Ab in den Regen!

Man sieht sie landauf, landab: Menschen, die dem Regen entfliehen wollen. Sie rennen, stürzen manchmal sogar, alles nur, um dem Gefühl des Wassers, welches sich den Weg in ihre Kleidung bahnt, zu entrinnen. Wie schade eigentlich! Nun, natürlich will man nicht immer nass werden, auf dem Weg zu einem Termin, vor einem Vorstellungsgespräch, vor einem lange Weg in einer S-Bahn. Aber kann denn der Mensch immer auf dem Weg sein – fremdbestimmt? Wieso nicht einmal genießen, einer ungefährlichen Laune der Natur zuteil zu werden, zu genießen, den Regen auf der Haut, in der Kleidung zu spüren, spüren Mensch zu sein? Es wird sich bewaffnet mit Regenschirmen, Capes (unter denen man schwitzt, wie geregnet), es werden Risiken des Straßenverkehrs, den man ohne zu schauen quert, inkauf genommen, nur um nicht zuckerartig zu schmilzen. Wie traurig! Da wird Angst um die Frisur, die Designerjeans von H&M höher bewertet, als das Fühlen von Natur und somit auch von Leben.

Szenenwechsel: Ein Krankenhaus mit angeschlossener Hospizstation. Hier hat man beim Neubau mitgedacht, investiert. Es gibt ein zur großen Terrasse konstruiertes Vordach. Nicht um sinnvoll Bauplatz auszunutzen, sondern es entspringt einer bewussten Planung. Wünsche des Empfindens von Freiheit, auch wenn diese durch Herausschieben des Bettes nur noch möglich ist. Das Sehen eines Sternenhimmels ohne störende Scheiben und Halogenlicht.

Die Menschen müssen wieder lernen, mehr erleben zu wollen, was man sich nicht kaufen kann. Sich Freiheiten zu erinnern, die nicht als Freiheit mehr gelten. Die Statussymbole ihren Konsumobjekten nicht die Schwelle von Leben einzuräumen, welche sie sich unter Schichten von Schminke und Düften selbst nicht mehr einräumen erleben zu dürfen, weil dann und so weiter. Frei zu werden von Eindrücken Dritter, frei von dem Bestreben Regeln nicht zu brechen und einem unausgesprochenen Gehorsam der Gesellschaft sich konsequent entgegenzustellen. Die Angst krank dabei zu werden, ist auch narrativer Schwachsinn, die meisten Menschen sind durch ihr Leben so geschwächt, dass sie immerzu krank werden. Es ist ein Ausschlag ihrer selbst und keine Folge des sich in den Regen-stellens wegen.

Welch wunderbare Erfahrung ist es, bei einem starken Regenschauer auf die Straße zu gehen, statt von ihr weg. In den Regen zu streben in dem Bewusstsein, das Prasseln bewusst zu erleben, und die Leere der Straße als einen Genuss zu verbuchen. Der Duft des Regens, der nasser werdenden Erde, den dampfenden Asphalt und die Stille der Vögel als einen Modus des Erreichens von Erleben wahrzunehmen, den die meisten Menschen in der Hatz des vollkommenen Lebens nichtmal mehr als Erlebnis wahrnehmen; nur noch als Hinderung des Strebens nach Glück. Eher als Frechheit der Natur, als sie persönlich behindernde Posse des falschen Wetters zur Sommerzeit. Wetter hat, genau wie getrimmte Frisur, zu gehorchen. Abweichungen sind gefährlich, machen Angst und lassen Aggressionen des eingezäunten Lebens frei werden. Die einprasselnden Normative der Menschen, werden nach außen weiterprojiziert auf Phänomene, die einen feuchten Kericht auf Wünsche von Menschen geben. Phänomene, die nicht ungerecht sind, weil sie keinem Wertesystem entspringen und daher nicht „gemein“ sein können. Wohlfeil aber durch das Verhalten von Menschen getriggert werden.

Mehr Demut wagen, ganz nach Willy Brandt, gilt es. Wenn es regnet, nicht murren, denn es ist wunderschön, dass wir diesen haben, dass wir Wechsel von Wetter haben. Nicht nur des Erlebens wegen, sondern weil es viele Landstriche gibt, die um des Überlebens willen betteln, dass es doch mal regnet. Wir leben im Überfluss, im Ekel des Habens von allem. Denn entgegen landläufiger Meinung gibt es kein vollkommenes Haben, sondern die Ansprüche drehen sich immer weiter hoch und trennen sich von den Wünschen der weniger Beglückten immer mehr, wirken immer grotesker.

Freuen Sie sich mehr auf das was ist, als das was noch on top mehr könnte.

Gehen Sie in den Regen — und leben endlich mal.

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Und nachts, da tanzen die Toten

Kürzlich legte mein lieber Autorenkollege Martin Meyer-Pyritz ein neues Buch vor. Martin ist ehemaliger Berufsfeuerwehrmann und hat es bis zur Verrentung geschafft, fit und aktiv in seinem Beruf, seiner Berufung, zu bleiben – im Kopf und im Körper. Nur wenigen ist das im Einsatzdienst vergönnt. Martin schreibt seit 1998 Romane über den Feuerwehr- und Rettungsdienstalltag. Er macht das mit einer leidenschaftlichen Akribie, es begleitet ihn über seine Pensionierung 2010 hinaus bis heute.

Man attestiert Dritten ja immer einen grüneren Garten als einem selber, und so geht es auch mit der Verarbeitung von Einsätzen. Es ist ein gesellschaftlicher Hohn und Irrglaube, Menschen aus dem Einsatzdienst kämen mit den beruflichen Erlebnissen besser klar, als der Ersthelfer. Sicher, die Quantität und die Funktion in einem Notfallereignis sind andere und dennoch ähnlich. Deshalb geht es an keinem spurlos vorüber – es sieht nur so aus, und macht es auch so gefährlich. Es gibt zig Reportagen über Katastrophen, sei es Eschede 1998, Ramstein 1988 oder das Zugunglück von Brühl im Jahr 2000. Alle diese und noch mehr Einsätze haben schwerst traumatisierte Menschen hinter sich gelassen.

Früher, in einer Zeit, in der angeblich alles so viel besser war, gab es keinerlei Sensibilisierung für das Thema der psychischen Belastung an Einsatzstellen. Patient war nur der, der nach gängiger Klassifikation „Patient“ im allerweitesten Sinne war. Ersthelfer, Augenzeugen und professionelle Helfer gehörten nicht dazu. Ist deren Job, muss man halt durch – beinharte Männerwelt eben. Der Indianer und so weiter – alles ein Scheiß aus einer zum Glück vergangenen Welt. Wie viele gescheiterte Ehen, versoffene Löhne, geprügelte Kinder und Suizide jedweder Natur (vorangegangene Beispiele sind m.E. auch eine Art suizidalen Verhaltens) mögen auf das Konto von den Erlebnissen geschundener Seelen gehen? So wirklich wissen, wollte und will auch heute das niemand genau. Es wird alles getan, früher eben gar nichts, denn wo kein Problem, da auch keine Lösung vonnöten und heute kümmert man sich – alles roger.

Mich lassen noch heute Ereignisse aus meiner Einsatzzeit hochschrecken, albträumen, zusammenzucken. Wie kann man auch so manches denn vergessen? Wie? Der Alltag im Rettungsdienst besteht oft nur aus Routine, keine Baywatch-Notfälle und Bergdoktor-Dramen. Und doch. Auch der stete routinierte Tropfen höhlt die Seele, denn auch stummes Leiden kann ergreifen. Dem demografischen Wandel geschuldet, erlebt man Welten in Altenheimen, die keiner sich vorstellen mag. Es stinkt nach Urin und Hoffnungslosigkeit, der Tod schwebt immer um die nächste Ecke. Das Thema selbstbestimmter Tod kann nur jemand verstehen, der diese Ausweglosigkeit des Vegetierens miterlebt hat. Und wenn schon der zeitlich limitierte Zaunplatz ein Gruseln hinterlässt, was soll dann das Einziehen in solch´ eine Einrichtung bedeuten?

