpuppt sich als jungenhafter Vertreter seiner Zunft, der die aufkommende, progressive Lehre von Freud kennt und mit psychoanalytischen Settings die irritierte Clara zu kurieren versucht. Eine bahnbrechende Aktion für die damalige Zeit, insbesondere in dieser Geschlechterkonstellation.

Neben dem Faktum der sich entwickelnden Psychotherapie, beleuchtet Günther gefühlvoll das Aufblühen der sexuellen Selbstbestimmung und lässt Clara mit Dr. Brandstetter nach Moritzburg reisen (was ein gesellschaftlich ziemlich heißer Reifen war!).

Dort lernt Clara Menschen kennen, die eine Lebensstil fernab jeglicher Vorstellung führen und doch näher an unserem jetzigen Lebensstil sind, als der damalig situierte. Die Reise in die Sommerhitze von Moritzburg wird Claras Leben für immer beeinflussen.

Die Badende von Moritzburg von Ralf Günther ist bei Kindler/Rowohlt erschienen

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

Rezension: Memoiren Günther Maria Halmer

Lassen Sie uns den Spannungsbogen rausnehmen: Es ist wider Erwarten ein sehr lesenswertes, gut geschriebenes Buch. Harald Schmidt wird hingegen nicht müde, vor schriftstellerischen Absonderungen langsam abhalfternder Schauspieler und Medienmenschen zu warnen. Mit oder ohne Co-Autor kommt da häufig etwas heraus, was, wie Karl Lagerfeld sagen würde, schade um die Bäume ist, die dafür abgeholzt wurden.

Dem Schauspieler Günther Maria Halmer bin ich bewusst erst begegnet im Fernsehen, als er schon graue Haare hatte. Wie viele aus den Geburtsjahrgängen der vierziger und fünfziger Jahre kenne ich ihn nur „alt“. Immer wieder verblüffend, doch aller subjektiver Logik widerstrebender Tatsache, dass die Leute doch auch mal jung waren und, ganz wichtig, jung handelten.

In der Rolle, die ihn für mich prägte, mag man meinen teilweisen Hang zu Trash im Weihnachtsumfeld erkennen, doch auch Trash kann man fulminant und authentisch spielen. Anlehnend an typische Weihnachtsstories mit dem damit einhergehenden Charakterwechsel vom Unmenschen zum Nächstenliebenden, spielt Halmer in
Oh Tannenbaum den vergrantelten Vermieter und Rechtsanwalt Dr. Wagner, der weder mit seiner Familie noch mit menschlichen Regungen im Allgemeinen etwas anfangen kann. Sein soziales Umfeld ist auf Sachlichkeit und Bezahlbarkeit stilisiert, was ihn oberflächlich nicht stört. Ein Wasserschaden in seinem Mehrfamilienhaus endet in seinem Penthouse nebst Nachbarn und Familie und: Happy End. Halmer spielte diese Rolle so treffend und herrlich, dass mir dieser Film noch zehn Jahre später präsent ist.

Überrascht hat mich dann der Schriftsteller Halmer allemal. Denn es ist bei mir sonst immer so, dass ich die Ergüsse in Memoiren über die Kindheit und Jugend eiskalt überspringe. Die Zeilen zwischen Selbstgenügsamkeit und Lamentieren nerven und sind dazu noch so stereotyp, dass man die Cover wechseln und die Stories doch noch passen könnten. Nicht so hier: Die Zeit seiner gescheiterten Kindheit in einem, sagen wir, eher suboptimalen Elternhaus, die ständigen Versuche in sich selbst ertränkender Coolness bei gleichzeitig anhaltender maßloser Orientierungslosigkeit den Weg in ein Leben zu finden, von dem keiner so weiß, was denn nun richtig ist und was nicht, bahnt sich eine Storyline bis in eine Asbestmühle in Kanada – fernab vom Schuss.

Dort wird Halmer sozialisiert und schafft es, auf sich selbst endlich zu hören, das Versagen qua äußerem Druck hinter sich zu lassen und den (intrinsischen!) Mut aufzubringen, an die Otto-Falckenberg-Schule zu gehen, dort zu bestehen und dann seinen Weg als Schauspieler zu gehen.

Mit Dietl und dessen „Tscharlie“-Hauptrolle für ihn, die Halmer mehr bekannt macht, als er wollte; die ihm den Imperativ der Bewunderung offenlegte (vgl. hierzu aktuelles Papst-Interview von Giovanni di Lorenzo). Danach folgten Engagements in der UdSSR und Indien – alles Erfahrungen die Halmer prägten und doch kann das letzte Drittel nicht die Spannung aufrechterhalten, die er in der Beschreibung von Kindheit und erfolgloser Adoleszenz schafft. Das ist aber auch egal! Denn diese Zeit ist mit soviel Herzblut und Selbstkritik und Abstraktionsvermögen abgebildet, dass man denkt, er sei schon immer Schriftsteller.

Ein lohnenswerter Kauf zum lesenden Abfahren eines Lebensweges fernab der gestriegelten Vitae.

Kurz zur Ausstattung: Das Buch ist schön gebunden, der Schutzumschlag treffend in Motiv und Verarbeitung, die Schrift etwas zu naiv und groß; das Lesezeichen fehlt.

Günther Maia Halmer: Fliegen kann jeder: Ansichten eines Widerborstigen ist erschienen bei C. Bertelsmann/ Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Die guten Dinge: Zigarren

Wie allgemein bekannt ist, bin ich seit sieben Jahren unter die Zigarrenraucher gegangen. Was mit  Zigarillos begann ging dann unter Anleitung eines väterlichen Freundes (Danke, Rainer!) weiter in Richtung Zigarren und dem ganzen Drumherum.

