Die guten Dinge: Zigarren

Wie allgemein bekannt ist, bin ich seit sieben Jahren unter die Zigarrenraucher gegangen. Was mit  Zigarillos begann ging dann unter Anleitung eines väterlichen Freundes (Danke, Rainer!) weiter in Richtung Zigarren und dem ganzen Drumherum.

Das schlussendliche Rauchen einer Zigarre hat wenig mit dem zu tun, was man dabei erlebt. Es ist nicht zu vergleichen mit dem Rauchen einer Zigarette. Es ist, und das werden in unserer asketischen Periode viele zu bestreiten wagen, eine Lebensart, eine Auszeit und wahre Kontemplation. Ich habe dadurch gute Gesprächspartner gefunden und auch Freunde des gemeinsamen Genusses. Das Rauchen einer Zigarre muss man lernen, trainieren, scheitern. Manchmal verträgt man eine Zigarre, trotz jahrelanger Routine, nicht und einem wird so hundeübel, dass man es verflucht – nur um dann Tage später wieder anzufangen. Es hat etwas von Stil und ruhendem Genuss, sich hinzusetzen, Zeit zu nehmen und das Ritual des Auswählens, Anscheidens, Anzündens und dann kontrolliert-entspannten Rauchens zu genießen.

Daher haben viele Menschen keine guten Antesterinnerungen an Zigarren, weil sie unter falschen Vorzeichen „endlich mal eine dicke Zigarre“ zu irgendeinem scheinbar richtigem Zeitpunkt rauchen wollten. So geht das nicht. Sogleich zieht das Rauchen von Zigarren auch immer noch dämlich Snobs und dumme Menschen an, die das ganze (ernsthaft) als Statussymbol sehen und so deppert sind, dass man sich fremdschämt.

Ich rauche gerne Zigarren mit guten Freunden und dann ohne Zeitlimit, sondern als Auszeit und Genuß für uns. In der Öffentlichkeit wird es zusehends schwieriger, Zigarre zu rauchen. Von Clubs oder Zigarrenlounges mache ich eher Bögen, zu viele komische Kauze (siehe oben) treiben sich da rum. Abstand halten, so rate ich.

Etwas, das mir bis heute Sorge macht: Was soll man rauchen. Die schier endlose Auswahl, die ganzen Länder – sie überfordern mich bis heute. Da kann ich keinerlei Ratschläge geben. Ich mag große Auswahlen nicht – sowohl auf der Restaurantkarte, als auch im Humidor nicht. Außerdem vertrage ich keine starken Zigarren; diese knocken mich aus, und das ist gar nicht lustig. Es ist viel mit Probieren, viel Scheitern bis man seine Nische gefunden hat, was einem schmeckt und was man zu welcher Tageszeit und zu welcher Eigenkondition (die ist relevant zu beurteilen vor jedem Rauchen!) verträgt. Mir hat dabei der oben erwähnte väterliche Freund geholfen, mich durch diesen Dschungel an Marken, Anpreisungen etc. zu finden. Inzwischen rauche ich so 2-3 Formate von zwei Marken – das reicht mir.

Wo kaufen um Himmels willen? Auch das: Eine Pein, die mir durch einen engen Ratschlag erspart blieb. Ich bin „zuhause“ beim Dallmayr Tabacladen, dessen Pächter Marco Schum und sein Team mich gefühlig und unaufdringlich seit sieben Jahren „betreuen“. In anderen Tabakläden hatte ich eher mit arroganten Arschlöchern zu tun, die immer nach Kuba griffen und damit in meine Kasse – etwas, das ich gar nicht leiden kann. Aus Erfahrung nutze ich ein Gas-Sturmfeuerzeug der Marke Dupont (120 Euro), welches sich bis heute gelohnt hat – Streichhölzer sind ein Graus in Cafés wenn es nur ein wenig windet. Als Anschneider hingegen nutze ich nur günstige Geräte – alles andere verliere ich und pimpt auch nicht so, wie ich meinte (mein teurer Dupont-Anschneider gilt als verschollen). Humidore nutze ich nur günstige, kümmere mich aber um eine gute Humidität, anders versaut man sich einen Einkauf und das ist eine Katastrophe. Auch hier ist es Erfahrung, zu sehen, ob Zigarren frisch sind; manchmal hat man eine „schlechte Kiste“ und dann muss man das Rückgrat haben, diese umzutauschen. Wider Erwarten sind korrekte Händler da keinswegs zimperlich. Es gehört zum Business, es ist ein sehr fragiles Naturprodukt.

Achso, warum ich Ihnen eigentlich schreibe: Im Prestel-Verlag (Imprint von Random House für visuelle Bücher) ist in der Reihe „Die guten Dinge“ nun die Ausgabe „Zigarren“ erschienen. Es ist ein schönes, kleines Buch, und wirklich ideal für Grundinteressierte zum Einstieg und vor allem: es ist nicht von oben herab geschrieben, sondern nimmt den Leser an die Hand. Was leider dann doch etwas sehr zu kurz kommt, ist die Beschreibung und Bebilderung von ganz wichtigen Themen wie dem Umgang mit der Zigarre zum Rauchen. Hingegen die Herkunftsgebiete, Größen und so weiter sehr ausgiebig, für mich zu ausgiebig, besprochen werden. Nichtsdestotrotz, ein schönes Buch, was Sie daran sehen, dass ich mit dem Buch zum Humidor bin, und mir eine angesteckt habe. Deshalb kann ich nun nicht weiter schreiben, sonst vergeht meine Glut, und das wollen wir Zigarrenraucher am allerwenigsten.

Die guten Dinge: Zigarren ist erschienen bei Prestel/ Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Rezension: Metamorphosis [Bildband]

Sag mal, ist das ein Werbebuch von BMW?, fragt mich ein Freund, der das Buch von James Welling auf meinem Schreibtisch liegen sieht. Erst da fällt es mir auf: Das Cover, die Schrift, die Seitenaufteilung, die Schriftfarben: alles wie bei BMW. Ob es Zufall oder gewollt ist, konnte ich nicht klären.

Joseph Logan gestaltete dieses Konvolut aus Werken des lebenden Künstler in enger Abstimmung mit diesem. Das Buch hat ein handliches Format, nach etwas Biegen kann es aber auch als opened coffee table book fungieren. Es zeigt Fotografien des Künstlers aus verschiedenen Programmatiken und abgestimmt wird das ganze mit einem Interview und verschiedenen mitgelieferten Essays. Das Papier kann was, der Preis für das Buch ist daher in Ordnung.

Die Bilder haben eine gestochene Schärfe, die zum Teil sehr krassen Farben und Farbverläufe sind sauber und gut gedruckt, sodass es unter meiner schlechten Schreibtischlampe im Abendlicht gut aussieht. Denn wie Buchdruckpapst Gerhard Steidl sagte: Die Bücher müssen unter sch… gut aussehen, da die Leser Bücher unter sch… anschauten. Recht hat er. Und: Funktioniert.

Der in Deutsch und Englisch abgefasste Text könnte weniger sein oder sich anders aufteilend darbieten. Man sollte open minded sein und abstrakte, nicht selbsterklärende, experimentelle Fotografie zumindest nicht ablehnen, um Gefallen an diesem Buch finden zu können.

Dann wird man aber Sinn finden. Und Genuss.

Nota bene: Als Geschenk an Newcomer im Bildbandbereich würde ich dieses Buch nicht empfehlen.

James Welling: Metamorphosis erschienen bei Prestel/Random House

Link zur Ausstellung von James Welling

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Nordsee [Bildband]

In der dritten Strophe ihres Hits „Westerland“ singen die Ärzte:

Ohhh ich hab‘ solche Sehnsucht,
Ich verliere den Verstand!
Ich will wieder an die Nordsee, ohoho
Ich will zurück nach Westerland!

Jedes Jahr im November ziehe ich mich für ein paar Tage nach Sylt zurück. Es ist dann Touristen feindliches Gebiet. Die Gelenkbusse sind leer, die Parkplätze auch. Nur ein paar wackere, aber doch sehr vereinzelte Touristen bahnen sich den Weg in Wathosen und mit verkniffenem Gesicht dem Regen trotzend durch die lebensfeindliche Szenerie. Dazu sagte einmal Prof. Menninghaus, Forscher für empirische Ästhetik in Frankfurt/M., die Menschen würde die Landschaften optisch am ehesten als schön definieren, die am lebensfeindlichsten sind. Welche Paradoxie, die uns ob unserer technischen Eigenschaften leitet.

Und doch, wie die Ärzte, liebe ich die Nordsee und kenne nicht die Ostsee und erlebe großes Glück in den schier endlosen Sanddünen der vollkommenen Vereinzelung entgegen zu waten. So lag es nahe, das Buch „Nordsee“ bedingungslos zu bestellen, doch leider hat es mich enttäuscht. Ich hatte schöne, freie Aufnahmen erwartet. Die Freiheit wiederspiegelnd die ich am rauschenden Meer immer wieder erlebe und genieße. Aber das Buch ist m.E. eher ein Sammelsurium an alten Bildern, neuen Bildern, erklärenden Texten und keiner einheitlichen Gestaltungssprache. Final: es ist mir zu wenig künstlerisch, zu wenig freidenkerisch, es atmet keine Gischt.

Das Hardcover ist in Ordnung in der Produktion, die Farben sind gut, das Papier in Ordnung. Lediglich das gewählte Obermaterial des Hardcovers zerkratzt schnell, was ich persönlich vermeidbar finde.