Man kann nicht jeden Tag an die Eindrücke denken, sie verblassen und werden gefühlt immer unwahrer. Sie werden verschüttet von den neuen Erlebnissen. Und doch kommen sie wieder. Im Schlaf, im Tagtraum, durch Trigger ausgelöst. Eva Sichelschmidt hat letztens getriggert, ohne es zu wollen, natürlich. Sie schrieb in ihrem Blog über die Zeit nach der Geburt ihrer ersten Tochter, ihre Weinkrämpfe im Park, ihre postnatalen Depressionen.

So lag ich im Halbschlaf, als sich mir Bilder aus einem Einsatz wachriefen, den ich komplett vergessen wähnte. Es ist über zehn Jahre her, vielleicht deswegen?

Die erste Erinnerung war eine allein im Bett liegende, Anfang dreißig jährige Frau, die bitterlich weint. Mehr konnte ich gar nicht ausgraben, aus den Gedanken und rätselte ernsthaft, ob ich nur schlecht träumte. Doch nach und nach bildeten sich die Erinnerung wie aus Mosaiken wieder.

Die Zeiten waren weit vor mobilem Internet, weit vor Smartphones; ich hatte nichtmal einen Vertrag, nur Pre-Paid – immer alle. Wir kamen also in dieses frisch gebaute, hell geklinkerte Eigenheim in einer Neubausiedlung und sahen diese Frau wirklich bitter-bitterlich weinend mit dunkelrotem Gesicht und verquollenen Augen wie Strichen in dem Bett sitzend, fast thronend wirkend.

Die Szene wirkte abstrus, indes mein Teampartner wissend nickte, bejahte, ja, das war bei ihnen auch eine schwierige Zeit und das kenne man. Alle in dem Raum, die weinende Frau, der völlig konsternierte und wie bewusstlos dreinblickende Ehemann und ein Nachbar, der einen Säugling auf dem Arm wippte – wobei er wirkte, als wolle er sich durch das Schaukeln selber beruhigen. Das Kind wiederum war zufrieden – oder schrie es? Mein Erinnerungen sind brüchig. Brüchig ist hingegen nicht, dass ich keinerlei Ahnung hatte, wovon hier alle so unisono überzeugt waren.

Wie in einem schlechten Film wirkten alle Stimmen um mich herum dunkel-verrauscht und in meinem Kopf herrschte Leere: Von was reden die denn? Ich hatte weder ein Pocketguide in der Tasche (zu arm – Ausbildung), noch konnte ich googlen (zu früh), noch habe ich es in der Verwirrung geschafft, meinen Kollegen im Redeschwall des Klarseins zu unterbrechen, dass hier einem im Raum gar nichts klar war. Mir. Ich fühlte mich wie einer Wolke. Das einzig gynäkologische, was ich mir aus der Ausbildung gemerkt hatte, war die Gebärmutteratonie. Aber, natürlich war sie es nicht, und ich hatte auch später nie einen solchen Fall. Was ich neben meiner Ratlosigkeit aber spürte, war ein Ausrufezeichen des Entsetzens in allen Gesichtern. Dies hatten alle gleich gezeichnet in ihren Handlungen. So als ob etwas ganz schlimmes passiert sei, was nicht der Möglichkeit entsprechen durfte.

Während ich also diesen Einsatz rekapitulierte und mich der Hilflosigkeit ersann, die ich damals erlebte, blitzte es auf einmal. Das war es! Das war es, was damals uns alle vor den Kopf stieß und meinen Kollegen reden ließ, wie ein Wasserfall. Die Einsatzmeldung. Die die vor Ort waren hatten es erlebt, und wir, wir hatten die mentalen Trümmer zu tragen und alles in eine Behandlung zu gießen.

Schlussendlich ging alles gut aus, das Kind war vollkommen unversehrt, die Psyche der Mutter aber vollkommen am Boden. Viele Menschen haben wenig Einfühlungsvermögen, sie sind Trampel, nicht wider Willen, denn ohne Willen. Sie sagen so dumme Sachen wie: selber schuld, wenn du ein Kind bekommst, stell dich nicht so an. Und so weiter. Es ist verachtungswürdig, so etwas auch nur zu denken.

Der Rettungsdienst gebietet es im Alltag nicht, zu erfahren, wie es weiterging. Ich denke aber, bei der Ausgangssituation wird ein guter Heilungserfolg absehbar gewesen sein.

Was hat das ganze nun mit Martin zu tun? Martins Schreibstil ist mir mehr als bekannt, als Jugendlicher habe ich ihn angebetet; andere hatten Fußballstars, ich hatte Hauptbrandmeister Meyer-Pyritz von der BF Düsseldorf. Er ließ mich an meinem späteren Beruf schon zu Schulzeiten partizipieren und prägte meine Jobwahl. 2010 habe ich ihn dann kurz vor seiner Emeritierung interviewen können – Sie ahnen, wie ich mich freute an diesem eiskalten Tag in der Wache 7 ihn live befragen zu können? Lesen Sie hier.

Ein Teerdach. Es sind 35 Grad, ich stehe an einem geöffneten Fenster eines Tagungszentrums; schwere, heiße Sommerluft bahnt sich schwerfällig den Weg durch den Raum – selbst die Luft ist faul bei der Hitze. Das Teerdach hingegen lässt wieder eine Erinnerung hochkommen, initial sehr diffus und dennoch greifbar eklig. Es ist der wabernde Duft der glühend heißen Dachverkleidung, die mich erinnert – aber an was?

Auch hier fällt der Groschen nach kurzer Zeit. Es war auch ein Einsatz, den ein Alarmierungsstichwort nicht fassbar machen kann. Wir wurden zu schweren Brandverletzungen in einer Seniorenresidenz gerufen. So nicht ungewöhnlich, wenn Bewohner sich heißes Wasser aus Versehen übergießen.

Doch dieser Einsatz kippt schon von Anbeginn, als uns die Pflegerin völlig außer sich am Ärmel reißt und schreit, wir sollen sofort mitkommen. Notfälle sind im Altenwohnbereich nicht selten, das Personal daher nicht so ungelenk wie manche Menschen auf offener Straße – doppelt besorgniserregend also. Doch die Auffindesituation im 1. Stock des Gebäudes lässt meinen Teampartner und mich bei aller Hitze, die an diesem Hochsommertag herrscht, einfrieren. Auf dem Vordach steht eine weitere Pflegekraft und hält eine Senioren am Arm und fleht sie an reinzugehen. Die uns leitende Pflegeperson berichtet, die Dame hätte sich selbsttätig den Weg auf das Vordach gebahnt – auch das nicht selten, Agitation im Alter bei zunehmender Verwirrtheit ist häufig und nicht immer zu unterbinden.

Doch dieser Wunsch nach frischer Luft am heißen Tage hat fatale Konsequenzen, denn was wir in dieser Sekunde wahrnehmen ist: Die Frau hat keine Schuhe an und steht auf dem erwähnten glühend heißen Vordach. Was soll ich Ihnen sagen? Da sie verwirrt ist und immobil und barfuß, kommt sie nicht mehr von der Stelle, ihre Füße braten auf dem Vordach. Es knistert, Teile der Füße sind schon schwarz, riesige Brandblasen schlagen sich den Weg. Mein Kollege und ich springen heraus und entscheiden durch Augenkontakt: Crashrettung. Das Bild muss sondergleichen gewirkt haben, wie wir zu viert die Dame mit einem Ruck mit den Füßen vom Teerdach zogen. Die Schreie sind in meiner Erinnerung verstummt, denn wenig ist schlimmer, als ein Patient der lauthals vor unerträglichen Schmerzen schreit.

Einen Menschen um so ein Leben schreien gehört zu haben, ist unbeschreiblich.

In seinem aktuellsten Buch „Der Tod ist ein nicht zu unterschätzender Gegner“ nun reüssiert Martin Meyer-Pyritz Einsätze aus mehreren Jahrzehnten seiner Tätigkeit und dennoch ist alles anders. Denn Martin schlägt extrem deutliche, kritische und verletzte Töne an. Über Albträume und hadern des Erzählens wegen.

Immer war Martin die menschliche Komponente wichtig, die dunklen Seiten anklingen zu lassen; wie es ist, Menschen in einem PKW mit abgerissenen Oberkörper zu bergen, den Tod eines Kindes mitzuerleben – ohne je auch nur einen Hauch voyeuristisch zu sein! Doch so fragil, so dünnhäutig habe ich ihn noch nie gelesen. Es scheint auch an ihm alles nicht spürbar und weit über den aktiven Dienst hinaus vorbeigegangen zu sein und ihn bis heute zu beschäftigen, zu belasten.

