Rezension: Memoiren Günther Maria Halmer

Lassen Sie uns den Spannungsbogen rausnehmen: Es ist wider Erwarten ein sehr lesenswertes, gut geschriebenes Buch. Harald Schmidt wird hingegen nicht müde, vor schriftstellerischen Absonderungen langsam abhalfternder Schauspieler und Medienmenschen zu warnen. Mit oder ohne Co-Autor kommt da häufig etwas heraus, was, wie Karl Lagerfeld sagen würde, schade um die Bäume ist, die dafür abgeholzt wurden.

Dem Schauspieler Günther Maria Halmer bin ich bewusst erst begegnet im Fernsehen, als er schon graue Haare hatte. Wie viele aus den Geburtsjahrgängen der vierziger und fünfziger Jahre kenne ich ihn nur „alt“. Immer wieder verblüffend, doch aller subjektiver Logik widerstrebender Tatsache, dass die Leute doch auch mal jung waren und, ganz wichtig, jung handelten.

In der Rolle, die ihn für mich prägte, mag man meinen teilweisen Hang zu Trash im Weihnachtsumfeld erkennen, doch auch Trash kann man fulminant und authentisch spielen. Anlehnend an typische Weihnachtsstories mit dem damit einhergehenden Charakterwechsel vom Unmenschen zum Nächstenliebenden, spielt Halmer in
Oh Tannenbaum den vergrantelten Vermieter und Rechtsanwalt Dr. Wagner, der weder mit seiner Familie noch mit menschlichen Regungen im Allgemeinen etwas anfangen kann. Sein soziales Umfeld ist auf Sachlichkeit und Bezahlbarkeit stilisiert, was ihn oberflächlich nicht stört. Ein Wasserschaden in seinem Mehrfamilienhaus endet in seinem Penthouse nebst Nachbarn und Familie und: Happy End. Halmer spielte diese Rolle so treffend und herrlich, dass mir dieser Film noch zehn Jahre später präsent ist.

Überrascht hat mich dann der Schriftsteller Halmer allemal. Denn es ist bei mir sonst immer so, dass ich die Ergüsse in Memoiren über die Kindheit und Jugend eiskalt überspringe. Die Zeilen zwischen Selbstgenügsamkeit und Lamentieren nerven und sind dazu noch so stereotyp, dass man die Cover wechseln und die Stories doch noch passen könnten. Nicht so hier: Die Zeit seiner gescheiterten Kindheit in einem, sagen wir, eher suboptimalen Elternhaus, die ständigen Versuche in sich selbst ertränkender Coolness bei gleichzeitig anhaltender maßloser Orientierungslosigkeit den Weg in ein Leben zu finden, von dem keiner so weiß, was denn nun richtig ist und was nicht, bahnt sich eine Storyline bis in eine Asbestmühle in Kanada – fernab vom Schuss.

Dort wird Halmer sozialisiert und schafft es, auf sich selbst endlich zu hören, das Versagen qua äußerem Druck hinter sich zu lassen und den (intrinsischen!) Mut aufzubringen, an die Otto-Falckenberg-Schule zu gehen, dort zu bestehen und dann seinen Weg als Schauspieler zu gehen.

Mit Dietl und dessen „Tscharlie“-Hauptrolle für ihn, die Halmer mehr bekannt macht, als er wollte; die ihm den Imperativ der Bewunderung offenlegte (vgl. hierzu aktuelles Papst-Interview von Giovanni di Lorenzo). Danach folgten Engagements in der UdSSR und Indien – alles Erfahrungen die Halmer prägten und doch kann das letzte Drittel nicht die Spannung aufrechterhalten, die er in der Beschreibung von Kindheit und erfolgloser Adoleszenz schafft. Das ist aber auch egal! Denn diese Zeit ist mit soviel Herzblut und Selbstkritik und Abstraktionsvermögen abgebildet, dass man denkt, er sei schon immer Schriftsteller.

Ein lohnenswerter Kauf zum lesenden Abfahren eines Lebensweges fernab der gestriegelten Vitae.

Kurz zur Ausstattung: Das Buch ist schön gebunden, der Schutzumschlag treffend in Motiv und Verarbeitung, die Schrift etwas zu naiv und groß; das Lesezeichen fehlt.

Günther Maia Halmer: Fliegen kann jeder: Ansichten eines Widerborstigen ist erschienen bei C. Bertelsmann/ Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Kaufen: Von der Wiege bis zur Biege [Audio]

Klaus Bittermann hat Mut. Mut, den viele große Verlage nicht aufbringen können oder wollen. Er hat die Tonbänder auf denen Harry Rowohlt 2001 seine Memoiren besprochen hat, als Hörbuch veröffentlich. Quasi das medium-rare Steak der Hörbuchwelt. Dazu gehört Chuzpe. Hat es sich doch etabliert, alles schön dem Konsumenten mundgerecht zu reichen, bloß keine rohen Informationen. Der Leser und Hörer gilt als nicht mündig, rohes Material gilt als pfui. — Das ist natürlich dummer Blödsinn und die allgemeinen Agreements gelten bei Rowohlt sowieso nicht. Galten und gelten nie.

Harry Rowohlt starb 2015 in seiner Heimatstadt Hamburg. Doch sein Nachlass lässt ihn unsterblich werden. Zurzeit habe ich seine drei Bände von Briefwechseln entdeckt, die seine Freundin Anna Milkula in rührender Sorgfältigkeit zusammengestellt hat. Die ersten beiden zu Lebzeiten, der aktuell bei Kein & Aber erschienene dritte Band „nicht weggeschmissener Briefe“ postum. Die Briefwechsel sind einzigartig und mir Vorbild – und das ist keine „Anschleimphase“ wie Rowohlt das sonst ausgedrückt hätte. Die Briefe sind Inspiration, doch der Gipfel wäre, hätte er sie eingelesen. Er – niemand sonst!

