Rezension: Marschmusik

Martin Becker legt ein Jedermannerlebnis in Bestform vor. Wir werden alle älter und unsere Eltern mit entsprechendem „Gap“ eben auch. Und so holt es jeden von uns ein. Den einen früher, den anderen später. Aber irgendwann müssen wir uns dem stellen, was von unseren Eltern übrig geblieben ist. Unsere „Kinderkulisse“ müssen wir als Riesen wieder aufsuchen und finden uns nicht mehr zurecht, fühlen uns meistens nicht mehr wohl. Wir sind dem damaligen Leben entrückt und selbiges ist oft merkwürdig konserviert weiterexistierend. Als wenn Eltern sich nicht entwickeln, zumindest nicht vorwärts – sie werden nur alt. Alt, krank, gebrechlich und wir werden von Bekümmerten zu Bekümmerern. Die Rolle ist ungewohnt, die Rückreise voller Abwehr.

Becker setzt diesen Rückkehrkomplex in eine sehr würzige Atmosphäre. In den Pott, bei dem nicht nur die Eltern verbleichen, sondern auch ein regionales Selbstverständnis. Er schreibt so dicht und authentisch, dass alle in den 30ern spüren, was er meint, wenn er seinen Protagonisten in den alten Lebensraum zurückkehren lässt, bei dem alles so ist wie früher und doch dann ganz anders. Der Vater tot, die Mutter arg verwahrlost, geht das Leben immer weiter, jeden Morgen ein neuer Tag, nur die Darsteller entweichen ihrem Rahmen des Lebenszenit bis sie verschwinden.

Martin Becker lohnt sich: für alle freiwilligen und gezwungenen Heimkehrer in das verkümmernde Paradies, welches bernsteinartig verkapselt wirkt.

Marschmusik von Martin Becker ist erschienen bei Luchterhand Literaturverlage

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Rezension: Das Zimmer

Das hundertzweiundsiebzigseitige Buch ist bei Luchterhand, seines Zeichens Literaturverlag, erschienen. Der Schwedische Autor Jonas Karlsson hat damit einen Bestseller hingelegt. Umso mehr Grund, kritisch zu betrachten was vorliegt.Das Buch ist angenehm ausgestattet, mit haptisch ansprechendem Umschlag mit Längsprägung, die Schrift eine im satten Schwarz gesetzte Serife mit Längsstreckung. Anhand der Kapitelstruktur ist die literarische Ausrichtung erkennbar. Die Erzählweise des Autors ist in Kapiteln asynchroner Länge und Gestaltung, der Erzählung in sattem Grau, flacher Erregung und gleichbleibender Melodik. 

Der Strick auf dem Titel umschreibt sinnreich das Leben des Protagonisten. Ein filigraner Stromberg, der neurotisch, emotional defizitär und verrückt selbst- und fremdwahrnehmend ausgestattet ist.

Anhand des beruflichen Wechsels in eine Behörde zeichnet Karlsson ein wortreiches Psychogramm der Arbeitswelt in den anonymen Teppichetagen dieser Welt. Niklas Luhmann (Der neue Chef, Suhrkamp) hätte seine Freude – seine messerscharfen Soziologie-Analysen in Prosa gesetzt.

Mich hat das Buch handwerklich überzeugt, aber wer Abschaffel und Der blühende Lavendel kürzlich las, wird in der der Darstellung eintöniger Tiefe nicht gerade gereizt, weiterzulesen.

Dennoch rate ich zu diesem Buch, wer Lust hat, denn Das Zimmer wird in Absolutheit infrage gestellt: Ist es real oder irreal? Eine Frage die im Hinblick auf die Authentizität der Beschreibungen auch auf unser Zeitalter der Arbeitswelt gefragt werden sollte.

Weite Informationen finden Sie bei Luchterhand/Random House; klicken Sie gerne hier.

Das Exemplar wurde mir freundlicherweise von Random House zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.

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