Wenn Sie sich überlegen, dass Martin weit mehr als 25 Jahre mehr Leid und Verderben erlebt hat als ich, können Sie sich vorstellen: es gibt Narben, für immer und bei jedem, der zum Alarm ausrückte. Die Wechselhaftigkeit der Ausdrucksweise des Erlebthabens ist kein Argument der mehrheitlichen Verneinung des Vorhandenseins.

Martin Meyer-Pyritz: Der Tod ist ein nicht unterschätzender Gegner ist erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf

Bildschirmfoto 2017-10-14 um 13.21.00

Screenshot: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Hinweis: Alle Einsätze sind hinreichend verfremdet.

Erste journalistische Versuche 1999 – Schüleraustausch

Amerikaaustausch 1999 nach Olympia, WA – was eine Zeit, wie prägend und aufregend, zu Zeiten als es noch die D-Mark gab. Aber weder Internet noch ein eigener Blog waren damals denkbar, ein Handy waren existent in meinem Umfeld.

Olympia ist eine Kleinstadt mit ca. 30.000 Einwohnern (damals), die eine Fläche bewohnen, die meiner damaligen Heimat Hannover mit über 500.000 Einwohnern entspricht. Sie sehen, diese Dimensionen musste man erstmal fassen können. 

Das Internet wirkt heute so normal, so selbstverständlich, fast nervend. Wissen Sie aber, wie schwierig es war, anderen Leuten zu erklären wo und was Olympia bei Seattle wiederum in Achse mit San Francisco war? Nichts mit fix Wiki oder so. Man musste erzählen, selbst vorher vage, weil es auch nur erzählt war. Das Internet denokratisiert Informationen, es verhindert sie weniger. Meistens. 

Ich war 14 – und damit der absolut jüngste dieses Austauschsprogramms; es hat es wahrlich nicht erleichtert, aber diese dort mit geformte Lebenshaltung ist unbezahlbar.

1999 – die Zeit vor 9/11, das goldene Jahrzehnt zwischen Irakkrieg und dem Angriff auf die USA – offene Cockpittüren, vergleichsweise lockere Sicherheitsstandards. Alles vorbei. Ein geschlossenes Kapitel.

Viel Freude beim Lesen, und ja, der junge Mann auf dem Foto, das bin ich. Und ein Schulbriefkopf, auf dem das Internetzeitalter noch nicht arriviert war.

CRM: Warum man nichts weiß

Eine kleine schriftliche Ansprache an meineMitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meinen zentralen Interessenschwerpunkt seit meiner frühen Jugend widerspiegelt. Es geht darum, Fehler in Zukunft schneller, sicherer und aufgeklärter zu erkennen und Fehlerketten zu durchbrechen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wertfreie Kommunikation ist ein schweres Gut! Es bleibt ein Zustand, den es nur zu erstreben, aber nie final zu erreichen gilt; ähnlich wie Frieden oder Gesundheit.

Bei der wertfreien Kommunikation ist es wichtig, den Inhalt von allem Emotionalen möglichst weit abzukoppeln, zu abstrahieren und in den bedeutungslosen Raum zu stellen, um das Konstrukt frei wenden zu können.

