Rezension: Nicht schuldig

Steffen Ufer ist Rechtsanwalt und war einer der Strafverteidiger in Deutschland der siebziger und achtziger Jahre. Die Kanzlei in München an der legendären Maximilianstraße gelegen, zog er aus und fochte vor Gericht wilde Schlachten im strafprozessualen Bereich. Ufer schildert zusammen mit seinem Co-Autor Göran Schattauer in verschieden langen Kapiteln Fälle aus seiner Praxis. So beschreibt er das Verfahren um den einst schwer drogenabhängigen Musiker Konstantin Wecker, die Verteidigung eines jungen Arztes der bei einer OP selber Opfer eines Kunstfehlers wird und sich dem damaligen Filz der Ärzteschaft ausgeliefert sieht oder die Verhandlung eines Mordes an einem ihm bekannten Psychiater, der von seinen Söhnen bestialisch niedergemetzelt wird und sich das Blatt wider Erwarten wendet. Ufer beschreibt dabei nicht nur Fälle in sachlicher Form, er gibt automatisch Einblicke in die jeweilige Zeit, die damalige Rechts- und Soziallage. Da Ufer auch oft in den USA tätig war, gibt er dem Leser Einblick in die frustrane Lage im Rechtssystem des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Autor schafft also viel mehr als eine effektheischende Biographie seiner selbst, er zeigt wie viel menschliches Einfühlungsvermögen ein Strafverteidiger braucht und das eben die einfachen Handkantenlösungsideen von Stammtischen nicht der Weisheit letzter Schluss sind; dass die Unschuldsvermutung wichtig ist, dass Täter auch aus Opfergrundlage handeln können, das Resozialisierung ein zu unterstützendes Element ist (wobei man in der Yellow Press immer nur die negativen Beispiele zu lesen bekommt).

Ich war erst kritisch, ob mich dieses Buch binden kann — es kann. Eine eindeutige Leseempfehlung für die juristisch interessierten Leser. Auch und gerade außerhalb der Zunft.

PS: Am Ende des Buches findet noch ein knapp dreißigseitiges Interview des Co-Autors mit Ufer statt, welches ebenso lesenswert und ein guter Abschluss der Darstellung Ufers Lebensleistung ist.

Steffen Ufer mit Göran Schattauer: Nicht schuldig erschienen bei Heyne (Random House)

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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Rezension: Phil Collins not dead yet – Autobiographie

Phil Collins macht sehr gute Musik, ich mag ihn nach Jahren noch hören. Dennoch interessierte mich eher weniger seine rasante, grandiose Karriere als Musiker. Ich wollte wissen, wie ein Multimillionär nach seiner Karriere mit Mitte fünfzig so tief abstürzen und zum Alkoholiker werden kann. Wie kann es sein, dass ein Mensch, der formal alle Möglichkeiten hat, so tief stürzt und nur mit massiven körperlichen, seelischen und familiären Schäden wieder herausstolpert?

Es begann damit, dass Collins sich frühzeitig in Rente verabschiedete. Quasi diametral zu den Rolling Stones. Seine Gelenke sind durch die jahrzehntelange Belastung geschädigt, er kann nicht mehr Schlagzeug spielen und möchte sich seiner Familie zuwenden. Ehen gingen zu Bruch, Kinder wurden zu entfernten Polen der Liebe, da die Mütter sich als Lebensmittelpunkt keine anderen Länder, sondern andere Kontinente suchten.

So zerbrach sein Lebenssinn als seine Kinder samt Ex-Frau Richtung USA aufbrachen und er selbst in seinem Haus in Zürich zurückblieb und nicht mehr wusste, wofür er aufstehen sollte. Er begann in Agonie und Verzweiflung einzugehen, im goldenen Käfig der Möglichkeiten. So sagte er in einem Interview nach überstandener Krise, sein Arzt habe ihm mitgeteilt, er könne ihm helfen vom Alkohol loszukommen, aber den Sinn, morgens wieder aufzustehen, müsse er selber finden.

Collins beschreibt diesen Weg eindringlich und macht einen sprachlos in welcher Conditio er in den letzten Jahren unterwegs war. In Privatjets, aber umso mehr desaströs. ein Lehrbeispiel für zwei Dinge:

a) Die Kunst, sich ohne Aufgabe selber kennenzulernen und auszuhalten

und

b) das Geld wahrlich, wahrlich nicht alles ist; bei Collins gar nichts, sondern im Gegenteil der Steigbügel des Untergangs

Er hat es überstanden -einstweilen- und es sei ihm nach der Reunion mit seiner Exfrau seiner Familie und ihm ruhige, gemeinsame Zeiten zu wünschen. Ein schönes, ausführliches Werk (500+ Seiten) über einen legendären, zeitgenössischen Musiker—und: Menschen.

