Rezension & Interview #MelanieAmann: #AngstfürDeutschland – über die AfD

Melanie Amann hat einen Beobachtungsbericht über die AfD geschrieben. Die Vereinigung, die weit rechts der Mitte und noch weiter auf Stimmenfang geht und damit abhebt. Sie ist promovierte Juristin, Absolventin der DJS München und Redakteurin des SPIEGEL in dessen Berliner Haupstadtbüro.

Dümpelten NPD und Reps doch immer so im Bereich der Belächelten in der sicheren Verwahrzone der Fünf-Prozent-Hürde, hat es diese im Himmelblau mit gestochenem Rot agierende Partei geschafft, sich zu etablieren. Und das ist kein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft. Der rechte Bodensatz formiert sich aufstrebend, wie in ganz Europa. Die europäische Idee wackelt, die einfachen Phrasen sorgen für Stimmung und Zustimmung, so doch die Herrschaften darstellen, die einfachen Handstreichlösungen parat zu haben.
Der Sozialoge Zygmunt Baumann hat hier ein herrliches Essay bei Suhrkamp (Die Angst vor den anderen) vorgelegt. Die Aussage, eine Formation jedweder Art hätte die Lösung für Probleme, für die es aber eigentlich keine klassischen Lösungen gibt oder manchmal auch gar nicht geben kann (z.B. Population), sorgt bei allen Parteien überhaupt erst für die Wählbarkeit ihrer selbst, denn sonst wären sie nicht vonnöten. Die Probleme heutiger Zeit sind nun eben sehr komplex und die meisten Menschen verstehen diese, auch aufgrund fehlender Allgemeinbildung und selbstreferenziellen Quellen der sozialen Medien, gar nicht mehr; nicht mal im Ansatz.
Folglich entwickeln sie diffuse, abstrakte Generalängste und da kommt nichts besser als die einfach Lösungen daher. Alle raus, Zaun drum, basta. Wenn Schröder wegen seiner Agenda-Politik nicht beliebt war und immer noch nicht ist, aber das Basta entleiht man sich bei ihm dann doch wieder gerne.
Auf den Tisch hauen, das wird man doch mal sagen dürfen!

Ich weile gerade in Wien und es ist die alltägliche Feststellung, dass sämtliche Betriebe zusammenbrechen würden, man würde alle „Fremden“ ausweisen. Und: Der Würstlverkäufer heute an der Tram-Haltestelle war arabischer Herkunft und so authentisch in seiner Rolle, dass ich mich wieder konsterniert fragte, wie manche Leute dieses Fremdgefühl überhaupt entwickeln können?
Aber wer von Selbstreflexion, fremden Kulturen und Offenheit keine Ahnung hat, weil es nie Bestandteil der Erziehung war, hat halt für sich verloren. Und damit auch seine Gesellschaft. In der letzten ZEIT war ein Artikel über die US-amerikanische Gesundheitsfürsorge. Alles Drama, nach Abschaffung von Obama-Care wollen wir gar nicht genau hinschauen, was im heartland alles weiter abwärts geht. Von Gebissen bis Krebsbehandlung. Klare Feststellung ist, dass so weniger Bildung, desto kränker, desto früher tot. Bildung ist eben bei Gesundheit und pluralistischer Lebensweise in einer weiter wachsenden Welt die Grundvoraussetzung für ein friedliches Leben.

Das Problem ist das zündfähige Gemisch von einer großen Menge an „Dienstleistungsproletariat“ (Heinz Bude), meint also vom Kapitalismus ausgezergelten, sich dauerhaft übervorteilt fühlenden und tatsächlich ausgenommenen Mitbürgern und der kleinen Elite, die sich diese als Brennpaste für ihre politische Karriere auf die Wahlrakete schmiert.