James Attlee: Nordsee erschienen bei Prestel/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Kuba – Magie des Augenblicks

Kuba. Aha. Ein Land was es in meiner geistigen Karte nicht gab. Zumindest nicht in einer klaren Weise, sondern nur unter Traumschiff-Klischees vergraben. Vor mehreren Jahren erzählte mir eine entfernte Bekannte, sie wolle doch endlich mal ins noch entferntere Kuba reisen, das sei ja unumgänglich. Ich nickte automatisiert, ohne auch nur irgendeinen Reiz zu verspüren, mein Unwissen ihrem Wollen entgegen streben zu lassen. So urlaubte Julia auf Kuba und unser Kennen nahm im Laufe der Zeit kubanische Entfernung an. Übriggebliebemn ist, dass immer wenn mir Leute ungefragt von den Reizen Kubas vorschwärmten („mit echten Kakerlaken im Zimmer, glaubste es?!“), musste ich an Julia, die nicht Julia heißt, denken. Vielleicht war es eine Divergenzmetapher? Eine Allegorie des Trennens? Nunja, schwelgen wir nicht in meinem internationalen Unwissen, welches noch peinlicher wirkt, da es wirklich grundlos ist. Es ist haltungslos, so ungefähr wie die meisten in Deutschland haltungslos zur gelobten Demokratie sind. Die Frage ist, was uns aktuell mehr gefährdet?

Für etwas brennen ist schön. Dafür bin ich auch. Und Lorne Resnick auch. Der Fotograf schließt in seinem Nachwort mit dem denkwürdigen Satz „Wie herrlich, so zu brennen.“

Nachwörter hielt ich bisher für nachlassbar, aber dieses überzeugte mich schon durch seine Signatur: Resnick signiert mit dem genauen Datum (13. Mai 2015) und der Flughöhe, in der er das Nachwort schrieb. 9100 Meter trennten ihn von der Erde, als er Kuba wieder verließ, nur um schon den innigen Wunsch zu haben, alsbald wiederzukommen. Er verliebe sich ständig neu – auch wenn es nur für eine Sechzigstelsekunde sei. Und das merkt man seinen Bildern durchgehend an. Früher dachte ich, nunja, man drückt auf den Auslöser und das wäre es dann. Ach, was war ich ein künstlerischer Ignorant! Inzwischen weiß ich aus eigener Erfahrung, dass eine Kamera, Licht und Blitze bei gleicher Ausrichtung noch lange kein gutes Foto machen; von einem guten Arrangement ganz zu schweigen. Man braucht einen Draht zum fotografierten Menschen – ohne das ist das Foto wertlos. Rosnick will nicht nur zeigen, wie Kuba aussieht, sondern wie es sich anfühlt. Er schafft es. Das ausgewachsene Coffee-Table-Book ist qualitativ ohne Beanstandung. Papierfarbe, Druckqualität und Bildgröße sind adäquat. Auf den ersten Seiten hüllte mich die Sorge ein, es könnte in die Klischees von Frauen in Tanzkostümen tendieren, doch die Sorge war ohne Grund. Der Künstler schafft einen angenehmen und nicht immer die Glanzseiten präferierenden Querschnitt durch die Bevölkerung, durch die Location. Von Traumszene zu Müllszene, von Liebe bis Abstellkammer.

Also: Eindeutige Empfehlung; für alle die Kuba lieben, aber vor allem für die Kuba-non-known-Herrschaften wie mich, die eine Gefühlreise im Inneren erleben bei dem Anblick der Bilder.

Wissenswert: Vor dem Nachwort werden alle Bilder im Kleinformat als Übersicht abgebildet.

Lorne Resnick: Kuba – Magie des Augenblicks erschienen bei Prestel/Random House

 

Rezension: Nichts fehlt, außer dir

Dieses Hörbuch hat mich gereizt, da ich Briefwechsel mag. Hier handelt es sich um die (Liebes-)Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Claire und Yvan Goll. Das Dichterpaar war exaltiert und konnte nicht mit und nicht ohne sich.

Aber: Die Texte sind mir zu schwülstig, die Wirkung zu gewollt und zu, hm, dann doch zu inhaltsleer und nur um die Zweisamkeit kreisend.

Die Verarbeitung des Materials ist wunderschön, das Schwarz mit der goldenen und weißen Schrift in der Comedian-Harmonists-Optik passt wunderbar, die Sprecher Sandra Quadflieg und Ulrich Tukur in ihrer Optik sind ebenfalls eine Bereicherung.

Ich breche die Lanze für das Produkt, da es sicher seine Hörer/innen findet, und in der Verarbeitung keine Wünsche offen lässt. Aber es ist eben nicht meines. Vielleicht aber ist genau das sein Distinktionsmerkmal?

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Nichts fehlt – außer dir ist erschienen als Hörbuch bei Random House Audio

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Erben des Holocaust

Wie geht man mit solch einer Vergangenheit um? Michel Friedmans Eltern haben in seinem Leben eine bis heute wirkende Erinnerung für sein Verhalten gelegt. Beide haben den Holocaust überlebt, doch mit schlimmen, bis zum Lebensende währenden seelischen und auch körperlichen Verwundungen. Friedmans Vater wurde mit einem Gewehrkolben das eine Ohr so malträtiert, dass er zeitlebens auf diesem nicht mehr hören sollte, seiner Mutter wurde körperliche Schmach angetan, dass er in den Sätzen dazu Schwung nimmt und dann doch abbricht, so sehr schmerzen ihn diese Tatsachen. Der junge Michel wollte nach New York, weg nach USA. Doch er blieb in Deutschland, im Täterland, in dem ihm später Gewalt angedroht aber auch verübt wurde (zwei versuchte Schusswaffenattentate; vgl. hierzu Interview BR alpha 2016 und FAZ-Interview 2013). Seine Eltern wären zerbrochen, wollten nicht in diesem Lande, welches dem Vater als Pelzkaufmann aber die finanzielle Existenz bewahrte, alleine zurückbleiben. 1999 betonte er am Bahnhof in Paris stehend, dass er Züge bis heute nicht mag. Sie waren ein mörderisches Transportmittel.
Sein Drang zur Unabhängigkeit, zur Diversifikation seiner Einnahmen als Anwalt, Publizist, Moderator und Journalist sind das Ergebnis des Wirkens seiner Eltern, unabhängig zu bleiben. Deshalb begann er Medizin zu studieren, denn sein Vater meinte, dass eben auch Nazis krank würden. Als er wusste, dass er Jurist werden wollte, um seine Rechte zu kennen, ließ sein Vater absprachegemäß davon ab, ihn als Mediziner reüssieren sehen zu wollen.

Anhand dieser wenigen Zeilen sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, wie auch und gerade die Kinder von Überlebendes der Shoa noch in Linie leiden und ihr Wirken, ihre Arbeit durch die elterliche Prägung bestimmt ist. Michel Friedman kommt in dem vorliegenden Buch von Andrea von Treuenfeld nicht vor.  Dafür kommen z.B. Andrew Ranicki (Sohn von Marcel Reich-Ranicki), Marcel Reif, Rachel Salamander oder Ilja Richter zu Wort. In Kapiteln mit einleitendem tab. Lebenslauf, erklären die Personen auf ca. 10-14 Seiten ihre Erlebnisse, Eindrücke, Lebenswege.

Ganz kurz etwas zur Verarbeitung: Gebunden, angenehmes Papier, Bilder von den Portraitierten heute und als Kind mit den Eltern z.B. Was ich nicht als so angenehm empfinde ist die sehr gerade, sehr eckige, aber dennoch mit Serifen arbeitende Schrift, die der Verlag verwendet. Auch die Betitelung auf dem Cover finde ich zu überladen; ich wusste erst nicht, was der wirkliche Haupttitel des Buches ist.

Andrea von Treuenfeld: Erben des Holocaust, erschienen im Gütersloher Verlagshaus (Random House)

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

Rezension: 70 Jahre DER SPIEGEL – Interview mit Klaus Brinkbäumer

Ist es wirklich noch ein Wochenmagazin oder nicht schon ein Teil hiesiger öffentlicher DNA unserer Demokratie? DER SPIEGEL ist seit 1947 eine Institution des Journalismus´. Bis 1993 de jure in der Sparte konkurrenzlos und de facto immer ist er es immer noch, denn der FOCUS schaffte nie wirklich den Ausstieg aus dem Tortendiagrammmodus – oder wollte es gar nie? Denn trotz Fakten, Fakten, Fakten und einem nie ruhenden Herausgeber Markwort, blieb der SPIEGEL immer die Nr. 1. Doch auch eine Institution kann leiden. Und das tut sie innen wie außen.

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Der immer währende Gründer: Rudolf Augstein

Die Zeiten ändern sich, der Fortschritt müsse umarmt werden, konstatiert 2007 schon Mathias Döpfner. So leidet der Spiegel am digitalen Geschäft wie alle Verlage, da zu spät erkannt wurde, dass man mit reiner Reichweite nicht seine Kosten decken kann. 2016 erst rang sich das Blatt zu einer Paywall durch. Das innere Leiden beruht auf sehr alten Strukturen: Der Mitarbeiter KG. Denn den Mitarbeitern gehört mehr als die Hälfte des Spiegels. Dies wollte der Patriarch Rudolf Augstein so – und dann doch wieder nicht. Dann aber war es zu spät, denn zugunsten eines Rentenmodells wollten die Mitarbeiter „ihren“ Spiegel nicht wieder hergeben. Diese einzigartige Konstellation sollte die Unabhängigkeit sichern und löste doch ein Vakuum aus: Die Onliner kamen dazu und sind bis heute nicht gleichgestellt. Ein grotesk wirkender Zustand, der googlebar zu Unruhen im Haus führte.

