Gerhard Schröder über Doris

Gerhard Schröder lebt seit Herbst 2016 in Scheidung von seiner vierten Ehefrau Doris. Lange war nicht bekannt, dass Schröder eine neue Lebenspartnerin an seiner Seite hatte. Dieses wurde erst vor kurzem Publik. Schröder-Köpf offenbarte es auf ihrer dienstlichen Facebook-Seite.

Als das ZDF Anfang 2017 eine Reportage über Schröder Wirken sendete, sagte er hierin zwar wie regulär nichts über seine Beziehung zu Wladimir Putin, aber über sein Privatleben sprach er umso mehr. Verwunderlicherweise. Mit dem heutigen Wissensstand machen diese sehr warmen Worte noch mehr Sinn, werden aber m.E. nicht ausreichend gewürdigt. Insbesondere da Schröder gerne als rüpelhafter Macho dargestellt wird.

Wie sehr er auf Doris´ Rat hörte, sehen Sie hier, als er seine Rede zum Nein an die USA bei der Unterstützung im Irak-Krieg vorliest, ab Minute 34:28.

Und jetzt wird es direkt nach diesem O-Ton wichtig, denn es wird über Schröders Ehe-Aus gesprochen. Dabei verlautbart er folgendes kurz nach 35:35:

Die Trennung als solche ist nicht anders als bei anderen Menschen auch, nämlich schwierig und schmerzhaft, gar keine Frage. Die Tatsache indessen, dass diese Trennung öffentlich wird, macht es nicht einfacher.

Wenn da was schiefgegangen ist – und da ist ja was schiefgegangen in meinem persönlichen Leben – lag das sicherlich mehr an mir als an den Frauen.

Das gilt auch und insbesondere für meine jetzige Noch-Frau. Sie wissen um die Trennung und sie (gemeint: Doris Schröder-Köpf) ist sehr politisch, sehr intelligent und eine wunderbare Mutter; und ich werde nie ein schlechtes Wort über sie verlieren.

Die Reportage ist bei Youtube unter „Mensch Schröder!“ zu finden.

Das Verhältnis wirkte nicht immer so gesellig. Im Portrait über Schröder-Köpf bei ihren Ambitionen für den niedersächsischen Landtag, wirkte es bisweilen doch eher ruppig, lesen Sie hier in der ZEIT.

 

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Rezension: Gerhard Schröder

Es braucht keine großen Titel, denn der größte Titel ist er selbst: Gerhard Schröder. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland von 1998 bis 2005. Er ist der erste, bei dem ich Wahlkampf wahrnahm und das erste mal politisch zumindest in kleinstem Kreise und ohne wirklich Ahnung zu haben, für etwas eintrat. Ich fand, die SPD wirkte frisch und aktiv, Kohl und seine CDU schon von Haus aus in Schwarz gehalten, behäbig und alt.

Er wurde es dann, eine Wende war geschafft, eine Aufbruchstimmung sondergleichen muss es im Bundeskanzleramt gewesen sein; in der Waschmaschine. Schröder sollte 2002 in einem knappen Rennen gegen Edmund Stoiber gewinnen, die Agenda 2010 bricht ihm dann die Wahlergebnisse berechenbar ein, nachdem er unbedingt Neuwahlen wollte und entgegen Otto Schilys Meinung auch durchboxte. Selbstmord ob der Angst vor dem Tod unkte die schrille Haupstadtpresse, Schröder himself sagen die, die ihn wirklich kennen.

Gregor Schöllgen hat hier Anfang 2015 einen wahren Klotz an Lebenszeichnung hingelegt. Mit der Forderung, Zugang zu allen Akten und Schriftsätzen zu haben, führte er dieses mehrjährige Projekt durch. Eine Mammutaufgabe, die es mit knapp 1000 Seiten Text und zig Seiten Anhang in eine Finalisierung schaffte, die weniger ein Lesebuch, denn eher ein Nachschlagewerk ist. Aufgeteilt in die großen Stufen seines Lebens, ähnlich wie Herman Hesse es in seinem gleichnamigen Gedicht so schön beschreibt. Vom Aussteiger (aus der untersten Arbeiterklasse), über das Studium, seinen Anwaltsjob und seinen rasanten Aufstieg in die Politik. Schröder hatte Biss bewiesen, sich nach Lehre und Abendschule das Abitur erkämpft. Jeder der sich mit dem Thema Abendgymnasium beschäftigt hat weiss, dass dies die wirklich verdienten Abiturzeugnisse sind.