Denn „dumm“ sind die oberen Vertreter der AfD nicht; man erinnere sich an das in gutem Englisch geführte Interview im Format Conflict Zone der Deutschen Welle von Tim „Der Griller“ Sebastian mit Frauke Petry. — Macht alle zusammen dennoch nicht zu besseren Menschen, denn, so meint man eigentlich, sollte man gelernt haben, gerade bei uns, dass diese Handstreichlösungen in das Desaster völliger Enthemmung führen können.

Es gilt, die AfD gut zu beschauen, auch wenn man als Lügenpresse denunziert wird. Ich kann dieser Denunziation insofern wenig abgewinnen, da ich erahne wie wenig, wenig Ahnung diese die Aussage treffenden Menschen von der Medienwelt haben. Dennoch gilt es gerade deshalb, nicht elitär darüber hinwegzusehen, denn es könnte der Fallstrick werden. Melanie Amann schafft ein gutes, verständlich lesbares Buch. Mir wird es in der Darstellung manchmal zu kuschlig (siehe Interview), aber das ist nur eine gestalterische Frage. Das fast zeitgleich erschienene Buch von Justus Bender (FAZ), hat mich etwas mehr vom Schreibstil angesprochen. Dennoch gilt: Es ist gut, dass es diese Bücher im Plural gibt und das diese Keimzelle aufmerksam beobachtet wird.
Damit hinterher keiner sagt: Ich hab von nichts gewusst. Hatten wir nämlich schonmal — Sie erinnern sich?

Schriftliches Interview mit Dr. Melanie Amann

Jan C. Behmann: Frau Amann, ca. 2003 war das Thema „Rechts“ in der Politikkonferenz der ZEIT eine hitzige Debatte, Theo Sommer insistierte, es gäbe einen Bodensatz von 12-15%, welches es schon immer gegeben habe und geben werde. Helmut Schmidt war über die Verve mit der die Debatte geführt wurde verwundert und beschwichtigte (rauchend), dass er fände, daraus sollte man keine große Kampagne der ZEIT starten. Irrte der Altkanzler?

Melanie Amann: Im Nachhinein sieht es so aus – aber hinterher ist man natürlich auch immer schlauer. Der Aufstieg der AfD gibt jedenfalls Theo Sommer Recht, und auch Soziologen wie Wilhelm Heitmeyer, der mit seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ das AfD Milieu von heute schon Jahre im Voraus identifiziert hat.

JCB: Heinz Bude schreibt vom Dienstleistungsproletariat, Zygmunt Bauman trat für mehr Herzlichkeit bei der Aufnahme von Flüchtlingen ein: Warum fühlen sich Bürger in Europa inzwischen so unverstanden und benachteiligt und somit in scheinbarer in Konkurrenz zu Menschen, die auf offenem Meer in Plastikbooten ersaufen?

MA: Manche Bürger haben guten Grund, so zu denken und zu fühlen, weil sie selbst in wirtschaftlich prekären Verhältnissen leben. Für diese Menschen sind wirtschaftlich schwache Zuwanderergruppen eine reale Konkurrenz. Andere Bürger haben Angst, dass sie selbst oder ihre Kinder einen vorhandenen Wohlstand verlieren könnten. Hier bin ich weniger verständnisvoll: In gebildeten, betuchten Kreisen sollte man diese Abstiegsangst vielleicht doch bewältigen können.

JCB: Gibt es eine Beziehung der AfD zu Russland und eine etwaige Förderung aus dieser Region – materiell wie ideell?

MA: Mir liegen keine rechtssicheren Belege dafür vor.

JCB: Ihre Schilderung Ihrer Reise zu „Sven“ (gemeint: Sven Petry) erfüllt zwar die Augsteinsche Regel vom „roten Hut“, wirkt dennoch etwas sehr kuschelig. Verliert man bei soviel Recherchenähe die Distanz – einstweilen bei einem angebotenen „guten Rotwein“? 