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Der Blick von oben

Es werden anspruchsvolle Jahre, nicht mehr von der Substanz zu zehren, sondern innen wie außen das Blatt strukturell zu „pimpen“, um nicht in Scollalgorithmenuntiefen unterzugehen. Dass im Rahmen dieser Untiefen dann auch die Spitze des Blattes rochadenartig wechselte, machte alles nicht besser. Der „Fernsehmann“ Stefan Aust lenkte knapp eine Dekade die Geschicke des Hauses, um dann -so munkelt man- ohne sein Büro nochmal zu betreten, das Weite gesucht zu haben; angeblich nebst Abfindung. Darauf folgte eine Doppelspitze aus Müller von Blumencron und Mascolo mit der man im Duo Print und Online führen wollte; endete in Beurlaubung und Wolfgang Büchner, der erst den BILD-Mann Blome holte (gegen großen Belegschaftsprotest und der inzwischen wieder bei BILD werkelt und auf Phoenix mit Jakob Augstein motzt) und dann die Onliner gleichstellen wollte, was ihm nicht gelang. Nur das Erscheinen verlegte er auf samstags. Ihm folgte der amtierende Chefredakteur des gedruckten Spiegel und Herausgeber von Spiegel Online, Klaus Brinkbäumer.

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Cover die in die Geschichte eingingen: z.B. Boris Beckers Ich, Hannelore Kohls Tod oder 9/11

 

Doch trotz aller grauen Wolken, gilt es 2017 zu feiern: Der Spiegel ist siebzig geworden. Hätte man das Rudolf Augstein 1962 in der U-Haft (siehe hierzu „Spiegel Affäre„) gesagt, er hätte frohlockt; und es vielleicht heimlich als selbstredend erachtet? Klaus Brinkbäumer legt daher termingenau als Herausgeber ein Kompendium aus siebzig Jahren Nachrichtenmagazin bei DVA vor.
Ein wahrer Brocken, wären mehr Bilder drin, es wäre ein Coffee Table Book. Mit hochwertigem weißen Papier, einem durchdringenden Spiegel-Design auf allen Seiten eine Reise nicht nur durch ein Nachrichtenmagazin, sondern eine Reise durch die Bundesrepublik. Standardwerke mögen oft lahmen, dieses aber nicht. Es ist auch kein Buch zum klassischen Durchlesen, sondern zum Blättern, zum Nachschauen, zum in der Erinnerung schwelgen. Manche der Cover sind legendär – weil sie bis heute Gefühle einer Zeit, eines Ereignisses bei einem auslösen. Einziger gestalterischer Kritikpunkt: Das schwarze Lesezeichen. Hier gehört natürlich ein rotes hin!

Interview
Jan C. Behmann im Gespräch mit
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer

Statt viel zu beschreiben, frage ich den Spiegel-Chefredakteur und Herausgeber von Spiegel Online einfach selbst. Ich habe dieses Interview schriftlich geführt. Die Antworten sind vom 31.01.2017. Ich danke Klaus Brinkbäumer für die Bereitschaft!

Jan C. Behmann: Herr Brinkbäumer, 70 Jahre SPIEGEL-Geschichte und Geschichten in Buchform liegen vor uns – wieviel Kaffee ist in den Chefredakteursmagen bei der Erstellung neben dem „echten“ SPIEGEL geflossen? 

Klaus Brinkbäumer: Weder Tassen noch Kannen habe ich gezählt. Reichlich. Aber „nach 16 Uhr in unserem Alter kein Kaffee mehr“, das sagte mir mein bester Freund in New York, und der ist Arzt. 

In sechs Hauptkapiteln, die ungefähr einer Dekade entsprechen, geben Sie die besten SPIEGEL-Cover, die Scoops und Skandale, Fotos von SPIEGEL-Gesprächen und ausgewählte Artikel zum Besten – wer traf diese Auswahl und was ist Ihr Favorit? 

Die Kollegen Hauke Janssen, Cordt Schnibben und ich; wir haben uns durch all die Jahrzehnte gekämpft. Meine Favoriten haben es in dieses Buch geschafft, die Liste ist lang. 

Mein Politik-Lehrer gab mir in der Oberstufe Punktabzug für meine Facharbeit, da ich zu sehr in den „SPIEGEL-Sprech“ abgerutscht sei. Sind die Texte vielleicht manchmal zu alarmistisch, zu emotional?

Nein, das glaube ich nicht. Ich finde viele alte Texte, aus heutiger Perspektive, etwas eintönig, einander zu ähnlich. Was ich mag: dass der SPIEGEL immer schon wenig Adjektive und umso mehr Verben verwendet hat. Das sorgt für Tempo, es geht voran.

Für welchen Artikel haben Sie sich zuletzt richtig geärgert? 

Über jeden guten, den die Konkurrenz hat, zuletzt das Gabriel-Interview im Stern. Und bei uns: über alle Fehler, auch wenn’s nur sprachliche sind.

Gibt es denn so einen Artikel in dem Buch, den Sie ausgewählt haben, weil er eben „daneben ging“? 

Nein, wir wollten ja nicht die schwächsten Texte aus sieben Jahrzehnten auswählen. Wir schreiben im Buch aber auch über die Fehler des SPIEGEL und erklären sie, Fehler wie Bad Kleinen beispielsweise. Damals hat der SPIEGEL auf schwacher Grundlage eine Titelgeschichte gemacht, die den Innenminister Rudolf Seiters stürzte; die Beweislage war, ehrlich gesagt, nicht existent. 

Mir gefallen am besten die zusammenfassenden Texte der Investigativteile. Die Bilder zu den Artikeln fehlen – hätte die Rechterecherche das Projekt sonst gesprengt?

Es ging eher um Prioritäten. So viele Geschichten … und der begrenzte Raum eines Buches eben. Darum haben wir uns meist für die Texte und gegen die Fotos entschieden.

Es wird sehr gutes Papier verwendet, der Druck ist farbenstark und die Gestaltung SPIEGEL-like bis in die letzte Zeile: Wie war die Zusammenarbeit mit der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA)? 

Das freut mich, dass Sie das anmerken, danke. DVA ist ein guter Partner für solche Projekte, nämlich leidenschaftlich einsatzfreudig.

Schicken Ihnen Leser das Buch zum Signieren? Und wenn: Ihre bevorzugte Widmung lautet oder wird lauten…? 

Ja, manche tun das, und ich signiere die Bücher gern, aber eine bevorzugte Widmung gibt’s nicht.  

Herr Brinkbäumer, der SPIEGEL ist für mich, Jahrgang 1985, eine gedruckte Institution: Lassen Sie uns bitte noch etwas über das Blatt, Ihr Blatt sprechen. In der Reportage über Ihren Vor-Vor-Vorgänger Stefan Aust aus 2005, sagt der Gastkritiker Erwin Staudt, er sähe die Meinungsführerschaft bei der BILD – wie sieht es 2017 damit aus?

Sie liegt längst wieder beim SPIEGEL.

Ihr Vorgänger Wolfgang Büchner musste gehen, weil er unter anderem die Mitarbeiter von Print und Online gleichstellen wollte. Mit Verlaub, können Sie es verstehen, dass es für mich grotesk wirkt, dass dieses innerhalb Ihres Hauses nicht als schnellstmöglich anzustrebende Selbstverständlichkeit angesehen wird? 

Ja klar. Ich wünsche mir diese Gleichstellung, manchmal verzögern allerdings steuerrechtliche oder arbeitsrechtliche Fragen die Umsetzung von Wünschen. Kommen wird’s, da habe ich keine Zweifel.

Mathias Döpfner sagt, mit Aufmerksamkeit kann man seine Miete nicht zahlen: Erst seit Mitte 2016 haben Sie eine Bezahlschranke eingeführt. Möchte man sich dafür nicht peinigen, solange seine gute Arbeit verschenkt zu haben und eine ganze Konsumentengeneration umgewöhnen zu müssen?

Nee, mit Selbstgeißelung kommt ja niemand weiter. Deutsche Verlage haben zwar spät verstanden, worum es geht, aber sie haben es verstanden. Wir kriegen das hin.

Abonnements kosten Geld, und das nicht wenig. Die FAZ berechnet im Monat knapp 70,00 Euro, der SPIEGEL knapp 40,00 Euro – was sind die Argumente dafür, wenn man bei SPON auch durchs Wichtigste scrollen kann? 

SPIEGEL ONLINE ist die stärkste Nachrichtenseite im Internet, doch die Exklusivität und die Tiefe eines herausragenden Magazinjournalismus, egal ob gedruckt oder digital, sind natürlich auch künftig ihr Geld wert.

Besonders lange Stücke hätten die Gunst der Leser, so di Lorenzo von der ZEIT: In welcher Artikelform liegt die Zukunft des SPIEGELS in Ihren Leseranalysen? 

Im Besonderen. Das Besondere, das sind Enthüllungen, aber auch Reportagen und Porträts, auch die großen Gespräche. Abheben müssen sich die Texte. Der SPIEGEL muss das recherchieren und schreiben, was andere nicht schaffen.

Alle steigen auf längere Publikationsintervalle um, die ZEIT erlebt eine Renaissance mit steigenden Leserzahlen. Macht einen das an schlechten Tagen manchmal mürbe, dass die ehemalige „Grabplatte ZEIT“ nun die jungen Intellektuellen mit verfeinerter FOCUS-Optik und wachsendem Investigativressort abfischt?

Tut sie nicht, und darum macht’s auch nicht mürbe. Die „Zeit“ hat sich zwar modernisiert und hat ein schönes Image, aber sie ist bei weitem nicht so stark wie der SPIEGEL, auch mit ihrer verkauften Auflage nicht.

„Stefan Aust fällt beim SPIEGEL nicht als Autor kluger Artikel auf“, urteilt Dokumentarfilmer Stephan Lamby 2005 – wie fällt denn Klaus Brinkbäumer auf? Als der nahbarste, digitalste Chefredakteur zum Beispiel?

