Schmidts späte Jahre

Die Biografie Helmut Schmidts über seine späten Jahre kam von seinem früheren Lektor Thomas Karlauf, welche vor einem Jahr bei Siedler (Random House) auf den Markt kam und sich angenehm lesen lässt.

Anlässlich der einjährigen VÖ hier nun zwei Videos noch, die während der Vorstellung erschienen und Hintergrunddetails offenbaren.

Video ZEIT: Thomas Karlauf auf der Frankfurter Buchmesse

 

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Rezension: Helmut Schmidt – sein Jahrhundert in privaten Bildern

Ein Mensch, der mich wirklich kennt, schenkte mir dieses Exemplar von ZEIT Geschichte. 

Eigentlich mag ich diese Art Sonderhefte nicht, aber bei Schmidt hat es sich wirklich gelohnt. Nun erschien es zum ersten Todestag. Ich beschäftige mich seit zehn Jahren mit Schmidt und kenne quasi alle bekannten Bilder. Dieses Heft bringt wirklich Bilder, die dem Label „privat“ gerecht werden. 


Das Heft ist aus den gescannten Bildbänden des Ehepaars Schmidt gestaltet und beschriftet, verbunden mit Erklärungen und Interviews. So sieht man auf dem ersten Bild Schmidts Notizzettel als BM der Verteidigung mit der er Loki „Nur-mal-so-Blumen“ schenkte.


Schmidt arbeitete, wie auf der Hardthöhe und dem Kanzleramt, mit dem grünen Filzstift bis zu seinem Lebensende zum Redigieren und Antworten. Bis heute wird in Behörden so gearbeitet. Rot sind z.B. Staatssekretären vorbehalten. Als er im Mai 1983 durch den Flur der ZEIT im sechsten Stock nebst Personenschützern und unter Applaus der dortigen Mitarbeitern in sein neues Büro schritt, war er gar nicht so sicher, ob Bucerius‘ Ansinnen so erfolgreich wird (vgl. Karlauf T.: Helmut Schmidt – Die späten Jahre). Schmidt zweifelte viel mehr als man ahnte. Eine über dreißigjährige Karriere startete, stotterte aber, da Schmidt immer mit den Wegelagerern haderte, und sich über die abgefressenen Tabletts nach langen Redaktionsnächten mokierte. Dennoch er selber die Tradition mit Baileys im Kaffee den Alkohol weiter erhielt. So schnitt er sich das erste Impressum mt ihm selber aus – so sehr bewegte es ihn.


Die Enden, die stechen: er vergaß, das di Lorenzo ihn mit Schokolade besucht hatte. Dass er ihn beim Vornamen nannte und dieses beklagte, sagt alles aus. Auch dass di Lorenzo in der aktuellen Schmidt-Reportage sagt, Schmidt habe ihn gefragt, ob er noch klar sei und kein „dummes Zeuch“ rede…er war sich also durchaus des Verfalls mehr als bewusst.

Helmut Schmidt – sein Jahrhundert in privaten Bildern als ZEIT Geschichte-Edition. Ein sehr gut investierter Zehn-Euro-Schein.

Danke.

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Rezension: Helmut Schmidt – die späten Jahre

Schmidt hasste kurze Texte, wehrte sich immer gegen kurze Antworten; also: nehmen Sie sich einen Kaffee, rauchen Sie ggf. eine und machen Sie es sich bequem.

Der Staatsmann soll ihnen nicht vertraut vorkommen…,

meinte Schmidt 1986 in der NDR Talkshow mit seinem unverwechselbaren Haifischlächeln.