Für sein Stipendium, schreibt sein ehemaliger Klassenlehrer des Kollegs eine Analyse, die Schröders prekäre private Lage, seinen Willen und seine Talente abbildet:

Das Kollegium war immer der Meinung, dass im allgemeinen seine obere Leistungsgrenze nicht erreicht sei. Besonders seine familiären Schwierigkeiten zwangen Herrn Schröder zeitweise, für seine Geschwister zu sorgen. Dadurch wird verständlich, dass unter normalen Umständen … Leistungssteigerungen hätten erreicht werden können. Man sieht hier aber auch, dass er sich mit Verantwortungsbewusstsein den in seiner Umwelt auftretenden Probleme stellte.

Schröder kämpfte und wurde wie Meerwasser einen Stein formt in seinem Denken und Handeln bis jetzt beeinflusst. Es zeigte sich immer wieder, hier will einer sein. Denn sein Wollen kann nur der, der nicht qua Geburt sowieso ist. Daher ist der Vorwurf Brioni-Kanzler, etc. auch obsolet. Klar genießt so jemand seinen selbst initiierten Aufstieg. Seine Sache war nicht das Aktenstudium, aber die Menschen. Er mag Menschen und er kann sie für sich gewinnen, urteilt Jürgen Leinemann in der 2006 erschienen Reportage über den Altkanzler. „Ich eigne mich mit…in meinem Alter halt nicht als Rentner“, spricht er und verschluckt, ganz der nicht-färbende Mann, sein damaliges Alter, über seine Probleme nach der Kanzlerschaft, im Vakuum des eigenen Seins.

Nochmal: Den Schinken, der nun bei Pantheon als Softcover erschienen ist, dient nicht dem Lesefluss eines Romans. Es ist ein Nachschlagwerk, ein gezielt für Epochen nachzulesendes Konvolut an schier endlosen Quellen und Informationen. So sagte Autor Gregor Schöllgen auf der Vorstellung des Buches (Rednerin: BK Merkel), er warnte Schröder davor, dass er nach dem Buch dessen Leben besser kenne als dieser selbst. Schröder lacht nur in seiner typischen bärigen und kumpeligen Art. Akten waren ihm ja nie etwas, dafür hatte er „Mach-mal-Frank“-Steinmeier. Sein Schreibtisch war jeher, auch schon in Niedersachsen, leer. Daher hatte Schöllgen bei der Recherche arge Probleme: Es gibt in unmittelbarer Laufnähe, auf dem gleichen Flur, in Schröders Büro Unter den Linden ein Archiv, von dem er selber nichts oder nicht wirklich etwas wusste, und welches es erst zu erschließen galt. Auch dieses so typisch Schröder: Während andere Kanzler schon in ihrer Blütezeit für die Nachwelt wirklich alles dokumentierten, ordneten und in Vorfreude der späteren Analyse der Nachwelt warteten, so gibt es bei ihm wenig Aufzeichnung von Terminen. Das macht ihn sehr sympathisch. Wenig Selbstbesoffenheit und dennoch egozentriert.

In die Schule, für jeden politisch Interessierten ist dieses Buch ein Standardwerk. Das braucht man einfach im Regal. Basta! (Woher kennen Sie dieses Wort…?). Im Softcover können Sie es nun für die schmale Mark erhalten und mit einer Flasche Bier im Lesesessel genießen. Und auch wenn Sie einiges nicht lesen sollten – keine Sorge: a) hat es Schröder auch sicher nicht gemacht und b) bleibt es so immer wieder ein Handbuch im Regal mit neuen Überraschungen aus einem schier unvorstellbaren Lebensweg, der die gläserne Decke und noch mehr durchbrochen hat. Ein Sozialdemokrat, der viel wagte und seiner Überzeugung folgte. Denn auch wenn alle anderen Parteien sich vor der Agenda 2010 und der dahinterstehenden Kürzung von Sozialleistung sträubten, alle waren sich einig, dass es nötig war. Doch Wähler entscheiden eben nicht nach großen Linien.

Seine Haltung im Kosovokrieg, das Nein von ihm und Fischer im Frage des Angriffs auf den Irak – das sind alles große Verdienste, bei denen er immenses politisches, moralisches Rückgrat bewies. Diese Leistungen werden übrigens im Stillen parteiübergreifend anerkannt.

Schröder hat viel gewagt, hat viel geschafft und das Buch ist seiner Leistung gewachsen.