Das schlussendliche Rauchen einer Zigarre hat wenig mit dem zu tun, was man dabei erlebt. Es ist nicht zu vergleichen mit dem Rauchen einer Zigarette. Es ist, und das werden in unserer asketischen Periode viele zu bestreiten wagen, eine Lebensart, eine Auszeit und wahre Kontemplation. Ich habe dadurch gute Gesprächspartner gefunden und auch Freunde des gemeinsamen Genusses. Das Rauchen einer Zigarre muss man lernen, trainieren, scheitern. Manchmal verträgt man eine Zigarre, trotz jahrelanger Routine, nicht und einem wird so hundeübel, dass man es verflucht – nur um dann Tage später wieder anzufangen. Es hat etwas von Stil und ruhendem Genuss, sich hinzusetzen, Zeit zu nehmen und das Ritual des Auswählens, Anscheidens, Anzündens und dann kontrolliert-entspannten Rauchens zu genießen.

Daher haben viele Menschen keine guten Antesterinnerungen an Zigarren, weil sie unter falschen Vorzeichen „endlich mal eine dicke Zigarre“ zu irgendeinem scheinbar richtigem Zeitpunkt rauchen wollten. So geht das nicht. Sogleich zieht das Rauchen von Zigarren auch immer noch dämlich Snobs und dumme Menschen an, die das ganze (ernsthaft) als Statussymbol sehen und so deppert sind, dass man sich fremdschämt.

Ich rauche gerne Zigarren mit guten Freunden und dann ohne Zeitlimit, sondern als Auszeit und Genuß für uns. In der Öffentlichkeit wird es zusehends schwieriger, Zigarre zu rauchen. Von Clubs oder Zigarrenlounges mache ich eher Bögen, zu viele komische Kauze (siehe oben) treiben sich da rum. Abstand halten, so rate ich.

Etwas, das mir bis heute Sorge macht: Was soll man rauchen. Die schier endlose Auswahl, die ganzen Länder – sie überfordern mich bis heute. Da kann ich keinerlei Ratschläge geben. Ich mag große Auswahlen nicht – sowohl auf der Restaurantkarte, als auch im Humidor nicht. Außerdem vertrage ich keine starken Zigarren; diese knocken mich aus, und das ist gar nicht lustig. Es ist viel mit Probieren, viel Scheitern bis man seine Nische gefunden hat, was einem schmeckt und was man zu welcher Tageszeit und zu welcher Eigenkondition (die ist relevant zu beurteilen vor jedem Rauchen!) verträgt. Mir hat dabei der oben erwähnte väterliche Freund geholfen, mich durch diesen Dschungel an Marken, Anpreisungen etc. zu finden. Inzwischen rauche ich so 2-3 Formate von zwei Marken – das reicht mir.

Wo kaufen um Himmels willen? Auch das: Eine Pein, die mir durch einen engen Ratschlag erspart blieb. Ich bin „zuhause“ beim Dallmayr Tabacladen, dessen Pächter Marco Schum und sein Team mich gefühlig und unaufdringlich seit sieben Jahren „betreuen“. In anderen Tabakläden hatte ich eher mit arroganten Arschlöchern zu tun, die immer nach Kuba griffen und damit in meine Kasse – etwas, das ich gar nicht leiden kann. Aus Erfahrung nutze ich ein Gas-Sturmfeuerzeug der Marke Dupont (120 Euro), welches sich bis heute gelohnt hat – Streichhölzer sind ein Graus in Cafés wenn es nur ein wenig windet. Als Anschneider hingegen nutze ich nur günstige Geräte – alles andere verliere ich und pimpt auch nicht so, wie ich meinte (mein teurer Dupont-Anschneider gilt als verschollen). Humidore nutze ich nur günstige, kümmere mich aber um eine gute Humidität, anders versaut man sich einen Einkauf und das ist eine Katastrophe. Auch hier ist es Erfahrung, zu sehen, ob Zigarren frisch sind; manchmal hat man eine „schlechte Kiste“ und dann muss man das Rückgrat haben, diese umzutauschen. Wider Erwarten sind korrekte Händler da keinswegs zimperlich. Es gehört zum Business, es ist ein sehr fragiles Naturprodukt.

Achso, warum ich Ihnen eigentlich schreibe: Im Prestel-Verlag (Imprint von Random House für visuelle Bücher) ist in der Reihe „Die guten Dinge“ nun die Ausgabe „Zigarren“ erschienen. Es ist ein schönes, kleines Buch, und wirklich ideal für Grundinteressierte zum Einstieg und vor allem: es ist nicht von oben herab geschrieben, sondern nimmt den Leser an die Hand. Was leider dann doch etwas sehr zu kurz kommt, ist die Beschreibung und Bebilderung von ganz wichtigen Themen wie dem Umgang mit der Zigarre zum Rauchen. Hingegen die Herkunftsgebiete, Größen und so weiter sehr ausgiebig, für mich zu ausgiebig, besprochen werden. Nichtsdestotrotz, ein schönes Buch, was Sie daran sehen, dass ich mit dem Buch zum Humidor bin, und mir eine angesteckt habe. Deshalb kann ich nun nicht weiter schreiben, sonst vergeht meine Glut, und das wollen wir Zigarrenraucher am allerwenigsten.

Die guten Dinge: Zigarren ist erschienen bei Prestel/ Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Rezension: Was will die AfD?

Es gibt kaum einen Journalisten, der die AfD und ihr Umfeld so gut kennt wie Justus Bender.

— Buchbeschreibung Random House auf eigener Website

Es ist nicht immer dienlich vorzugeben, nur der eigene Autor kenne sich mit dem Thema des vorliegenden Werkes aus. So sind auch Melanie Amann mit ihrem Buch „Angst für Deutschland“ und Stephan Lamby mit seinem Film „Nervöse Republik“ gute Annäherungen gelungen. Grundlegend ist es nämlich wichtig und richtig, dass mehrere Vertreter der Presse aus unterschiedlichen Medien das Phänomen „AfD“ beobachten, beschreiben, bewerten, mahnen oder aber auch beschwichtigen.

