Das Grass-Fragment. Letzte Momente.

Es wird mit diesem Band bewiesen, das auch ein so genanntes Fragment ein Hochgenuss sein kann. Es ist ein Mosaik des Nachlasses von Günter Grass. Verleger und Weltrechteinhaber von Grass legt Gesprächsband vor. 

So hatte Detering sich das sich nicht vorgestellt. Denn primär stellt dieser Band ein gescheiterten Versuch da. Den Versuch mit dem Literaturnobelpreisträger (1999) Günter Grass lange, aber nicht langwierige, anlass- und ziellose Gespräche zu führen.

Es wurden aber nur eines, und drei Briefe. Als Detering den letzten Brief von Grass erhielt, war der bereits nach spontanem Rückfall seiner Malaissen verstorben. Schade. Gedruckt wurde nur, was Grass’ redigierende Hand passierte, mehr nicht.

Ich habe zu Grass keine gefestigte Meinung, dennoch seine späten Offenbarungen ihn kritisch betrachten lassen. Aber den Nobelpreis aberkennen? Hm. Die Diskussion ist aktuell wie nie: Im Zuge der Vernichtung von Karrieren wie der des anscheinend dauergeilen Kevin Spacey, stellte Psychotherapeut Schmidbauer in der WELT, ob das Œuvre und Mensch wirklich so zu vermengen sind im Sinne der Ausführung einer gesellschaftlichen Ächtung. 

Dass Grass Lebenswege beeinflusst, habe ich vor kurzem in gänzlich anderem Zusammenhang erlebt. Ich interviewte den Autoren Nicol Ljubić zu seinem neuen Roman ‚Ein Mensch brennt‘ (dtv, 2017). In einem nachfolgenden Radiofeature (SWR 2) offenbart Ljubić sehr offenherzig und vulnerabel die peinvolle und entbehrungsreiche Entstehung seines Werks. Bestärkt hat ihn, der Kreis schließt sich, Günter Grass im Rahmen seiner Treffen mit jungen Schriftstellern in Lübeck. Einer davon war Nicol Ljubić.

Das Gespräch treibt sich sequenzlos und warm durch Grass Wirken, insbesondere außerhalb seiner angeblich politischen Profilierung.

Zur Ausstattung muss ich mich limitieren, ich könnte sonst ins Schwärmen geraten. In diesem Buch steckt soviel handwerkliche Qualität, soviel routiniertes Können. Es kommt mit rustikalem naturverbundenen Hardcover daher, eingeprägten Texten, haptischer Maserung.

Die Innenseiten sind von Qualität wie manche Bücher in Premiumeditionen nicht erreichen. Es ist ein Genuss. 

Die Aufbereitung des Textes in folgt klarer Kontur und die Nutzung der Namenskürzel vor jeder Äußerung finde ich herrlich! Fehlte es mir doch sehr in aktuellen Gesprächen wie bei Saviano/di Lorenzo oder Augstein/Walser. In einem fließenden Gespräch muss man schon sehr aufmerksam sein, um immer zu wissen, wer da grade fragt oder antwortet.

Das Buch, was mit 14€ schon fast altruistisch daherkommt, ist jeden Cent wert. Denn es vereint ein angenehmes Gespräch mit der Buchdruckkunst Steidls. Gedruckt in der Düsteren Straße in der hellste Buchdruckkunst entsteht.

Oder wie Steidl gerne sagt: Multiples. 

Günter Grass sprach mit Heinrich Detering: In letzter Zeit

Erschienen und wundervoll gedruckt durch Steidl, Düstere Straße 4, 37073 Göttingen
Gesetzt aus: Garamond und Overpass
Gedruckt auf: Schleipen Fly bläulichweiß, 150g
Gestaltung: Victor Balko

Gelesen im ICE von Hanau nach Berlin am 06. Dezember 2017 

 

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

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Seh-Tipp: Gerhard Steidl

Eine knappe halbe Stunde mit Gerhard Steidl in Göttingen. Es gibt ergänzende Einblicke im ersten Drittel in seine Verlagsküche und im letzten Drittel zu sich nachhause; auch erfährt man im Nebensatz, dass er eine Lebensgefährtin hat.

Die Gänge in seine alten Wirkungsstätten im mittleren Drittel sind eher langweilig, aber insgesamt gibt es additive Einblicke zum Kinofilm aus 2010 und die gemeinsame Zeit mit Bryan Adams sind auch es wert angeschaut zu werden.