Schlecht wär’s nicht, und dann versuche ich noch Blattmachen und Schreiben zu kombinieren.

Roger Willemsen hat seit 2016 einen längeren Schreibauftrag in höheren Gefilden, dennoch bleibt das Gespräch mit Helmut Markwort zum Zweijährigen von FOCUS unvergessen. Wie steht es denn um Ihre Schreibhand? 

Die kommt zu wenig zum Einsatz, sie langweilt sich schrecklich in all den Konferenzen. 

Bedienen wir uns der ZEIT-Magazin-Rubrik „Ich habe einen Traum“: Wie sieht Klaus Brinkbäumer die nächste 70 Jahre-Ausgabe des SPIEGELS vor sich?

So humorvoll, auch so selbstironisch, darum so elegant wie die letzte. In 70 Jahren, sagen Sie? Ob’s dann noch Papier gibt?

Lieber Herr Brinkbäumer, ich danke Ihnen für das Interview.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt.

Klaus Brinkbäumer (Hg.), DER SPIEGEL 1947-2017, erschienen bei DVA (Random House)

Seh-Tipps:
Klaus Brinkbäumer im Interview mit Peter Turi
Reportage über Stefan Aust als Chefredakteur
Beiträge zur Spiegel-Affäre auf Youtube

Ich danke Random House für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Dash & Lily

Die geneigten Blog-Leserinnen und Leser werden schmunzeln, dieses Buch bei mir in der Liste zu lesen. Ich hatte die Chance, ein Ebook zum Rezensieren zu bekommen. Das technische Lesen mit dem von Adobe gestellten Reader war ok, doch bin ich durch Amazon sehr verwöhnt.

Der Plot ist vermeintlich Kitsch: zwei Jugendliche, die sich durch Nachrichten in einem Notizbuch annähern und dann final doch vor der realen Begegnung Furcht bekommen. Man könnte analytisch denken, dass es eine analoge Analogie auf die Annäherungsverzögerung mit anschließender Furcht durch Internetbekanntschaften sehen. Vielen fällt es schwer, die „Beziehung“ in die Realität nicht ohne Schäden überzuretten.

Doch dies soll nicht das Thema des Buches sein. Wider Erwarten, ist neben der im Notizbuch veranstalteten Schnitzeljagd, der Text an sich von erzählerischer Tiefe und Qualität. Also nicht so á la „naja ist ja nur nen´ Jugendbuch, kann ja jeder schreiben“. Das ist a) sowieso falsch und b) hier nochmals weniger der Fall.

Beginnen tut das Buch bei Strand – DER New Yorker Kultbuchhandlung, die selber damit wirbt auf 18 Meilen Buchregallängen Bücher anzubieten. Verwoben mit der weihnachtlichen Stimmung, der New Yorker Atmosphäre, ein gut wegzulesendes Buch mit vielen Schmunzelstellen für Menschen jenseits der Zwanzig. Schmunzelnd ob eigener Erinnerung und schmunzelnd ob dem Gedanken „Hätte ich?“. Und: Weihnachten im Big Apple. Allein das hat mich schon gereizt – egal wie die Handlung gewesen wäre…

Wer also Lust auf ein etwas kitschig inszeniertes und dennoch tiefgehendes Werk menschlichen Verhaltens hat, sei dieses Buch für die leichten Stunden empfohlen.

Rachel Cohn/ David Levithan: Dash & Lilys Weihnachtswunder, erschienen bei Random House

Achso: Sie wollen etwas über Strand wissen: Schauen Sie hier oder hören sich den Vortrag von Gerhard Steidl bei Strand an oder besuchen strandbooks.com

Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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Cover: Random House

 

 

Rezension: Faber

Nein, kein Homo Faber, aber so ähnlich. Jakob Wassermanns Roman aus dem Jahre 1924 wurde in der vom Namen her freischwingenden Edition „Bibliothek der Weltliteratur“ im Manesse Verlag erneut publiziert. Manesse ist ein Imprint von Random House und dennoch es sich um ein riesiges Verlagskonglomerat handelt, ist hier ein handwerklich fantastisches Werk herausgekommen.

Ich möchte hier heute nicht so sehr auf den Inhalt eingehen, so mir doch auffält, dass viele Rezensionen von Bloggern mehr Inhaltszusammenfassung als teaserartige Rezension sind. In meinen Texten möchte ich physische und psychische Lust auf ein Buch wecken und nicht den Plot erzählen – wozu auch?

Der Inhalt beschäftigt sich mit der Figur des jungen Architekt des Eugen Faber, der nach dem Ersten Weltkrieg nach Hause zurückkehrt. Doch dieser Rückkehr steht ein innerlich abgestorbener Mensch gegenüber, gebrochen vom Soldatensein, vom Kriegtun. Es ist eine Situation, die ich die Kriegsgeneration als Kind noch fragen konnte, doch zumindest mir keiner so recht beantworten wollte: Wie war das damals, als „es“ vorbei war? Tagesordnung, alles wieder tutti? Kann ja eigentlich nicht sein, denkt der geneigte junge Menschen später Geburt. Der Film Der Staat gegen Fritz Bauer mit dem herausragend spielendem Burkhart Klaussner (der btw auch super Chansons singen kann) erklärte mir eindrücklich, dass nichts wieder gut und schon gar nicht konsequent bestraft war und teilweise nie wurde. Wie konnten also Heimkehrer, egal aus welchem Kriege, wieder zum Alltag übergehen? Faber kann es nicht, im Gegensatz zu seinen Mitreisenden, die nur Freude empfinden, zu ihren Familien zurückzukehren. Bauer soll -sinngemäß- gesagt haben, die Deutschen wollten eben doch wieder die heile Welt mit Eigenheim und Auto. Die Aufklärung schien da eher lästiges Mahnwerk.

Wassermann zeichnet in sehr genauer Betrachtung der Figuren die Verstocktheit, die emotionale Verkapptheit der Nachkriegszeit, die doch eigentlich unweigerliche Entfremdung. Menschengruppen, die sich auf das Nicht-Sein des anderen mit Schmerz aber doch eingestellt haben. Im Nachwort der Frankfurter Literaturkritikerin Insa Wilke (btw: Nachlassverwalterin Roger Willemsens), meint selbige, dass es sich um ein politisches Buch handele.

Ich möchte nun, wie eingangs schon erwähnt, auf die Austattung eingehen. Das Buch in der Größe eines kleinen Moleskine-Notizbuches, wirkt mit seinen 26,95€ doch arg teuer – aber wehe dem, der das glaubt. Es ist in Leinen gebunden, mit der Prägung des Manesse-Verlags, wunderbar dünnes, bananengelbes, glattes Papier mit einer herrlich zu lesenden Schriftart und einem satten und dennoch scharf abgegrenzten Druckbildes. Auch der Schutzumschlag überzeugt mit seiner Glattheit und optischen Passgenauigkeit. Der Preis ist nicht nur für das Werk an sich gerechtfertigt, nein, auch für diese bravouröse Ausstattung ist dem Verlag zu akklamieren! Ich habe zig mal das Buch angefasst, die Seiten unter meinen Fingern entlang rasen lassen, die Blätter über gestreichelt und den den Leinenwand mit den Fingerspitzen erkundet. Für Haptiker ist dieses Buch auch ohne Text ein Quell der Freude!

Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre, weitere Infos bei Random House

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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Cover: Random House

 

 

Rezension: Was bleibt, ist die Liebe

Winter. Schneelos. Kalt. Der Wind faucht um den Funktionsbau, schneidend kalt und doch ausdruckslos. Die Bäume kahl und der Himmel hängt am Haussims. Man kann Beton und Horizont nicht unterscheiden. „Winter“ in norddeutscher Tiefebene. In den Zehnerjahren eine Periode eindruckslosem Fehlens von Temperatur/Kontur/Leben. Mehr nicht. 