Theo Sommer sagte ca. 2003 in einer Politikkonferenz der ZEIT, es habe schon immer und wird immer 12-15% rechten Bodensatz geben. Damit hat er sicher einerseits recht, doch der rechte Populismus hat einen Aufwind erfahren, der kritisch machen muss. Der beunruhigen darf. Überall fordern die Menschen in größer werdenden Mengen nach einer starken Person, die die Ungerechtigkeit bekämpft. Sei es Le Pen in Frankreich, Erdogan in der Türkei oder die AfD als Partei in Deutschland.

Die Menschen sind vom Kapitalismus oft in prekäre und gefühlte Randnot geraten und fühlen sich gedemütigt und wertlos. Geld ist nicht alles, aber in einer Konsumwelt ist kein Geld zu haben eben doch schlecht, so brachte es Philosoph Martin Seel -sinngemäß- bei Michel Friedman im Gespräch auf den Punkt (Friedman im Gespräch, Frankfurt 2013). Die Menschen arbeiten als modernes Dienstleistungsproletariat (Heinz Bude) und suchen sich Stellvertreter für das Ausagieren ihrer Ohnmacht.

Und da nach oben treten schwerer ist als nach unten, nach unten aber nicht mehr viel kommt, so sind es eben die Flüchtlinge und sonstigen Menschen, die aus Sicht der ganz unteren Mittelschicht zu dämonisieren sind (Zygmunt Bauman). Und die da oben, die sich die Taschen voll machen. Da passt es nur allzu gut, dass um die Ecke die rechten Populisten kommen und für alles Handstreichlösungen zu haben scheinen. Die Erfahrung zeigt aber, dass wenn ebendiese Personen Regierungsmacht haben, eben auch im Regierungsalltag untergehen; abgesehen von Erdogan, der mit seiner Präsidialmacht diese Ohnmacht der demokratischen Schutzmechanismen durch „Dekrete“ umgehen wird und flux die Todesstrafe wieder einführen will. Rückschritt leicht gemacht (Lesetipp: Die ZEIT 15/2017: Das Land der Ja-Sager)

Die subjektive Beobachtungsbeurteilung von Strömungen und gesellschaftlicher Entwicklung in Echtzeit und nicht mittels der Retrospektive ist schwierig. Oft wenn man solche Schriften später in die Hand nimmt, wirken sie naiv oder falsch oder beides. Oder es kam noch viel schlimmer.

Justus Bender hat ein gutes Buch über die AfD geschrieben. Es ist eingängig zu lesen, verständlich und kommt nicht so in einen Poesiealbum-Plauderton wie Melanie Amanns. Was will also diese Partei? Es gehe ihr um Freiheit, nicht im aufklärerischen Sinne, sondern das „Das wird man ja wohl nach sagen dürfen“-Gefühl soll wieder rechtschaffend etabliert sein. Sie geht auf Stimmenfang mit den scheinbar einfachen Lösungen, die aber im komplexen, globalisierten Gefüge eigentlich unmöglich sind.
Die Macht von Parteien, bzw. die Bereitschaft sie zu wählen, ergebe sich daraus, dass diese vorgäben, Lösungen für Probleme zu haben, für die es keine Lösungen gibt, so Soziologe Zygmunt Bauman in einem seiner letzten Essays („Die Angst vor den anderen“, Suhrkamp 2016) kurz vor seinem Tod in hohem Alter.

Bauman war es auch, der mit Anfang Neunzig (!) die Bedeutung von twitter und Co. heraushob. Sowohl als meinungsbildendes Instrument, aber auch als Unruheherd der Fehlinformation. Ohne das Internet, so Bender, hätte die AfD sich niemals so schnell entwickeln können, ohne physische Ortsvereine. Grundsätzlich ist die positive Komponente des Internets in dieser Eigenschaft hervorzuheben, dennoch es hier den „Falschen“ hilft. Der negative Teil dieser Internetgemeinschaft ist, dass sie sich zu einem selbstreferenziellen System entwickelt (Giovanni di Lorenzo, Dresdner Rede 2016), die in ihrem eigenen Sud aus Vorurteilen, unerfüllten Bedürfnissen und Kontrollverlust in Selbstmitleid und aufkeimenden Hass badet. Die Presse ist ob ihrer inländischen Genese per se Eliten(zuge)hörig und somit ab initio nicht ernst zu nehmen. So wie sich manche Pressevertreter gerieren kann man diese Abneigung gar nicht sofort niedermachen. Die hiesige Presse ist an der AfD und dem Vorwurf der „Lügenpresse“ gewachsen. Sie erkannte die Not der eigenen Souveränität und einen neuen Weg zur Transparenznotwendigkeit.

Bender wagt Gedankenexperimente zur Bundestagswahl 2017. Was wird es geben? Melanie Amann sagte hierzu im Interview mit diesem Blog, dass sie der AfD durchaus 16% zutraue. Das Aufregen über die AfD und deren Erfolge an sich, sei falsch, so Bender im Deutschlandfunk. Einen Politikwechsel empfehle er nicht. Doch darf bezweifelt werden, das reines Beobachten die Probleme der Menschen bändigt, die sich von der liberalen Elite unterdrückt fühlen (dabei ist es egal, ob es ökonomisch stimmt oder nicht; es geht um das Gefühl, abgehängt zu sein!).

Justus Bender: Was will die AfD? erschienen bei Pantheon/RandomHouse

 

Rezension: München – ein Gesellschaftsroman

Ernst-Wilhelm Händler, oder wie ich ihn in Anlehnung an E. T. A. Hoffmann immer nennen, EW Händler, hat auf Amazon wenig Freunde. Oder ehrlicher: keine. Keiner findet seinen neuen Roman „München – Ein Gesellschaftsroman“ gut. Also bestellte ich mir bei S. Fischer den Roman und nach den Probeseiten schien es mir ein gelungenes Werk zu sein.

Es mag auch gelungen sein, ein Buch erfordert immer viel Liebe und Arbeit und einem Rezensenten sollte es nie obliegen das grundsätzlich in Abrede zu stellen. Doch auch ich werde leider mit den Figuren, der Handlung, dem Sinn nicht warm. Und das tut mir leid. Kunst muss überfordern (R. Willemsen), Kunst muss nicht immer verstanden werden. Aber insbesondere im literarischen Bereich wird der Konsum bisweilen sehr qualvoll und behäbig. Leider bleiben die Figuren vage, die Häuser umso detailreicher beschrieben und die Handlung oft ohne Handlungskausalität.

