Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg

Das erste Mal von Ernst Jandl las ich im Interviewband von Iris Radisch. Ihre gesammelten Interviews im Lebensabend von literarischen und kulturellen Persönlichkeiten enthält auch eines mit der österreichischen Schriftstellerin Friederike Mayröcker (inzwischen über 90). Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 lebten Mayröcker und Jandl zusammen, aber nicht in einer Wohnung. Mayröcker bewohnt bis heute beide Wohnung in einem Mietshaus in Wien. Beide Wohnung gehen nun in Zettelkonvoluten unter, wofür die Schriftstellerin berühmt ist. Ganz im Gegenteil zu Jandl, der der Ordnung zugewandt war.

„Ewig lebt, wer nie gelebt hat“ steht auf einer Kunstpostkarte in Jandls Handschrift von Gerhard C. Krischka aus Bamberg. Diese kurze Passage ist aus Jandls „Peter und die Kuh“ entnommen (Luchterhand, 1997). Und Jandl hat Recht, denn das er überhaupt lebt, ist purer Zufall, Schicksal oder wie man sagen möchte. Denn Jandl, Jahrgang 1925, hat den Zweiten Weltkrieg als Soldat überlebt. Mit knapp 18 ging es für ihn los in Uniform.

Das muss man sich unter heutigen Bedingungen mit Helikoptereltern und SUVs mal vorstellen! Seinem 1973 verstorbenen Vater Viktor Jandl ist zu verdanken, dass überhaupt Briefe aus dieser Zeit erhalten sind. Denn Jandl, so wie auch seine Mutter und andere Verwandten, schmissen die Briefe hinfort (aktiv oder passiv; Jandl konnte sie wahrscheinlich nicht alle an der Front aufbewahren?). So sind also nur Briefe von Jandl an seinen verehrten Vater erhalten geblieben und auch das mit zeitweise erheblichen Lücken. Einig ist man sich nicht, es wird aber angenommen, dass es Passagen mit höherer Korrespondenzdichte gab und geringerer. Dennoch sind Pausen von fast einem Jahr eher unwahrscheinlich.

Die Briefe selbst sind von gleichem Schreibduktus, manche sind als Faksimile abgedruckt und geben einen Eindruck vom Aussehen Jandls Korrespondenz. Die Frage um Urlaub, Aufenthalt zu Hause zu Weihnachten, die Karriere und Zermürbung in Lehrgängen, die Sorge um die Familie, der Aufenthalt als Kriegsgefangener. Und: die immer wiederkehrenden Fragen nach Zigaretten, Alkohol, Büchern, Landkarten und dringlichster Wäsche.

Als das mit unter 20 Jahren.
Jandl wusste also wirklich: Wer ewig lebt, hat wohl wirklich nie gelebt.

Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946 erschienen bei Luchterhand/ Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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