Es ist kalt an diesem Berlinmorgen im November. Ich blicke durch große Fenster auf den Bahnhof Zoo. Dort, wo Jahrzehnte zuvor das Schicksal von Christiane F. sich abspielte, blicke ich auf dieselbe Bausubstanz. Aus dem achten Stock meines Hotelzimmers wirkt es wie eine Modelleisenbahn mit Sozialcharakter. An diesem Morgen ist mir aber nach allem, bloß nicht nach Genießen. Und so frage ich mich, ob ich der blasse Mensch im Spiegel bin, oder doch das Fernsehbild im Spiegel. Das Waldorf Astoria bereitet alle Annehmlichkeiten, die sich ein Gast vorstellen darf. In innerer Form einer Schiffsspitze gebaut und mit einem durchdringenden Corporate Duft, erkenne ich es beim Betreten mit geschlossenem Auge. Doch selbst das vor Opulenz schreiende Frühstücksbuffet reizt mich nicht; ein Freund schleppte mich am Vorabend zu „seinem“ Libanesen auf die Kantstraße neben unserer Berliner Dependance. Sehenden Auge ins Unglück, hätte das Buch hierzu heißen können, denn natürlich vertrug ich das knoblauchgetränkte Mahl kein bisschen. Und so zerre ich mich zu meinem Vortrag, um dann auch noch auf dem Wege zum Tagungsraum die SMS (eine echte SMS…) von einem Freund zu bekommen „Schmidt kritisch – Lage prüfen“. Nach kurzem Crosscheck weiß ich: es geht nun wirklich zu Ende. Zuletzt war der arterielle Verschluss am rechten Bein, da war ich unruhig, nun habe ich voreilende innere Gewissheit. Der Mann, den ich für seine freche Führungsstärke (1962) und seine weltläufige, wenngleich arrogante Art mag und sein Wirken seit 2007 verfolge, wird nun sterben.

Helmut Schmidt wurde zur Institution. Zum Ende seines langen Lebens haben viele Menschen zur Idealisierung geneigt, ja geradeheraus Gesundheit aus Mentholzigaretten heraufbeschworen. Die Zuneigung sei lästig, sagte Schmidt in der großen Dokumentation von Maischberger aus 2007. Josef Joffe, am Rande einer Veranstaltung und wahrlich nicht so beliebt, war ganz entgeistert über dieses kantenstarke Statement, denn er fragt ungläubig: „Zuneigung lästig?“, Schmidt antwortet auf seinen Stock gestützt mit Blick zum Boden „Jo“. Er will die Abfahrt nach der Veranstaltung verzögern, um den „Wegelagerern“ zu entgehen. Diese dennoch auf ihn wartenden Wildwuchs-Autogrammjäger, die alle etwas pflegebedürftig aussehen, wäre ich auch gern entgangen. Zuneigung kann sicher erdrückend sein, denn sie bezieht sich auf die Projektion, die Menschen sich erschaffen; dass bedeutet, sie bewundern das Beamerbild statt den Beamer. Bei Schmidt drehte sich das ob fehlender anderer Vorbilder zu einer babylonischen Schraube, auf der er einerseits genussvoll ritt und die ihm, so bin ich sicher, dieses biblische Alter bescherte und andererseits zu zunehmender Belastung durch eigene Handlungseinschränkung wurde.

„Meinen Sie das wirklich ernst?“, fragt mich Herr Sprinz am Telefon. „Ja, wir müssen vorbereitet sein“, raune ich entgegen, als ich nach meinem Vortrag meinen ersten Kaffee seit eingetretener Magenverstimmung mir in den Hals vorsichtig schütte. Mein Haus- und Hofgraphiker ist einiges von mir gewohnt, hat über die vielen Jahre der Zusammenarbeit erlebt, das meine oft vorher krude Meinung bei Umsetzung wider jeder Stilfrage funktionierte. „So ein Dings mit Name und Lebensdaten“, umschreibe ich das, was jeder kennt, dennoch nie einer benennt. Widerwillig schickt Sprinz mir die Entwürfe ins Hotel. Wir einigen uns auf schwarzen Grund und weiße Schrift; und packen es „auf Halde“, jederzeit einsatzbereit für Facebook (damals noch) und Blog (immer noch) und generell.

Wie nähert man sich einem gewichtigen Mann aus der Politik, den man aber zu Regierungszeit rein geburtstechnisch nie erleben konnte? Wie erwacht also das Interesse? Hierzu muss ich vorausschicken, Schmidt nicht als Politiker oder Weltendeuter zu verehren. Ich mag ihn als Macher, als Einleiter von Veränderungen, als Kontinuum bei meiner geliebten ZEIT. Politiker werden m.E. in Ihrer Einzelbetrachtung überschätzt und zu Einschätzungseintrittswahrscheinlichkeit sollten Sie Dobelli lesen, um über alle „ich schätze, meine denke“-Sätze in Büchern drüberwegzulesen und dabei sogar etwas Gutes zu tun.
Schmidt als Mensch zu erfassen, war und ist für mich der spannende Teil. Der Mann der sich vor einer Betonwand hinter seinen Emotionen präsentierte und so eine Hybris aufbaute, die nicht stimmen konnte; ähnlich Karl Lagerfeld. Die Situationen also, wenn persönliche Meinungen durchblitzten, wurden die Interviews spannend. Wie sieht ein der gegenwärtigen Generationen entwachsener Mensch die heutige Welt? Schmidt war immer an den Jüngeren interessiert, insbesondere deren Ansichten, die er oft dennoch nicht teilte.