Jeder Plot wirkt banal, wenn man ihn nüchtern beschreibt, dennoch bei diesem fast erheiternd: aus kindlicher Verletzung humpelnde, aus vermögendem Hause kommende Psychotherapeutin macht sich in Grünwald selbstständig, hat eine beste Freundin, Architektin, die mit ihrem Freund fremdgeht. Freundschaft zerbricht einstweilen und Protagonistin lernt älteren Autoren kennen, alter ego des echten Autoren. Praxis läuft nicht. Alles komisch.

Ich habe dem Buch hundert Seiten gegeben, habe es dann doch weggelegt. Das tut mir leid. Wenn der Autor das hier wider Erwarten und wider Erwartung lesen sollte: Schreiben Sie mir gerne Brief oder Email und lassen uns in München bei einem Kaffee treffen und reden.

Ernst-Wilhelm Händler: München – ein Gesellschaftsroman erschienen bei S. Fischer Verlage

PS: Vielleicht mag EW Händler Häuser auch mehr beschreiben als Menschen, weil er damit auch Geld verdient? Vielleicht ist das hier ja seine Firma? Und die Abkürzung EW Händler ihm gar nicht so fremd?

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Die Unverbesserlichen

Mit dem Titel des bei Piper erschienen Romans verbinde ich eine Serie des NWDR (heute NDR) aus den Sechzigern und Siebzigern. In den Hauptrollen keine geringeren als Inge Meyser und Joseph Offenbach. Eine Arbeiterfamilie aus Berlin, die sich ständig durch brillante Nicht-Kommunikation von einer Krise in die nächste stürzt, von jeweiliger Egomanie unter dem Deckmantel des Allgemeinwohl geleitet ist und sich dann wiederum wundert, scheinbar schuldlos in einen Strudel an Unglück gefallen zu sein. Die Neunzigminüter wurden immer zu Weihnachten ausgestrahlt und bilden einen tiefen Einblick in die Verstrickungen von Ursache und Wirkung, von Zwangsgemeinschaft und Bildunsglimiten. Und, sie zeigen ein Rollenmodell, welches so dysfunktional ist, das eine ganze Gesellschaft daran krankt: der der dauerhaften Partnerschaft. Von der Kirche und der Sippschaft im früheren Sinne okturiert, von der Romantik verklärt, von der heutigen Zeit wieder aufpoliert, denken Menschen in schier obskuren Vorstellungen einer ewig währenden Partnerschaft – zum organisatorischen Nulltarif. Da schreiben Frauen anfang zwanzig, sie wollen doch jetzt endlich mal ankommen, sich fallenlassen und den einzig richtigen finden. Männer rennen wie Hauspudel der Frau hinterher und sprechen ernsthaft von Nestbau. Ironie war gestern, heute wird wieder in die Hände gespuckt und auf Rille ein Eigenheim gekauft, damit man später was hat, was eigenes. Doch entweder ist das Haus schon Schrott bevor die Raten getilgt sind oder die Zweisamkeit auf der die Finanzierung lastet wie Beton bricht und damit auch das Fundament des Heimes. welches ein Dach bis ins hohe Alter geben und noch viel mehr symbolisieren sollte. Menschen neigen dazu, Sachverhalte nicht abstrakt sehen zu können, sie verklären, idealisieren oder negieren relevante Fakten, um ihrer eigenen Wahrnehmung und der damit verbundenen Deutungshoheit keinen Abbruch tun zu müssen. Der Mensch ist nicht nur im Gym eigentlich faul. Beziehung leben, heisst Entwicklung zuzulassen. Die Entwicklung der Partner sollte dabei nicht stark divergieren, die Kongruenz der Erwartungen ist sonst gefährdet. Was passiert wenn in einer eigentlich gutlaufenden Partnerschaft die Deckungsgleicheit der Zufriedenheit wie tektonische Platten divergiert, lesen Sie im neuen Roman von Silvio Blatter den, er wissentlich oder unwissentlich, Die Unverbesserlichen taufte.

Blatter siedelt Jonas Alberding in eine gesichtslose Vorstadt des Zürcher Flughafens an. Mit seinem silbergrauen Passat bewegt er sich in dem von ihm für seine Funktionalität geschätztem Lebensraum, in dem seine Bar, die Tangente seit 25 Jahren erfolgreich besteht. Er ist zufrieden, der Gleichschritt hat ihn nicht verbittert, sondern er hat sich sein Leben so geformt wie er es für richtig hält. Seine Partnerin, Ellis, hingegen versauert in ihrem stupiden Büroleben, ihr Frust steigt und sie reibt sich an Jonas auf, dessen Zufriedenheit sie ihm als Entwicklungsfaulheit ob der Projektion ihres eigenen Frustes auslegt.

Blatter schafft ein paartherapeutisches Kabinettstück in der Einflugschneise des Zürcher Flughafens. Lesenswert, da für fast jede Partnerschaft relevant.

Silvio Blatter: Die Unverbesserlichen erschienen bei Piper

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: 22:04 Ben Lerner @ Rowohlt

Kennen Sie das? Man freaked erst auf einen Klappentext ab, hat dann das Buch vor sich und versteht dann von Seite zu Seite nicht, was man an dem Buch fand? Ja, genau so erging es mir bei 22:04. Ich hätte es ahnen müssen, denn die Verquickung von Fiktion und Realem vertrage ich nicht gut; sofern es grotesk wird, lands-end-phantsy, dann bin ich inhaltlich raus. Da weigert sich alles in mir.