Riesige Schiebetüren aus blankem, kalten Metall mit dicken Gummilippen, die auch das nachdrücklichste Zuschieben puffend abfangen. Im Krankenhaus zu sein und nicht in einer andersartigen Verwertungsanstalt, zeigen die roten Kreuze auf rundem weißen Grund. Sie weisen den Weg in die Notaufnahme des Krankenhauses der Maximalversorgung in der ich meine Berufspraktika vor über zehn Jahren absolviere. Hier, wo der Herzschlag des Hauses tobt, der in Krankenhausserien simuliert wird und im Gegensatz zum restlichen Inhalt wirklich so stattfindet und keine Fiktion ist. Hier sitzt der namentlich bekannte Obdachlose neben dem Banker, die Mutter aus dem Problemviertel neben der Rentnerin aus dem Altbau gegenüber. Auf dieser Bühne des Lebens mit Brettern aus federndem PVC und dem dauerhaften Geruch aus Urin, Desinfektion und Plastik. Dort lerne ich sie kennen, in einem Behandlungszimmer; eine Infektion, eine von unzähligen. Sie ist Mitte 20, mit ihren Eltern angekommen, es ist noch früh, keine zehn Uhr. Ich soll hier in der Notaufnahme eigentlich unter der Vortäuschung von praktischem Fachwissen lernen, Zugänge zu legen und Blut abzunehmen. Ausgestattet mit einem Baumarkt-Plastik-Köfferchen ziehe ich von Patient zu Patient und bin mehr oder minder erfolgreich. Die Patientin, der ich gleich dreimal neben ihre Vene steche und die sich die vergeblichen Einstichstellen versucht synchron zu pressen, schaut vorwurfsvoll und beginnend verachtend, als ich wiederum nur noch zwischen den Lippen hervorpressen kann, nun doch mal den Arzt holen zu müssen; in der Hoffnung, dieser könne das dann — äh ja. Just auf diesem Weg werde ich bei meiner stichigen Aufgabe unterbrochen, ich solle helfen. Als Mensch ohne freien Willen, komme ich also zu ihr. Ihre Eltern schauen sorgenvoll, aber auch mit einer Prise leidvoller Erfahrenheit. Sie muss dableiben, wie so oft. Routine, der Lästigkeit längst entrückt. Man ist vorbereitet. Sie hat ein Kuscheltier im Arm, die Augen auf, starrer Blick an die Decke. Wirkt unversehrt, aber wie eine DVD auf Pausetaste. Und das seit Jahren. Die Papiere für die Station dauern, das Warten gehört zur olympischen Disziplin, ich lehne am Waschbecken, denn Zustechen muss ich hier nicht und der Vorwurfsblick gilt hier nicht mir. Daher bleibe ich, im Windschatten der Fehlerpause. Der Vater schweigt, er ist ruhig. Ruhig geworden. Denn seine Frau gibt mir einen Einblick, warum sie vor uns liegt. Es ergibt den Wissensstand, der einem meist verborgen bleibt; der Leidensweg der zum Mitleiden mitreißt. Sie, ihre Tochter, die einzige, wollte sie sonntags besuchen, zum Frühstück. Es war eiskaltes, klares Wetter, Schnee bedeckte die Dörfer auf dem flachen Land, die Kamine rauchten in die klare Luft empor. Nur eine Ortschaft weiter lebte ihre Tochter, sie telefonierten, die Tochter setzte sich hinters Steuer. Die Eltern machten Kaffee. Er dampft und verdampft, wird kalt. Sie kommt nicht an. Überfrierende Nässe. Ich versteinere, benetze die Lippen und nestele an meinem Kasack, dass nach Industrie-Reinigung müfft. Das Plastiknamensschild, welches mich als Praktikant ausweist, als Warnschild fungiert, als Mahnung der eigenen Verve dient, es hängt schief. Sie überlebt. Aufatmen. Und wacht aus dem Koma doch nicht mehr auf. Irreversibel. Wachkoma, Locked-in-Syndrom. Sie atmet, hat Herzschlag, die Augen sind geöffnet, man wartet jede Sekunde auf das Einsetzen eines Satzes. Der nie kommt. Aus Eltern, von den sich abgelöst war, wurden über Nacht wieder Eltern. Auf Lebenszeit. Mit Kuscheltier und sorgenvollem Blick. Zwischen Aufopferung und eigenem Untergang, immer am Rande. Sie wirkt völlig unversehrt, von den schweren Kopfverletzungn ist auch bei genauem Blick nichts zu erkennen. Sie wirkt wie eine fiktive Figur, die des Alterns entsprungen ist. Unversehrt, zu versehrt. Und so liegt sie vor uns unter der leichten Decke des Krankenhauses auf der rhythmisch immer wieder der Name desselbigen steht. Wie in einer Dauerwerbesendung. Oder eben der nervigste Dienstahlschutz, denn Menschen klauen auch reudige Decken. Was geht in ihr vor? Geht überhaupt etwas in ihr vor? Die Leiden des ELLE-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby lassen schlimmstes erahnen. Sollte es allen so gehen? Was bedeutet dieser Zustand, der, der modernen Medizin geschuldet, Jahrezehnte stabil dauern kann? Sie könnte ihre Eltern über-leben. Aber. Wie viel leben ist noch Leben? Ist es die langfristigste Art des Sterbens? Der bewussteste Vortod? Kann sterben doch die präferierte Wahl sein? Es beklemmt mich bis heute. Menschen, die unserer Welt weiter entrückt wirken als Gestorbene. Es ist so latent, so un(be)greibar und die eiskalte Angst, Menschen jahrelang zu betreuen, die vielleicht Kontakt aufnehmen wollen, aber nicht mehr können. Einbetoniert im eigenen Körper. Nicht bis auf Widerruf.

Lassenstraße 1, Berlin Grunewald. Die Anekdote, diese Adresse hätte mit zum Prüfungswissen für Taxifahrer gehört, kann nicht belegt werden. Doch auch wenn nicht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sehr viele Taxifahrer der Dekaden 60 bis 90 diese Adresse aus dem Effeff anfahren konnten. Denn der Gast, den Sie auf der Rückbank hatten, war sich selbst dieser Fundamentaldaten nicht mehr bewusst, wenn er im Vollsuff aus dem Diener auf die Kunstlederrückbank einer Mercedesdroschke fiel. Sie kennen den Diener nicht? Den Diener Tattersall? Nur einen Steinwurf von meinem Berliner Büro, liegt direkt am Fundament der S-Bahn-Hochstrecke diese Institution von Kneipe; ähnlich dem Zwiebelfisch am Savignyplatz. In dieser Kneipe mit Restauration ist die Zeit nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich stehengeblieben. Hier versackte alles, was Rang und Namen hat(te), oder eben dazugehören wollte und will. Es ist die Künstlerkneipe des Westberliner Nachtlebens – bis heute. Hier versumpfte auch Hugo-Egon Balder und kickte erfolglos in der noch erfolgloseren Diener-Fußballgruppe. Im Diener ist es dunkel, rauchig, die Kacheln haben mehr auf dem Buckel als die Menschen und ob die Wände jemals mal weiß waren – keiner weiß es mehr. Hier saßen Kai Diekmann und Henryk M. Broder im Durch die Nacht-Format. Und genau dort, dort wo zig Künstler auf Fotos an den Wänden beim Feiern in der Sekunde eines rauschend zu feiernden Erfolgs festgehalten wurden, auch dort stürzte er ab. Bis ihm im Jahr 2000 das Licht völlig ausging, die Prognose so dunkel wurde, wie die Decke im Diener. Die Rede ist von keinem geringeren als Harald Juhnke. Der Schauspieler, Entertainer, Comedian, der Generationen Inbegriff der sesselhaften Abendunterhaltung ist. Dieser Mann mit diesem besonderen Gesicht, der knolligen Nase und diesen seitlich anhaftenden Tollen von Haaren, die wirklich echt waren. Der Alkohol nahm ihn schon in den Sechzigern in Beschlag, bis zum Tag bei Wien, als nach etlichen Warnschüssen seiner Gesundheit (in seiner Biographie sprach er von sieben Leben, relativierte dies aber in seinem letzten großen Interview 1998: es seien sicher weit mehr gewesen), bricht er zusammen, bewusstlos. Ehefrau Susanne und Sohn Oliver eilen nebst Hausarzt Dr. Moschiry nach Wien – mit Privatjet. Es ist vorbei, das Gehirn hat irreversiblen Schaden, keine Heilung mehr möglich. 1998 gab Juhnke in seinem Haus in der Lassenstraße 1 nicht unweit des Grunewalder Koenigssees sein letztes großes Interview. So aufgeräumt, reflektiert sollten es dann nur noch knapp zwei Jahre sein, die ihm im Licht des Realismus blieben. Danach „starb“ er einen vorzeitigen Tod. Den aus der von ihm gebrauchten Öffentlichkeit und den aus seinen persönlichen Beziehungen, allen voran seiner Frau Susanne. Einsam zu zweit, schreibt sie und zeichnet in dem Buch den Beginn ihrer Liebe, nebst einigen Briefen damaliger Zeit, um dann zu springen zu dem verhängnisvollen letzten Rückfall und dem dann startenden, nicht mehr sich bessernden Leidensweg des einstigen Stars. Die Demenz fraß ihn, den jovialen, vor Leben bebenden, auf und lässt seine sich ihm immer voll hingebende Ehefrau zurück. Was bleibt, ist ein Mensch, einer ausgehöhlten Frucht gleich. Susanne Juhnke gab ihr Leben für ihn, sein Sein und seine Karriere. Mit seinem Verlust bricht ihre Welt zusammen und wird von außen durch das Medieninteresse auch noch atomar gepresst. Susanne Juhnke schreibt einen durchweg spannenden Lebensbericht, einer Liebe, deren Vollkommenheit durchaus kritisch fragen lässt, ob eine solche, ihre totalitäre Hingabe, wirklich ratsam ist. Denn das Konstrukt, auf der Fragilität des unberechenbaren Lebens gebaut, ist keines mehr, wenn ein Part stirbt oder eben in dieses Vorstadium rutscht, von dem keiner weiß, ob es nicht der wahre, grausame Tod ist – für alle Seiten.

Susanne Juhnke: Was bleibt, ist die Liebe erschienen bei Heyne.

Sehtipp: Harald Juhnkes letztes großes Interview 1998 im Rohschnitt

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

 

Rezension: Die schönsten Weihnachtskrimis (Audio)

Der Hörbuchverlag (Random House) ist etwas spät dran! Denn im Gegensatz zu ALDI & Co. kam diese Einstimmung mit mehr als einem Monat später als der Lebkuchen im Regal. Nun, eigentlich kann man dazu nur beglückwünschen, da meine Assistentin sich schon gleich im September an selbigen überfuttert hatte. Das sechseinhalbstündige Programm aus sieben Krimis zur Weihnachtszeit sind dabei ohne Vorsicht zu genießen. Agatha Christie darf genau so wenig fehlen wie Georges Simenon.

Fraglich ist meiner Meinung ja, warum wir selbst an Weihnachten so gerne Krimis lesen und hören. Oder Tod auf dem Nil so gern schauen; vielleicht als heimliches Sinnbild, was wir mit den Verwandten gerne täten, mit denen wir gemeinsam auf der Couch sitzen. Sitzen müssen wollen?

Ich finde die Geschichten in Ordnung, die Sprecher sind nicht ganz mein Geschmack. Als Freund von Charles Brauer in seinen Grisham-Vertonungen bin ich gewohnt, dass ein Sprecher mehrere Charaktere deutlich trennen kann und das ganze in eine Lesung mit Kribbeln verwandelt. Dieses konnte hier nicht so -für mich- erreicht werden.