Ein Leben für Bücher. Gerhard Steidl; NDR 2016

Screenshot: NDR.de

Lesetipp: Steidl im Interview mit dem Musée Magazine

Steidl – I had no time to move

Gerhard Steidl ist in seinem Universum die Sonne. Und zwar eine ganz, ganz helle. Steidl, in Göttingen geboren und geblieben („I had no time to leave“), betreibt einen Verlag mit Weltrenommée. In der Düsteren Straße 4 findet man sein „Laboratorium“, in dem er alles in einem „integrierten Prozess“ produziert.

Das was er produziert, wählt Steidl sorgsam aus. Wertige Fotobücher und Lyrik sind seine Spezialität. Er geht die Symbiose ein aus perfektem Inhalt und perfekter handwerklicher Aufbereitung. Er selbst sieht sich nicht als Künstler, sondern als Techniker, der „Multiples“ produziert. Durch einen Handwerker veredelte Produkte. Und damit stapelt er tief. Er dürfte mit die weltbesten hergestellten Bücher herstellen.

Die Marke ist, ungewollt und nebenbei, zu einem Synonym für Buchdruckkunst in einer Linie mit Gutenberg avanciert. So reist Steidl, introvertiert, schrullig, und dennoch straight und extrem zielorientiert, durch die Welt („to get things done in a certain way“) ohne das Reisen zu mögen. So schafft er eine Brasilienreise in knapp 48 Stunden, in LA war er 20 mal in einem Jahr für ein Buch beim Künstler. Er reist unaufhaltsam, inzwischen im 65. Lebensjahr angelangt und wie man so schön sagt, kein bisschen müde. Er hat nie etwas anderes gemacht, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, lebt er seit seinem Abitur für die „Drogen“ Druckerfarbe und Papier.

Aufmerksam wurde ich vor ein paar Jahren durch Karl Lagerfeld. Selbige Weltikone kam übrigens auf Steidl zu und dieser wollte erst gar nicht mit dem Papst der Mode zusammenarbeiten. Wer Lagerfeld besser kennt, weiß um seine Buchliebe, seine Privatbibliothek von 300.000 Exemplaren. Und so fanden beide zusammen, 7L entstand und dann 2010 auch der L.S.D.-Verlag. Beides Imprints von Steidl.

13 Monate begleiteten die Dokumentarfilmer Gereon Wetzel und Jörg Adolph den Meister des Buchdrucks in Göttingen und in der ganzen Welt. Sie hasten von New York, nach Katar, nach Kanada, nach Göttingen. Sie treffen u.a. Martin Parr, Joel Sternfeld, Khalid Al-Tani, Günter Grass. Von letzterem hat er die Weltrechte für dessen Werke 1993 vom Luchterhand Verlag (inzw. zu Random House gehörig) gekauft.

Der große rote Faden, neben den einzelnen Besuchen der Künstler zu Zwischenbesprechungen, ist die Kreation von „iDubai“ des New Yorker Photographen Joel Sternfeld. Vom ersten groben Meeting in seiner New Yorker Wohnung zu den Meetings im Verlag, genannt Steidlville. Dort kann er, so Steidl, mit den Künstlern in Ruhe arbeiten; fernab von ihren hippen Wohnorten.

Der Film ist ruhig und hat ein gleichmäßiges Tempo, er kommt ohne Off-Sprecher aus. Steidl und die die mit ihm sprechen, geben genug Auskunft und einen authentischen Blick in das berufliche Leben dieses Vielleisters. Der Film ist absolut sehenswert, auch wenn Steidl inzwischen auch (nur in der Lyrik) eBooks anbietet und sich damit von seiner rigiden No-Digitale-Politik trennte.

Kaufen Sie den Film mit schönen Boni direkt bei den Filmemachern. Bitte unterstützen Sie diese engagierten Filmemacher! Die 20 Euro sind ein lohnenswertes Investment.

Gerhard Steidls Verlag besuchen Sie bitte hier.

Das Buch iDubai finden Sie direkt bei Steidl hier. Nota bene: Es gibt beim Versand von Steidl weltweit (!) keine Versandkosten. Das ist think big at its best!

Bilder: Screenshots „How to Make a Book with Steidl“ von Gereon Wetzel und Jörg Adolph, DocCollection 2010 (Kaufen Sie die DVD, die Filmemacher, die DVD und Sie haben es sich verdient!)

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