Ben Lerner setzt sein alter ego, den Schriftsteller, der namentlich nur einmal genannt wird (Überraschung: Ben!), ins New York der aktuellen Zeit. Nach einem fulminanten Debut als Romanautor in dem scheinbar erfolgreichen Teil der Menschheit niedergekommen, muss er sich in selbiger Welt erst einmal zurechtfinden und fragt sich als empfindsamer Schriftsteller: Das ist sie also, die bessere Seite?

Darüber hinaus wird sein Sinnbild von der besseren Seite alsbald infrage gestellt, denn neben dem Erfolg und dem Geld, widerfährt ihn eine Diagnose, die viele Reiche so angstvoll wie eine Riesenwelle die Beine wegreisst: Ein Tumor und somit ein möglicher Weg, der mit keinem Ruhm und keinem Geld final zu richten ist, sondern dessen Schicksalsergebenheitspflicht vielen reichen Menschen ihre scheinbare Kontrolle entreisst und zu regressiven Angstzombies generieren lässt.

Über diese individuelle Schicksalskurve lässt Lerner auch die Welt aus den Fugen geraten und die in den USA vorhandenen Wetterphänomene die Ostküste angreifen. Sowohl möglich aber auch eben fiktiv ist mir das dann zu viel des Guten, wobei ich Lerners Erzähltaktik durchaus verstehe: Neben dem dass er seinem Protagonisten die echten Probleme in der First World entgegenschlagen lässt, setzt er die ganze Bühne des Romans unter Wasser. Was er erreicht, ist der kritische Blick der Relation, die oft und viele, insbesondere in New York verloren haben. Sollte man diesen Roman also vielmehr als Sinnbild für eine das Maß verlierende Gesellschaft, eine heimliche Anklage gegen Kommerz und Zügellosigkeit sehen, als als reinen Erzählroman zum Hang zur Fiktion?

Genug Realität wäre da.

Ben Lerner: 22:04 erschienen bei Rowohlt

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Das letzte mal Paris

Alles beginnt mit der Verklärung. Bei keinem anderen Reiseziel geraten meine Gesprächspartner so in Verzückung wie bei Paris. Es ist ein Mythos, eine lebende Legende. Michel Friedman bekommt noch heute feuchte Augen, wenn er von seiner Geburtsstadt spricht. Und ja, ich kann es nicht ganz verneinen, dass diese Stadt einen Reiz besonderer Güte versprüht. Die Menschen leben hier wahrhaft auf der Straße, Flanieren hat hier einen Stellenwert und die Architektur lässt mich immer wieder frohlocken.

Es hat so etwas eigenes, dass es zuweilen Touristen seelisch zu Boden ringt. Das Paris-Syndrom! Denn oft ist dann doch die Vorstellung dessen, was Paris ist fähig an romantischem und erhabenen Lebensgefühl zu liefern, nicht ganz konvergent zu dem, was die Touristen dann erleben, erleben können. Hierfür gibt es im japanischen Sprachgebrauch wirklich einen Begriff, der zwar nicht ICD-10 gelistet ist, obgleich ich glaube, dass insbesondere bei sehr verbohrten, erwartungsgetriebenen Touristen dieses Phänomen durchaus auftreten kann. Lesen Sie hierzu bei Wikipedia mehr.

Der US-amerikanische Autor und Journalist Elliot Paul war Korrespondent der Chicago Tribune in Paris. Er hingegen litt nicht unter eben beschriebenem Syndrom, denn er liebte die Menschen in einem so engen Radius, dass keine Verklärung aufkommen konnte. Es ist die Unterschicht der er sich nähert und nicht dem „big picture“ Paris. Wir schreiben das Jahr 1923 und Paul lässt einen teilhaben an seinem Leben rund um die Rue de la Huchette, einer kleinen Gasse des Boulevard St. Michel.

Die Betitelung Roman passt nicht ganz, es sind eher Episoden, die er miteinander verwebt. Thomas Bernhard wäre ausgeflippt, so detailreich Elliot die Straßen, die Menschen und ihren Eigenheiten abbildet, aber wiederum hat es durchaus einen Reiz, fast das Gefühl zu haben, mit in der Straße zu stehen oder in der Bar einen Pernod zu heben. Die deutsche Erstausgabe wurde 1944 im Exilverlag, Stockholm, verlegt und ist nun Ende 2016 vom inhabergeführten MaroVerlag aus Augsburg neu im Hardcover erschienen. Es wird bemängelt, dass an der Ursprungsübersetzung kaum etwas geändert wurde. Es mag an mir liegen, aber ich konnte keinen Anlass zur Kritik finden. Das mag aber auch an mir liegen.

Das Buch ist schön hergestellt und mit dem Titel „Ein letztes mal Paris“ sind die Träume geweckt und Paul nimmt einen mit in eine Zeit, die längst vergangen ist. Und doch hofft man beim Besuch von Paris, die Zeit nachspüren zu können.

Düsen Sie also gerne mal nach Paris, fürchten sich so wie ich vor den ellenlangen Rolltreppen der Pariser Metro und trinken überteuerten Café au lait und erleben in Bruchteilen doch etwas von dem was Pariser so überzeugt von ihrer Heimat sein lässt. Nutzen Sie die Bahn für spontane Trips. Ab Frankfurt kann man morgens hin und abends zurück für kleines Geld.

