Wahlparty #BTW17

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Stille

Wir brauchen sie, um nicht verrückt zu werden. Wir verachten sie, weil sie uns verrückt macht. Wir benötigen sie, wenn wir sie am wenigsten bekommen können. Und wir treten sie, weil wir sie nicht achten.

 

 

 

 

 

 

 

Stille.

 

 

 

Was ist Stille?

 

Ich weiß es nicht.
Der Autor auch nicht.

Aber er weiß etwas.

 

— dass wir sie brauchen. Dringend. Mehr. Wieder. Bewusster.

 

Der Lärm nimmt von uns Besitz, wird immer selbstredender. Lärm nicht nur in Dezibel. In Licht, Schatten, Blinken. Ansprache.

Alles, so übergriffig, ohne Distanz, mit immer währender Dringlichkeit.

Erdrückend. Erstickend ohne Atemnot.

 

Der norwegische Autor, der Rechtsanwalt, Verleger und Extremsportler wurde von der Welt wie wir sie kennen fast erdrückt. Er rannte um sein Leben und fand es im Extremsport. Doch das eine verdrängt dabei das andere.

 

Pest, Cholera. Menschenmengen wie Schneemengen.

 

In diesem leisen Buch in fast Steidl-artiger Produktion mit leisen Bilder von u.a Ed Ruscha (sehr Steidl-like) versucht Kagge 33 Versuche über die Stille.

 

 

 

Und die gelingen ihm. Das Buch gelingt und ist im stillen Einklang mit der Aufmachung. Den Bildern, dem glatten, dicken Papier.

 

Und es ist subtil.

 

Der Umschlag weiß, nur Schrift. Wenn Sie den Einband heben ist sie weg.

 

 

 

……..Wer?

 

 

 

Sie.

 

 

 

 

 

 

 

Die Stille.

 

 

 

Erling Kagge: Stille – Ein Wegweiser, Insel Verlag

 

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rom, Villa Massimo

Der Augenblick verweile auch in der schönsten Umgebung nicht, schreibt Eva Sichelschmidt (Rezension ihres Debüts hier). Und sie muss es wissen. Seit mehreren Jahren pendelt sie zwischen Berlin und Rom mit ihrem Mann, dem Lyriker Durs Grünbein. In ihrem kürzlich erschienen Artikel aus Rom, beschreibt sie mehrere Orte der italienischen Oase des urbanen la dolce vita. Und als erstes: Die Villa Massimo.

Eine deutsche Enklave mitten in Rom. Eine Künstlersiedlung, die Stipendien vergibt und die Künstler für fast ein Jahr aufnimmt, ihnen einen monatliche Apanage zahlt und sie einfach machen lässt. Ausgehend von Bildenden Künstlern, wirken die aneinandergereihten Studios für Schriftsteller beinahe überdimensioniert. Mit großen Fensterfronten und damit viel Licht, der die Studios flutet. Eingebettet in beste Gartenatmosphäre, nichts zu sehen vom Straßenlärm der Großstadt.

Hanns-Josef Ortheil wirkt wie ein typisch näselnder Schriftsteller, der gern in seiner Kammer sitzt und schreibt. Aber er wirkt nicht nur so, er ist es auch. Dabei ist er gerne etwas selbstreferentiell, er lässt den Leser an seinem Leben und Wirken als Autor teilhaben. Mal in eigener Person, mal in einem alter ego.

Sein alter ego im vorliegenden Buch ist der Wuppertaler Lyriker Peter Ka, 35 Jahre alt, bettelarm und dennoch einigermaßen zufrieden mit seiner Situation und seinem Wohnort. Hier schließt sich der Kreis. Auch Sichelschmidt, wie Ka, kommen aus Wuppertal. Doch für Sichelschmidt stand schnell fest, dass sie dort nur wegwill. Nach Berlin. Für den lethargischen Ka ist das keine Option, er rastet in seiner rastschwangeren Art der gelebten Armut. Alles für die Kunst.