Die Begutachtung in dem bedeutungsfreien Raum ist relevant, um eingeschlagene Wege nicht zu verlassen (Tun), sondern verlassen zu können (Fähigkeit). Fehler passieren immer und überall, die Negierung ist der Beginn allen Übels, die Emotionalisierung das Finale zur Einleitung einer Katastrophe.
Aufgegangen sind diese Erkenntnisse u.a. in dem Sammelbegriff „Crew Resource Management“ für Teams, vor allem im Flugzeug. Die Ressource muss dabei nicht immer nur in positiv aufgeladener Konnotation gemeint sein, sondern auch negativ (gegenagierend) oder, noch schlimmer: neutralisiert. Denn die schlimmste Entscheidung ist die, keine zu treffen. Der Hinderungsgrund kann dabei mannigfaltig bedingt sein: Hierarchie, Wissen, Ängste, Musterverhalten, Tagesform (Müdigkeit, Stress, Drittsorgen, etc.).
Die Unfallermittlungen zeigen, dass dabei der Punkt Erfahrung ambivalente Tendenzen aufzeigt: Es kann helfen oder zur Verdammnis führen. Bspw. kann es zu einer gegenseitigen, non-verbalen Entscheidungszuweisung kommen, der andere sei doch mit Entscheiden dran. Ein auf-den-anderen-Verlassen entsteht. Ganz logisch, sagt man, doch immer wieder schafft der Mensch qua seines Seins nicht, dieses in situ (!) zu durchdringen. Es gilt, die Fehlerkette zu durchbrechen.
Um dies bei medicteach besser zu gestalten, werden alle solche Hinweise durch den Zusatz „CRM“ in Zukunft beschrieben oder verbal benannt. Dies schafft Klarheit und ebnet mehr den Weg, schneller über die immer im Raum stehenden Emfpindungen von Scham, Eingeschnapptheit, etc. zu kommen.
Es geht nicht darum, einen Fehler zu beweisen, sondern ihn a) entweder frühstmöglich zu bereinigen oder ihn b) gar nicht erst entstehen zu lassen.
Es gilt, nicht den Fehler wie einen „schwarzen Peter“ schnell wieder loszuwerden, durch Rückweisung an den Fragenden („achso, ich dachte Sie hätten…“).
Jeder traut ihnen zu, etwas zu tun. Doch weder die Frequenz, noch das Lebensalter, noch die Berufserfahrung helfen dabei, Fehler zu vermeiden.
Ich möchte Ihnen als Beispiel zwei Katastrophen benennen, die sinnbildlich dafür stehen:
a) Crash (into ground) der A320 Lufthansa in Warschau 1993
b) Controlled flight into terrain der BAe 146 Crossair vor Zürich-Kloten, 2001
Kommen wir erst zu b)
In den Ermittlungen stellte sich heraus, dass der als Checkkapitän eingesetzte, in den Mitfünfzigern stehende Pilot (Cpt.) eine totale Niete war. Durch ein Critical Incident Reporting System (CIRS) hätte man dieses herausfinden können (anders als 2015 bei Lubitz, A.). Das an dem Abend herrschende Hierarchiegefälle (First Officer war Anfang 20) und die Tatsache, dass es das final leg (letzter Flug) war und entsprechende Müdigkeit herrschte, machte die Sache dann in einer kritischen Situation zur Katastrophe: Der Copilot verlässt sich auf den die Vorschriften missachtenden Cpt., will nichts sagen, da der Cpt. ihn während des Flugs wegen Lappalien rund machte. Der Cpt. steuert den Anflug auf Kloten, der an diesem Abend ein nicht-Präzisionsanflug ist (statt Instrument Landing System) und besondere Beachtung der Mindestflughöhe bedeutet. Vorige Maschinen berichten von schlechten Sichten kurz vor der decision height, also dem Punkt, an dem der fliegende Pilot abbrechen muss (Go around), wenn er kein Landbahnlicht identifizieren kann (approach lights/runway insight). Sie unterschreiten also im Handlungsvakuum die Mindestflughöhe, der Cpt. wird dann (hörbar) unsicher und fragt (eher sich selber) „Go around mache?“ (schweizer Dialekt). In den nächsten Sekunden hört man die Baumwipfel an den Rumpf schlagen – Absturz.
zu a)
Die A320 war damals der absolute Hit, Anfang der 90er. Glascockpit, nur zwei Piloten, kein Flugingenieur. Man musste sich gewöhnen, dass die Wissenslast nicht auf drei abwälzbar war, das es keinen Dritten gab, der im operativen step back von „hinten“ auf die agierenden Piloten schaute (hilft auch nicht obligat, vgl. hierzu Absturz Turkish Airlines vor Amsterdam 2007, drei Piloten im Cockpit, keiner merkt, dass sie zu langsam werden, Strömungsabriss, Absturz). Allerdings war auch vieles automatisiert, was vorher jederzeit manuell bedienbar war.
Auf diesem Flug waren, außer der Regel, zwei Kapitäne (Cpt.) und kein weiterer eingesetzter First Officer (F/O). Der Grund war, dass der nun fliegende Cpt. Nierensteine hatte und für mehrere Wochen krankheitsbedingt ausgefallen war. Die Regeln von LH schreiben dann einen Tag Checklegs mit einem Checkkapitän vor. Dies sollte nun das letzte Leg werden und der Tag war ereignislos (3 Legs davor) verlaufen – Routine! Auf dem letzten final approach gab es nun vor und auf dem Warschauer Platz schlechtes Wetter inkl. Scherwinde. Diese treten kurz vor dem Aufsetzen aus und fühlen sich wie einseitiges Hochbügeln einer Tragfläche an. Sie sind gefährlich, können ein Durchstartmanöver erzwingen. Die Landung verläuft trotz schlechtem, starken Wind fast ereignislos.
Die Katastrophe beginnt in den allerletzten Sekunde der Landung – nachdem die Paxe schon geklatscht hatten: Der zu prüfende Kapitän sitzt links (wie regulär), der Checkkapitän rechts (wo sonst der F/O). Die Computerstimme ruft „Retard, Retard, Retard!“ – dies soll erinnern, die Schubhebel auf Leerlauf zu ziehen, doch durch die Scherwinde kommt der Flieger nicht richtig runter und JETZT beginnt das Problem der Entscheidungspause: Keiner der beiden unterbricht und leitet umgehend den Go around ein. Stattdessen versucht der fliegende Cpt. den A320 auf den Boden zu bekommen.
Dies gelingt ihm – leider und auch erst 1525m nach der Landebahnschwelle mit dem kompletten Hauptfahrwerk. Die Bahn ist mit knapp 2800m in Ordnung lang, aber nicht die riesige Länge bei dem Wetter.
Das Problem ist nun die Technik: Um frühzeitiges Bremsen und frühzeitige Aktivierung des Umkehrschubes zu verhindern (Reverser), muss das Hauptfahrwerk (hinten) mit mind. 12t belastet sein.
Das verhindert aber der Wind; die Piloten haben nun den Denkfehler (unlösbar in situ), dass sie den Reverser voll aufgezogen haben und voll bremsen, aber nichts passiert. Verhindert werden konnte diese Einbahnstraße nur durch vorzeitiges Durchstarten. Sie schliddern also weiter und nun kommt neben den ganzen bisherigen Fehlerketten noch hinzu, dass die Wasserlage so stark auf der Runway ist, dass Aquaplaning eintritt und es kommt erschwerend hinzu, dass am Ende der Bahn, zur Lärmreduzierung der Anwohner, ein Erdwall aufgeschüttet wurde.
Der Checkkapitän begreift, dass es zum Durchstarten zu spät ist (Bahnlänge inzwischen zu kurz) und zum Bremsen auch und ruft dem fliegenden Kapitän zu „Dreh ihn weg“, dieser fragt „Was?“ und er ruft erneut „Du sollst ihn wegdrehen“. Der fliegende Cpt. verreisst daraufhin das Steuer nach links und sie prallen nur „halb“ gegen den Erdwall. Der Checkkapitän verstirbt vor Ort aufgrund eines Aortenabrisses durch den Aufprall auf seine linke Armlehne, ein Passagier erstickt am Brandrauch, weil Wirbel gebrochen sind, und er nicht mehr aufstehen kann. Zwei Flugbegleiter werden so schwer verletzt, dass sie während der Evakueriung ausfallen, und somit die Evac von nur zwei Crewmitgliedern bewerkstelligt werden muss.
Änderung folglich war, dass die Bremshilfen bereits ab einem Belastungsgewicht von 02t (und auch unabhängig, ob die Räder sich drehen bzgl. Aquaplaning) bedienbar werden und dass der Go Around-Entscheidungslevel deutlich gesunken ist.
Das Audiotape dieser Landung können Sie hier hören und erleben, wie schnell eine Situation von absoluter Routine zu einer tödlichen Katastrophe wird.
Wenn ich Sie also auffordere, weniger Rückwärts zu fahren, hat das nichts mit dem Können Ihres Fahrens zu tun, sondern mit der empirisch belegbaren Risikoquote beim Führen eines Fahrzeugs über die Schulter.
Auf die Sicherheit!
Ihr Jan C. Behmann
Apropos, früher war alles besser: Ich habe mich mit dem Warschau-Crash ca. 1999 das erste Mal beschäftigt. Damals war es ein Akt sondergleichen an Informationen zu kommen. Ich saß in der hannoverschen Hauptbibliothek an so einem Gerät (Herr Bulle, wie heißt das?) auf dem man die alten Zeitungen sich anschauen konnte und musste dann Monate durchsuchen, da ich nur das Jahr wusste, aber nicht den Tag. Und erklären Sie als 14-jähriger mal, warum sie sich nach einem Flugzeugunfall erkundigen wollen… Ehren Sie das Internet, es ist eine Emanzipation und ein Souveränitätsgewinn für das Wissen und noch mehr für die, die es erlangen wollen.
Alle luftfahrtspezifischen Angaben sind ohne Gewähr. Änderungen, Irrtümer, Fehler jederzeit möglich. Bitte informieren Sie sich für ganz exakte Informationen in fachlichen Quellen. Die Nennung der Beispiele richtet sich an Laien und soll nur Prinzipien der Unfallgenese aufzeigen, nicht spezifische Luftfahrtdetails für Fachpersonal wiedergeben.

Kommentar: Sekundärabsturz – Günter Lubitz

Günter Lubitz reagiert nicht, er wiederholt – ein Kommentar

Was tut ein Mann, der für den Rest seines Lebens in der moralischen Defensive der Gesellschaft leben muss. Verdammt dazu, Vater eines mehrfachen Mörders zu sein mit der Erkenntnis, am wahren Leben seines Sohnes wohl schon länger viel weniger Anteil gehabt zu haben, als er selber glaubte.

Dass in der PK der Vater sitzt, ist auch ohne Ausweis klar. Die Ähnlichkeit ist frappierend, mag man zwischendurch glauben, der Sohn im vorgerückten Alter spricht zu einem. Der Vater begeht auf die Minute zwei Jahre nach dem Absturz der Germanwings-Maschine auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf erweiterten PR-Suizid. Er nimmt sich und die Angehörigen auf einen erneuten Absturz mit. Ähnlich wie die Passagiere, haben auch diesmal die Angehörigen keine Wahl. Sie müssen mit und dürfen nicht ins Cockpit. Der Zutritt ist ihnen zur väterlichen Pressekonferenz versagt, und mit dem Termin hat er einen naturgemäßen Ausschluss geschaffen, die Angehörigen am zweiten Jahrestag in den französischen Alpen wissend; dort wo sein Sohn mit erdrückender Beweislast den Airbus A320 am 24.03.2015 um 10:41 in die Berge steuerte. Controlled flight into terrain nennt man das, aber in den meisten anderen Flugunfälle ist menschliches Versagen in Verquickung mit technischer Fehlbedienung die Ursache.

Versagt haben bei Sohn Lubitz andere und auch wieder nicht. Die Untersuchungen halten an, und werden aller Voraussicht nach im Sande verlaufen. Andreas Lubitz ist durchs Netz gerutscht, bei Deutschlands Flag-Carrier, der Deutschen Lufthansa, denen die ZEIT zu Unrecht das technische Totenglöckchen läutete. Keinem fiel auf, dass hier jemand psychisch komplett dekompensierte, bis er den Exit im erweiterten Suizid suchte. Der Vater stürzt sich ob der Schuldgefühle, nichts bemerkt zu haben, in gefährlichen Aktionismus. Befeuert vom Luftfahrtexperten Tim van Beveren. Was ein ‚Experte‘ allerdings ist und kann, ist weit definierbar. Im TV umso weiter. Nach Kants §7 ist ein Begriff umso nutzloser, so mehr man unter ihm subsummieren kann.

Ad extenso überreizen das dynamisch-tragische Duo Lubitz/van Beveren auf der PK und ernten erschüttertes Kopfschütteln der streng lizensierten Teilnehmer.Viele Menschen sind nach Verlusten auf der Suche nach der dezidierten, differenzierten Aufklärung. Die Wahrheit, soweit möglich, ist diese zu heben wie einen Schatz, der aber oft so profan ist, dass er die Zurückgebliebenen agressiv macht. Das kann doch nicht alles gewesen sein!, hört man regelmäßig klagevoll. Da ist das iPad, mit dem Begriffe wie Suizid und Cockpitverriegelung gegoogelt wurden untergeschoben oder wegen schlechtem Wetter der Autopilot auf 30Fuß gestellt worden.
Beides, und insbesondere letzteres illusorisch.

