Schmidts späte Jahre

Die Biografie Helmut Schmidts über seine späten Jahre kam von seinem früheren Lektor Thomas Karlauf, welche vor einem Jahr bei Siedler (Random House) auf den Markt kam und sich angenehm lesen lässt.

Anlässlich der einjährigen VÖ hier nun zwei Videos noch, die während der Vorstellung erschienen und Hintergrunddetails offenbaren.

Video ZEIT: Thomas Karlauf auf der Frankfurter Buchmesse

 

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Rezension: Steinmeier – Die Biographie [riva]

Der vorwärts behauptete aktuell, es gäbe nur diese eine Biographie über den neuen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Gemeint war dabei die Ausgabe von Herder der beiden Journalisten Lütgen und Geiges. Herder wirbt auch damit, die aktuellste Biographie vorzulegen (räusper). Ja, da steht es irgendwie nicht so ganz aktuell um das Wissen.
Cord Balthasar legte bei riva (Imprint Münchner Verlagsgruppe) auch eine Biographie vor. Gesehen habe ich beide am Hamburger Bahnhof im Schaufenster, die Herder-Ausgabe deutlich öfter ausgestellt. Leider kann mich aber auch diese Biographie nicht abholen. Ich habe dabei immer einen Fremdschämmodus. Es wirkt so banal, so unwichtig, so vage konstatierend. Es wird z.B. positive Eigenschaft hervorgehoben, FWS habe sich in seiner Jugendzeit nie in den Mittelpunkt gedrängt oder gar gäbe es irgendwelche Ausfälle in der Teenie-Zeit. Na, bravo. Kein Alpha-Tier und fehlende Ablösung von den Eltern in der Jugend – ein wahrer Traum, so ist also „gut“. Diese Arbeitsweise, aus alten Weggefährten irgendwas spannendes oder tendenziös kompromitierendes rauszuklopfen nervt. Selbst wenn, welche Aussagekraft hat das? Steinemelkender Journalismus. Im Übergang der Beschreibung des Berufspolitikers finde ich die Texte gut, aber vielleicht liegt es am Genre: Man will pünktlich zur Wahl etwas publizieren und etwas beschreiben, dessen es gar keiner so ausfallenden Beschreibung bedarf. Die Biographie von Schröder (Schöllgen) ist so ein Mammutwerk mit wissenschaftlichem Anspruch; liest aber auch kein Mensch komplett, eher ein Lexikon.

Final kann man sagen, ich werde zu Politikerbiographien keinen Draht bekommen, das ist mir über Strecken zu seicht, dann zu beschreibend und in der Quintessenz fraglich, ob es wirklich etwas über den Portraitierten sagt. Die Covergestaltung finde ich diskutabel: Das Bild in schwarz-weiß ist ok, aber den Namen ohne Vornamen auch noch in zwei Zeilen zu teilen…schwierig.

Jetzt ist es aber eh wurscht, der Peak des Verkaufs ist dahin, der POS hinüber: FWS ist BPr. Jetzt kann es als Jubiläumsgeschenk auf Parteitagen an wehrlose Jubilare vergeben werden. Man muss sich nur entscheiden: Herder oder riva?

Steinmeier – Die Biographie erschienen bei riva

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Biographie [Herder] Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier wird Bundespräsident. Aller Voraussicht nach, sofern die Bundesversammlung ihn wählen wird. Christian Wulff weiß leidgeplagt, dass es mehrere Anläufe haben kann, bis zu den hohen Weihen, dem repräsentativen
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Das vorliegende Werk der Autoren Torben Lütjen und Lars Geiges ist handwerklich gut gemacht, eingängig lesbar und gibt einen guten Einblick in den Werdegang des promovierten Juristen, der in Göttingen studierte, mit Brigitte Zypries in einer WG wohnte („natürlich wusch er ab“, sagte diese 2009 über den Mitbewohner FWS) und der bei Schröder schnell zu „Mach-mal-Frank“ aufstieg: Graue Eminenz nannten sie ihn, er gilt als heimlicher Architekt der Agenda 2010.