Ein Band mit vielen, sehr privaten Bildern aus einer atemberaubenden Laufbahn.

Phil Collins: not dead yet erschienen bei Heyne (Random House)

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Lese-Tipp: di Lorenzo hat versagt und Lubbadeh ist unsterblich

…über Klonbares.

ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat versagt! Denn, so di Lorenzo bei einer Rede an der Katholischen Journalistenschule ifp in München, zu seinen anstrengendsten Aufgaben bei der ZEIT gehöre, den Redakteuren das Gefühl wegzunehmen, sie seien Schriftsteller.*
Im Fall des freien Autors im Ressort Wissen, Jens Lubbadeh, hat das nun nicht ganz funktioniert. Mit dem Wegnehmen. Dafür gibt der Hamburger mit „Unsterblich“ seinen Debüt-Roman bei Heyne der Öffentlichkeit her. Und als Wissenschaftsjournalist ist sein Blick nach vorne gerichtet. Eine „Dystopie“, wie ich lernen durfte.

Im Jahr 2044 ist der Tod, scheinbar, überwunden. Die Menschen leben fortan als eine Art Klone, ja quasi als Hologramm. Genannt „Ewige“, fristen sie ihr bewusstseinsloses und unsterbliches Dasein für die wahrhafte Ewigkeit.
Nicht berührbar und dennoch fort ist der Klon von Marlene Dietrich. Benjamin Kari, Mitarbeiter der Versicherungsfirma Fidelity, wird nun mit der Suche von ihr beauftragt. Fidelity ist für die Zertifizierung der Ewigen verantwortlich, die seitens der Firma Immortal erschaffen werden. Quasi der Auditor der Zukunft.
Auf verworrenen Wegen und zusammen mit Journalistin Eva (welch´passend-schöpferischer Name…) begibt sich Kari auf die Suche nach der Dietrich.
Die Suche an sich dient immer wieder als Projektionsfläche für die Betrachtung von ethischen Gesellschaftsfragen: Welche Grenzen gebietet die technische Grenzenlosigkeit? Gibt sie wirklich Ersatz oder ist der Betrug ein viel größerer Verlust? Dietrichs digitaler Klon ist fix 36 Jahre alt. So etwas würden sich viele Freundinnen von Leonardo di Caprio wünschen – es würde sie vor dem Austausch vielleicht retten. Und vielleicht würde der Herr gar keinen Unterschied feststellen.
Die Suche verändert Kari und lässt ihn die großen, fundamentalen Sinnfragen zu sich und seiner Tätigkeit und dem System ansich stellen.
Lubbadeh greift die Urangst des Menschen auf. Die Angst vor dem Tod, dem Sterben und vor allem der Endlichkeit. Welchen Preis wollen wir bezahlen, um diesem zu entgehen? Der Preis in „Unsterblich“ scheint ein hoher zu sein. Die vollständige Unterwerfung des Menschen unter die Technik, die Unkontrollierbarkeit und der fahle Beigeschmack, mit den Ewigen doch nur eine sehr dürftige Variante einer ewigen Fortführung eines jeweils einzigartigen Wesens geschaffen zu haben.
Wahrhaft unsterblich ist nur einer geworden: Jens Lubbadeh hat sich mit seinem Werk den unsterblichen Platz in den Reihen der Romanautoren gesichert.

Das Buch an sich ist ein sehr wertiges Paperback mit exakt 445 Seiten. Die stilisierte Silhouette der Dietrich erscheint sowohl auf dem Cover als auch durchweg im Buch, die goldene Titelschrift ist geprägt.

Mein Fazit: Gut geschrieben und dennoch können mich visionäre Plots im Sinne der Zukunftsgestaltung menschlicher Endlichkeit nicht wirklich vom Hocker hauen. Das liegt aber an mir und nicht an dem gut geschriebenen Buch mit spannendem Plot. Für alle harten Realisten wie mich, ist es aber zumindest eine neckische Erfahrung. Und wer weiß, bei der Angst, die die meisten Menschen vor ihrer Endlichkeit haben, werden einige bereit sein, diesen hohen Preis zu zahlen. Dazu kann man sich gerne bei Friedman die Folge „TOD!“ mit Wolfgang Huber vom 26.04.2016 anhören.

Mehr Informationen zum Buch erhalten Sie beim Verlag (Heyne gehört zu Random House).
Und lesen Sie auch von Lubbadeh: „Virtuell in alle Ewigkeit“ in: ZEIT 31/2016
* = in den ersten dreißig Sekunden des Videos
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Heyne Verlag als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.

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Quelle: Heyne/ Random House via BloggerPortal

 

 

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