Danke, Kai Diekmann

und seinem Büroleiter (und designiertem Ressortleiter Politik/Wirtschaft) Christian Stenzel.

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Rezension: Letzte Gespräche mit Papst em. Benedikt XVI.

Ich saß an einem kühlen, nasskalten Aprilnachmittag am zugigen Seiteneingang des Capitol in Hannover. In meinem Ursprungsberuf im Rettungsdienst tätig, war ich an diesem Tag für ein Konzert eingeteilt. Die oft lange Zeit vor der eigentlichen Veranstaltung, vertrödelten wir mit stupidem Warten. Ich hätte diese Szene, wie ich auf der Trage saß und gelangweilt mit den Beinen schaukelte, längst vergessen, weil nur eine von hunderten Szenen solcher Art, doch an diesem Tag gab es im Radio auf der Anfahrt selbst für Atheisten erstaunliche Nachrichten:
Ein Deutscher ist Papst.

Ein Joseph Ratzinger aus Bayern. Nie gehört, aber dennoch spannend, da die Begeisterung hierzu selbst zu Stefan Raab durchschwappte; dessen Sendung damals noch zum abendlichen Pflichtprogramm eines Zwanzigjährigen gehört. Es sei vielleicht der Form halber zu erwähnen, dass wir damals wirklich per Radio im Rettungswagen von der Nachricht erfuhren. 2005, vom Gefühl her gestern, war noch lange nicht die Zeit, in der man die Informationen via Facebook, twitter etc. bekam. Es gab es schlichtweg noch nicht. Vom mobilen Internet auf dem Handy träumte ich zumindest damals auch noch nicht.
Kai Diekmann setzte sich mit der BILD-Schlagzeile „Wir sind Papst“ ein Denkmal der Aufmacher, die Axel Springer AG hing ein haushohes Plakat mit eben diesem Titel an sein Hochhaus in der Axel-Springer-Straße. Noch heute hängen links vor Diekmanns Bürotür die Druckplatten der damaligen Ausgabe. Die flimmernde Erregung über die Tatsache nach hunderten von Jahren einen Landsmann an der spitze der katholischen Weltkirche zu wissen, schien selbst eingefleischte Atheisten und Nicht-Partrioten zumindest ein Schmunzeln in das Gesicht zu zaubern.

Joseph Ratzinger. Deutscher, Bayer, ehemaliger Kardinal. Und: ehemaliger Papst. Eine Situation die vor dem 11. Februar 2013 keiner ahnte. Seit mehr als 700 Jahren ist kein Papst mehr zurückgetreten. Ratzinger tat es, er wollte das Siechtum wie es Johannes Paul II. ereilte, auf keinen Fall erleben. Wider augenscheinlicher Unmöglichkeit, hat sich über drei Jahre später eine angenehme Ruhe über die Tatsache verbreitet, dass es „zwei“ lebende Päpste gibt. Doch wie geht es dem Papst emeritus, der im Kloster Mater Ecclesiae unweit des ehemaligen Dienstsitzes mit seinem Privatsekretär Gänswein und vier Angehörigen der Memores lebt? Wie denkt, redet jemand, der die katholische Weltkirche anführte, wenn er eben nicht mehr im „Dienst“ ist. Und da diesen Zustand seit über 700 Jahren kein Mensch mehr erlebt hat, ist es die Möglichkeit, nachzufragen.

Der Journalist Peter Seewald hat nun bei Droemer Knaur seinen dritten Gesprächsband mit Papst em. Benedikt vorgelegt. Das 280 Seiten starke, im Hardcover gebundene Buch, gibt Einblick in die Denkstruktur des Kirchenmannes Ratzinger. Mit entschiedener und doch leiser Offenheit, parliert er aufgelockert, direkt und präzise über sein Pontifikat, seine Jugend und den Weg zum höchsten Amt der katholischen Kirche.

Das Buch ist handwerklich von guter Qualität, der weiße Einband mit der goldenen Schrift wirkt einer Soutane ähnlich und gibt Wertigkeit. Das Druckbild ist gut lesbar, die Schrift in angenehmer Größe, der Text auf den Seiten kann atmen; Serifen passen zum Kontext. Verwirren tut mich hin und wieder, dass die Antworten nicht kursiv gesetzt sind, sondern die Fragen. Das ist aber sicher nur eine für mich spezielle Wahrnehmung.