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder, erschienen bei Pantheon/Random House

Seh-/Lese-Tipps:
Jürgen Leinemann: Kanzlerjahr (2006)
– Reinhold Beckmann: Macht. Mensch. Schröder. (2015)
Duelle Gerhard Schröder gegen Oskar Lafontaine
Artikel SZ: Die Zeit nach der Macht in Schröder Büro

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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Rezension: Helmut Schmidt – die späten Jahre

Schmidt hasste kurze Texte, wehrte sich immer gegen kurze Antworten; also: nehmen Sie sich einen Kaffee, rauchen Sie ggf. eine und machen Sie es sich bequem.

Der Staatsmann soll ihnen nicht vertraut vorkommen…,

meinte Schmidt 1986 in der NDR Talkshow mit seinem unverwechselbaren Haifischlächeln.

Es ist kalt an diesem Berlinmorgen im November. Ich blicke durch große Fenster auf den Bahnhof Zoo. Dort, wo Jahrzehnte zuvor das Schicksal von Christiane F. sich abspielte, blicke ich auf dieselbe Bausubstanz. Aus dem achten Stock meines Hotelzimmers wirkt es wie eine Modelleisenbahn mit Sozialcharakter. An diesem Morgen ist mir aber nach allem, bloß nicht nach Genießen. Und so frage ich mich, ob ich der blasse Mensch im Spiegel bin, oder doch das Fernsehbild im Spiegel. Das Waldorf Astoria bereitet alle Annehmlichkeiten, die sich ein Gast vorstellen darf. In innerer Form einer Schiffsspitze gebaut und mit einem durchdringenden Corporate Duft, erkenne ich es beim Betreten mit geschlossenem Auge. Doch selbst das vor Opulenz schreiende Frühstücksbuffet reizt mich nicht; ein Freund schleppte mich am Vorabend zu „seinem“ Libanesen auf die Kantstraße neben unserer Berliner Dependance. Sehenden Auge ins Unglück, hätte das Buch hierzu heißen können, denn natürlich vertrug ich das knoblauchgetränkte Mahl kein bisschen. Und so zerre ich mich zu meinem Vortrag, um dann auch noch auf dem Wege zum Tagungsraum die SMS (eine echte SMS…) von einem Freund zu bekommen „Schmidt kritisch – Lage prüfen“. Nach kurzem Crosscheck weiß ich: es geht nun wirklich zu Ende. Zuletzt war der arterielle Verschluss am rechten Bein, da war ich unruhig, nun habe ich voreilende innere Gewissheit. Der Mann, den ich für seine freche Führungsstärke (1962) und seine weltläufige, wenngleich arrogante Art mag und sein Wirken seit 2007 verfolge, wird nun sterben.

Helmut Schmidt wurde zur Institution. Zum Ende seines langen Lebens haben viele Menschen zur Idealisierung geneigt, ja geradeheraus Gesundheit aus Mentholzigaretten heraufbeschworen. Die Zuneigung sei lästig, sagte Schmidt in der großen Dokumentation von Maischberger aus 2007. Josef Joffe, am Rande einer Veranstaltung und wahrlich nicht so beliebt, war ganz entgeistert über dieses kantenstarke Statement, denn er fragt ungläubig: „Zuneigung lästig?“, Schmidt antwortet auf seinen Stock gestützt mit Blick zum Boden „Jo“. Er will die Abfahrt nach der Veranstaltung verzögern, um den „Wegelagerern“ zu entgehen. Diese dennoch auf ihn wartenden Wildwuchs-Autogrammjäger, die alle etwas pflegebedürftig aussehen, wäre ich auch gern entgangen. Zuneigung kann sicher erdrückend sein, denn sie bezieht sich auf die Projektion, die Menschen sich erschaffen; dass bedeutet, sie bewundern das Beamerbild statt den Beamer. Bei Schmidt drehte sich das ob fehlender anderer Vorbilder zu einer babylonischen Schraube, auf der er einerseits genussvoll ritt und die ihm, so bin ich sicher, dieses biblische Alter bescherte und andererseits zu zunehmender Belastung durch eigene Handlungseinschränkung wurde.