Für mehr Informationen klicken Sie bitte hier bei Random House.

Ich danke Random House für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (Live-Audio)

Peter Handke beschimpfte die Gruppe 47 um Hans-Werner Richter, Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki 1966 in Princeton mit seiner historisch gewordenen Aussage, die deutsche Prosa leide unter einer Art Beschreibungsimpotenz. Der Zugang zur damalig im Zenit stehenden Gruppe 47 sei schwieriger als in den Himmel zu kommen, befanden Journalisten. Handke war das schon damals egal, und da war er erst Mitte 20. Seinem Erfolg mit seinem ersten Roman Die Hornissen (Suhrkamp) und seinem Provokationsstück
Publikumsbeschimpfung (Erstaufführung siehe Youtube, 1966; Regie: Claus Peymann) konnte diese Schärfe gegen das Establishment nichts anhaben.

Nun, was hat das mit Joachim Meyerhoffs nun vorgelegter Lesung seines Buches Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke zu tun?

Random House Audio legt hier eine Opus Magnum einer Lesung vor, 12 Stunden und das ganze live vom Autor vorgetragen. — Und er hat mich gekriegt, im Auto, mit der ersten von insgesamt zehn (sic!) CDs. Ich musste so herzlich lachen und im nächsten Moment (Textanschluß!) verstummte ich synchron mit seinem Publikum. Denn Meyerhoff ist wider Handkes Feststellung eine Potenz zu eigen, die einen in einen Bahn außerordentlicher Natur zieht. So parliert er mit tiefen, raueisigem Timbre locker durch seine Zeilen und beschreibt in einer solchen Detailliebe und Sprachgewaltigkeit das Leben seiner Großeltern, bei denen er Wochenenden seiner Kindheit verbringt. Die Skurrilitäten und Eigenheiten dieses von ihm hochverehrten Paares zeigen eine hohe Aufmerksamkeit und Sensibilität gegenüber dem Ist und Sein seiner Umwelt. Und so könnte man meinen, wieder ein vor Details triefender, zur Übermüdung neigender Beschreibungstext, aber nein: Meyerhoff schafft es, sein Publikum durch Text und Lesung abzuholen. Denn an die autobiographische Beschreibung seiner Großeltern schließt er seinen Übergang zu Zivildienst und die Atomisierung seines bisherigen glatten Lebens durch den Unfalltod seines mittleren Bruders an. So findet Meyerhoff immer eine Taktung zwischen den Jovialitäten des Lebens, um dann direkt die Verbindung zu den Abgründen zu skizzieren; in Abhängigkeit, in Folgebegründung.

Meyerhoff ist heute Ensemblemitglied „der Burg“ und neuerdings auch (wieder) des Deutschen Schauspielhauses, Hamburg. Und so beschreibt Meyerhoff seinen Weg in die Schauspielschule. Otto Folckwang in München. Und landet wieder bei seinen Großeltern. Statt im ersehnten Schwesternwohnheim und Zivildienststelle.

Meyerhoff sagt in Interviews, er wolle die Abgründe und die wahnwitzigen Momente des Lebens zeigen; und sein junges Leben scheint dafür viel Stoff geboten zu haben. 

Die Umschreibung des Verlages leidenschaftlich live gelesen vom Autor ist kein Marketing, es ist eine herzerweichende, mitreißende Tatsache.
Meyerhoff nimmt einen mit in sein Leben – und wir sollten dankbar dafür sein.

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – mehr Informationen hierzu beim Random House.

Ich danke Random House für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

PS: Der Titel ist übrigens ein Werther-Zitat. Und wie trefflich ists fürs Meyerhoffs Leben.

Rezension: More Letters of Note

Warum muss eine Rezension immer gleich sein? Da es sich bei den Büchern und den dazugehörigen Audios auch um besondere Werke handelt, musste eine besondere Rezensionsform her. Die des Briefes.

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Hinweise:

Der Brief wurde am 24.10.2016 per Deutsche Post verschickt.

Die Namen wurden bewusst gekürzt und sind dem Verfasser bekannt.

Es handelt sich um keine Original-Unterschrift. Nutzungen dieser Abbildung werden strafrechtlich verfolgt!

Rezension: NEIN

Um es fix vorwegzunehmen: Nein, es gibt keine Inhaltsangabe und auch keinen Preis des Buches in meinen Rezensionen.

Aber ich sage: Kaufen, weil. Und dann entscheiden Sie bitte selbst.

Wo wir beim Kern des Buches wären: Nein sagen ist den meisten Menschen fremd. Es wird bejaht, befolgt und schlussendlich fremdbestimmt. Die sich ergebende Ohnmacht, der Wunsch nach Simplifizierung selbst einfacher Sachverhalte ist selbstsezierend: Die Menschen sind ob der Multioptionalität am Ende ihrer Entscheidungskraft. Ein Multilemma nennen die Autoren Anja Förster und Dr. Peter Kreuz (was der FOCUS über beide sagt, schreibe ich hier nicht) diesen Zustand.

Die Freiheit, die wir nicht kennen, hat der doppelten Nobelpreisträgerin Marie Curie gefehlt, dennoch sie sich, wenn auch unter massiver Repression, durchsetzte. Heute haben wir zwar (fiktiv) alle Möglichkeiten doch fehlt uns die Kompetenz zur Entscheidung. Das Autorenduo schafft es, diese richtige Gesellschaftskritik in Worte zu fassen, die auch Menschen erreicht, die nicht der Philosophie/Soziologie zugeneigt sind. Das ist wichtig! Denn es sind die meisten. Die Studenten denken nur noch in Credit Points und frühem Studienende bei gleichzeitig fehlendem Reifeprozess des eigentlichen Wesens Mensch dahinter. Ein Systemproblem beginnend in der Schule.

Es wird kein pathetischer oder langweiliger Ratgebersalmon. Beide fesseln den Leser/in anhand passender Geschichten, Querverweise und anschaulicher Beispiele, wie der schwierige Weg zur inneren Freiheit auf wackligen Bohlen erreibar sein kann. Das hat nichts mit Klangschalen zu tun, das ist wirklich so. Die äußere Freiheit, also z.B. Bildung, Berufswahl, etc. sind nicht eingeengt, denn sie sind es, die einengen.

Zur Buchausstattung: Ich habe aus selber Ausstattungslinie schon Muße von Ulrich Schnabel (DIE ZEIT) (Empfehlung!) gelesen; das Cover ist längs gerippt, das Papier champagnerfarben und mir etwas zu offen angerauht. Die Innengestaltung missfällt dahingehend, dass man den Text mit Herausstellungen und Farbakzenten auflockern wollte. Bin ich eben kein Fan von. Die zwei Werbeseiten am Ende sind auch eher so semi, aber so ist es eben auf der Schwelle von wissenschaftlicher Literatur zu Ratgebern.

Ich kann das Buch empfehlen, es regt an zu denken. Die Angst, etwas zu verpassen, ist unberechtigt!

Probieren Sie es aus. Es passiert — nichts.

Erfahren Sie hier mehr zu dem Buch NEIN von Anja Förster und Dr. Peter Kreuz.

Das Buch wurde mir freundlicherweise von Random House zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.

Andere Buchempfehlung: Die Stein-Strategie von Holm Friebe

— NACHTRAG:

Auf twitter habe ich es geschafft, das Kai Diekmann meinen tweet über seine Erwähnung in dem Buch reteweetete und der tweet eine Impressionsrate von 4.100 erreichte und eine Interaktion von 188. Zudem schickten die Autoren Förster und Kreuz ein signiertes Exemplar an Kai Diekmann.

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Rezension: Das Zimmer

Das hundertzweiundsiebzigseitige Buch ist bei Luchterhand, seines Zeichens Literaturverlag, erschienen. Der Schwedische Autor Jonas Karlsson hat damit einen Bestseller hingelegt. Umso mehr Grund, kritisch zu betrachten was vorliegt.Das Buch ist angenehm ausgestattet, mit haptisch ansprechendem Umschlag mit Längsprägung, die Schrift eine im satten Schwarz gesetzte Serife mit Längsstreckung. Anhand der Kapitelstruktur ist die literarische Ausrichtung erkennbar. Die Erzählweise des Autors ist in Kapiteln asynchroner Länge und Gestaltung, der Erzählung in sattem Grau, flacher Erregung und gleichbleibender Melodik. 

Der Strick auf dem Titel umschreibt sinnreich das Leben des Protagonisten. Ein filigraner Stromberg, der neurotisch, emotional defizitär und verrückt selbst- und fremdwahrnehmend ausgestattet ist.

Anhand des beruflichen Wechsels in eine Behörde zeichnet Karlsson ein wortreiches Psychogramm der Arbeitswelt in den anonymen Teppichetagen dieser Welt. Niklas Luhmann (Der neue Chef, Suhrkamp) hätte seine Freude – seine messerscharfen Soziologie-Analysen in Prosa gesetzt.

Mich hat das Buch handwerklich überzeugt, aber wer Abschaffel und Der blühende Lavendel kürzlich las, wird in der der Darstellung eintöniger Tiefe nicht gerade gereizt, weiterzulesen.

Dennoch rate ich zu diesem Buch, wer Lust hat, denn Das Zimmer wird in Absolutheit infrage gestellt: Ist es real oder irreal? Eine Frage die im Hinblick auf die Authentizität der Beschreibungen auch auf unser Zeitalter der Arbeitswelt gefragt werden sollte.

Weite Informationen finden Sie bei Luchterhand/Random House; klicken Sie gerne hier.