Elliot Paul: Das letzte mal Paris, erschienen bei MaroVerlag, Augsburg

Ich danke dem inhabergeführten MaroVerlag ausdrücklich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

Screenshot Cover: maroverlag.de

Rezension: bleiben

Sie kennen das. Sicher. Sicher auch. Ich habe mir angewöhnt, einfach von vornherein klarzustellen, nichts zu verstehen. Das macht es einfach leichter für beide Seiten. Man muss weniger erklären, und das Verständnis ist dem Gegenüber oft anzusehen. Wer soll sich das auch ohne genaue Kenntnis der Personen merken? Die Zusammenhänge ergeben sich wie so oft aus dem lebenden Kontext und nicht aus einer faden Aufreihung von Tatsachen. Die Tante dritten Grades des Schwagers einer Neffin—oh Himmel, stöhne ich insgeheim. Ich kann und will es mir nicht merken, nicht auf Dauer; und lasse es mir daher erklären. Jedes Mal wieder. Das macht es nicht interessanter, doch gibt es einen kurzen Durchblick in das zwischenmenschliche, familiäre Geflecht von Geburten und Verschwägerungen.
Romane die aufgrund komplexer Familien- und Freundschaftskonstruktionen erbaut werden, sind daher für mich ab initio schon schwierig bis unlesbar, weil ich quasi immer wieder nachlesen muss, wer mit wem. Fragen Sie sich, wie ich die Buddenbrooks in der Schule überstand…Antwort: gar nicht. Grässliches Nachdenken ruinierten die Nobelpreis geschwängerte Textzeilenluft. Für mich.
Allerdings soll es Ausnahmen geben. Und diese hängen mit der Vierten Wand zusammen. Vierte Wand? Hä? Jedes Zimmer hat immer vier Wände, kontern Sie? Ja, Recht haben Sie. Dennoch soll es uns hier um die Erzählperspektive gehen. Judith W. Taschler durchsticht diese vierte Wand, indem sie den Leser als imaginären fünften Protagonisten ohne eingreifende Handlung (oder ich habe es nicht begriffen, s.o.) einbindet, der wenig weiß, wenig mitbekommen hat die letzten zwanzig Jahre. Zu dieser Zeit lernten sich Felix, Juliane, Paul und Max im Nachtzug nach Rom kennen. Und treffen eben diese zwanzig Jahre später über die klischeehaften, aber dennoch immer wieder im realen Leben wahrzunehmenden Zufälle. Die Autorin wechselt dabei kapitel- und zeitpunktweise die Sicht des den Leser ansprechenden Protagonisten und zwirbelt so ihre Storylines durch den Roman. Dieser stellt den ungetrübten Blick auf Zeitsprungthematiken: Wir waren jung, was ist aus geworden? Was hat uns wohin getrieben? Wie zerbrechen Beziehungen oder sind in den Alltag wie Blei gegossen? Wie prägt die Vergangenheit die Gegenwart der Menschen, was lässt sie verzweifeln?

Anfang zwanzig gibt man sich so gescheit, und im Grunde ist man nur ein selbstgefälliges Würstchen. Ich fiel ordentlich auf die Schnauze.

Die Autorin hat hier ein Roman vorgelegt, der durch seine Erzählart eine Ausnahme bildet, mit Anspruch zu lesen ist und dennoch einen klassischen Entwicklungsroman darstellt.

Judith W. Taschler bleiben erschienen bei Droemer Knaur

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Cover: Droemer Knaur

 

 

 

 

 

Rezension & Interview #MelanieAmann: #AngstfürDeutschland – über die AfD

Melanie Amann hat einen Beobachtungsbericht über die AfD geschrieben. Die Vereinigung, die weit rechts der Mitte und noch weiter auf Stimmenfang geht und damit abhebt. Sie ist promovierte Juristin, Absolventin der DJS München und Redakteurin des SPIEGEL in dessen Berliner Haupstadtbüro.

Dümpelten NPD und Reps doch immer so im Bereich der Belächelten in der sicheren Verwahrzone der Fünf-Prozent-Hürde, hat es diese im Himmelblau mit gestochenem Rot agierende Partei geschafft, sich zu etablieren. Und das ist kein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft. Der rechte Bodensatz formiert sich aufstrebend, wie in ganz Europa. Die europäische Idee wackelt, die einfachen Phrasen sorgen für Stimmung und Zustimmung, so doch die Herrschaften darstellen, die einfachen Handstreichlösungen parat zu haben.
Der Sozialoge Zygmunt Baumann hat hier ein herrliches Essay bei Suhrkamp (Die Angst vor den anderen) vorgelegt. Die Aussage, eine Formation jedweder Art hätte die Lösung für Probleme, für die es aber eigentlich keine klassischen Lösungen gibt oder manchmal auch gar nicht geben kann (z.B. Population), sorgt bei allen Parteien überhaupt erst für die Wählbarkeit ihrer selbst, denn sonst wären sie nicht vonnöten. Die Probleme heutiger Zeit sind nun eben sehr komplex und die meisten Menschen verstehen diese, auch aufgrund fehlender Allgemeinbildung und selbstreferenziellen Quellen der sozialen Medien, gar nicht mehr; nicht mal im Ansatz.
Folglich entwickeln sie diffuse, abstrakte Generalängste und da kommt nichts besser als die einfach Lösungen daher. Alle raus, Zaun drum, basta. Wenn Schröder wegen seiner Agenda-Politik nicht beliebt war und immer noch nicht ist, aber das Basta entleiht man sich bei ihm dann doch wieder gerne.
Auf den Tisch hauen, das wird man doch mal sagen dürfen!

Ich weile gerade in Wien und es ist die alltägliche Feststellung, dass sämtliche Betriebe zusammenbrechen würden, man würde alle „Fremden“ ausweisen. Und: Der Würstlverkäufer heute an der Tram-Haltestelle war arabischer Herkunft und so authentisch in seiner Rolle, dass ich mich wieder konsterniert fragte, wie manche Leute dieses Fremdgefühl überhaupt entwickeln können?
Aber wer von Selbstreflexion, fremden Kulturen und Offenheit keine Ahnung hat, weil es nie Bestandteil der Erziehung war, hat halt für sich verloren. Und damit auch seine Gesellschaft. In der letzten ZEIT war ein Artikel über die US-amerikanische Gesundheitsfürsorge. Alles Drama, nach Abschaffung von Obama-Care wollen wir gar nicht genau hinschauen, was im heartland alles weiter abwärts geht. Von Gebissen bis Krebsbehandlung. Klare Feststellung ist, dass so weniger Bildung, desto kränker, desto früher tot. Bildung ist eben bei Gesundheit und pluralistischer Lebensweise in einer weiter wachsenden Welt die Grundvoraussetzung für ein friedliches Leben.