Ortheil lässt seine Doublette also nach kurzer Einführung in Rom ein Stpendium antreten. Was wirklich schön geriet sind die Erlebnisse, die Peter Ka alleine durchlebt. Wie er sein Atelier betritt, den Kontakt zu Dritten meidet, das Uve e Forme entdeckt, sich durch Käse und Wein schmaust und seine Gedanken collagiert. So hätte es für mich weitergehen können, die anderen Künstler des Jahrgangs hätten noch farbloser werden können, blieben die Beschreibungen des Seins im Umfeld der Villa gleich. Doch leider führt Ortheil die Malerin aus Studio X ein, um der ganzen Storyline doch eine rechtfertigende Verlaufskurve der unerfüllten Liebe zu einer strangen Frau anzugedeihen. Es tut nicht weiter weh, hätte aber auch fehlen dürfen. Ich bin von Handke verwöhnt, das Erleben auf die Innenwelt der Außenwelt des Autors zu beschränkt zu erlesen.

Doch dennoch, es ist eine Lektüre für zwei lange Cortados bei schönem Wetter im Café.

Als btb-Taschenbuch erschienen: Hanns-Josef Ortheil, Rom Villa Massimo

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Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

Gott hat gesprochen: Bernhard Heinzlmaier im Interview

Hörtipp: Chris Rea mit The Road to Hell

Mein verehrter Bernhard Heinzlmaier schafft es, in diesem Interview die gesamte gesellschaftliche Fassade in kurzen Hauptsätzen zugrunde zu richten. Und so, dass man auch zwischendurch lachen muss. Aus Verzweiflung? Aus Erlösung der Verbalisierung alles Verschwiegenem wegen?

Heinzlmaier ist grandios! Und er ist viel mehr, als er sich hier darstellt. Ein Philosoph. Ein Gesellschaftsdeuter. Ein brillanter Analytiker mit hohem Grad der realistischen Betrachtung von Tatsächlichkeiten, die so kollektiv entverbalisiert sind, dass seine Feststellungen prickeln und bei dem gemeinen Menschen eine herbe Abwehrreaktion, ja sogar eine Unfähigkeit zur nicht-Anerkennung auslösen.

Er spricht über die aktuelle Jugend, die so farblos, so angepasst ist, dass sie untergeht in den Mühlen des ohnehin perversen Neoliberalismus, seine Genese aus schwerster Schulzeit und den Blick auf das Leben, wenn man berufsalltäglich mit der Jugend zu tun hat. Und, warum Institutionen kategorisch zu misstrauen ist.

Ehrlich, sachlich, persönlich. Ich ehre diesen Mann dafür; er ist mir Vorbild.

Lesen Sie das Interview aus März 2017 mit Bernhard Heinzlmaier in der Wiener Zeitung hier.

Fotocredit: Büro Bernhard Heinzlmaier/Fotostudio Wilke

Es geht weiter! #BeFriedman

Was erfährt man so in der Kantine des Gorki-Theaters, wenn man einen dieser Weißweine trinkt, die nie schmeckten, wenn es nicht so nett wäre?

Michel Friedman macht mit seiner Gesprächsreihe weiter! Und zwar in Berlin. Oliver Reese wechselte zur neuen Spielzeit nach Berlin, ans BE. Nein, das ist keine Broteinheit, sondern das Berliner Ensemble. Für alle Nickelbrillen und Poncho tragenden Kulturbürger der wachsenden Hauptstadt ein fester Begriff. Und wie ich nun erfuhr, und wie man auch nachgooglen kann, ist Friedman nun auch dabei. Sowieso öfter in Berlin weilend wegen der Aufzeichnung seiner N24-Sendung Studio Friedman, kann er nun eine weitere kulturell-journalistische Tätigkeit in der von ihm gemochten Hauptstadt verbuchen. Unter dem Hashtag #BEFriedman, was ich natürlich gerne als „be Friedman“ auslege, geht es ab 25. September los. Dann mit keinem geringeren als Joschka Fischer. Auch in Frankfurt war ein Grüner sein erster Gast: Jürgen Trittin, damals zum Thema KRIEG! Mit dem ex-Vizekanzler wird Friedman nun über Europa! sprechen. Nicht mehr in Versalien, aber immer noch mit Ausrufezeichen.