Man möchte den armen, gebrochenen Mann in den Arm nehmen und trösten;
— den ihn anleitenden Experten in eine Ecke schieben.
Und doch, er hat es getan, wie sein Sohn vor zwei Jahren: Er hat es durchgezogen.

Jan C. Behmann

LIDL-Kaffee

Das Röstprodukt ist instant, aber doch eine gute Werbung, manchmal passend praktisch (wie bei mir heute morgen um 8:30h) und das Automaten mittel Display flexible Tastenbelegung (z.B. hat LIDL die ganzen Vanille-aromatisierten Produkte zur Nutzungskreiserweiterung sekundär eingeführt) und dazu noch wechselnde Werbung animiert vierfarbig – wer hätte das 1999 gedacht, als ich als Schülersprecher Getränkeautomaten auf der Gesamtkonferenz herbeiargumentierte…

Farbe bekennen!

Ich denke links der Mitte, ich fühle links der Mitte dennoch mein Herz anatomisch korrekt hinter meinem Sternum schlägt, ich wähle links der Mitte, ich stehe zu sozialem Bewusstsein, Umverteilung und bin unverhohlener Befürworter der Solidargemeinschaft, des Bildungsaufstiegs, der Gleichberechtigung, der Inklusion, der Integration, des Feminismus‘, der Friedlichkeit und Friedfertigkeit.

Ich wähle SPD, ich bin Mitglied und ich stehe dazu. Denn aktuelle Parteipolitik muss nicht immer passen, aber die Überzeugung zur Demokratie, zur Sozialdemokratie, zu unserem Sozialstaat.

Farbe bekennen auf dem Weg in dieses schwierige Wahljahr.

Jan C. Behmann am 22. Dezember 2016.

Im Aufzug der Gefühle

Mathias Döpfner, CEO der Axel Springer SE, sagte einmal süffisant, mit der BILD führe man im Aufzug hoch – und wieder runter gegebenenfalls. Heute fuhr ich mit einer Gruppe angehender Flugbegleiterinnen (also wirklich -innen) im Aufzug nach oben. Die Stimmung fuhr uns aber diametral nach drei Metern Steigflug in den bodenlosen Keller.

Die optische Unversehrtheit wurde durch die erbarmungslosen Lichtstrahlen des Aufzugs in kraterartige Landschaften gefurcht, die Dame direkt vor mir knetet sich unvermittelt das Gesicht wie einen Rücken im Robinson Club, um damit zu determinieren, dass sie mit dem heute frisch ondulierten Dutt ein zu rundes Gesicht habe – sofort, fast vor Ende der eigentlichen Aussage, überholt sie ihre Gegenüber mit dem Dementi dieser Tatsache.

Damit wäre das zwischenmenschliche Pling-Plong der aufwertenden Aufzugfahrt beendet, doch spontan dreht sich eine dritte Kabinenstewardess zu den beiden vor mir stehenden Grazien und sagt einen Satz wie ein elektrisches Hähnchenmesser: Dein Gesicht ist nicht rund, das ist oval! — Ja, hast du ja irgendwie recht, pflaumt Angesprochene leise zurück.


Nach dem Bildungsdiss des Tages folgen 2,5 Stockwerke verstockte Stimmung, denn die drei Akteurinnen werden nun von verstummten Kolleginnen und mir zangenartig angeschwiegen, bis uns der Erbarmen habende Fahrstuhl in der 3. Etage ausspuckt und uns alle in das ovale Gebäude verstreuen lässt.

Ein verstummtes Kind.

Winter. Schneelos. Kalt. Der Wind faucht um den Funktionsbau, schneidend kalt und doch ausdruckslos. Die Bäume kahl und der Himmel hängt am Haussims. Man kann Beton und Horizont nicht unterscheiden. „Winter“ in norddeutscher Tiefebene. In den Zehnerjahren eine Periode eindruckslosem Fehlens von Temperatur/Kontur/Leben. Mehr nicht. 

Riesige Schiebetüren aus blankem, kalten Metall mit dicken Gummilippen, die auch das nachdrücklichste Zuschieben puffend abfangen. Im Krankenhaus zu sein und nicht in einer andersartigen Verwertungsanstalt, zeigen die roten Kreuze auf rundem weißen Grund. Sie weisen den Weg in die Notaufnahme des Krankenhauses der Maximalversorgung in der ich meine Berufspraktika vor über zehn Jahren absolviere. Hier, wo der Herzschlag des Hauses tobt, der in Krankenhausserien simuliert wird und im Gegesatz zum restlichen Inhalt wirklich so stattfindet und keine Fiktion ist. Hier sitzt der namentlich bekannte Obdachlose neben dem Banker, die Mutter aus dem Problemviertel neben der Rentnerin aus dem Altbau gegenüber. Auf dieser Bühne des Lebens mit Brettern aus federndem PVC und dem dauerhaften Geruch aus Urin, Desinfektion und Plastik. Dort lerne ich sie kennen, in einem Behandlungszimmer; eine Infektion, eine von unzähligen. Sie ist Mitte 20, mit ihren Eltern angekommen, es ist noch früh, keine zehn Uhr. Ich soll hier in der Notaufnahme eigentlich unter der Vortäuschung von praktischem Fachwissen lernen, Zugänge zu legen und Blut abzunehmen. Ausgestattet mit einem Baumarkt-Plastik-Köfferchen ziehe ich von Patient zu Patient und bin mehr oder minder erfolgreich. Die Patientin, der ich gleich dreimal neben ihre Vene steche und die sich die vergeblichen Einstichstellen versucht synchron zu pressen, schaut vorwurfsvoll und beginnend verachtend, als ich nur noch zwischen den Lippen hervorpressen kann, nun doch mal den Arzt holen zu müssen; in der Hoffnung, dieser könne das dann. Just auf diesem Weg werde ich bei meiner stichigen Aufgabe unterbrochen, ich solle helfen. Als Mensch ohne freien Willen komme ich also zu ihr. Ihre Eltern schauen sorgenvoll aber auch mit einer Prise leidvoller Erfahrenheit. Sie muss dableiben, wie so oft. Routine, der Lästigkeit längst entrückt. Man ist vorbereitet. Sie hat ein Kuscheltier im Arm, die Augen auf, starrer Blick an die Decke. Wirkt unversehrt, aber wie eine DVD auf Pausetaste. Und das seit Jahren. Die Papiere für die Station dauern, das Warten gehört zur olympischen Disziplin, ich lehne am Waschbecken, denn Zustechen muss ich hier nicht und der Vorwurfsblick gilt hier nicht mir. Daher bleibe ich, im Windschatten der Fehlerpause. Der Vater schweigt, er ist ruhig. Ruhig geworden. Denn seine Frau gibt mir einen Einblick, warum sie vor uns liegt. Es ergibt den Wissensstand, der einen meist verborgen bleibt; der Leidensweg der zum Mitleiden mitreißt. Sie, ihre Tochter, die einzige, wollte sie sonntags besuchen, zum Frühstück. Es war eiskaltes, klares Wetter, Schnee bedeckte die Dörfer auf dem flachen Land. Nur eine Ortschaft weiter lebt ihre Tochter, sie telefonieren, die Tochter setzt sich hinters Steuer. Die Eltern machen Kaffee. Er dampft und verdampft, wird kalt. Sie kommt nicht an. Überfrierende Nässe. Ich versteinere, benetze die Lippen und nestele an meinem Kasack, dass nach Industrie-Reinigung müfft. Das Plastiknamensschild welches mich als Praktikant ausweist, als Warnschild fungiert, als Mahnung der eigenen Verve dient, es hängt schief. Sie überlebt. Aufatmen. Und wacht aus dem Koma doch nicht mehr auf. Irreversibel. Wachkoma, Locked-in-Syndrom. Sie atmet, hat Herzschlag, die Augen sind geöffnet, man wartet jede Sekunde auf das Einsetzen eines Satzes. Der nie kommt. Aus Eltern, von den sich abgelöst war, wurden über Nacht wieder Eltern. Auf Lebenszeit. Mit Kuscheltier und sorgenvollem Blick. Zwischen Aufopferung und eigenem Untergang, immer am Rande. Sie wirkt völlig unversehrt, von den schweren Kopfverletzungn ist auch bei genauem Blick nichts zu erkennen.Sie wirkt wie eine fiktive Figur die des Alterns entsprungen ist. Unversehrbar, zu versehrt. Und so liegt sie vor uns unter der leichten Decke des Krankenhauses auf der rhythmisch immer wieder der Name desselbigen steht. Wie in einer Dauerwerbesendung. Oder eben der nervigste Dienstahlschutz, denn Menschen klauen auch reudige Decken. Was geht in ihr vor? Geht überhaupt etwas in ihr vor? Die Leiden des ELLE-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby lassen schlimmstes erahnen. Sollte es allen so gehen? Was bedeutet dieser Zustand, der, der modernen Medizin geschuldet, Jahrezehnte stabil dauern kann? Sie könnte ihre Eltern über-leben. Aber. Wie viel leben ist noch Leben? Ist es die langfristigste Art des Sterbens? Der bewussteste Vortod? Kann sterben doch die präferierte Wahl sein? Es beklemmt mich bis heute. Menschen, die unserer Welt weiter entrückt wirken als Gestorbene. Es ist so latent, so un(be)greibar und die eiskalte Angst, Menschen jahrelang zu betreuen, die vielleicht Kontakt aufnehmen wollen, aber nicht mehr können. Einbetoniert im eigenen Körper. Nicht bis auf Widerruf. 