Das Problem ist das zündfähige Gemisch von einer großen Menge an „Dienstleistungsproletariat“ (Heinz Bude), meint also vom Kapitalismus ausgezergelten, sich dauerhaft übervorteilt fühlenden und tatsächlich ausgenommenen Mitbürgern und der kleinen Elite, die sich diese als Brennpaste für ihre politische Karriere auf die Wahlrakete schmiert.

Denn „dumm“ sind die oberen Vertreter der AfD nicht; man erinnere sich an das in gutem Englisch geführte Interview im Format Conflict Zone der Deutschen Welle von Tim „Der Griller“ Sebastian mit Frauke Petry. — Macht alle zusammen dennoch nicht zu besseren Menschen, denn, so meint man eigentlich, sollte man gelernt haben, gerade bei uns, dass diese Handstreichlösungen in das Desaster völliger Enthemmung führen können.

Es gilt, die AfD gut zu beschauen, auch wenn man als Lügenpresse denunziert wird. Ich kann dieser Denunziation insofern wenig abgewinnen, da ich erahne wie wenig, wenig Ahnung diese die Aussage treffenden Menschen von der Medienwelt haben. Dennoch gilt es gerade deshalb, nicht elitär darüber hinwegzusehen, denn es könnte der Fallstrick werden. Melanie Amann schafft ein gutes, verständlich lesbares Buch. Mir wird es in der Darstellung manchmal zu kuschlig (siehe Interview), aber das ist nur eine gestalterische Frage. Das fast zeitgleich erschienene Buch von Justus Bender (FAZ), hat mich etwas mehr vom Schreibstil angesprochen. Dennoch gilt: Es ist gut, dass es diese Bücher im Plural gibt und das diese Keimzelle aufmerksam beobachtet wird.
Damit hinterher keiner sagt: Ich hab von nichts gewusst. Hatten wir nämlich schonmal — Sie erinnern sich?

Schriftliches Interview mit Dr. Melanie Amann

Jan C. Behmann: Frau Amann, ca. 2003 war das Thema „Rechts“ in der Politikkonferenz der ZEIT eine hitzige Debatte, Theo Sommer insistierte, es gäbe einen Bodensatz von 12-15%, welches es schon immer gegeben habe und geben werde. Helmut Schmidt war über die Verve mit der die Debatte geführt wurde verwundert und beschwichtigte (rauchend), dass er fände, daraus sollte man keine große Kampagne der ZEIT starten. Irrte der Altkanzler?

Melanie Amann: Im Nachhinein sieht es so aus – aber hinterher ist man natürlich auch immer schlauer. Der Aufstieg der AfD gibt jedenfalls Theo Sommer Recht, und auch Soziologen wie Wilhelm Heitmeyer, der mit seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ das AfD Milieu von heute schon Jahre im Voraus identifiziert hat.

JCB: Heinz Bude schreibt vom Dienstleistungsproletariat, Zygmunt Bauman trat für mehr Herzlichkeit bei der Aufnahme von Flüchtlingen ein: Warum fühlen sich Bürger in Europa inzwischen so unverstanden und benachteiligt und somit in scheinbarer in Konkurrenz zu Menschen, die auf offenem Meer in Plastikbooten ersaufen?

MA: Manche Bürger haben guten Grund, so zu denken und zu fühlen, weil sie selbst in wirtschaftlich prekären Verhältnissen leben. Für diese Menschen sind wirtschaftlich schwache Zuwanderergruppen eine reale Konkurrenz. Andere Bürger haben Angst, dass sie selbst oder ihre Kinder einen vorhandenen Wohlstand verlieren könnten. Hier bin ich weniger verständnisvoll: In gebildeten, betuchten Kreisen sollte man diese Abstiegsangst vielleicht doch bewältigen können.

JCB: Gibt es eine Beziehung der AfD zu Russland und eine etwaige Förderung aus dieser Region – materiell wie ideell?

MA: Mir liegen keine rechtssicheren Belege dafür vor.

JCB: Ihre Schilderung Ihrer Reise zu „Sven“ (gemeint: Sven Petry) erfüllt zwar die Augsteinsche Regel vom „roten Hut“, wirkt dennoch etwas sehr kuschelig. Verliert man bei soviel Recherchenähe die Distanz – einstweilen bei einem angebotenen „guten Rotwein“? 

MA: Interessant, dass dieses Kapitel so auf Sie wirkt. Sie werden gemerkt haben, dass es auch ein Kapitel „Frauke“ und eines über „Marcus“ gibt – es handelt sich also bei diesen Überschriften um ein Stilmitte, das keine persönliche Nähe ausdrücken soll. Und Herr Petry hat damals zum Gespräch nur Mineralwasser serviert.

JCB: Ist die Rede von Herrn Höcke ein neuer Tiefpunkt in der Entwicklung dieser Partei?

MA: Ja, aber weniger wegen der Inhalte der Rede, als wegen der Art, wie die Partei auf den Auftritt reagierte. Höckes Aussagen waren nicht neu, er hat vergleichbare Reden schon in den Jahren zuvor gehalten. Neu waren nur einzelne, besonders drastische Formulierungen, und die geballte Kombination seiner Ideologie in einer Rede. Ein Tiefpunkt war der Umgang der AfD mit dieser Rede, weil die Partei gezeigt hat, dass sie noch nicht einmal auf einen so eindeutigen Fall von rechtsextremem Gedankengut bei einem Spitzenfunktionär eine klare, einhellige Antwort geben konnte.

JCB: Sie schreiben auf Seite 273, die Partei sei Resonanzraum für Gefühle und Projektionsfläche. Klingt eher nach Phrase als nach Analyse, denn: Welche Partei ist das nicht?

MA: Das stimmt, aber die anderen Parteien sind eben doch noch mehr. Ihre Aussagen erschöpfen sich nicht in einer aggressiven Fundamentalkritik am politischen System, dem politischen Gegner oder politischen Missständen, sondern liefern Antworten, wie insbesondere diese Missstände zu beseitigen sind. Antworten hat die AfD hierauf nur vordergründig. Schaut man genau hin, ist ein Großteil ihrer Konzepte widersprüchlich und juristisch nicht durchführbar.