2013 sagte Friedman in einem Interview mit der FAZ, er fliege richtig gerne nach Berlin, komme aber noch lieber nach Frankfurt zurück. Wir hoffen mal, das bleibt so!

Dem BE und Herrn Friedman toi, toi, toi, in der Hoffnung, es gibt wieder Audiotakes zum Nachhören.

Hier geht es zur Veranstaltung auf der BE-Website

Leider musste ich erfahren, dass die Audiotakes aus Frankfurt, nicht mehr verfügbar sind.

Beitragsbild: Screenshot BE-Website, 11.09.2017

 

 

 

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Die Wege eines Lesers zu einer Autorin sind unergründlich. Andersrum genauso. Ich hätte nicht wirklich beherzt zugegriffen, würde ich die Gardam nicht schon kennen.

Tipps von Dritten, was man lesen sollte, kann man in der Regel getrost vergessen. Alle Schattenspiele in Buchhandlungen, man habe eine Freundin und aus dem Anlass Y,Y,Z bräuchte man jetzt einen schönen Klassiker und sie lese doch so gern, usw. Da gebe ich -ungefragt- einen Tipp: Nehmen Sie die Geldscheine und holen nen´anständigen Sekt und stoßen an (wahlweise auch guter O-Saft!) oder schmeißen das Geld über eine Ihrer Schultern. Es bringt nichts. Diese Bücher werden nicht gelesen. Nett gemeint, keiner wird Ihnen was anderes sagen, aber das ganze ist von vornherein eine frustrane Aktion. Lesegeschmack können nur wenige Menschen fühlen und diese müssen dann schon aktuell sehr nahe der Person sein, die da beglückt werden soll. Schnittmenge gen Null strebend.

Aber, auch das passiert, manchmal passt es. So kam ich nämlich zu der Gardam. Die inzwischen schon bald die neunzig (!) passierende Autorin erinnert mich an die fiktive Jessica Fletcher, dargestellt von Angela Lansbury, die in Mord ist ihr Hobby als Krimiautorin Kriminalfälle löst. Der Knoten zum Schreiben hat sich bei Gardam übrigens sehr spät gelöst. Erst mit 40, ihr drittes und letztes Kind schulpflichtig wissend, ließ sie sich hinsetzen und stetig neue, erfolgreiche Bücher veröffentlichen.

Wie kam ich nun zur Gardam. Marina Krauth, Geschäftsführerin der Buchhandlung Felix Jud aus Hamburg, schenkte mir eine liebevoll gestaltete Kurzgeschichte. Die Autorin sagte mir nix, aber das sagt auch nix aus. Was mich aber fesselte, dass Gardam einen Schreibfluss hat, als wenn man mit ihr am Kamin sitzt, Earl Grey mit frischer Zitrone dampft und das Feuer lässt das Brennholz knistern. So lag ich auf Sylt an einem viel zu kalten Strand, der Wind riss wechselhaft an meinen Sachen, der Sand krächzte zwischen den Seiten und ich las und las. Und las fertig. Warum ich das Buch bekam damals, das lesen Sie hier. Oder später…

Ihr Motiv ändert sich dabei wenig, es ist das englische Großbürgertum mit einem immer leicht spöttischen Einschlag, mit Malaisen, mit unter den guten englischen Teppich gekehrten Problem. Bereits 2004 erschien in Großbritannien das vorliegende Werk, Der untadelige Mann“. 2015 folgte bei Hanser die Übersetzung, welche nun bei dtv als Taschenbuch erschienen ist. Und wieder ist es der Erzählfluss, den dieser Text so charakterlich stark macht. Er fließt.