Einsam zu zweit, schreibt Susanne Juhnke.

Dieser Essay ist eine Vorversion der Rezension des Buches von Susanne Juhnke Was bleibt, ist die Liebe.


Westender Perlenohrringtaucherinnen

 

…über Festgelegtes.

Es ist das Attribut der vorausplanenden und vorausgeplanten Arriviertheit. Perlenohrringe von Papa, der hingebungsvoll betont wird auf der zweiten Silbe. Groß geworden zwischen Range Rover Reifensätzen in der Garage mit weißem Elektrotor und einer Fensterfront im Wohnzimmer, die die Fläche einer Sozialwohnung einnimmt. Vertikal die Distanz im Kopf und horizontal im Abstand des Wohnortes zu den Hochhäusern mit Menschen, die gerne mit „denen“-Sätzen beschrieben werden. Existenzielle Probleme stehen hier in der Regel im Regal. Als Fachliteratur in Form von Sammelbänden Schillers und Goethes. Und was man so hört, in der Tagespresse. Neben Rudern und Tennis, geht sie auch gerne mit Papa (denken Sie an die Betonung!) zum Golfen. Sie ist mindestens 1,75, athletisch-schlank, dem Salat vollumfänglich zugeneigt und ihr intellektuell gestähltes Lachen voller Sicherheit ist fast wie eine Wärmelampe. Die Hände sind akkurat und riechen nicht. Sie duften. Nach dem besten, was die Drogerie hergibt. Für mein Mädchen nur das beste, so die Mutter. Sie selbst trägt die Perlen nicht mehr an den Ohren, die Ohrläppchen habe ihre Ansehnlichkeit dem Alter wegen verloren. Dafür nun umso größer um den Hals drapiert, ruhen die augapfel-weißen Perlen auf dem sonnengegerbten Dekolleté (Südfrankreich! Keitum!).
Die einzige Tochter ist auf optische Augenhöhe zu den Damen in Mamas (zweite Silbe!) Hochglanzmagazinen getrimmt. Ihr Gesicht mit leicht spitzem Kinn umgibt eine Melange aus schlanker, straff über die Knochen gespannter, makelloser Gesichtshaut und gleichzeitig einer leichten Fettpolsterung, die ihr von der Mutmaßung des Hungerns Abhilfe schafft. Die Nase nicht stupsig, dafür leicht knubbelig an der Spitze; sie korrespondiert mit der leichten Fettpolsterung des Gesamtgesichtes. Unter den stahlblauen, leuchtenden Augen verteilen sich wiegend ein paar sanfte Sommersprossen. Hier mehr Kontexturierung als sommerlicher Makel. Eine der blonden Haarstränen ringelt sich sanft um eines ihrer Ohren und umspielt zärtlich im Wind Papas Juwelierinvestition. An der zarten linken Hand mit langen, flinken Fingern blitzt er auf. Das Versprechen. Es ist von Raphael-Julienne. Und da Worte eben doch keine Haptik ersetzen können, muss der Ring her, um den gemeinsamen Weg zu besiegeln. Er wird in nicht all zu langer Zeit durch eine eben gleiches Kaliber ersetzt werden, welches der Mutter tagtäglich die Unabhängigkeit bestätigt. Neben dem eigenen Range (Cabrio! Black Edition!) und der gedeckten Kreditkarte (Amex, what else?). Während Marie-Antoinette also an ihrer neckischen Haarsträhne zwirbelt, sitzt sie in einem Café im Westend. Das hat auch einen französischen Namen, ist aber genau so weit entfernt davon, einen französischen Flair zu haben, wie ihre Eltern beim alljährlichen Urlaub in Südfrankreich. Marie, wie sie ihre Freundinnen beim Tennis anfeuern, ist sich ihrer Geste gar nicht bewusst. Sie hält ihren Freundinnen ein Schild der Zukunft entgegen. Beide sind unter sachlichen Gesichtspunkten im Schönheitsindex knapp unter Marie und das genau kittet sie. Gegenseitige Bewunderung und dennoch eine manchmal stille, kiebige Konkurrenz. Sie ist die trianguläre Autokratin dieser Konstellation. Und um ihre Rolle zu determinieren, nimmt sie nun Anlauf, drückt das Kinn leicht dienerisch gegen die Brust und reckt die stahlblauen Bohrinselaugen ihren zwei Projektionsflächen entgegen. Ich habe meine Typerating, haucht sie stolz hervor, um dann ihren Mund mit den natürlichen Lippen in eine epische Breite entgleiten zu lassen. Die Zähne geben sich ein Wettrennen im Glänzen mit den Perlen. Nicht umsonst heißt Maries Zahncreme Perlweiß.
Ihre Freundinnen reagieren verzögert. Ach, du bist es jetzt? Ja? Ach wie toll! Freude über die Maßen und dennoch leichte Unsicherheit ob Ahnungslosigkeit, was Marie da nun macht. Aber mit Uniform. Marie ist Pilotin auf der Airbus A320-Familie. Bei Lufthansa, wo sonst? Der Kranich, der Papa immer von den Golfturnieren an der Küste Palmas sicher nach Hause bringt (Linie, nix Charter!), ist die Heimat der geliebten Tochter geworden. Der Bruder, Jasper, geht nach seinem Vater. Maschbau an Papas Alma Mater. Was sonst? Doch was wäre ein simpler Pilotenschein wert im akademischen Zirkus. Das dachten sich nicht nur die Eltern der immer jüngeren Abiturienten, sondern auch die Lufthansa. Denn wenn eines Tages durch eine gesundheitliche Verwegenheit das Fliegen nicht mehr ginge, sind Piloten (auch Lufthansa!) an der traurigsten und erniedrigsten Schlange bei der ARGE. Ungelernt, steht da. Das Schild beinahe so trostlos, wie die Blicke der Menschen davor. Der langen Schlange, wohlgemerkt. Und so hat Lufthansa schon vor Jahren eine duale Studienmöglichkeit des Wirtschaftsingenieurwesens geschaffen. Pilot und studiert. Da konnte selbst Papas Lebensrisikomanagement am passgenau gefräßten Küchentisch mit Mamorplatte nichts mehr hakiges finden. Und so kann Marie ihre Freundinnen gedanklich wieder einfangen, indem sie mitteilt, auch nächstes Jahr dann ihren Bachelor in der Hand zu halten. Hier nun wieder einiges, synchrones Nicken der Freundinnen. Man spricht wieder von derselben Währung. Nachdem auch die laufenden Studiengänge und Thesispläne der Freundinnen in antiproportional kurzer Zeit abgehakt wurden, geht es nun wie nach Drehbuch zum Privatleben. Marie-Antoinette strahlt wieder. Es ist überbordend und dennoch viel geplanter als ihre beiden beta-class Freundinnen ahnen. Denn durch den Ring, klein, schmal, zierlich wie sie selber, aber doch mit einem eingefassten Diamanten, zeigt den Bestimmungsweg. Und auch in Momenten des Dialogs wandern die braunen, kleinen Augen ihrer Freundinnen unentwegt auf das Zeichen des Landeanflugs in Maries Leben. Raphael-Julienne, kurz vor seinem Master, wird Marie zur Frau nehmen. Es ist das Zielfähnchen schlechthin, man hat die richtige, die sichere Abzweigung genommen. Den Richtigen gewählt, weil man selbst ausreichend zu bieten hat. Und warum sollte man es billiger machen als Mama? Wieso auf Range, Fensterfront und Südfrankreich verzichten? Und so wird Raphael-Julienne der neue Papa. Die beiden verstehen sich ja auch so gut. Wie bei einer Zwiebel, ist die propagierte Liebe dabei nur die äußerste Schicht. Status, Versorgung, materielle Ebene münden in das, was Menschen trügerisch beruhigt: die sogenannte Sicherheit. Das Herz entscheidet viel weniger als die Ratio. „Wie sieht er aus?“, wird abgeleitet in: „Wie sehen wohl unsere Kinder aus?“. Wie kann man den Status weiterführen, wenn Marie die Kinder bekommt. Die Tatsache steht außer Frage, aber einschränken will man sich nicht. Warum auch, musste Mama auch nie. Und so ist es eine Farce, dass Marie auf ein Loblied der Liebe und der reinen Gefühle einstimmt, nicht minder unter dem märchenartigen Zustimmungssummen ihrer Freundinnen. Für die gibt es jeweils so einen Raphael-Julienne in halber Performancestufe. Aber besser den, als einen Menschen. Und so switched das Thema von der einen fundamentalen Lebenssäule rüber zur anderen: Heirat. Denn was wäre die Liebe ohne Bezeugung? Und Liebe ist relativ, siehe oben. Und da man ein Gefühl nicht konservieren kann, müssen andere Ebenen, auch hier siehe oben, adäquat und öffentlichkeitswirksam gesichert werden. Denn nicht nur ein Ehevertrag bindet, sondern auch die Gewissheit, dass ein bestimmter Weg geplant ist und von vielen Menschen (oft Familienmitgliedern) als betoniert gespeichert wurde. Der Zug des Lebens nimmt Fahrt auf, die Hebel sind in Auto-Stellung und die Chance auch nur abbremsen zu können, schwindet wie Sand durch die Finger. Denn umentscheiden, wenn denn überhaupt nur daran zu denken ist, geht nur mit Begründung. Und zwar einer Begründung, die andere es verstehen lässt. Und da wird es dünner als die Luft bei 10.000 Fuß, die Marie bald tagein tagaus umgeben wird. Denn für „die Menschen“ gibt es keine Begründung, die Sicherheit im erreichten Endanflug aufzugeben. Was sind da schon Gefühle? Bist´ narrisch, sagt der Bayer. Der Zug wird den Tunnel erreichen.
Egal wie, egal warum.
Aber Marie wird ihre Perlenohrringe tragen und den goldenen Ring des Schwures auf die gegenüberliegende Hand gezogen bekommen. Ihm wird der Kragen seines gestärkten Hemdes in den Hals Konturen pressen.
Sie steigen die steinernen Treppen, die das Leben bedeuten, hinauf. Der Schweiß rinnt. Zwischen ihren Brüsten und an seiner Schläfe entlang. Dann wird es dunkel. Für immer.

