Rezension: Was will die AfD?

Es gibt kaum einen Journalisten, der die AfD und ihr Umfeld so gut kennt wie Justus Bender.

— Buchbeschreibung Random House auf eigener Website

Es ist nicht immer dienlich vorzugeben, nur der eigene Autor kenne sich mit dem Thema des vorliegenden Werkes aus. So sind auch Melanie Amann mit ihrem Buch „Angst für Deutschland“ und Stephan Lamby mit seinem Film „Nervöse Republik“ gute Annäherungen gelungen. Grundlegend ist es nämlich wichtig und richtig, dass mehrere Vertreter der Presse aus unterschiedlichen Medien das Phänomen „AfD“ beobachten, beschreiben, bewerten, mahnen oder aber auch beschwichtigen.

Theo Sommer sagte ca. 2003 in einer Politikkonferenz der ZEIT, es habe schon immer und wird immer 12-15% rechten Bodensatz geben. Damit hat er sicher einerseits recht, doch der rechte Populismus hat einen Aufwind erfahren, der kritisch machen muss. Der beunruhigen darf. Überall fordern die Menschen in größer werdenden Mengen nach einer starken Person, die die Ungerechtigkeit bekämpft. Sei es Le Pen in Frankreich, Erdogan in der Türkei oder die AfD als Partei in Deutschland.

Die Menschen sind vom Kapitalismus oft in prekäre und gefühlte Randnot geraten und fühlen sich gedemütigt und wertlos. Geld ist nicht alles, aber in einer Konsumwelt ist kein Geld zu haben eben doch schlecht, so brachte es Philosoph Martin Seel -sinngemäß- bei Michel Friedman im Gespräch auf den Punkt (Friedman im Gespräch, Frankfurt 2013). Die Menschen arbeiten als modernes Dienstleistungsproletariat (Heinz Bude) und suchen sich Stellvertreter für das Ausagieren ihrer Ohnmacht.

Und da nach oben treten schwerer ist als nach unten, nach unten aber nicht mehr viel kommt, so sind es eben die Flüchtlinge und sonstigen Menschen, die aus Sicht der ganz unteren Mittelschicht zu dämonisieren sind (Zygmunt Bauman). Und die da oben, die sich die Taschen voll machen. Da passt es nur allzu gut, dass um die Ecke die rechten Populisten kommen und für alles Handstreichlösungen zu haben scheinen. Die Erfahrung zeigt aber, dass wenn ebendiese Personen Regierungsmacht haben, eben auch im Regierungsalltag untergehen; abgesehen von Erdogan, der mit seiner Präsidialmacht diese Ohnmacht der demokratischen Schutzmechanismen durch „Dekrete“ umgehen wird und flux die Todesstrafe wieder einführen will. Rückschritt leicht gemacht (Lesetipp: Die ZEIT 15/2017: Das Land der Ja-Sager)

Die subjektive Beobachtungsbeurteilung von Strömungen und gesellschaftlicher Entwicklung in Echtzeit und nicht mittels der Retrospektive ist schwierig. Oft wenn man solche Schriften später in die Hand nimmt, wirken sie naiv oder falsch oder beides. Oder es kam noch viel schlimmer.

Justus Bender hat ein gutes Buch über die AfD geschrieben. Es ist eingängig zu lesen, verständlich und kommt nicht so in einen Poesiealbum-Plauderton wie Melanie Amanns. Was will also diese Partei? Es gehe ihr um Freiheit, nicht im aufklärerischen Sinne, sondern das „Das wird man ja wohl nach sagen dürfen“-Gefühl soll wieder rechtschaffend etabliert sein. Sie geht auf Stimmenfang mit den scheinbar einfachen Lösungen, die aber im komplexen, globalisierten Gefüge eigentlich unmöglich sind.
Die Macht von Parteien, bzw. die Bereitschaft sie zu wählen, ergebe sich daraus, dass diese vorgäben, Lösungen für Probleme zu haben, für die es keine Lösungen gibt, so Soziologe Zygmunt Bauman in einem seiner letzten Essays („Die Angst vor den anderen“, Suhrkamp 2016) kurz vor seinem Tod in hohem Alter.