Den Dank muss man aber hier ganz bewusst nicht nur an die Autorin richten, sondern auch an die begnadete Übersetzerin Isabel Bogdan aus Hamburg. Denn sie schaffte eine Übersetzung, die keine Lust auf die Originalversion macht. Und das ist in Ordnung! Wie viele Menschen quälen sich, Filme, Serien, Bücher im OV zu verstehen und verstehen gar nur die Hälfte. Aber schick ist es! Allerorten darf ich mir diesen Unsinn anhören. Sie können sich denken, warum in Filmen mit OV und ohne Untertitel weniger gelacht wird: die Leute raffen weniger. Aber Hauptsache immer einen auf Kosmopolit machen. Dass Dummheit eben nicht kosmopolitisch ist und diplomatisches Geschick auf verstehen können beruht, entgleitet den ideologischen Nomaden. Die dabei entstehende dogmatische Ader und Abwertung aller nicht-OV´ler vergessen sie wie die nötigen Untertitel. Aber, liebe Leser! Wir schweifen ab!

Kommen wir zurück. Die ZEIT, in persona Susanne Meyer, überschrieb ihre Rezension mit „Tttttttttoll!“ Ich habe die verwendeten T´s nachgezählt. Es sind 9. Ob das einer neuen Sternebewertung gleichkommt, gilt es zu validieren. Nichtsdestotrotz hat Meyer mit ihrer Lobeshymne recht. Grazil und kuschelig zugleich kommt Gardam mit ihrem Protagonisten, Old Filth, daher. Ein lieber alter Witwer, ehemals erfolgreicher Anwalt in Hongkong als es noch dem Empire hörig war. Daher auch sein Spitzname Filth: Failed in London try Hongkong. Seine liebe Frau vermissend und sich der Tatsache ausgesetzt, dass ein Landhaus weiter sein früherer Erzrivale einzieht. Beide inzwischen nicht mehr ganz physisch auf der Glanzhöhe. Doch das alles nur Fassade für die Einleitung in die Geschichte des Ehepaares, welches viele schmutzige Tiefen erlebt und vergraben hat. Als Anwalt des Empire hat er für Recht gesorgt, doch wessen Recht das war, ist retrospektiv fraglich. Der Tod seiner Frau beim Tulpenpflanzen, der unklarer wird, so mehr Seiten dahingehen.

Die Einleitung dient wirklich nur der Anbahnung des Rückblicks in die Geschichte von Edward Feathers und seiner Frau Betty. Beide sind Raj-Waisen, Zwangsverschiffte Kindern aus den Kolonien, die in oft kalte und brutale Pflegefamilien integriert wurden und alles erlebten, aber keine Kindheit. John Grisham ließ seinen Durchbruch „Die Firma“ in der Front Street spielen, was so viel heißt wie Fassaden-Straße. Dort bricht die tadellos scheinende Anwaltskanzlei zu einem verlängerten Arm der Mafia durch und auch das so distinguiert-britische Ehepaar hat einige Colliers und Krisen vergraben.

Gardam legt einen sprachlich-inhaltlichen Teppich aus, um ihm den Leser dann doch etwas ruppig wieder wegzuziehen. Denn die romantische Winternummer eines älteren Herren, wer würde die nicht gern als absolut nehmen?

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, erschienen bei dtv

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Bauhaus Reisebuch

Es gibt Dinge, die prägen einen mehr als so manche Schulstunde. Es war eine Ausstellung 1999 über das Bauhaus an der Fachhochschule Hannover. Es folgte zuhause ein Plakat der Bauhaus-Ausstellung 1923 in Weimar. Dieses Plakat ist meine immer während erste Assoziation bei der Bewegung des Bauhaus´ (sehen Sie hierzu S. 25 links). Die zweite Erinnerung an Bauhaus ist nur mittelbar. Ich verschlang regelrecht das stern-Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Diese Kinder, kaum älter als ich damals, agierten wie scheinbare Erwachsene, hingen in den dunkelsten Ecken des Bahnhofs herum und konsumierten doch wirklich Drogen. Christiane zog, und nun schließt sich der Kreis, in die Gropiusstadt. Daher war mir der Name durchaus geläufig; dass dies der Gründungsdirektor des Bauhaus´war, aber lange nicht.