Endlich vergeben!

…über Erlösendes.

Die Erlösung findet heute nicht mehr mittels einer Abbitte in der Kirche statt. Sie findet statt in der Kongruenz des Seins im Vergleich zu den anderen.
Eine Bekannte von mir wimmerte letztens in den von mir finanzierten Aperol Spritz, sie sei ja nun fast dreißig, habe keinen Freund und keine Aussicht auf ein saturiertes Lebens. Dieses definiere sich, so auf geschickte Nachfrage antwortend, in dem klassischen Dreisatz der Mittelschicht: Wohneigentum, Heirat und Nachwuchs.
Warum sie denn das unbedingt wolle und wenn überhaupt, warum denn jetzt? Die Antwort war, allen ernstes: Weil alle anderen heirateten und sie ja wohl nichts hinbekäme.
Uff.
Was soll man auf sowas antworten? Man könnte sie als einfach gestrickt bezeichnen und den Vorgang abhaken. Aber das ist es nicht. So einfach ist es vor allem nicht. Sie ist zwar intellektuell und reflektorisch nicht die hellste Kerze auf der Torte, dennoch ist das nicht das auslösende Moment. Woher ich das weiß? Weil ich dieses Movement moralischen Änderungsverhalten auf allen Ebenen ausmache. Mit erschreckender Tendenz der wahllosen Partnersuche. Die Marschrichtung ist der Partner um des Partnerhabens Willen. Wer das dann ist, ist fast Nebensache. So pendelt die Relevanz von Attributen zwischen Äußerlichkeiten (Bart! Tattoos! Gepflegt!) und moralischer Gehorsamkeit (Ehrlich! Treu! Verlässlich!). Final sind es eher die Kriterien an das Verhalten eines Rauhaardackels. Denn neben den o.g. Eigenschaften, soll der Auserwählte (kann froh sein, wenn ich ihn nehme!) auch eine Hybris eines Menschen sein: Liebhaber, bester Freund, Kumpel, gerne handwerklich begabt, mit Auto und dann auch gerne mit Führerschein. Man sei ja schließlich kein Taxi. Nun, die letzte Forderung völlig verschiedener kumulierter Typenarten kulminiert in der erwartbaren Frustration: Das gibt es nicht. So sehr man mit dem Fuß auf den Boden stampft, so sehr man schimpft und anklagt, so sehr man es aber auch immer gesagt bekommen hat. Diesen Typ Mann gibt es nicht. Es kann ihn, soziologisch und evolutionär, nicht geben. Wenn man es zu diesem Punkt der Diskussion geschafft hat (ohne Aperol im Gesicht), kippt die Diskussion in regressive Denk- und Verhaltensmuster mit flehender Komponente. Irgendwo müsse er doch sein, dieser Ritter, der einen so nehme wie man eben (verkorkst) ist, respektive wurde. Es wird sich fabuliert, nur der Wille daran werde schon das Schicksal bezwingen, und alles werde gut. Hollywood-Happy-End-Theorie trifft Real Life.
Dazwischen bimmelt die Pokémon-App.
Optimismus in gesunden Maßen, hilft zu leben. Romantische Verklärungen bis wahnhafter Vorstellung des obligaten Erfüllungszugeständnis des Lebensverlaufs, sind dann aber genau die Zustände, die Beziehungen nicht enden, sondern zerbersten lassen. Allseitige durchgehende Überforderung sorgt für eine Implosion aller Zuneigung. Gestiegene technische Auswahlmöglichkeit, eingetrichterte Verhaltensweisen (Du bist Prinzessin! Das steht dir zu! Verkauf´ dich nicht unter Wert!), Sicherheit fordernde, statische Beziehungen ohne große, anhaltende Investitionsarbeit, sorgen dafür, dass Ehen vor dem Richter und Beziehungen auf der Straße sich in mehr Teile zersetzen, als aus denen sie je bestanden haben. Hätten haben können.
Ich habe jemanden kennengelernt, sagte mir nun meine Bekannte – die mit dem Aperol Spritz. Es klingt nicht nach einer Mitteilung, sondern einem Statement. Schultz von Thun hätte seine helle Freude.
Die Appellebene ruft: Schau, auch ich konnte es schaffen, bleib du auch nicht allein!
Die Selbstaussage brüllt trotzig: Hah, siehst du, ich bin doch noch begehrt, das Leben hat doch einen (gerechten) Sinn und Verlauf!
Die Beziehungsebene röhrt: Siehst du, auf dein Mitleid bin ich nicht angewiesen, weil wegen siehe oben!
Die Sachebene sagt: Ich habe jetzt einen Freund. Meiner.

Es gibt bei diesen Bekannten zwei Stillephasen der Kommunikation.
a) Die Phase des Kennenlernens und b) die Trennung.
Ich warte auf Phase b).

Einwurf zum Anstoß

…über alles und nichts.

Sie wollen alle individuell sein, etwas besonderes. Was ganz eigenes.

Sei allen gegönnt.