Bauman war es auch, der mit Anfang Neunzig (!) die Bedeutung von twitter und Co. heraushob. Sowohl als meinungsbildendes Instrument, aber auch als Unruheherd der Fehlinformation. Ohne das Internet, so Bender, hätte die AfD sich niemals so schnell entwickeln können, ohne physische Ortsvereine. Grundsätzlich ist die positive Komponente des Internets in dieser Eigenschaft hervorzuheben, dennoch es hier den „Falschen“ hilft. Der negative Teil dieser Internetgemeinschaft ist, dass sie sich zu einem selbstreferenziellen System entwickelt (Giovanni di Lorenzo, Dresdner Rede 2016), die in ihrem eigenen Sud aus Vorurteilen, unerfüllten Bedürfnissen und Kontrollverlust in Selbstmitleid und aufkeimenden Hass badet. Die Presse ist ob ihrer inländischen Genese per se Eliten(zuge)hörig und somit ab initio nicht ernst zu nehmen. So wie sich manche Pressevertreter gerieren kann man diese Abneigung gar nicht sofort niedermachen. Die hiesige Presse ist an der AfD und dem Vorwurf der „Lügenpresse“ gewachsen. Sie erkannte die Not der eigenen Souveränität und einen neuen Weg zur Transparenznotwendigkeit.

Bender wagt Gedankenexperimente zur Bundestagswahl 2017. Was wird es geben? Melanie Amann sagte hierzu im Interview mit diesem Blog, dass sie der AfD durchaus 16% zutraue. Das Aufregen über die AfD und deren Erfolge an sich, sei falsch, so Bender im Deutschlandfunk. Einen Politikwechsel empfehle er nicht. Doch darf bezweifelt werden, das reines Beobachten die Probleme der Menschen bändigt, die sich von der liberalen Elite unterdrückt fühlen (dabei ist es egal, ob es ökonomisch stimmt oder nicht; es geht um das Gefühl, abgehängt zu sein!).

Justus Bender: Was will die AfD? erschienen bei Pantheon/RandomHouse

 

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Rezension & Interview #MelanieAmann: #AngstfürDeutschland – über die AfD

Melanie Amann hat einen Beobachtungsbericht über die AfD geschrieben. Die Vereinigung, die weit rechts der Mitte und noch weiter auf Stimmenfang geht und damit abhebt. Sie ist promovierte Juristin, Absolventin der DJS München und Redakteurin des SPIEGEL in dessen Berliner Haupstadtbüro.

Dümpelten NPD und Reps doch immer so im Bereich der Belächelten in der sicheren Verwahrzone der Fünf-Prozent-Hürde, hat es diese im Himmelblau mit gestochenem Rot agierende Partei geschafft, sich zu etablieren. Und das ist kein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft. Der rechte Bodensatz formiert sich aufstrebend, wie in ganz Europa. Die europäische Idee wackelt, die einfachen Phrasen sorgen für Stimmung und Zustimmung, so doch die Herrschaften darstellen, die einfachen Handstreichlösungen parat zu haben.
Der Sozialoge Zygmunt Baumann hat hier ein herrliches Essay bei Suhrkamp (Die Angst vor den anderen) vorgelegt. Die Aussage, eine Formation jedweder Art hätte die Lösung für Probleme, für die es aber eigentlich keine klassischen Lösungen gibt oder manchmal auch gar nicht geben kann (z.B. Population), sorgt bei allen Parteien überhaupt erst für die Wählbarkeit ihrer selbst, denn sonst wären sie nicht vonnöten. Die Probleme heutiger Zeit sind nun eben sehr komplex und die meisten Menschen verstehen diese, auch aufgrund fehlender Allgemeinbildung und selbstreferenziellen Quellen der sozialen Medien, gar nicht mehr; nicht mal im Ansatz.
Folglich entwickeln sie diffuse, abstrakte Generalängste und da kommt nichts besser als die einfach Lösungen daher. Alle raus, Zaun drum, basta. Wenn Schröder wegen seiner Agenda-Politik nicht beliebt war und immer noch nicht ist, aber das Basta entleiht man sich bei ihm dann doch wieder gerne.
Auf den Tisch hauen, das wird man doch mal sagen dürfen!

Ich weile gerade in Wien und es ist die alltägliche Feststellung, dass sämtliche Betriebe zusammenbrechen würden, man würde alle „Fremden“ ausweisen. Und: Der Würstlverkäufer heute an der Tram-Haltestelle war arabischer Herkunft und so authentisch in seiner Rolle, dass ich mich wieder konsterniert fragte, wie manche Leute dieses Fremdgefühl überhaupt entwickeln können?
Aber wer von Selbstreflexion, fremden Kulturen und Offenheit keine Ahnung hat, weil es nie Bestandteil der Erziehung war, hat halt für sich verloren. Und damit auch seine Gesellschaft. In der letzten ZEIT war ein Artikel über die US-amerikanische Gesundheitsfürsorge. Alles Drama, nach Abschaffung von Obama-Care wollen wir gar nicht genau hinschauen, was im heartland alles weiter abwärts geht. Von Gebissen bis Krebsbehandlung. Klare Feststellung ist, dass so weniger Bildung, desto kränker, desto früher tot. Bildung ist eben bei Gesundheit und pluralistischer Lebensweise in einer weiter wachsenden Welt die Grundvoraussetzung für ein friedliches Leben.