Kurz nach 15 Uhr habe ich dann Gewissheit: Helmut Schmidt ist tot. Die Lebenstafel geht online. Ich beobachte die Medien, sie überschlagen sich und sind doch stumm. Was will man – auf die Schnelle – sagen, außer der Tatsache? Der Tag ist in seinem Verlauf besiegelt, der Berliner Himmel grau und nasskalt. Ich steige auf Feierabendcognac um und lasse die schwere Tür meines Zimmers hinter mir zufallen.

Für alle Menschen, die heute unter vierzig sind, ist Schmidt nur in seiner Rolle als Herausgeber und Elder-Statesman „lebendig“ aktiv gewesen. Sandra Maischbergers Portrait Helmut Schmidt außer Dienst von 2007 ist ein herrliches Stück eingefangener Zeitgeschichte. Sie bildet Schmidt, damals noch mit Stock vergleichsweise sehr mobil, bei seinen Reisen durch die Welt ab. Knapp zehn Jahre hatte Maischberger ihn begleitet und ein grandioses stilles, den Protagonisten ebenbürtig wirkendes Werk, geschaffen. Doch warum hat sich niemand an die Verschiftlichung seiner Zeit nach dem Ende seiner Kanzlerschaft 1982 gemacht? Hausbiograph Soells Oeuvre endet 1982.

Die Lösung ist, es war vertraglich geregelt! Der Autor und ehemalige Siedler-Lektor Thomas Karlauf legt nun bei Siedler (Imprint von Random House) die Biographie von Helmut Schmidt von 1982-2015 vor. Das Buch sollte zum Tode oder zu seinem hundertsten Geburtstag erscheinen. In der Mitte beider Zeitspots ist es nun geschehen, verabredet 2014 noch hochselbst mit Schmidt. Auf 479 Seiten zeichnet Karlauf die Zeit des Vollblutkanzlers und Machtmenschen nach nach der Macht. Bücher können schwierig sein, wenn die Autoren die Distanz verlieren oder der Genauigkeit Überschätzung schenken. Die von Gregor Schöllgen vorgelegte Biographie von Gerhard Schröder (DVA) platzt vor Genauigkeit. So genau, dass das Buch nicht mehr flüssig gelesen werden kann; es ist zu anstrengend. Das wusste auch Schoellgen, da er auf der PK zur Vorstellung sagte, er habe Schröder gewarnt: Er würde nach der Arbeit dessen Leben besser kennen als dieser selbst. Schröder quittiert dieses nur mit einem kurzen Schmunzeln: Tiefes Aktenstudium war seine Sache nie gewesen. Knapp sechs Jahre zuvor legte Theo Sommer sein Werk „Unser Schmidt“ vor. Auch dieses ein Buch in Form eines Briefbeschwerers und vor Detailgenauigkeit platzend. Nicht lesbar. Meine Kritik damals hat Sommer per Email nicht ganz begeistert beantwortet. Denn ich wollte nicht die nächste epische Analyse von Terminkalendern, Treffen-Auflistungen und Einschätzungen haben.

Ich wollte an den Menschen kommen.

Umso gespannter war ich nun auf das Buch von Karlauf. Und, er hat es geschafft! Neben auch hier publizierten Genauigkeiten als Legitimation zur Sachbuchberechtigung, zeichnet der Autor direkt und indirekt ein Bild eines Mannes, der wie Schröder dreißig Jahre später, an dem Machtverlust wie ein ausgesetztes Kind litt. Schröder sagte hierzu in seiner ersten post-Kanzler-Dokumentation 2006 (Leinemann et. al): „Ich eigne mich mit (er verschluckt sein Alter)…in meinem Alter noch nicht…“, um dann zu begründen, weshalb er das Mandat bei Nordstream und seine Tätigkeit bei Ringier aufgenommen hatte.

Karlauf schildert minutiös und dennoch lesbar, wie Schmidt nach dem Ausscheiden aus Bonn seinen Alltag meisterte, zu Bucerius´ ZEIT kam (mit dessen Ex-Frau er der ZEIT viel Geld sparte) und den Sprung von Politiker zum Autor und Vortragsredner schaffte. Nicht ganz so glatt, wie ich es gedacht hätte. Die ersten Manuskripte wurden von Verleger Siedler himself nicht sehr diplomatisch mit vielen kritischen Anmerkungen versehen.