Das Buch plaudert keine tief schürfenden Geheimnisse, keine Abrechnungen oder Gemeinheiten aus. Ähnlich wie sein Privatsekretär, ist er leise in seinen Worten und weiß zum Glück genau, was er sagt. Dennoch wirkt der Gesprächsverlauf nicht „durchautorisiert“ wie generell so viele Interview in der Zeitung, bei dem förmlich die Handschrift des Pressereferats zu lesen ist.

Benedikt schildert freimütig, dass Papst Franziskus nach seiner Wahl ihn telefonisch erreichen wollte, doch niemanden erreichte: Der in diesem Moment emeritierte Papst, nebst Mitarbeiterstab, waren zu sehr in das Fernsehprogramm über das Ergebnis des Konklave versunken – keiner hörte das Telefon. Da muss man schon schmunzeln in herzlicher Zugewandtheit solch irdischer Probleme.

Wie der Titel schon sagt, ist für Benedikt selber die Auskunftsgelegenheit in den letzten Zügen. Er wirkt aufgeräumt, in sich ruhend und vorbereitet auf das was kommen wird. So bestätigt es auch Gänswein immer wieder in Interviews. Nicht mehr gut zu Fuß und doch geistig mobil, ist Benedikt in seinem Glauben vereint.

Lesen oder nicht? Ich kann das Buch zur geneigten Lektüre empfehlen. Seewald ist eher ruhiger, zugewandter Frager als motivierter Interviewer. Aber gepaart mit den unaufgeregten, authentischen Antworten Benedikts, macht es es zu einer angenehmen Lektüre.

Weitere Informationen finden Sie bei Droemer Knaur.

Ich danke dem Verlag für die kostenlose Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich erhalte kein Honorar. Das Cover wurde mir vom Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Seh-Tipp: Gossen-Goethe?

Franz Josef Wagner sieht aus wie eine gelebte BILD-Zeitung. 
Gegerbt von jahrzehntelangem Genuss von Espressi und Gitanes. In Charlottenburg-Wilmersdorf lebend, bringt Wagner seit 2001 als „Chefkolumnist“ jeden Werktag seine Gedanken in die BILD. Auf die oft fälschlicherweise unterschätzte Seite 2. Er hat die Macht der Reichweite, das Werkzeug der schneidenden Thesen. Mitarbeiter der taz schüttelt es bei Wagners Texten. Die wenigen Zeilen entzürnen, verbinden oder lassen sprachlos zurück. Für Wagner, der Axel Springer noch persönlich kannte, wurde sein Posten nach kurzen, wohl chaotischen Intermezzi als Chefredakteur anderer AS-Blätter eigens geschaffen. Er steht im Rang und Verdienst eines Chefredakteurs. Diekmann hält ihm die Treue; sein Vertrag wird jedes Jahr auf Diekmanns twitter-Account bildreich verlängert. Leben könnte in die Bild’sche Kolumnenlandschaft 2017 kommen, wenn Herr Bosbach sein neues „Amt“ bei BILD nach Ausscheiden als MdB beginnt. 

Wagner, inzwischen über 70, wird 2006 von einem Reporter des NDR begleitet. Über die Art des Reporters kann man kritisch sein, dennoch wird der kamerascheue Wagner in seiner gänzlichen Scheu gezeigt. Hinter den markigen, auch mal verletztenden Zeilen, steht ein Mensch, der spät aufsteht, einsam lebt, und nur in der Paris Bar auf der Kantstraße in Kontakt zu Bekannten tritt. Es zeigt einen Mann, den durchaus quält, was er „verzapft“. Der sich ärgert und leidet und damit authentisch wirkt. Sein Büro ist gar nicht sein Ort, die Szene spricht Bände. Parties meidet er, in Talkshows fand er nicht statt (war inzwischen doch bei Lanz); mit dem Kamerateam tut er den tapsenden Partywalk. Und Otto Schily verweist auf „so“ einen Stapel Zeitung, den er täglich läse, uns so kein Konsument Wagners sei; er, Wagner, hätte aber ja genug Leser. 

Wagner proviziert, er ist hart im Feld der Buchstaben und weich im Miteinander. 

Da ist mehr als Gosse. Ein Mensch.

Franz Josef Wagner. Der Gossen-Goethe der BILD? Sehen Sie hier.

Screenshot: Youtube/NDR

Rezension: Ein bisschen Glauben gibt es nicht

Es ist 1996,
meine Freundin ist weg und bräunt sich
in der Südsee. Allein?

Fettes Brot leiten so ihren Hit „Jein“ ein. Daniel Böckings Freundin respektive Frau ist zwar nicht weg und dennoch stellt sich für ihn retrospektiv die Frage, ob es dazu nicht oft genug Anlass gegeben habe; auch schon vor ihrer Beziehung. Böcking berichtet von maßlosen Saufereien, Abstürzen und ordentlichen Schlägen gegen ihn im Abiturjahr 1996 und lange danach. Die Frage ist: Wer ist hier allein?