2009 scheiterte „der Frank“ bei der Wahl zum Bundeskanzler und besser war es, so brillierte er als Außenminister mit ruhiger Hand (aktuelles Buch „Flugschreiber“) in zweiter Legislaturperiode. Manchmal ist es besser, etwas klappt nicht. Nicht wirklich geklappt hat es, mir das Buch in der scheinbaren Aktualität zu preisen, denn im Nachwort (welches ich zu Beginn immer lese), steht, dass die Kapital 2 bis 7 auf der bereits 2009 (zur Frage, ob Steinmeier Kanzler kann (doofe Fragestellung so oder so)) erschienen Biographie „weitgehend“ basierten. Leider besteht das Buch nur aus 9 Kapiteln, was den faden Beigeschmack hat, mit ein paar schnell geflickten Kapiteln, ein altes Mopped mal schnell frischgemacht zu haben.
Den Zusatz „aktualisierte, erweiterte…“ hätte ich hier als besser und dem Verkauf nicht abträglich empfunden.

Torben Lütjes und Lars Geiges: Frank-Walter Steinmeier Die Biographie erschienen bei Herder

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur

Gerhard Steidl, Verleger- und Druckpapst aus Göttingen, fertigt seine Bücher so, dass sie an die 500 Jahren halten sollen. Und findet bereits 2010, im Geburtsjahr des iPads, dass vieles nicht mehr gedruckt werden sollte. Gebrauchsliteratur wäre hier das Wort sicherlich. Bei Büchern über Politikern frage ich mich schon seit der Schulzeit, ob diese einen Haltbarkeitsstatus haben? Andererseits betört das Phänomen, dass ein Buch bis zu einer Wahl spannend ist, und danach als Türkeil dienen kann. Wer kann sich an Bücher von Roland Koch noch erinnern, wie dieses, dass 2005 auf dem Schreibtisch von Stefan Aust lag? Politisch bin ich eher in langen Bögen interessiert, das Waschweibergetratsche im Regierungsviertel ob eigenen Erlebens zu effektheischend und stolz vor überbordender Wichtigkeit der Eigenwahrnehmung. Die Einsteigerstory mit dem Autogramm von Putin für die Zahnarzthelferin Oksana: Provinzposse, die allen ihren Voyeurismus stillt, doch nicht mehr als lockender Honig ist. Die „coolen“ Jungs in der Szene sehen dadurch den Tölpel bewiesen. Aber ganz im Gegenteil: Es macht ihn herzlich sympathisch. 

Das Journalistenduo Hickmann (SZ) und Storz (WELT) haben sich mit über 100 Gesprächspartnern getroffen und auch zweimal mit ihrem ausgelobten Patron: Sigmar Gabriel. Auf 306 Seiten beleuchten sie Gabriels Werdegang aus niedersächsischer Provinz in die Bundeshauptstadt und ins Willy-Brandt-Haus, gespickt mit Lebensbildern, die eines erkennen lassen: in der Optik ist Gabriel ein Kontinuum. 

Das Buch kommt kurz bevor die K-Frage ansteht. Richtig um es gut zu verkaufen, doch was sagt dieses biographische Psychogramm aus, ob jemand „Kanzler kann“? Das Buch liest sich an einigen Stellen gut, gibt Gabriel eine menschliche Note, die ihm dann doch wieder negativ ausgelegt wird. Gabriel ist ein Mensch, authentisch, teils schnoddrig, mit einem Nazi-Vater und einem angefutterten Panzer an Körperfett. Die ZEIT hat hier ein wunderbares Dossier (Vater, s.u.) und vor gar nichr allzu langer Zeit im Magazin eine Story geliefert: Seine Tochter vermisst ihn und fasst an den Fernseher, wenn sie ihn sieht. Alles das wissen wir von Angela Merkel nicht. Und wahrscheinlich ist genau dieses Unwissen, welches sie so erfolgreich sein lässt: Sie bietet keine grobe Fläche. 

Ich schrieb genau hierzu Gabriel einen aufmunternden Brief, denn Offenheit zieht immer Verletzlichkeit nach sich; er antwortete sehr nett und ausführlich und persönlich.

Wer sich dem Menschen und Profi Gabriel näher möchte/will/muss, sei dieses Buch empfohlen. Wer die K-Frage wirklich als Aufhänger nimmt: Es ist sehr zu bezweifeln, gar abwegig, dass Gabriel Kanzler können muss, und wenn doch, braucht er keine Legitimation von Journalisten. Aber es bleibt eine Biographieansatz über einen Politiker, der defintiv eines ist: ein Mensch. 

Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur, erschienen bei dtv.

Lesetipp: ZEIT-Dossier von Bernd Ulrich über Sigmar Gabriels Vater, der ein „unbelehrbarer Nazi“ war.

Ich danke dtv für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.


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