Bei Bauhaus denken viele Menschen nur an die bekannte Heimwerkermarktkette. Auch nicht so ganz falsch, denn das Errichten und Bauen gehören nun unweigerlich auch zu der Bauhaus-Geschichte ohne den Baumarkt. Das Bauhaus feiert 2019 sein hundertjähriges Gründungsjahr, nicht seinen Geburtstag. Es wurde ein Opfer der Umstände. 1919 in Weimar gegründet, zog es weiter nach Dessau im Jahr 1925 und wurde 1933 unter dem Druck des Nazi-Regimes geschlossen.

Was ist aber Bauhaus, so ganz genau? Bis zu dem Buch konnte ich auch nur vage antworten. Architektur, Gestaltung, Maler wie mein geliebter Paul Klee, der auch irgendwie zur Clique gehörte. Aufbruchstimmung, neue Formen, Möbel, Lebensform? Irgendwie doch alles. — Und das stimmt! Es ging um alle Formen der Gestaltung. Des Lebens, des Wohnens, des Arbeitens, der Interaktion von Mensch und Möbel. Dass das Bauhaus eine Hochschule für Gestaltung war, mit dem nachhallenden Nimbus eines Epochenbegriffs, war mir nicht klar. Ich sah es eher als Stilrichtung, als reaktionäre Bewegung. Der institutionelle Teil, die Hochschule, war nur 14 Jahre aktiv und zählt nur 1.250 Schülerinnen und Schüler. Welch´lächerliche Zahl in Anbetracht der Tatsache, welch´ unglaubliche Spuren diese Bewegung hinter sich ließ. Wie modern, wegweisend und puristisch sie daherkam und noch immer ist.

Gründungsdirektor Walter Gropius legt ein Manifest vor, in dem er mit dem Aufruf endet: „Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.“

Wenn man sich auf Seite 46/47 den modernen Bungalow anschaut oder auf Seite 153 das „Historische Arbeitsamt“ wirken die Zeitläufe in sich verschränkt, die Gebäude verlassen und doch modern. Wo sind die Menschen, die dieses aus der damaligen Zeit gefallene gestaltet haben? Sie sind verschieden, und doch wussten sie damals schon, was uns heute gefallen wird.

Sich mit Bauhaus beschäftigen bedeutet, an verschiedenen Orten erkunden müssen zu wollen. Das Reisebuch nimmt die Hürde des physischen Reisens und lässt einen durch die Gewerke in Weimar, Dessau und Berlin wandeln. Das hohe schmale Format wirkt bauhäusisch, die dicke bauchige Schrift auch. Es hat eine Stimmigkeit und dennoch hätte man den Seiten mehr Atmung gegönnt. Den Texten mehr Weißfläche. Ein größeres Format hätte gut getan. Denn das Bauhaus und seine Schüler*innen haben etwas zu sagen. Für immer.

Bauhaus Reisebuch – erschienen bei Prestel

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Ohne Schwung kein Leben. Ijoma Mangolds Erinnerungen

Wer sich in die Gefahr begibt, kommt darin um. Menschen, die am Herd stehen, aber nicht selber kochen, sind dazu geneigt, irgendwann selbst die Herausforderung zu suchen, ein Gericht zu zaubern. Denn bei jedweder Herstellung ist immer ein Quäntchen Zauber dabei. Nichts, was ein Rezept beinhalten könnte. So und vor allem auch beim Schreiben.

Ijoma Mangold steht in exponierter Stelle am Herd der Literatur und begutachtet als Verantwortlicher im Bereich des Feuilletons die Literatur. Das ist seine Profession, das hat er studiert. Beschreiben, beurteilen, bewerten. Er hat es weit gebracht, das Feuilleton der ZEIT hat noch Relevanz im sterbenden Zeitungsmarkt. Mit 46 Jahren hat er damit eine respektable Position erreicht und könnte in selbiger zufrieden sein. War er aber nicht. Es juckt sie immer, sagte mir vor kurzem eine Autorin über Journalisten, die dann doch das Schriftstellerische reizt. Mangolds Chefredakteur di Lorenzo beklagt mit leichter Jovialität seinen Autoren immer den Schriftstellerdrang austreiben zu müssen. Klappen tut das nur bedingt, wenn man sich Henning Sußebach, Bernd Ulrich und nun auch Ijoma Mangold anschaut.