So neonfarben und sporty die Pullovermode in den Mittneunzigern auch gewesen sein mag, so getuned die Haare in Anlehnung der 80er im Wind wehten, so unromantisch-real scheint sein Leben gewesen zu sein. Ohne Richtschnur, ohne Dämpfer, ohne Spur. Alles gelang und war damit die Rechtfertigung für den Weg der Erreichung des Gelungenen.

Neben seiner Frau Sophie und Familie, gelingt es auch im Büro. Er wird bei BILD als Reporter groß und ist Stellvertreter von BILD-Online-Chefredakteur Julian Reichelt.

Mit Mitte dreißig scheint Böcking trotz gesichertem, zu hohem Einkommen – wie er findet – und seiner funktionierenden Familie etwas zu fehlen. Das Moment der Maßlosigkeit durchzieht viele Erzählungen des Buches. Und so findet er zu ihm.
Zum Glauben, zu Gott und vor allem: zu Jesus.

Es ist schwierig.

Bücher über höchstpersönliche (sic!) Findungswege driften gerne ins Kitschige; in den Fremdschämmodus. Und das Thema Glaube hat immer einen hohen Räusperfaktor. Denn Böcking will nicht nur den Glauben leben, er will andere missionieren. Oder versucht es zumindest. Er findet Hilfe zur Findung nicht in den Landeskirchen, sondern in gläubigen Menschen. Ramsy und Co. helfen ihm mit ihren Eingaben.

Der sprachliche Stil eines Buches, so Böcking auch selber im Text, ist schwierig wenn man die markige Sprache der BILD im Blut hat. Daher ist mir die Klangmelodie manchmal etwas zu holprig, zu stakkatohaft. Dennoch wirkt es authentisch, wenngleich man sich manchmal weniger eigenanalytische Abdriftungen und Gedankenkarusselle wünschen würde als ungeduldiger Leser.

Wenn man den Weg gefunden haben mag, ist die Neigung andere, die scheinbar nicht auf dem vollends richtigen Weg zu sein scheinen leicht und umso risikobehafteter. Sind Weihnachtskirchgänger die wirklich nicht so leistungsstarken Christen?
Ich erachte die Unterteilung in Teilzeit- und Vollzeitchristen als schwierig, denn:

Gott widersteht den Hoffertigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 1. Petrus 5, 5

Ich finde das Buch in Ordnung, kann mich aber aufgrund des Themas und der Aufbereitung nicht in Begeisterung werfen. Die Auspizien nahmen sich hierfür aber auch nicht gut aus; dies liegt in der Natur der Sache: Glaube und der innere Umgang damit sind meines Erachtens kompliziert, schwer nach außen darlegbar und der Umgang mit Glaube in unserer Gesellschaft ist einfach untrainiert.

Soll ich´s wirklich machen oder laß ich´s lieber sein? Jein….

Im Gegensatz zu Fettes Brot, gibt es für Böcking kein Jein. Er hat sich entschieden.

Mehr Informationen gibt es hier bei Random House.

Ich danke Random House für die freundliche Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplars. Für die Besprechung erhalte ich kein Honorar.

Ein bisschen Glauben gibt es nicht von Daniel Boecking
Ein bisschen Glauben gibt es nicht von Daniel Boecking

Kai Diekmann: Die aktuelle Lage der digitalen Transformation

…eine der wenigen Videos mit Kai Diekmann als Gesprächspartner. Er berichtet über einen Querschnitt seiner Tätigkeit, beginnend mit dem Ausflug ins Silicon Valley 2012. Maßgeblich ist seitdem Diekmanns Lebensthema: Die digitale Transformation. Wie er das startend aus dem Silicon Valley, nun weiterführt in Deutschland, berichtet er in diesem spannenden Gespräch.
Schauen Sie hier auf Youtube. Veranstaltung: SPONSORs SpoBiS 2015

Kailendar

…über Türchen.

Man kann, man darf, man muss zu BILD und zur Axel Springer SE ein kritisches Verhältnis haben. 

Dennoch mag ich diese Totalablehnung nicht, obwohl ich sie Menschen zugestehe. Ich selbst habe ein ständig ambivalentes Verhältnis zur Roten und Blauen Welt. 

Den AdventsKailendar finde ich trotzdem eine klasse Idee und danke KD für die unaufgefordert persönliche Widmung.

   
   

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