MA: Interessant, dass dieses Kapitel so auf Sie wirkt. Sie werden gemerkt haben, dass es auch ein Kapitel „Frauke“ und eines über „Marcus“ gibt – es handelt sich also bei diesen Überschriften um ein Stilmitte, das keine persönliche Nähe ausdrücken soll. Und Herr Petry hat damals zum Gespräch nur Mineralwasser serviert.

JCB: Ist die Rede von Herrn Höcke ein neuer Tiefpunkt in der Entwicklung dieser Partei?

MA: Ja, aber weniger wegen der Inhalte der Rede, als wegen der Art, wie die Partei auf den Auftritt reagierte. Höckes Aussagen waren nicht neu, er hat vergleichbare Reden schon in den Jahren zuvor gehalten. Neu waren nur einzelne, besonders drastische Formulierungen, und die geballte Kombination seiner Ideologie in einer Rede. Ein Tiefpunkt war der Umgang der AfD mit dieser Rede, weil die Partei gezeigt hat, dass sie noch nicht einmal auf einen so eindeutigen Fall von rechtsextremem Gedankengut bei einem Spitzenfunktionär eine klare, einhellige Antwort geben konnte.

JCB: Sie schreiben auf Seite 273, die Partei sei Resonanzraum für Gefühle und Projektionsfläche. Klingt eher nach Phrase als nach Analyse, denn: Welche Partei ist das nicht?

MA: Das stimmt, aber die anderen Parteien sind eben doch noch mehr. Ihre Aussagen erschöpfen sich nicht in einer aggressiven Fundamentalkritik am politischen System, dem politischen Gegner oder politischen Missständen, sondern liefern Antworten, wie insbesondere diese Missstände zu beseitigen sind. Antworten hat die AfD hierauf nur vordergründig. Schaut man genau hin, ist ein Großteil ihrer Konzepte widersprüchlich und juristisch nicht durchführbar.

JCB: Es ging den Anhängern um Aufmerksamkeit, um Zuwendung. Sind sowohl Politiker als auch Journalisten im „Raumschiff Berlin“ zu weit weg? 

MA: Nun, es gibt ja auch Journalisten und Politiker „in der Pampa“, insofern müsste es eigentlich genug Nähe zum Bürger geben. Aber es kann sicher nicht schaden, wenn auch wir Hauptstadtjournalisten und die Bundespolitiker uns öfter in die Fläche begeben und die Deutschen quasi in freier Wildbahn beobachten. 

JCB: Harald Schmidt sagte, der kleine Mann würde auch bescheißen, wenn er nur die Möglichkeit dazu hätte. Würden AfD´ler bei gleicher politischer Lage nicht auch auf Plastikboote steigen?

MA: Auf jeden Fall, und das geben sie mitunter sogar selbst zu. Alexander Gauland oder Beatrix von Storch haben schon offen gesagt, dass sie die Motive von Wirtschaftsflüchtlingen verstehen. Aber Konsequenzen ziehen sie aus dieser Erkenntnis bzw. diesem Geständnis nicht.

JCB: Mitglieder der Grünen hätten Angst vor der Macht, verlautbarte Joschka Fischer Ende der Neunziger in der Kosovokrise. Wird es der AfD auf Bundesebene ebenso ergehen?

MA: Das lässt sich für die AfD als Ganze schwer beantworten, aber mein Eindruck ist schon, dass die Mehrheit der Partei nach Macht und Einfluss strebt. Angst hat man vor den Kompromissen, die in einer Regierungskoalition unvermeidbar sind. Deshalb scheuen viele AfD-ler davor zurück, sich allzu früh für ein solches Bündnis überhaupt offen zu zeigen.

JCB: Und zum Schluss die obligate Frage: Wie viel Prozent? (BT-Wahl)

MA: Ich traue der AfD 16 Prozent zu.

JCB: Frau Amann, ich danke für das schriftliche Interview.

Melanie Amann: Angst für Deutschland ist erschienen bei Droemer Knaur

Ich danke dem Verlag und Frau Amann für die freundliche Bereitschaft; ich erhalte kein Honorar.

 

 

 

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