JCB: Es ging den Anhängern um Aufmerksamkeit, um Zuwendung. Sind sowohl Politiker als auch Journalisten im „Raumschiff Berlin“ zu weit weg? 

MA: Nun, es gibt ja auch Journalisten und Politiker „in der Pampa“, insofern müsste es eigentlich genug Nähe zum Bürger geben. Aber es kann sicher nicht schaden, wenn auch wir Hauptstadtjournalisten und die Bundespolitiker uns öfter in die Fläche begeben und die Deutschen quasi in freier Wildbahn beobachten. 

JCB: Harald Schmidt sagte, der kleine Mann würde auch bescheißen, wenn er nur die Möglichkeit dazu hätte. Würden AfD´ler bei gleicher politischer Lage nicht auch auf Plastikboote steigen?

MA: Auf jeden Fall, und das geben sie mitunter sogar selbst zu. Alexander Gauland oder Beatrix von Storch haben schon offen gesagt, dass sie die Motive von Wirtschaftsflüchtlingen verstehen. Aber Konsequenzen ziehen sie aus dieser Erkenntnis bzw. diesem Geständnis nicht.

JCB: Mitglieder der Grünen hätten Angst vor der Macht, verlautbarte Joschka Fischer Ende der Neunziger in der Kosovokrise. Wird es der AfD auf Bundesebene ebenso ergehen?

MA: Das lässt sich für die AfD als Ganze schwer beantworten, aber mein Eindruck ist schon, dass die Mehrheit der Partei nach Macht und Einfluss strebt. Angst hat man vor den Kompromissen, die in einer Regierungskoalition unvermeidbar sind. Deshalb scheuen viele AfD-ler davor zurück, sich allzu früh für ein solches Bündnis überhaupt offen zu zeigen.

JCB: Und zum Schluss die obligate Frage: Wie viel Prozent? (BT-Wahl)

MA: Ich traue der AfD 16 Prozent zu.

JCB: Frau Amann, ich danke für das schriftliche Interview.

Melanie Amann: Angst für Deutschland ist erschienen bei Droemer Knaur

Ich danke dem Verlag und Frau Amann für die freundliche Bereitschaft; ich erhalte kein Honorar.

 

 

 

Rezension: Kuba – Magie des Augenblicks

Kuba. Aha. Ein Land was es in meiner geistigen Karte nicht gab. Zumindest nicht in einer klaren Weise, sondern nur unter Traumschiff-Klischees vergraben. Vor mehreren Jahren erzählte mir eine entfernte Bekannte, sie wolle doch endlich mal ins noch entferntere Kuba reisen, das sei ja unumgänglich. Ich nickte automatisiert, ohne auch nur irgendeinen Reiz zu verspüren, mein Unwissen ihrem Wollen entgegen streben zu lassen. So urlaubte Julia auf Kuba und unser Kennen nahm im Laufe der Zeit kubanische Entfernung an. Übriggebliebemn ist, dass immer wenn mir Leute ungefragt von den Reizen Kubas vorschwärmten („mit echten Kakerlaken im Zimmer, glaubste es?!“), musste ich an Julia, die nicht Julia heißt, denken. Vielleicht war es eine Divergenzmetapher? Eine Allegorie des Trennens? Nunja, schwelgen wir nicht in meinem internationalen Unwissen, welches noch peinlicher wirkt, da es wirklich grundlos ist. Es ist haltungslos, so ungefähr wie die meisten in Deutschland haltungslos zur gelobten Demokratie sind. Die Frage ist, was uns aktuell mehr gefährdet?

Für etwas brennen ist schön. Dafür bin ich auch. Und Lorne Resnick auch. Der Fotograf schließt in seinem Nachwort mit dem denkwürdigen Satz „Wie herrlich, so zu brennen.“

Nachwörter hielt ich bisher für nachlassbar, aber dieses überzeugte mich schon durch seine Signatur: Resnick signiert mit dem genauen Datum (13. Mai 2015) und der Flughöhe, in der er das Nachwort schrieb. 9100 Meter trennten ihn von der Erde, als er Kuba wieder verließ, nur um schon den innigen Wunsch zu haben, alsbald wiederzukommen. Er verliebe sich ständig neu – auch wenn es nur für eine Sechzigstelsekunde sei. Und das merkt man seinen Bildern durchgehend an. Früher dachte ich, nunja, man drückt auf den Auslöser und das wäre es dann. Ach, was war ich ein künstlerischer Ignorant! Inzwischen weiß ich aus eigener Erfahrung, dass eine Kamera, Licht und Blitze bei gleicher Ausrichtung noch lange kein gutes Foto machen; von einem guten Arrangement ganz zu schweigen. Man braucht einen Draht zum fotografierten Menschen – ohne das ist das Foto wertlos. Rosnick will nicht nur zeigen, wie Kuba aussieht, sondern wie es sich anfühlt. Er schafft es. Das ausgewachsene Coffee-Table-Book ist qualitativ ohne Beanstandung. Papierfarbe, Druckqualität und Bildgröße sind adäquat. Auf den ersten Seiten hüllte mich die Sorge ein, es könnte in die Klischees von Frauen in Tanzkostümen tendieren, doch die Sorge war ohne Grund. Der Künstler schafft einen angenehmen und nicht immer die Glanzseiten präferierenden Querschnitt durch die Bevölkerung, durch die Location. Von Traumszene zu Müllszene, von Liebe bis Abstellkammer.

Also: Eindeutige Empfehlung; für alle die Kuba lieben, aber vor allem für die Kuba-non-known-Herrschaften wie mich, die eine Gefühlreise im Inneren erleben bei dem Anblick der Bilder.

Wissenswert: Vor dem Nachwort werden alle Bilder im Kleinformat als Übersicht abgebildet.

Lorne Resnick: Kuba – Magie des Augenblicks erschienen bei Prestel/Random House

 

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