Das Exemplar wurde mir freundlicherweise von Random House zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Helmut Schmidt – die späten Jahre

Schmidt hasste kurze Texte, wehrte sich immer gegen kurze Antworten; also: nehmen Sie sich einen Kaffee, rauchen Sie ggf. eine und machen Sie es sich bequem.

Der Staatsmann soll ihnen nicht vertraut vorkommen…,

meinte Schmidt 1986 in der NDR Talkshow mit seinem unverwechselbaren Haifischlächeln.

Es ist kalt an diesem Berlinmorgen im November. Ich blicke durch große Fenster auf den Bahnhof Zoo. Dort, wo Jahrzehnte zuvor das Schicksal von Christiane F. sich abspielte, blicke ich auf dieselbe Bausubstanz. Aus dem achten Stock meines Hotelzimmers wirkt es wie eine Modelleisenbahn mit Sozialcharakter. An diesem Morgen ist mir aber nach allem, bloß nicht nach Genießen. Und so frage ich mich, ob ich der blasse Mensch im Spiegel bin, oder doch das Fernsehbild im Spiegel. Das Waldorf Astoria bereitet alle Annehmlichkeiten, die sich ein Gast vorstellen darf. In innerer Form einer Schiffsspitze gebaut und mit einem durchdringenden Corporate Duft, erkenne ich es beim Betreten mit geschlossenem Auge. Doch selbst das vor Opulenz schreiende Frühstücksbuffet reizt mich nicht; ein Freund schleppte mich am Vorabend zu „seinem“ Libanesen auf die Kantstraße neben unserer Berliner Dependance. Sehenden Auge ins Unglück, hätte das Buch hierzu heißen können, denn natürlich vertrug ich das knoblauchgetränkte Mahl kein bisschen. Und so zerre ich mich zu meinem Vortrag, um dann auch noch auf dem Wege zum Tagungsraum die SMS (eine echte SMS…) von einem Freund zu bekommen „Schmidt kritisch – Lage prüfen“. Nach kurzem Crosscheck weiß ich: es geht nun wirklich zu Ende. Zuletzt war der arterielle Verschluss am rechten Bein, da war ich unruhig, nun habe ich voreilende innere Gewissheit. Der Mann, den ich für seine freche Führungsstärke (1962) und seine weltläufige, wenngleich arrogante Art mag und sein Wirken seit 2007 verfolge, wird nun sterben.

Helmut Schmidt wurde zur Institution. Zum Ende seines langen Lebens haben viele Menschen zur Idealisierung geneigt, ja geradeheraus Gesundheit aus Mentholzigaretten heraufbeschworen. Die Zuneigung sei lästig, sagte Schmidt in der großen Dokumentation von Maischberger aus 2007. Josef Joffe, am Rande einer Veranstaltung und wahrlich nicht so beliebt, war ganz entgeistert über dieses kantenstarke Statement, denn er fragt ungläubig: „Zuneigung lästig?“, Schmidt antwortet auf seinen Stock gestützt mit Blick zum Boden „Jo“. Er will die Abfahrt nach der Veranstaltung verzögern, um den „Wegelagerern“ zu entgehen. Diese dennoch auf ihn wartenden Wildwuchs-Autogrammjäger, die alle etwas pflegebedürftig aussehen, wäre ich auch gern entgangen. Zuneigung kann sicher erdrückend sein, denn sie bezieht sich auf die Projektion, die Menschen sich erschaffen; dass bedeutet, sie bewundern das Beamerbild statt den Beamer. Bei Schmidt drehte sich das ob fehlender anderer Vorbilder zu einer babylonischen Schraube, auf der er einerseits genussvoll ritt und die ihm, so bin ich sicher, dieses biblische Alter bescherte und andererseits zu zunehmender Belastung durch eigene Handlungseinschränkung wurde.

„Meinen Sie das wirklich ernst?“, fragt mich Herr Sprinz am Telefon. „Ja, wir müssen vorbereitet sein“, raune ich entgegen, als ich nach meinem Vortrag meinen ersten Kaffee seit eingetretener Magenverstimmung mir in den Hals vorsichtig schütte. Mein Haus- und Hofgraphiker ist einiges von mir gewohnt, hat über die vielen Jahre der Zusammenarbeit erlebt, das meine oft vorher krude Meinung bei Umsetzung wider jeder Stilfrage funktionierte. „So ein Dings mit Name und Lebensdaten“, umschreibe ich das, was jeder kennt, dennoch nie einer benennt. Widerwillig schickt Sprinz mir die Entwürfe ins Hotel. Wir einigen uns auf schwarzen Grund und weiße Schrift; und packen es „auf Halde“, jederzeit einsatzbereit für Facebook (damals noch) und Blog (immer noch) und generell.

Wie nähert man sich einem gewichtigen Mann aus der Politik, den man aber zu Regierungszeit rein geburtstechnisch nie erleben konnte? Wie erwacht also das Interesse? Hierzu muss ich vorausschicken, Schmidt nicht als Politiker oder Weltendeuter zu verehren. Ich mag ihn als Macher, als Einleiter von Veränderungen, als Kontinuum bei meiner geliebten ZEIT. Politiker werden m.E. in Ihrer Einzelbetrachtung überschätzt und zu Einschätzungseintrittswahrscheinlichkeit sollten Sie Dobelli lesen, um über alle „ich schätze, meine denke“-Sätze in Büchern drüberwegzulesen und dabei sogar etwas Gutes zu tun.
Schmidt als Mensch zu erfassen, war und ist für mich der spannende Teil. Der Mann der sich vor einer Betonwand hinter seinen Emotionen präsentierte und so eine Hybris aufbaute, die nicht stimmen konnte; ähnlich Karl Lagerfeld. Die Situationen also, wenn persönliche Meinungen durchblitzten, wurden die Interviews spannend. Wie sieht ein der gegenwärtigen Generationen entwachsener Mensch die heutige Welt? Schmidt war immer an den Jüngeren interessiert, insbesondere deren Ansichten, die er oft dennoch nicht teilte.

Kurz nach 15 Uhr habe ich dann Gewissheit: Helmut Schmidt ist tot. Die Lebenstafel geht online. Ich beobachte die Medien, sie überschlagen sich und sind doch stumm. Was will man – auf die Schnelle – sagen, außer der Tatsache? Der Tag ist in seinem Verlauf besiegelt, der Berliner Himmel grau und nasskalt. Ich steige auf Feierabendcognac um und lasse die schwere Tür meines Zimmers hinter mir zufallen.

Für alle Menschen, die heute unter vierzig sind, ist Schmidt nur in seiner Rolle als Herausgeber und Elder-Statesman „lebendig“ aktiv gewesen. Sandra Maischbergers Portrait Helmut Schmidt außer Dienst von 2007 ist ein herrliches Stück eingefangener Zeitgeschichte. Sie bildet Schmidt, damals noch mit Stock vergleichsweise sehr mobil, bei seinen Reisen durch die Welt ab. Knapp zehn Jahre hatte Maischberger ihn begleitet und ein grandioses stilles, den Protagonisten ebenbürtig wirkendes Werk, geschaffen. Doch warum hat sich niemand an die Verschiftlichung seiner Zeit nach dem Ende seiner Kanzlerschaft 1982 gemacht? Hausbiograph Soells Oeuvre endet 1982.

Die Lösung ist, es war vertraglich geregelt! Der Autor und ehemalige Siedler-Lektor Thomas Karlauf legt nun bei Siedler (Imprint von Random House) die Biographie von Helmut Schmidt von 1982-2015 vor. Das Buch sollte zum Tode oder zu seinem hundertsten Geburtstag erscheinen. In der Mitte beider Zeitspots ist es nun geschehen, verabredet 2014 noch hochselbst mit Schmidt. Auf 479 Seiten zeichnet Karlauf die Zeit des Vollblutkanzlers und Machtmenschen nach nach der Macht. Bücher können schwierig sein, wenn die Autoren die Distanz verlieren oder der Genauigkeit Überschätzung schenken. Die von Gregor Schöllgen vorgelegte Biographie von Gerhard Schröder (DVA) platzt vor Genauigkeit. So genau, dass das Buch nicht mehr flüssig gelesen werden kann; es ist zu anstrengend. Das wusste auch Schoellgen, da er auf der PK zur Vorstellung sagte, er habe Schröder gewarnt: Er würde nach der Arbeit dessen Leben besser kennen als dieser selbst. Schröder quittiert dieses nur mit einem kurzen Schmunzeln: Tiefes Aktenstudium war seine Sache nie gewesen. Knapp sechs Jahre zuvor legte Theo Sommer sein Werk „Unser Schmidt“ vor. Auch dieses ein Buch in Form eines Briefbeschwerers und vor Detailgenauigkeit platzend. Nicht lesbar. Meine Kritik damals hat Sommer per Email nicht ganz begeistert beantwortet. Denn ich wollte nicht die nächste epische Analyse von Terminkalendern, Treffen-Auflistungen und Einschätzungen haben.

Ich wollte an den Menschen kommen.

Umso gespannter war ich nun auf das Buch von Karlauf. Und, er hat es geschafft! Neben auch hier publizierten Genauigkeiten als Legitimation zur Sachbuchberechtigung, zeichnet der Autor direkt und indirekt ein Bild eines Mannes, der wie Schröder dreißig Jahre später, an dem Machtverlust wie ein ausgesetztes Kind litt. Schröder sagte hierzu in seiner ersten post-Kanzler-Dokumentation 2006 (Leinemann et. al): „Ich eigne mich mit (er verschluckt sein Alter)…in meinem Alter noch nicht…“, um dann zu begründen, weshalb er das Mandat bei Nordstream und seine Tätigkeit bei Ringier aufgenommen hatte.

