Rezension: Ungeheuerliche Neuigkeiten & Die Stunde der Wahrheit

Es ist ein warmer Donnerstag, die Luft flimmert morgens schon trocken durch das Frankfurter Westend. Gediegene Gründerzeitarchitektur verschränkt mit profanen Nachkriegsbauten; beide eint, sie sind sehr teuer, denn das Westend ist ein Dorf der Wohlhabenden, der Erfolgreichen Frankfurts. Mit grüner Lunge und Frieden der Kehrwoche. An diesem Morgen zerreißen aber die Presslufthörner der Frankfurter Berufsfeuerwehr die Idylle des Kapitals. Sie eilen in den nicht sehr LKW-affinen Kettenhofweg, ein RTW der Johanniter steht vor dem sonnengelben Haus. Es ist das Haus, in dem vor wenigen Minuten der Beginn vom Ende des Lebens Frank Schirrmachers Einzug nahm. 

Er schrieb an die Redaktion per SMS, es gehe ihm nicht gut. Die FAZ alarmiert daraufhin den Rettungsdienst, welcher wiederum Notarzt und dann die Feuerwehr nachordert, da Schirrmacher dramatisch dekompensiert.

Die Sonne ist kurz nach ihrem Zenit, der Himmel stahlblau und die Luft ist trocken und dicht in Rhein-Main-Senke, als über die Ticker geht: Frank Schirrmacher ist tot.

DER Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, den viele gerne einfach nur Herausgeber nennen; als gefühlter einziger. Er überstrahlte alles und alle, sein Lebensweg war nicht nur Überholspur, er war Concord. Und auch die stürzte ab und der Mythos nahm ein brutales Ende.

54 Jahre, in der Hochphase seines Seins, kam er langsam zur Ruhe, so berichtet Mathias Döpfner in seinem Nachruf von einem Treffen kurz zuvor in Rom. In Potsdam mit Frau Rebecca Casati und Tochter Gretchen, in Frankfurt für „seine“ FAZ, als Buchautor Bestseller, hatte Schirrmacher sich zum Vordeuter noch nicht etablierter Strömungen geriert. 

Seine Bücher waren von Alarmismus geprägt und seine Feinde davon genervt, aber er war ein immer agierender Motor, mit der Verve eines intelektuellen Brummkreisels. „Nur allzu plausibel“, zitiert Jakob Augstein Hans Ulrich Gumbrechts Trauerrede aus der Frankfurter Paulskirche, der man aufgrund der scheinbaren Koketterie widersprechen möchte, aber es stimmt. Er war immer zu früh, zu jung, zu burschenhaft; getrieben, treibend.

Schirrmacher gab alles, sei es auch nicht zutreffend, aber neue Wege und Gedankenwelten können nur entstehen, wenn Menschen in großen Zyklen, in Unwirklichkeiten begeben und die Wahrscheinlichkeit zumindest skizzieren zu können.

Allein für das Vorwort von Jakob Augstein lohnt es sich. Der Titel hätte nicht besser gewählt sein können, man sieht Schirrmacher im Türrahmen in der Hellerhofstraße lehnend, eine Coke Zero-Flasche in der einen, in der anderen Hand die Lesebrille, deren Bügel er an seinen Zähnen langfahren lässt. Er war aufgeregt.

Jakob Augstein (Hg.): Frank Schirrmacher Ungeheuerliche Neuigkeiten

Lesetipp: Neuauflage Die Stunde der Wahrheit – Fünf Dichter ausgewählt von Frank Schirrmacher

Ich danke Blessing/Random House für beide Rezensionsexemplare und hoffe, Lust auf Schirrmachers Wirken und Werk geebnet zu haben.

Danke auch an Herrn MA; er weiß wofür.

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Rezension: Die besten O-Töne von Marcel Reich-Ranicki

Edit: Durch absoluten Zufall erschien dieser Beitrag am 02. Juni und damit an MRRs Geburtstag – er wäre 97 geworden.

Die erste Auflage, 1999.

Manchmal wirft man etwas weg, was einen später noch sehr ärgern wird. Die Regel ist das nicht. Meistens wirft man eben zu wenig weg. In diesem speziellen Falle aber, ist es so, dass diese Ausgabe der Memoiren von Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (MRR) schön wäre, wiederzuhaben.

Reich-Ranicki landete einen Millionenseller mit seinen Erinnerungen, die er selber zu Papier brachte und ein durchgehend starkes Buch lieferte. Mich hat damals vor allem seine späte Zeit bei der FAZ des Literarischen Quartetts interessiert, weniger seine frühen, sehr dunklen Lebensjahre.

Mein Blick auf MRR hat sich inzwischen geändert; aus Bewunderung wurde Zweifel, ob dieser durchgehend rabaukenhafte, oft Menschen verletzende Auftritt wirklich so anerkennungswürdig war, wie ich mal meinte. Die Aufmerksamkeit war ihm zeitlebens gewiss, er liebte den Ruhm und lebte von ihm. Umso schlimmer war sein Ende, als ihn keiner mehr erkannte und in der FAZ junge Leute ein und ausgingen, die ihn nicht mehr kannten. Das verletzte ihn sehr und seine Niedergeschlagenheit im letzten Interview mit Iris Radisch ist mehr als deutlich; die meisten seiner Bücher hatte er da schon weggegeben. Aus seiner Wohnung in Frankfurt-Dornbusch (inzwischen hat diese auch eine Gedenktafel an der Hausfassade erhalten).

Die O-Töne, die nun bei Der Audio Verlag erschienen sind, sind ein Muss für den Einstieg und das Verständnis für einen Mann, der neben Text auch sehr viel Mundart war. Eine gut temperierte Komposition seiner Ausrufe. Durch das Programm führt Max Moore. Ärgern tut mich, dass der Autor dieser Zusammenstellung nur in kleiner Schrift auf der Rückseite unten genannt wird. Er hatte die meiste Arbeit, aber die Leute grabschen dann lieber nach einem bekannten Gesicht als Sprecher der Übergänge.

Daher an dieser Stelle, der Ersteller dieses Werkes ist MARTIN NUSCH. Er hat es verdient, dass ihm gedankt und er erwähnt wird! Ähnlich wie Harry Rowohlt bei Suhrkamp durchsetzte, dass er (und damit auch andere) Übersetzer nicht in Schriftgröße 6pt. in der Titelei verschwinden, so sollte ein Erschaffer eines solchen Audio-Werkes deutlicher genannt werden.

Die besten O-Töne von Marcel Reich-Ranicki ist erschienen bei Der Audio Verlag, Berlin

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Die FAZ im Magazinflow

…nach der Wochenausgabe nun also auch noch eine vierteljährliche Variante. Ich bin gespannt. Die Wochenausgabe ist so trocken und langweilig wie das Blatt in den Zeiten der S/W-Ära…


SZ, 24.06.2016

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