Und sitzen nun doch alle beim Fußball. Neben dem Carport. Am Webergrill. Mit Aldi-Fleisch. Mit Tröte.

Mit ner‘ Frau, die sie täglich auf Youporn betrügen, mit nem‘ Mann, dessen Atmung allein sie in stillem Hass erstarren lässt.

Mit Kindern, die begründender Kit und Leidensableiter geworden sind. 

Ihre Maßeinheiten sind nicht Momente des Glücks, sondern katalogisierte Checklisten westlicher Konsumorientierung. Das Begehren gilt Aquarien, Gartengeräten, Einbauküchen, Effizienzbauweisen. 

Das Eigenheim wird zum Drehpunkt absoluter Erreichungsdefinition. Ankommen tut hier nur materielles.

Es geht nicht darum, den Weg zum Schaffen zu gestalten, zu genießen. Es geht nur um Effizienzmaximierung des monetären Ergebnisses. Das Ergebnis des Schaffens ist hintertrefflich.

Auf alternative Arten der Lebensführung, reagieren sie mit abschätziger Angriffslust. Sie argumentieren. Um ihr Leben. Um das Konstrukt. Eingestehen heißt für sie Untergang. 

Sie agieren mit einer kritischen Reflektionsfähigkeit, die kein Schurkenstaat dieser Welt auf sich anwenden täte.

Ein Hoch auf das Reihenhaus, die Doppelhaushälfte, in der mehr Einsamkeit herrscht als am menschenleeren Nordpol.

Es sollte sicher sein. Und wurde zum sicheren Ableben vor dem Tod.

Ach, Leute. Der Lack der Zivilisation ist dünn. Dünner als Flugzeuglack*.

* und der ist so dick bzw. dünn wie drei gedrehte Menschenhaare

Die Frankfurter Schere

…über Lebenswege.

Ich sitze im Extra-Blatt. Ein Besuch der sich nie lohnt, aber der einzige Laden mit EC-Zahlfunktion für den faulen Autor. Neben mir zwei Männer in ihren besten Berufssprungjahren. Beide kennen sich aus dem Studium, beide haben ihre Freundin aus dem Studium mitgenommen. Die Unterhaltung, der ich als unbekannter Sitznachbar folgen muss und bald möchte, beschreibt einen Situation derer ich mich in Frankfurt am Main soziologisch immer wieder extrem ausgesetzt sehe. Es wird schnell existenzialistisch. Von dem generellen Lebensstandardvergleich kommt es schnell zu den Essentials der Lebensplanung. Denn beide mit dem Bachelor fertig, stehen vor wichtigen Weichen ihres Lebens. Sie sind  vergeben und fühlen sich der Situation ergeben. Die Wohnungen, die sie alleine nie zahlen könnten, machen den Bund mit den jeweiligen Frauen nicht fürs Leben sondern für die nächste Miete. Denn allein könnte keiner sein Leben in Frankfurt bezahlen, da jetzt schon nichts zum Sparen bliebe. Von Kindern ganz zu schweigen, denn schon jetzt gehen sie sich in den Zwei-Zimmer-Geldgruben auf die Nerven. Die Frau (korrekt: Freundin) des einen  verdient 1/3 mehr als er, hat dadurch aber nach Zuzug nach FFM aber keinerlei soziale Kontakte. Er fühle sich als Babysitter. Aber zumindest die Hochzeit stehe nicht zur Disskussion. Mindestens 1,5 Jahre, sie habe erstmal den Master vor sich und generell, so beide unisono, fühle man sich zu jung fürs Heiraten. Seine Freundin habe ihm gestanden, dass seine (scheinbar) arbeitslose Zeit nach dem Bachelor sie sehr belastet habe, und er am Lago Maggiore liegend im Urlaub von der Neuanstellung erfahren habe – mehr zum Glück seiner Freundin wegen. Er könne beim Lebensstil seiner Freundin denn auch mit seinem Job nicht mithalten, was einen latenten Druck in ihm ausübe. 

Die Schere des Frankfurter Seins illustriert sich an den beiden gut, und an ihren Geschichten. So habe sich die Empfangsdame in seiner Firma aktiv entschieden ihr Kind im Ost- statt im Westend auf die weiterführende Schule zu geben. Dem Druck, nicht die finanziellen Ressourcen der zugezogenen Reich-Westendern bieten zu können, war ihr zu hart. Denn die Kinder sind Abbilder ihrer Eltern. Ohne Hilfiger-Klamotten, iPhone 6s in der Bonbour-Jackentasche gehe dort nichts mehr. Da helfe auch nicht, dass sie schon 40 Jahre im Westend lebe – es sei eben nicht mehr dasselbe. Und so gehen beide gedanklich alle Kreise um Frankfurt durch und landen im Main-Taunus-Kreis – dem teuersten Deutschlands. So lassen sie das Thema ziehen und gehen über zur Weisheitszahn-OP des einen. 

Ungeachtet der Analogie ihrer jungen Erwartungen, die auf das Leben stoßen.

  

GEGEN RECHTS! Besorgte Bürger…äh Pack!

Wie Menschen einen abstoßen können.

Das was da grade in Freital (Sachsen) vor (sic!) dem ehem. Leonardo-Hotel abgeht, ist eine Frechheit!

Das sind keine „besorgten Bürger“, das sind Rechte! Die Bilder und Berichte erschrecken mich. Dieser auf Flüchtlinge projizierte Hass einer völlig übersättigten Personengruppe macht mich wütend und sprachlos.

Wie sich völlig unbeschwert lebende „Bürger“ über solch arme Menschen echauffieren können und sich dabei auch noch so unsäglich selbstgerecht generieren können, ist widerlich. Nichts anderes.

Dieses wütende „Bürgerpack“ würde ich gerne zurückschicken, aber leider wohnen die ja hier/ da, obwohl sie in diese freiheitlich-demokratische Republik nicht gehören.

Rechts ist immer böse und gilt es nicht zu tolerieren! 

 

Das kann man aber noch anders schreiben!

Über ungefragtes Feedback.

Es gibt ja nichts schlimmeres als ungefragtes und dabei immer so selbstgefällig wirkendes Feedback zu Themen oder Taten, die von der jeweils ungefragten Person gar nicht verstanden werden können, da in der Regel die betreffende Person gar nicht in der entsprechen den Materie ist.

Mir passierte es letztens: Ich wollte einer Bekannten zeigen, wie mein Artikelanfang im Redaktionssystem aussieht. Statt sich nun darauf zu beziehen, kam gleich „Das und das und das würde ich aber anders machen…“.

Ähm. Nein, danke!

Meine persönliche Meinung: Gleich und strikt und dennoch höflich sagen: Danke, aber nein, ich möchte kein Feedback. Und auch wenn das verwundertes Feedback ala „aber meine Ideen haben bisher immer geholfen…“. Das ist a) eine Schutzbehauptung ob der eigentlich enttarnten Unhöflichkeit, b) ist das Wort „Ideen“ so unpassender Vertretersprech und c) der jeweils Kritisierte hat sich sicher bei seiner Formulierung oder Vorgehensweise etwas gedacht. Warum glaubt denn jeder, er könne immer noch was dazu beitragen. Insbesondere wenn es bei der Präsentation um etwas ganz anderes ging.

Also für uns alle: Wir fragen vorab, ob wir Feedback geben dürfen und halten einfach mal den Mund zu Sachen, von denen wir nicht ein 1A-Wissen haben. Wird vieles einfacher machen!

Die Brille steht dir aber nicht…!

Über ungefragte Unhöflichkeiten.

Ich habe mir eine Brille gekauft, eine Sonnenbrille. Sie ist schwarz und regelrecht langweilig. Im Gegensatz zu meinem Zweitmodell, einem pinken Billigmodell, was durchgehend Bewunderung und Anerkennung ob des Tragemutes hervorruft, sorgt das biedere Modell für ungefragte Kritik.

Leute, lasst das bitte.

Klar, ich bin dieser Versuchung früher auch häufig verfallen, aber es ist nicht nett. Es wist nicht nötig. Es hilft nicht.

Derjenige muss sich doch wohl fühlen und wenn er es doch schön findet (was sehr anzunehmen ist), lasst es ihn bitte tragen. Eure Meinung: Unwichtig.

Es ist Zeit zu schweigen. Und zu gönnen.

 

Das besagte Modell
  
Das pinke Modell
 

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