Karlauf schildert minutiös und dennoch lesbar, wie Schmidt nach dem Ausscheiden aus Bonn seinen Alltag meisterte, zu Bucerius´ ZEIT kam (mit dessen Ex-Frau er der ZEIT viel Geld sparte) und den Sprung von Politiker zum Autor und Vortragsredner schaffte. Nicht ganz so glatt, wie ich es gedacht hätte. Die ersten Manuskripte wurden von Verleger Siedler himself nicht sehr diplomatisch mit vielen kritischen Anmerkungen versehen.

(…), dass die kühle und sozusagen lapidare Art des Vortrags dem Manuskript jenen Selbstbespiegelungscharakter nimmt, der so viele Memoiren-Bücher zu einer peinlichen Lektüre macht.“

Ein Schlag in Schmidts Ego. So misslingt das erste Buch Mächte und Menschen aus organisatorischen im Ausland – asychrone Erscheinungsweise; nur 5000 Exemplare werden in den USA abgesetzt, die Verlage dort haben (erstmal) kein Interesse mehr an weiteren Veröffentlichungen. In Deutschland brilliert die Ausgabe, Schmidt ist wohl sehr an den Absatzzahlen interessiert. Nebenbei erfährt man, dass die bei Siedler ebenfalls verlegten Speer-Memoiren eine Rekordauflage von 700.000 Stück erreichte – ein ekliges Statement für Nachkriegsdeutschland, Fritz Bauers Biographien verdienten diese Auflagenzahlen…

In diesen Beschreibungen blitzt der Mensch durch, denn Schmidt hat sehr wohl an seinem Bedeutungsverlust und seiner noch fehlenden Positionierung gelitten. So schrieb er von seinen privat veranstalteten Reisen teils Reiseberichte mit neun Anhängen. Ob sein Verteilerkreis die lesen wollte und las, sei (und wird es auch) sehr infrage zu stellen. Auch dass seine Freitagsgesellschaft niemand weiterführen wollte, kann erahnen lassen, dass die Kraft und den Gestaltungswillen der Schmidt auch ohne Amt und Auftrag umtrieb, nicht übersprang auf seine Umwelt.

Das umfangreiche Buch gibt in viele Teilen einen Einblick in das Leben und Wirken Schmidts. Teilweise gerät es in einen historisch berichtenden Duktus, der langweilen kann. Dem Verlauf eines Lebens nach einer Kanzlerschaft ebnet dieses Buch aber den Weg. Es zeigt, dass auch nach dem zweithöchsten Amt der Bundesrepublik ein erfülltes Leben stehen kann. Die Sprungkante in die Bedeutungslosigkeit wird aber auch damit klarer sichtbar, nicht alles war reibungslos und verklärt optimistisch, wie es sich retrospektiv darstellt. Karlauf berichtet wichtige Eckdaten Schmidts Biographie, insbesondere bei der ZEIT und den letzten Jahren seines Lebens. Er gibt damit Einsichten, die nicht ergooglebar sind.

Wer Schmidt mag und sich mit ihm beschäftigt, sollte weniger die Bücher von ihm oder die Bücher bis 1982 über ihn lesen, er sollte dringlich dieses Buch lesen.

Finden Sie weitere Informationen über Helmut Schmidt – die späten Jahre beim Verlag Random House (Siedler ist Imprint-Verlag des Random Hous Verlagsgruppe) und kaufen Sie es sich gerne. Es lohnt sich.

Das Buch wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar von Random House zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.


Zum Abschluss zwei Video-Empfehlungen:
Harald Schmidt redet bei der Matinee zu Schmidts 90. Geburtstag
Giovanni di Lorenzo über den Zeitpunkt des Todes und die Erlebnisse danach in der Redaktion am Speersort
Sandra Maischberger: Helmut Schmidt außer Dienst, 2007

Lese-Empfehlungen:
Die ZEIT-Ausgabe zum Tode Helmut Schmidts; kostenpflichtig bestellbar über archiv@zeit.de
Briefwechsel Helmut Schmidts mit Willy Brandt, herausgegeben vom enorm fleißigen Meik Woyke
„Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ und „Verstehen Sie das, Herr Schmidt“-Gesprächsbücher
Hintergrund: Giovanni di Lorenzo sprach mit Helmut Schmidt in bewusst kurz gefassten Interviews (diese kurzen Interviews waren eine Serie des ZEIT-Magazins)

 

Lese-Tipp: Slow und jetzt mal ganz langsam!

..über Auslassendes.

Winfried Hille legt mit „Slow“ einen Leitfaden für ein bewussteres Leben vor. Das Thema ist immer etwas tendenziös, da es schnell zu einer „Klangschalen“-Ebene kommen kann. Bei Robert Betz zum Beispiel, der aber auch viel Richtiges sagt. Ich beurteile nun nur das mir vorliegende Buch und nicht die sonstige Tätigkeit oder Publikation von Winfried Hille.

Das im Gütersloher Verlagshaus (Random House) erschienene 190 Seiten starke gebundene Buch beleuchtet in 10 Hauptkapiteln die verschiedenen Wirkbereiche des Slow-Lebensstiles. Sei es beim Reisen, dem Essen, der Liebe, dem Arbeiten oder den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Hille skizziert nicht übertrieben eine Gesellschaft in der Hast, immer in der Angst, nicht mehr mitzukommen, etwas zu verpassen, eine bessere Option nicht wahrzunehmen. In seiner so zur Anklage werdenden Position, hat er recht.

Die meisten Menschen sind immer im Stress, am Limit und tun alles, um „richtig“ zu sein. Performance und Vergleichbarkeit sind alles. Konsum und dessen Finanzierung sind die Motoren für jedwedes Tun und Taktieren. Der Partner, die Freunde, die Karriere – alles könnte besser sein. Online zu sein ist obligat und jeder Moment wird auf die Darstellbarkeit vor anderen abgeklopft. Likes sind die Schulterklopfer des digitalen Lebens, offline ist quasi ein menschliches Vorsiechtum. Die Menschen verlieren sich, sind nicht abgelöst vom Elternhaus oder Wechseln direkt von der Anbindung an die Eltern an die Technik. Fluch und Segen zugleich.

Wo werden die selbständigen, kritischen Menschen bleiben? Menschen, die keinen Stundenplan zum Studieren brauchen, die nicht eine App als Stylingeberater hinzuziehen und auf die Frage, warum sie etwas bestimmtes kaufen, mit wahnhaften Konsumblick antworten: Ich brauche das jetzt einfach. Der Dispo ist mehr am Anschlag als die Ratio es jemals sein könnte, doch das Netzwerk drängt. Der Partner auch. Tinder bietet unendliche Optionen. Die Welt liegt zu Füßen, wer will sich da noch entscheiden.

Die Frage aber ist, was erleben die Menschen wirklich noch? Wer hört noch aktiv zu? Auch ohne auf das Smartphone zu blicken, schaffen die Menschen immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen. So rät Rolf Dobelli zur strikten News-Diät und mehr dem Konsum langer Textstücke.

Und wo liegt der Kern bei der jungen Generation? Es fängt lange vor der Schule an. Heute bei meinem französischen Café, setzten Eltern ihr eineinhalb jähriges Mädchen vors Smartphone auf dem eine beliebige Comic-Serie lief. Die Eltern hielten es nicht aus, sich um das Kind zu kümmern, oder auch nur zu ertragen, dass das Kind einfach mal nichts zur „Bespaßung“ vor sich hatte. Eine furchtbare Szene! Was soll aus diesem Kind werden? Wie soll es sich zurechtfinden, wenn es von Grund auf erzogen bekommt, auf ein Display mit Internet angewiesen zu sein?

Alleinsein und Aushalten von Situationen sind auch Hilles Themen. So beleuchtet der Autor im Reisekapitel die Erfahrungen des Allein-Reisens. Wer hält das noch aus? Da wird lieber mit Freunden in den Urlaub gefahren, die man eigentlich gar nicht kennt und noch viel weniger mag. Doch bloß nicht alleine ist die Losung. Was du machst am Wochenende nichts? Was ist los mit dir, schallt es einem unentwegt entgegen. Die Unterstellung seelischen Leidens ist nur einen Haarspalt entfernt. Beziehungen werden eingegangen, um der Einsamkeit zu entgehen, Partner werden zum auswechselbaren Lebensvehikel.

Hille spart nicht mit Zitaten. Quasi an jeder Ecke wartet er mit guten und sinnpassenden Worten weiser Menschen. Doch es erscheint gesamt etwas gedrungen, was Hille da aneinanderreiht.
Es wirkt trotz aller inhaltlichen Richtigkeit nicht „Slow“, das „Slow-Buch“.
So ist hier weniger am Inhalt, als an der optischen Aufbereitung zu kritisieren. Das Buch atmet hektisch, die Einleitung beginnt auf einer Rückseite und halbe Leerseiten sind praktisch nicht vorhanden.
Das nervt.
Es ist eng gedrungen, es stresst mich beim Lesen. Das zieht sich durch das ganze Buch. Dafür bin ich dem Verlag etwas gram.
Dennoch sollte man Hille die Lesechance geben. Er seziert das Thema „Leben“ und dessen Geschwindigkeit auf guten 190 Seiten in überzeugender Detailgenauigkeit.

Ich hingegen werde nun den Laptop schließen und mich auf mein Bett legen und gar nichts tun. Warum? Weil das Leben ist.

Alles weitere finden Sie beim Verlag hier.

Was sollten Sie auch lesen?
– „Muße“ von Ulrich Schnabel
– „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky
– „Slow Travel“ von Dan Kieran
– „Wofür es sich zu leben lohnt“ von Robert Pfaller (Achtung, schwere Lektüre!)
Das Buch wurde mir kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ein Honorar erhalte ich nicht.

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Quelle: Gütersloher Verlagshaus/ Random House via BloggerPortal

 

 

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