„Meinen Sie das wirklich ernst?“, fragt mich Herr Sprinz am Telefon. „Ja, wir müssen vorbereitet sein“, raune ich entgegen, als ich nach meinem Vortrag meinen ersten Kaffee seit eingetretener Magenverstimmung mir in den Hals vorsichtig schütte. Mein Haus- und Hofgraphiker ist einiges von mir gewohnt, hat über die vielen Jahre der Zusammenarbeit erlebt, das meine oft vorher krude Meinung bei Umsetzung wider jeder Stilfrage funktionierte. „So ein Dings mit Name und Lebensdaten“, umschreibe ich das, was jeder kennt, dennoch nie einer benennt. Widerwillig schickt Sprinz mir die Entwürfe ins Hotel. Wir einigen uns auf schwarzen Grund und weiße Schrift; und packen es „auf Halde“, jederzeit einsatzbereit für Facebook (damals noch) und Blog (immer noch) und generell.

Wie nähert man sich einem gewichtigen Mann aus der Politik, den man aber zu Regierungszeit rein geburtstechnisch nie erleben konnte? Wie erwacht also das Interesse? Hierzu muss ich vorausschicken, Schmidt nicht als Politiker oder Weltendeuter zu verehren. Ich mag ihn als Macher, als Einleiter von Veränderungen, als Kontinuum bei meiner geliebten ZEIT. Politiker werden m.E. in Ihrer Einzelbetrachtung überschätzt und zu Einschätzungseintrittswahrscheinlichkeit sollten Sie Dobelli lesen, um über alle „ich schätze, meine denke“-Sätze in Büchern drüberwegzulesen und dabei sogar etwas Gutes zu tun.
Schmidt als Mensch zu erfassen, war und ist für mich der spannende Teil. Der Mann der sich vor einer Betonwand hinter seinen Emotionen präsentierte und so eine Hybris aufbaute, die nicht stimmen konnte; ähnlich Karl Lagerfeld. Die Situationen also, wenn persönliche Meinungen durchblitzten, wurden die Interviews spannend. Wie sieht ein der gegenwärtigen Generationen entwachsener Mensch die heutige Welt? Schmidt war immer an den Jüngeren interessiert, insbesondere deren Ansichten, die er oft dennoch nicht teilte.

Kurz nach 15 Uhr habe ich dann Gewissheit: Helmut Schmidt ist tot. Die Lebenstafel geht online. Ich beobachte die Medien, sie überschlagen sich und sind doch stumm. Was will man – auf die Schnelle – sagen, außer der Tatsache? Der Tag ist in seinem Verlauf besiegelt, der Berliner Himmel grau und nasskalt. Ich steige auf Feierabendcognac um und lasse die schwere Tür meines Zimmers hinter mir zufallen.

Für alle Menschen, die heute unter vierzig sind, ist Schmidt nur in seiner Rolle als Herausgeber und Elder-Statesman „lebendig“ aktiv gewesen. Sandra Maischbergers Portrait Helmut Schmidt außer Dienst von 2007 ist ein herrliches Stück eingefangener Zeitgeschichte. Sie bildet Schmidt, damals noch mit Stock vergleichsweise sehr mobil, bei seinen Reisen durch die Welt ab. Knapp zehn Jahre hatte Maischberger ihn begleitet und ein grandioses stilles, den Protagonisten ebenbürtig wirkendes Werk, geschaffen. Doch warum hat sich niemand an die Verschiftlichung seiner Zeit nach dem Ende seiner Kanzlerschaft 1982 gemacht? Hausbiograph Soells Oeuvre endet 1982.

Die Lösung ist, es war vertraglich geregelt! Der Autor und ehemalige Siedler-Lektor Thomas Karlauf legt nun bei Siedler (Imprint von Random House) die Biographie von Helmut Schmidt von 1982-2015 vor. Das Buch sollte zum Tode oder zu seinem hundertsten Geburtstag erscheinen. In der Mitte beider Zeitspots ist es nun geschehen, verabredet 2014 noch hochselbst mit Schmidt. Auf 479 Seiten zeichnet Karlauf die Zeit des Vollblutkanzlers und Machtmenschen nach nach der Macht. Bücher können schwierig sein, wenn die Autoren die Distanz verlieren oder der Genauigkeit Überschätzung schenken. Die von Gregor Schöllgen vorgelegte Biographie von Gerhard Schröder (DVA) platzt vor Genauigkeit. So genau, dass das Buch nicht mehr flüssig gelesen werden kann; es ist zu anstrengend. Das wusste auch Schoellgen, da er auf der PK zur Vorstellung sagte, er habe Schröder gewarnt: Er würde nach der Arbeit dessen Leben besser kennen als dieser selbst. Schröder quittiert dieses nur mit einem kurzen Schmunzeln: Tiefes Aktenstudium war seine Sache nie gewesen. Knapp sechs Jahre zuvor legte Theo Sommer sein Werk „Unser Schmidt“ vor. Auch dieses ein Buch in Form eines Briefbeschwerers und vor Detailgenauigkeit platzend. Nicht lesbar. Meine Kritik damals hat Sommer per Email nicht ganz begeistert beantwortet. Denn ich wollte nicht die nächste epische Analyse von Terminkalendern, Treffen-Auflistungen und Einschätzungen haben.