Daher macht es dem aktuell entzündeten Rowohlt-Leser eine große Freude, ihn nochmal zu hören, ihn, den er nie live sah und nie mehr live sehen kann. Das Schausaufen mit Betonung, die Haltungsstärke, diese selbstverständliche Andersartigkeit und doch Herzenswärme bei gleichzeitig wahrender Distanz; insbesondere den Arschlöchern dieser Welt gegenüber.

Klaus Bittermann legt in seiner Edition Tiamat nun über vier Stunden Tonbandaufnahmen von Harry Rowohlt vor. Quer durch dessen Leben, seine Marathonlesungen, seine Lindenstraße-Zeit, usw. Doch neben dem Inhalt besticht, dass es eben keine Studioaufnahmen sind und sie doch eine hohe Qualität haben.

Harry Rowohlt erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege ist erschienen in der Edition Tiamat/Verlag Klaus Bittermann

Ich danke Herrn Bittermann; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Glück gehabt – Memoiren Michael Naumann

Michael Naumann war vieles im Leben und hat dabei aber ein Kontinuum: er wirkt stoffelig und verpeilt. Wobei diese Momentaufnahmen sicher seiner Lebensleistung nicht gerecht werden, aber wie bei allen älteren Menschen, kennt man ihn nur im vorgerückten Alter. Einen jungen, agilen Naumann kann ich mir nur schlechthin vorstellen, doch gleich es ihn gegeben haben muss. Optisch werden das die nun von ihm bei Hoffmann und Campe vorgelegten Memoiren nicht lösen können, sie kommen vollends ohne Bebilderung aus, was schade ist.

Naumann studierte Politik, Geschichte und Philosophie, doch machte er was draus, statt auf Taxischein und/oder Arbeitslosigkeit zu steuern. Er wurde Journalist bei SPIEGEL und ZEIT, um dann mit vierundvierzig Jahren die Rowohlt-Verlage zu führen. Anschließend ging er nach New York, um dort Verlage leiten. Aus dem Journalisten und Verleger wurde dann ein Mann des Staates, ähnlich wie auch „Kultur-Pudel“ Julian Nida-Rümelin, seinem Nachfolger. Schröder berif ihn ´98 als Staatsminister für Kultur und Medien, nur ohne Pudel. 2001 wurde er dann Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT in einer Zeit, in der selbige dem Siechtum verfallen war und ihr das Totenglöckchen geläutet wurde, wie sein Nachfolger im Amt des CR, Giovanni di Lorenzo sagte. Dieser rettete die ZEIT aus der Entwicklungsstarre und führt die altehrwürdige Wochenzeitung mit großer Verve bis heute. Seinen beruflichen Abschluss findet Naumann derzeit als Gründungsdirektor der Barenboim-Said Akademie in Berlin.

Soweit zum Werdegang, den ich mir immer wieder durchlesen muss, da er nicht von einer Stringenz in einer Domäne bestimmt wird. Naumann springt und scheint dabei durchaus in mehreren Feldern erfolgreich gewesen zu sein. Als Journalist, Verleger, Chef. Grund genug, dass er nun mit Mitte siebzig seine Erinnerungen mit dem Titel „Glück gehabt – Ein Leben“ vorlegt.

Ich schenke mir bei biographischen Schriften konsequent das erste Drittel; Kindheitserinnerungen ermüden mich über die Maßen. Gespannt war ich bei Naumann über seine Zeit bei der ZEIT. Wie soll ich sagen. Ich bin zwiegespalten. Der Autor schreibt flüssig, eingängig lesbar, spannend und kurzweilig. Kein Kapitel dauert länger als zwei bis drei Seiten. Mit meiner geliebten ZEIT scheint er final so seine Probleme gehabt zu haben. Er fühlt sich als rausgelebtes Fossil, was ihm ob seines Lebensweges doch nicht so gut zu Angesicht steht. Es wirkt wie tendenzielles Nachtreten, aber ohne Energie. Vielleicht sind diese finalen Erinnerungen bedingt durch die glücklose Hand bei der Führung der Wochenzeitung? Es ist schwer zu gehen für Alphatiere, der eines sein muss. Nicht anders hält man es in Spitzenpositionen. Kommen wir aber zu meiner Unsicherheit: Neben der eingängigen Gestaltung wirkt vieles aber auch einfach belanglos. So wundert es in einem der letzten Kapitel, dass Naumann sogar die Firmen namentlich aufzählt, mit denen er gut bei der Errichtung der Barenboim-Said zusammenwirkte. Auch nennt er immer wieder wörtliche Zitate bei denen ich mich frage: Notiert man sich so etwas? Merkt man sich so etwas? – Ich würde es nicht tun.

Alles in allem eine lesbare Kost, aber ob der Buchmarkt auf diese Memoiren gewartet hat? Ich weiß es nicht. Ich empfehle den Kauf nur bei wirklichem special interest und vorherigem Anlesen. Sonst ist die Enttäuschung möglich, auch wenn die Lobhudelei auf der Rückseite des Covers einen fast ausgleiten lässt. Ach, apropos Cover: Grässliche Covergestaltung, eher einer Traueranzeige würdig, kommt es eher einer ZEIT-Ausgabe der 2000er nahe („Grabplatte“), als einem einladenden Buch eines agilen Medienmenschen.

Michael Naumann: Glück gehabt, erschienen bei Hoffmann & Campe, Hamburg

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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