Das Problem ist das zündfähige Gemisch von einer großen Menge an „Dienstleistungsproletariat“ (Heinz Bude), meint also vom Kapitalismus ausgezergelten, sich dauerhaft übervorteilt fühlenden und tatsächlich ausgenommenen Mitbürgern und der kleinen Elite, die sich diese als Brennpaste für ihre politische Karriere auf die Wahlrakete schmiert.

Denn „dumm“ sind die oberen Vertreter der AfD nicht; man erinnere sich an das in gutem Englisch geführte Interview im Format Conflict Zone der Deutschen Welle von Tim „Der Griller“ Sebastian mit Frauke Petry. — Macht alle zusammen dennoch nicht zu besseren Menschen, denn, so meint man eigentlich, sollte man gelernt haben, gerade bei uns, dass diese Handstreichlösungen in das Desaster völliger Enthemmung führen können.

Es gilt, die AfD gut zu beschauen, auch wenn man als Lügenpresse denunziert wird. Ich kann dieser Denunziation insofern wenig abgewinnen, da ich erahne wie wenig, wenig Ahnung diese die Aussage treffenden Menschen von der Medienwelt haben. Dennoch gilt es gerade deshalb, nicht elitär darüber hinwegzusehen, denn es könnte der Fallstrick werden. Melanie Amann schafft ein gutes, verständlich lesbares Buch. Mir wird es in der Darstellung manchmal zu kuschlig (siehe Interview), aber das ist nur eine gestalterische Frage. Das fast zeitgleich erschienene Buch von Justus Bender (FAZ), hat mich etwas mehr vom Schreibstil angesprochen. Dennoch gilt: Es ist gut, dass es diese Bücher im Plural gibt und das diese Keimzelle aufmerksam beobachtet wird.
Damit hinterher keiner sagt: Ich hab von nichts gewusst. Hatten wir nämlich schonmal — Sie erinnern sich?

Schriftliches Interview mit Dr. Melanie Amann

Jan C. Behmann: Frau Amann, ca. 2003 war das Thema „Rechts“ in der Politikkonferenz der ZEIT eine hitzige Debatte, Theo Sommer insistierte, es gäbe einen Bodensatz von 12-15%, welches es schon immer gegeben habe und geben werde. Helmut Schmidt war über die Verve mit der die Debatte geführt wurde verwundert und beschwichtigte (rauchend), dass er fände, daraus sollte man keine große Kampagne der ZEIT starten. Irrte der Altkanzler?

Melanie Amann: Im Nachhinein sieht es so aus – aber hinterher ist man natürlich auch immer schlauer. Der Aufstieg der AfD gibt jedenfalls Theo Sommer Recht, und auch Soziologen wie Wilhelm Heitmeyer, der mit seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ das AfD Milieu von heute schon Jahre im Voraus identifiziert hat.

JCB: Heinz Bude schreibt vom Dienstleistungsproletariat, Zygmunt Bauman trat für mehr Herzlichkeit bei der Aufnahme von Flüchtlingen ein: Warum fühlen sich Bürger in Europa inzwischen so unverstanden und benachteiligt und somit in scheinbarer in Konkurrenz zu Menschen, die auf offenem Meer in Plastikbooten ersaufen?

MA: Manche Bürger haben guten Grund, so zu denken und zu fühlen, weil sie selbst in wirtschaftlich prekären Verhältnissen leben. Für diese Menschen sind wirtschaftlich schwache Zuwanderergruppen eine reale Konkurrenz. Andere Bürger haben Angst, dass sie selbst oder ihre Kinder einen vorhandenen Wohlstand verlieren könnten. Hier bin ich weniger verständnisvoll: In gebildeten, betuchten Kreisen sollte man diese Abstiegsangst vielleicht doch bewältigen können.

JCB: Gibt es eine Beziehung der AfD zu Russland und eine etwaige Förderung aus dieser Region – materiell wie ideell?

MA: Mir liegen keine rechtssicheren Belege dafür vor.

JCB: Ihre Schilderung Ihrer Reise zu „Sven“ (gemeint: Sven Petry) erfüllt zwar die Augsteinsche Regel vom „roten Hut“, wirkt dennoch etwas sehr kuschelig. Verliert man bei soviel Recherchenähe die Distanz – einstweilen bei einem angebotenen „guten Rotwein“? 