Ich wollte an den Menschen kommen.

Umso gespannter war ich nun auf das Buch von Karlauf. Und, er hat es geschafft! Neben auch hier publizierten Genauigkeiten als Legitimation zur Sachbuchberechtigung, zeichnet der Autor direkt und indirekt ein Bild eines Mannes, der wie Schröder dreißig Jahre später, an dem Machtverlust wie ein ausgesetztes Kind litt. Schröder sagte hierzu in seiner ersten post-Kanzler-Dokumentation 2006 (Leinemann et. al): „Ich eigne mich mit (er verschluckt sein Alter)…in meinem Alter noch nicht…“, um dann zu begründen, weshalb er das Mandat bei Nordstream und seine Tätigkeit bei Ringier aufgenommen hatte.

Karlauf schildert minutiös und dennoch lesbar, wie Schmidt nach dem Ausscheiden aus Bonn seinen Alltag meisterte, zu Bucerius´ ZEIT kam (mit dessen Ex-Frau er der ZEIT viel Geld sparte) und den Sprung von Politiker zum Autor und Vortragsredner schaffte. Nicht ganz so glatt, wie ich es gedacht hätte. Die ersten Manuskripte wurden von Verleger Siedler himself nicht sehr diplomatisch mit vielen kritischen Anmerkungen versehen.

(…), dass die kühle und sozusagen lapidare Art des Vortrags dem Manuskript jenen Selbstbespiegelungscharakter nimmt, der so viele Memoiren-Bücher zu einer peinlichen Lektüre macht.“

Ein Schlag in Schmidts Ego. So misslingt das erste Buch Mächte und Menschen aus organisatorischen im Ausland – asychrone Erscheinungsweise; nur 5000 Exemplare werden in den USA abgesetzt, die Verlage dort haben (erstmal) kein Interesse mehr an weiteren Veröffentlichungen. In Deutschland brilliert die Ausgabe, Schmidt ist wohl sehr an den Absatzzahlen interessiert. Nebenbei erfährt man, dass die bei Siedler ebenfalls verlegten Speer-Memoiren eine Rekordauflage von 700.000 Stück erreichte – ein ekliges Statement für Nachkriegsdeutschland, Fritz Bauers Biographien verdienten diese Auflagenzahlen…

In diesen Beschreibungen blitzt der Mensch durch, denn Schmidt hat sehr wohl an seinem Bedeutungsverlust und seiner noch fehlenden Positionierung gelitten. So schrieb er von seinen privat veranstalteten Reisen teils Reiseberichte mit neun Anhängen. Ob sein Verteilerkreis die lesen wollte und las, sei (und wird es auch) sehr infrage zu stellen. Auch dass seine Freitagsgesellschaft niemand weiterführen wollte, kann erahnen lassen, dass die Kraft und den Gestaltungswillen der Schmidt auch ohne Amt und Auftrag umtrieb, nicht übersprang auf seine Umwelt.

Das umfangreiche Buch gibt in viele Teilen einen Einblick in das Leben und Wirken Schmidts. Teilweise gerät es in einen historisch berichtenden Duktus, der langweilen kann. Dem Verlauf eines Lebens nach einer Kanzlerschaft ebnet dieses Buch aber den Weg. Es zeigt, dass auch nach dem zweithöchsten Amt der Bundesrepublik ein erfülltes Leben stehen kann. Die Sprungkante in die Bedeutungslosigkeit wird aber auch damit klarer sichtbar, nicht alles war reibungslos und verklärt optimistisch, wie es sich retrospektiv darstellt. Karlauf berichtet wichtige Eckdaten Schmidts Biographie, insbesondere bei der ZEIT und den letzten Jahren seines Lebens. Er gibt damit Einsichten, die nicht ergooglebar sind.

Wer Schmidt mag und sich mit ihm beschäftigt, sollte weniger die Bücher von ihm oder die Bücher bis 1982 über ihn lesen, er sollte dringlich dieses Buch lesen.

