Briefwechsel für Genießer und Beginner: Harry Rowohlt

Briefsteller (meint: Briefschreiber) und Briefwechsel sind ein spezielles Genre, nicht immer mit Liebe angesehen. Suhrkamp hat aus den ungewöhnlich vielen Briefwechseln von Verleger Unseld mit seinen bekannten Autoren Handke, Bernhard oder Johnson herrlich produzierte Briefwechsel mit unglaublicher Detailtiefe produziert.

Nur, das Problem: Da muss man sich derbe reinlesen und ein Hang zu neurotischen Autorenpersönlichkeiten haben. Nicht jedermanns Fall.

Daher biete sich zum Einstieg die drei herausragenden Briefwechsel von Harry Rowohlt an. Der begnadete Übersetzer und Rezitationskünstler, der nichts direkt mit Rowohlt-Verlag zu tun hatte, starb leider 2015 in Hamburg. Er war nicht nur optisch eine einzigartige Persönlichkeit und schrieb seit den 60ern grandiose Briefe. Immer einer Spur den Respekt vermissen lassend, ist er mir Vorbild geworden, auf Briefe zu antworten, aber doch nicht immer den steinernen Ernst der Sache durchblitzen zu lassen.

Im Dezember 2016 habe ich den pusthum erschienenen Band „Nicht weggeschmissene Briefe III“ besprochen. Kein & Aber ließ mir dann auch Einblick in die beiden ersten Bände, und was soll ich sagen: GRANDIOS. KAUFEN.

Seine Freundin Anna Mikula ist zu danken für die Zusammenstellung, gegen die er sich nicht wehrte, was mehr ist als des Allgemeinen Zustimmung ausdrückt.

Mehr braucht es nicht zu sagen. Wie Rowohlt der im Zweifelsfalle auch lieber schwieg und damit mehr sagte.

Danke, Harry Rowohlt!

Der Kampf geht weiter – nicht weggeschmissene Briefe I
Gottes Segen und Rot Front – nicht weggeschmissene Briefe II
Und tschüss – nicht weggeschmissene Briefe III

Harry Rowohlt erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege; edition tiamat

Ein schönes Interview aus 2012 sehen Sie bei Youtube. Harry Rowohlt mit Knut Cordsen beim Münchner Literaturfest auf der BR 2-Bühne.

Das eher dilettantische Cover-Arrangement ist von mir…

Ich danke Kein & Aber und der edition tiamat; ich erhalte kein Honorar.

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Kaufen: Von der Wiege bis zur Biege [Audio]

Klaus Bittermann hat Mut. Mut, den viele große Verlage nicht aufbringen können oder wollen. Er hat die Tonbänder auf denen Harry Rowohlt 2001 seine Memoiren besprochen hat, als Hörbuch veröffentlich. Quasi das medium-rare Steak der Hörbuchwelt. Dazu gehört Chuzpe. Hat es sich doch etabliert, alles schön dem Konsumenten mundgerecht zu reichen, bloß keine rohen Informationen. Der Leser und Hörer gilt als nicht mündig, rohes Material gilt als pfui. — Das ist natürlich dummer Blödsinn und die allgemeinen Agreements gelten bei Rowohlt sowieso nicht. Galten und gelten nie.

Harry Rowohlt starb 2015 in seiner Heimatstadt Hamburg. Doch sein Nachlass lässt ihn unsterblich werden. Zurzeit habe ich seine drei Bände von Briefwechseln entdeckt, die seine Freundin Anna Milkula in rührender Sorgfältigkeit zusammengestellt hat. Die ersten beiden zu Lebzeiten, der aktuell bei Kein & Aber erschienene dritte Band „nicht weggeschmissener Briefe“ postum. Die Briefwechsel sind einzigartig und mir Vorbild – und das ist keine „Anschleimphase“ wie Rowohlt das sonst ausgedrückt hätte. Die Briefe sind Inspiration, doch der Gipfel wäre, hätte er sie eingelesen. Er – niemand sonst!

Daher macht es dem aktuell entzündeten Rowohlt-Leser eine große Freude, ihn nochmal zu hören, ihn, den er nie live sah und nie mehr live sehen kann. Das Schausaufen mit Betonung, die Haltungsstärke, diese selbstverständliche Andersartigkeit und doch Herzenswärme bei gleichzeitig wahrender Distanz; insbesondere den Arschlöchern dieser Welt gegenüber.

Klaus Bittermann legt in seiner Edition Tiamat nun über vier Stunden Tonbandaufnahmen von Harry Rowohlt vor. Quer durch dessen Leben, seine Marathonlesungen, seine Lindenstraße-Zeit, usw. Doch neben dem Inhalt besticht, dass es eben keine Studioaufnahmen sind und sie doch eine hohe Qualität haben.

Harry Rowohlt erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege ist erschienen in der Edition Tiamat/Verlag Klaus Bittermann

Ich danke Herrn Bittermann; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Und tschüss Briefwechsel III Harry Rowohlt

Harry Rowohlt, Rezitator und Übersetzer, war eine eigensinnige und dennoch tiefgründige Person. 2015 starb er siebzigjährig in Hamburg. Zurückgeblieben sind unzählige (25 Leitz-Ordner!) mit Schreibmaschine geschriebene Briefe, die in drei Bänden bei Kein & Aber erschienen sind. Der dritte Band ist nun in dritter Auflage (wir sprechen hier von einem Briefwechselband!) beim Zürcher Verlag aus dem Druck gekommen und wirklich ein Amusement für den geneigten Briefwechselleser als auch für den Novizen in diesem Buchgenre.

Rowohlt bricht mit allen Konventionen des Briefeschreibens; ich habe das Buch im sprichwörtlichen Sinne verschlungen, so direkt, deftig, auf den Punkt und doch immer mit einer Prise Eleganz sind seine Briefe an all jene verfasst, die ihm schrieben. Er maß seine Eingangspost, die er nur von zuhause beantwortete (kein Handy und nix), in Zentimetern Stapelhöhe.

Das Buch ist ein wahrer Fundus als Anregung für meine zukünftigen Briefe und ich rate wirklich zu diesem Werk. Auch die Bände I und II werden alsbald in meiner Bibliothek Einzug finden. Denn kreative Briefe schreibt heute kaum einer mehr. Gar erschrocken sind manche Menschen, wenn sie von mir Post bekommen.

Ich hätte es noch schön gefunden, zu sehen, wie die Briefe im Original aussahen. Ein, zwei Beispiele bildlicher Form wären toll gewesen.

Zwei herrliche Beispiele seien aus diesem Konvolut gezeigt als kleiner Anreiz

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Harry Rowohlt: Und tschüss – Nicht weggeschmissene Briefe III erschienen bei Kein & Aber

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Seh-Tipp: Harry Rowohlt in Bestform

…über Früher.

Harry Rowohlt in seiner Hochphase einer Lesung mit diversen Alkoholika (Whiskey! Bier vor der Pause!) und durchgehendem Zigarettengenuss. Er nannte dieses selbst „Besäufnis mit Betonung“, später dann, aufgrund seiner Nervenerkrankung, nur noch „Lesung mit Betonung aber ohne Besäufnis“. Mit seiner brummigen, aber dennoch wechselhaften Stimme und seinem unverwechselbaren Antlitz, waren seine bis zu sechs Stunden dauernden Lesungen Kult. Leider bin ich zum Erleben dieser zu jung gewesen, aber das folgende Video gibt einen guten Eindruck.

Harry Rowohlt starb im Juni 2015.

Video

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