Rezension: Meine Geschichte ohne dich

Ja, das ist lesenswert. Das Zusammenbrechen der zweiten Ehe, für viele die Bestätigung des kompletten Gescheitertseins im gesellschaftlichen Sein. Der spanische Autor Torné lässt seinen Protagonisten Revue passieren gegenüber seiner zweiten Ehefrau, an dem Punkt, an dem eh´ alles egal ist, wo man(n) endlich offen sein kann.

Es ist jene Offenheit, die vielen Paaren in ihrer Beziehungszeit schmerzlich fehlt. Sie reden nicht über Vergangenheit, ihre Herkunft, ihre Wünsche, ihre Macken. Sie reden nur über das Passen, passen müssen. Wege wirken unumkehrbar, Liebe gilt wiederromantisiert als unendlich und wird verklärt wie nie ausagiert. Der Trauschein ist der Beton für die Versiegelung des Glücks. Aus Individuen werden Teams der Religion und des gesellschaftlichen Seins. Dabei müssen sie sehr viel aushalten, oft viel zu viel. Wer sich fragt, warum manche Menschen ein Familiendrama anrichten, sollte nicht fragen, was an jenem Tag falsch lief, er sollte fragen, was über Jahre falsch lief.

Der Mensch ist von seiner Grundausstattung für ewige Beziehungen wenig gedacht; selbst solche, die die Gesellschaft verklärt, sind im Nachhinein brüchig und voller Verstöße. Helmut Schmidt offenbarte kurz vor Ende seines Lebens freimütig von einer langjährigen Affäre, Weggefährten sollten später in Reportagen aussagen, es seien Schmidts bekannte Bonner Nebelflüge gewesen: Immer wenn er zum Wochenende nach Hamburg flog und vorher noch seine Geliebte besuchte, wurde Ehefrau Loki in Hamburg mitgeteilt, in Bonn sei Nebel, der Kanzlerhubschrauber könne noch nicht starten.

Perfekt ist daher nur die Nicht-Ehe, nur die Partnerschaft, die in sich klar ist, nicht die perfekte zu werden, in dem sie sich so nennt. So dogmatisiert und der Außenwelt sich stigmatisiert. Die Außenleitung der meisten Pärchen ist verheerend, die Auswirkungen in der Krise umso größer: Nino de Angelo, eher sparsam erfolgreicher Schlagersänger ist so ein Beispiel. Die große, große propagierte Liebe und dann Einsätze der Polizei wegen angeblich häuslicher Gewalt. Das Pendel schlägt grausam aus, aus Extremen werden Extremisten ihrer Haltung.

Wer kann ihnen aber Vorwürfe machen? Liebe ist nicht definiert, Paar-sein ebenso wenig. Keiner lernt es, jeder macht es, es ist Teil des Lebenstriebs unter erschwerten Bedingungen der Vergleichbarkeit, der öffentlichen Hingabe. Dabei erodieren die Menschen nach innen und dem Gegenüber hin, die Verbindung wird brüchig, verlogen, oft grotesk in ihrer Schauspielerei. Doch lieber leise leiden, als laut scheitern. Das Stigma der Scheidung haftet wie Teer an einem, als wenn die Leute ob ihrer Entscheidung fehlerhaft seien; ganz im Gegenteil, denen gebührt Anerkennung, die aus dem Geflecht von Familie und Verpflichtungen ihrer selbst Willen ausbrechen. Das Stigma ist dennoch sicher, denn wie schön hätte es – für die anderen! – sein können.

Torné erinnert mich bei der Gegenüberstellung der auseinander treibenden Ehepartnern an Navid Kermanis Sozusagen Paris. Er nutzt den gegenseitigen Resonanzraum, um die Personen zu spiegeln in ihren tiefsten Bedürfnissen, die gleichzeitig die wichtigsten und dennoch unausgesprochensten sind.

Tornés Roman sollte Ansporn sein zu erleben, dass das sich-Öffnen ein unerlässlicher Bestandteil des Erfüllens der Möglichkeit zur Annäherung an das Glück ist. Nur wer sich reflektiert, reflektieren lässt, hat die Chance, nicht in den Strudel der Unfähigkeit der überhohen Anforderungen des Umfelds zu geraten, an denen eine gute Beziehung zerbrechen muss, eine schlechte sich aber bestätigt fühlt.

Menschen bleiben Individuen mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem Verhalten, ihren Abgründen und Hochebenen. Der Titel lässt es erahnen: Es geht immer weiter, ein Horizont auch nach dem Zweisein.

Beziehung ist alles. Aber nicht leicht. Nie klar. Nie einfach gewesen.

Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich erschienen bei DAV/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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