Finden Sie weitere Informationen über Helmut Schmidt – die späten Jahre beim Verlag Random House (Siedler ist Imprint-Verlag des Random Hous Verlagsgruppe) und kaufen Sie es sich gerne. Es lohnt sich.

Das Buch wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar von Random House zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.


Zum Abschluss zwei Video-Empfehlungen:
Harald Schmidt redet bei der Matinee zu Schmidts 90. Geburtstag
Giovanni di Lorenzo über den Zeitpunkt des Todes und die Erlebnisse danach in der Redaktion am Speersort
Sandra Maischberger: Helmut Schmidt außer Dienst, 2007

Lese-Empfehlungen:
Die ZEIT-Ausgabe zum Tode Helmut Schmidts; kostenpflichtig bestellbar über archiv@zeit.de
Briefwechsel Helmut Schmidts mit Willy Brandt, herausgegeben vom enorm fleißigen Meik Woyke
„Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ und „Verstehen Sie das, Herr Schmidt“-Gesprächsbücher
Hintergrund: Giovanni di Lorenzo sprach mit Helmut Schmidt in bewusst kurz gefassten Interviews (diese kurzen Interviews waren eine Serie des ZEIT-Magazins)

 

Biolek öffnet Kohl

Helmut Kohl wurde von bornierten Journalisten verlacht und meisterte dennoch vier Legislaturperioden. Auch wenn ihm die Einheit die zweite Hälfte der Kanzlerschaft nach allgemeiner Auffassung erst möglich machte, ist ihm seine Beständigkeit anzurechnen. Kohl wusste immer genau wie er medial wirken wollte. Bewiesen wird diese Fähigkeit, wenn man es eben nicht merkt. Durch seinen Sohn weiß man inzwischen belegt, dass alles nicht so eitel Sonnenschein war; oder an Hannelore Kohl in 1998 im Interview mit Joachim Lamby zumindest erahnen kann. Die „Innereien“ von Heribert Schwan mal ganz außer Acht gelassen. 

Wie Kohl scharf sein Wirken überwachte, sieht man an einem Video kurz vor einer Pressekonferenz. Ganz klar macht Kohl in fast ungehaltener Weise, auf welchem Stuhle er und auch Genscher sitzen müssten, um im Fernsehen richtig zu wirken („der entsetzliche Stuhl“, „was das für Bilder gibt“). 

Am Stuhl erkennt man bei Alfred Biolek, Kohl hat auch hier klare Anforderungen an sein Sitzmöbel gehabt. Er selber wirkt passend, Biolek etwas verloren; ganz ohne Räusperknopf. 

Man warf dem eigentlichen promovierten Rechtsanwalt Biolek oft vor, im seichten Wasser zu paddeln. Er selber hielt immer entgegen, Gespräche zu führen, keine Interviews. Er schafft es, den so kontrollierten Kohl auf ein für keine Seite peinliches Gespräch über eine Stunde zu führen – eine Hochleistung, einen absoluten Medienprofi Seiten zu entlocken, die man nicht kannte.

Sehen Sie hier (erst ab Minute 8:38!) das Gespräch von 1996 in der Sendung „Boulevard Bio“ im Ersten. Produziert für die ARD von Bioleks und Andreas Lichters legendären pro GmbH. 

Screenshot: Youtube/WDR

Wiederempfehlung: Das Leben nach der Kanzlerschaft

Schon letztes Jahr publiziert, möchte ich Ihnen die Beschreibungen von Hajo Schumacher in der SZ ans Herz legen. 

2006, Schröder ist seit einem Jahr nicht mehr im Amt, zeichnet Schumacher die ernüchternde Situation des Lebens plötzlich ohne Macht Unter den Linden. Ein Tag kann weniger als 16 Stunden haben, und die Nachfolgerin regiert auch ohne Rat des Bundeskanzlers a.D.

Schumacher schreibt tendenziös. Schnoddrig, an der Grenze zur Distanzlosigkeit und trifft doch den Ton der Stimmung auf den Fluren der Ehemaligen. Auch sie knapp an der Kante des Vergessens. Und die Wandel der Allüre ohne Amt und damit auch knapp an der Würdendemission. Fischer soll erst nach dem Amt wieder „bitte“ und „danke“ benützt haben.

Bei manchen Anekdoten hofft man doch insgeheim, der langhaarige Reporter der SZ würde nur Geschichten machen wie sein optisches alter altes ego: Franz Josef Wagner.

Lesen Sie gerne hier.

Screenshot: SZ

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