Volker Weidermanns Schriftsteller-Bibel

Volker Weidermann ist der Schriftstellerflüsterer – um in populären Kinotiteln zu beginnen. Weiter entfernt davon kann es allerdings nicht sein, wen er da portraitiert: Das fucking Who is Who der Schriftstellerelite. Die Liste der Schriftsteller*innen auf der Rückseite des schön ausgestatteten Bandes von KiWi liest sich wie ein Wunschzettel für jeden literarisch interessierten Journalisten.

Vorworte sind meist so lame, dass kein Mensch diese lesen will. Hier jedoch lässt der Verlag nicht irgendeinen Buddy von Weidermann salbvolle Worte sagen, die keinen interessieren, sondern lässt ihn ausführlich erklären, wie er die schreibenden Eremiten getroffen hat. Meist ohne Tonband, oft ohne schriftliche Notizen.

Ob man in ihr Arbeitszimmer runtergehe und ein straffes Interview mache oder sie gemeinsam mit Ehemann oben im Wohnzimmer bliebe und zu Dritt plaudere, fragt ihn die Schriftstellerin Gabriele Wohmann. Natürlich entscheidet sich Weidermann für die Plaudervariante, bietet sie doch wirklich immer mehr Entfaltungs- und Interaktionsmöglichkeiten als ein sturer vis-a-vis Talk. Um seine Merkfähigkeiten ist er zu beneiden.

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Ein Blick durch einen zeitlich und menschlich begrenzte Sichtzone. — Dieses Bild ist durch Zufall entstanden: Ich habe das iPhone mit „offener“ Kamera auf den Tisch des Cafés gelegt. Und dann einen Screenshot gemacht.

Die Längen der Stücke unterscheiden sich deutlich, die Stärken -logischerweise- auch. Moritz von Uslar begleitet er 2010 zur Lesung seines Buches „Deutschboden“ in das Dorf, welches die Matritze für seine Beschreibungsliteratur deutscher Provinz diente. Wider Erwarten wird es keine Hassabrechnung der Einwohner mit dem Berlin-Mitte-Schreiber.

Die Zweitverwertung von Texten in einem Buch wird gerne mal etwas verächtlich gesehen, aber zum einen habe ich Weidermanns Texte nie bewusst im SPIEGEL gelesen (dazu lese ich ihn zu unregelmäßig) und auch in diesem Buch beweist sich die Kraft, die ich in der Rezension zu von Uslars gesammelten Kolumnen „Auf ein Frühstücksei mit…“ beschreibe. Das Konvolut gibt in komprimierter Form eine vergleichbare Stärke, ein Buch wie ein verlängerter Cortado. Es wird eine konturierte Kraterlandschaft menschlichen Daseins. Dabei treffen zwei kraterhafte Oberflächen aufeinander: Die des Schriftstellers und die des Portraitierenden.

Als der Journalist die Autorin Karen Duve im Nirgendwo an einer norddeutschen Küste besucht, muss er sich zitternd von dem überagilen Hund Duves erholen. Mit Handke spaziert er und wird von diesem väterlich geleitet, nicht überfahren zu werden. Um ihn dann am Ende wieder seine mädchenhafte Erscheinung zu beschreiben.

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Das nennt man dann das Who is Who.

Schreiben, was ist, forderte Rudolf Augstein. Und so lässt Weidermann sich in seine Texte nicht reinpfuschen von allzu auf die Aussenwirkung bedachten Schreibern. Maximal die wörtlichen Zitate lässt er sich autorisieren. Nur bei Johannes Mario Simmel war es anders. Der im weit vorgerückten Alter getroffene und von der Öffentlichkeit vergessene Simmel bekam seinen Text am Telefon vorgelesen (naja, eher vorgeschrien), um dann weit vor Ende abzubrechen: „Sie haben mich als Leiche gezeichnet.“ – Ja, merkt auch Weidermann matt zu sich selbst an, habe er, weil es so war. Indes ist Simmel außer sich vor Freude, wie beherzt sein ehemaliges Umfeld auf den Text reagiert: Er bekommt Blumen von Iris Berben, sein Verleger rief ihn an. Und doch sieht Weidermann das eher als Bestätigung seiner These, als schlechtes Gewissen des sich still und leise entfernt habenden Umfeld Simmels.

Er komme nicht als Kritiker und wolle Geheimnisse nicht lüften, sondern bewahren. Einmal beim Zaubern dabei sein, dem Künstler einen Raum bieten, sich selbst zu sehen. Volker Weidermanns Maxime funktioniert in vielerlei Arten von Stücken, doch immer merkt man seine Zuneigung und die Arbeit. Denn das, was hier so locker hingeschrieben zu sein scheint auf vergleichsweise wenigen Seiten, ist harte Arbeit. Beziehungsarbeit. Menschen hohen Intellekts und Gespürs, welches alle Portraitierten vereint, müssen für sich gewonnen werden, es muss eine Ebene hergestellt werden. Und das mit viel mehr als mit banalen Worten und einem Termin. Man benötigt händeringend eine Stimmung. Egal in welchem Timbre, aber die Stimmung muss da sein und Kontur haben. Alles andere kann man sonst durch den Shredder jagen.

Dieses Buch ist für mich ein must have für den, der sich für den Literaturbetrieb interessiert. Es gehört in die Kategorie zu Herlinde Koelbls „Im Schreiben zuhaus“ oder Corinna Belz´Film über Peter Handkes Schaffen „Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte“.

Einziges Verbesserungspotential sehe ich im Platz: Leerseiten zwischen den Portaits. Den Texten Luft geben, dem Leser Luft geben, sich zu sammeln für das nächste Leben. Denn diese Texte beschreiben nicht weniger als einen ganzen Menschen.

Und jeder Mensch hat das verdient. Einen Platz für sich.

Volker Weidermann: Dichtertreffen ist erschienen bei KiWi

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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Gelesen im Crumble, Frankfurt.
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