MA: Interessant, dass dieses Kapitel so auf Sie wirkt. Sie werden gemerkt haben, dass es auch ein Kapitel „Frauke“ und eines über „Marcus“ gibt – es handelt sich also bei diesen Überschriften um ein Stilmitte, das keine persönliche Nähe ausdrücken soll. Und Herr Petry hat damals zum Gespräch nur Mineralwasser serviert.

JCB: Ist die Rede von Herrn Höcke ein neuer Tiefpunkt in der Entwicklung dieser Partei?

MA: Ja, aber weniger wegen der Inhalte der Rede, als wegen der Art, wie die Partei auf den Auftritt reagierte. Höckes Aussagen waren nicht neu, er hat vergleichbare Reden schon in den Jahren zuvor gehalten. Neu waren nur einzelne, besonders drastische Formulierungen, und die geballte Kombination seiner Ideologie in einer Rede. Ein Tiefpunkt war der Umgang der AfD mit dieser Rede, weil die Partei gezeigt hat, dass sie noch nicht einmal auf einen so eindeutigen Fall von rechtsextremem Gedankengut bei einem Spitzenfunktionär eine klare, einhellige Antwort geben konnte.

JCB: Sie schreiben auf Seite 273, die Partei sei Resonanzraum für Gefühle und Projektionsfläche. Klingt eher nach Phrase als nach Analyse, denn: Welche Partei ist das nicht?

MA: Das stimmt, aber die anderen Parteien sind eben doch noch mehr. Ihre Aussagen erschöpfen sich nicht in einer aggressiven Fundamentalkritik am politischen System, dem politischen Gegner oder politischen Missständen, sondern liefern Antworten, wie insbesondere diese Missstände zu beseitigen sind. Antworten hat die AfD hierauf nur vordergründig. Schaut man genau hin, ist ein Großteil ihrer Konzepte widersprüchlich und juristisch nicht durchführbar.

JCB: Es ging den Anhängern um Aufmerksamkeit, um Zuwendung. Sind sowohl Politiker als auch Journalisten im „Raumschiff Berlin“ zu weit weg? 

MA: Nun, es gibt ja auch Journalisten und Politiker „in der Pampa“, insofern müsste es eigentlich genug Nähe zum Bürger geben. Aber es kann sicher nicht schaden, wenn auch wir Hauptstadtjournalisten und die Bundespolitiker uns öfter in die Fläche begeben und die Deutschen quasi in freier Wildbahn beobachten. 

JCB: Harald Schmidt sagte, der kleine Mann würde auch bescheißen, wenn er nur die Möglichkeit dazu hätte. Würden AfD´ler bei gleicher politischer Lage nicht auch auf Plastikboote steigen?

MA: Auf jeden Fall, und das geben sie mitunter sogar selbst zu. Alexander Gauland oder Beatrix von Storch haben schon offen gesagt, dass sie die Motive von Wirtschaftsflüchtlingen verstehen. Aber Konsequenzen ziehen sie aus dieser Erkenntnis bzw. diesem Geständnis nicht.

JCB: Mitglieder der Grünen hätten Angst vor der Macht, verlautbarte Joschka Fischer Ende der Neunziger in der Kosovokrise. Wird es der AfD auf Bundesebene ebenso ergehen?

MA: Das lässt sich für die AfD als Ganze schwer beantworten, aber mein Eindruck ist schon, dass die Mehrheit der Partei nach Macht und Einfluss strebt. Angst hat man vor den Kompromissen, die in einer Regierungskoalition unvermeidbar sind. Deshalb scheuen viele AfD-ler davor zurück, sich allzu früh für ein solches Bündnis überhaupt offen zu zeigen.

JCB: Und zum Schluss die obligate Frage: Wie viel Prozent? (BT-Wahl)

MA: Ich traue der AfD 16 Prozent zu.

JCB: Frau Amann, ich danke für das schriftliche Interview.

Melanie Amann: Angst für Deutschland ist erschienen bei Droemer Knaur

Ich danke dem Verlag und Frau Amann für die freundliche Bereitschaft; ich erhalte kein Honorar.

 

 

 

Rede: Giovanni di Lorenzo

Im Rückblick auf die Wahlergebnisse in „Schreck-Pomm“ [BILD], hier nochmal die Dresdner Rede von Giovanni di Lorenzo. 

Gerne anhören, raunen, stöhnen, kopschütteln, wüten und lauschen. Und: Achtsam bleiben gegen Rechts! 

Eine Veranstaltungsreihe des Staatsschauspiel Dresden und der Sächsischen Zeitung.

Als .pdf oder anhören.


Screenshot: Website Staatsschauspiel Dresden

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