(…), dass die kühle und sozusagen lapidare Art des Vortrags dem Manuskript jenen Selbstbespiegelungscharakter nimmt, der so viele Memoiren-Bücher zu einer peinlichen Lektüre macht.“

Ein Schlag in Schmidts Ego. So misslingt das erste Buch Mächte und Menschen aus organisatorischen im Ausland – asychrone Erscheinungsweise; nur 5000 Exemplare werden in den USA abgesetzt, die Verlage dort haben (erstmal) kein Interesse mehr an weiteren Veröffentlichungen. In Deutschland brilliert die Ausgabe, Schmidt ist wohl sehr an den Absatzzahlen interessiert. Nebenbei erfährt man, dass die bei Siedler ebenfalls verlegten Speer-Memoiren eine Rekordauflage von 700.000 Stück erreichte – ein ekliges Statement für Nachkriegsdeutschland, Fritz Bauers Biographien verdienten diese Auflagenzahlen…

In diesen Beschreibungen blitzt der Mensch durch, denn Schmidt hat sehr wohl an seinem Bedeutungsverlust und seiner noch fehlenden Positionierung gelitten. So schrieb er von seinen privat veranstalteten Reisen teils Reiseberichte mit neun Anhängen. Ob sein Verteilerkreis die lesen wollte und las, sei (und wird es auch) sehr infrage zu stellen. Auch dass seine Freitagsgesellschaft niemand weiterführen wollte, kann erahnen lassen, dass die Kraft und den Gestaltungswillen der Schmidt auch ohne Amt und Auftrag umtrieb, nicht übersprang auf seine Umwelt.

Das umfangreiche Buch gibt in viele Teilen einen Einblick in das Leben und Wirken Schmidts. Teilweise gerät es in einen historisch berichtenden Duktus, der langweilen kann. Dem Verlauf eines Lebens nach einer Kanzlerschaft ebnet dieses Buch aber den Weg. Es zeigt, dass auch nach dem zweithöchsten Amt der Bundesrepublik ein erfülltes Leben stehen kann. Die Sprungkante in die Bedeutungslosigkeit wird aber auch damit klarer sichtbar, nicht alles war reibungslos und verklärt optimistisch, wie es sich retrospektiv darstellt. Karlauf berichtet wichtige Eckdaten Schmidts Biographie, insbesondere bei der ZEIT und den letzten Jahren seines Lebens. Er gibt damit Einsichten, die nicht ergooglebar sind.

Wer Schmidt mag und sich mit ihm beschäftigt, sollte weniger die Bücher von ihm oder die Bücher bis 1982 über ihn lesen, er sollte dringlich dieses Buch lesen.

Finden Sie weitere Informationen über Helmut Schmidt – die späten Jahre beim Verlag Random House (Siedler ist Imprint-Verlag des Random Hous Verlagsgruppe) und kaufen Sie es sich gerne. Es lohnt sich.

Das Buch wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar von Random House zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.


Zum Abschluss zwei Video-Empfehlungen:
Harald Schmidt redet bei der Matinee zu Schmidts 90. Geburtstag
Giovanni di Lorenzo über den Zeitpunkt des Todes und die Erlebnisse danach in der Redaktion am Speersort
Sandra Maischberger: Helmut Schmidt außer Dienst, 2007

Lese-Empfehlungen:
Die ZEIT-Ausgabe zum Tode Helmut Schmidts; kostenpflichtig bestellbar über archiv@zeit.de
Briefwechsel Helmut Schmidts mit Willy Brandt, herausgegeben vom enorm fleißigen Meik Woyke
„Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ und „Verstehen Sie das, Herr Schmidt“-Gesprächsbücher
Hintergrund: Giovanni di Lorenzo sprach mit Helmut Schmidt in bewusst kurz gefassten Interviews (diese kurzen Interviews waren eine Serie des ZEIT-Magazins)

 

Buchsignaturen

…individualisierte Bücher.

Anbei eine Auswahl an signierten Büchern.

Carsten Maschmeyer
Giovanni di Lorenzo
Michel Friedman
Werner Renz
Helmut Schmidt (!!!) & Giovanni di Lorenzo
Roger Willemsen; leider nicht für mich, Zufallskauf
Oliver Sacks, M.D.

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