Insbesondere bei einem Literaturkritiker ist die Fallhöhe aber exorbitant. Der der immer die Finger in die Wunden legt, der will nun also mitmischen. 1999 legte Reich-Ranicki seine Erinnerungen vor – ein Beststeller. Doch, war es ein Bestseller ob der schriftstellerischen Brillanz, der alles verkaufenden Marke Reich-Ranicki, oder des unglaublichen Lebensverlaufs? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Oder auch nicht.

Mangold jedenfalls legt bei den von ZEIT-Journalisten beliebten Verlag Rowohlt seine „Geschichte“ vor; Erinnerungen wären dann für einen Sechsunvierzigjährigen doch etwas grotesk geworden, obwohl das Erinnern zurzeit ein literarischer Sport ist.
Auf 340 Seiten legt er sein Leben dar, von Kindheit bis zum Tode seiner beiden Eltern 2010 und 2011 und der anschließenden Rekapitulierung seines Lebensweges.

Die Fragen sind immer: Wer will das lesen? Würde es auch jemand lesen bzw. verlegen, wenn es eben nicht Ijoma Mangold von der ZEIT wäre? Man kann das genau so wenig beantworten, wie die Frage nach Huhn und Ei. Man kann es aber auch vergeigen. Der pensionierte Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier legte sein Debüt im Form eines Romans über die Zeitungswelt vor. In dritter Person und wiederkehrender inhaltlicher Dynamik reüssiert er über die journalistische Welt. Und es ist grässlich langweilig zu lesen.

Diese Erinnerung durchzuckte mich, als ich von Mangolds Buch erfuhr. Der von mir geschätzte Journalist, hoffentlich baut er sich nicht an der eigenen Peinlichkeitsskala! Entblößungen des Privatlebens haben im ebenfalls untergehenden Fernsehen Hochkonjunktur, doch folglich kommt es gerne zu einem Schamkater, wie Psychologe Micha Hilgers einmal anbrachte. Erst hinterher würden die Personen sich erst im Klaren, was sie da alles offenbarten.

Mangold ist Kind einer deutschen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und eines nigerianischen Arztes. Eine verworrene Familiengeschichte, den Vater lernte er erst 1993 mit 22 Jahren kennen; er spielte vorher keine Rolle in seinem Leben, er sollte es auch gar nicht. Kennenlernen nicht vonnöten. Die üblichen Probleme der Integration passieren Mangold glücklicherweise nicht, vielleicht auch, weil er, wie er selbst befürchtet, überassimiliert daherkam. Deutscher als ein Deutscher. Das Stigma seines Lebens sei die Zuneigung zu Thomas Mann und Richard Wagner gewesen. Sie habe ihn zum Sonderling gemacht, dennoch er sich durch eben diese beiden besser verstanden fühlte, als durch seine Altersgenossen.

Mangolds Kindheitserinnerungen kommen in dritter Person daher. „Der Junge“ erlebt bis Seite 66 seine behütete Jugend im Heidelberger Raum in einer „Rumpffamilie“. Sie müsse ihn zu allem zwingen, denn die Schwäche der Mutter forderte seinen Trotz heraus. Sie sind eine Zwangsgemeinschaft. Seine Abneigung gegen Freud ist spürbar; seine Mutter lebt ihre Praxisarbeit auch im Umgang mit dem Jungen. Die Psychoanalyse immunisiere sich gegen jede Falsifizierung.

Der Trotz bleibt: Der Vereinnahmung seiner wiederentdeckten nigerianischen Familienseite wehrt er sich stetig: Ich möchte doch nicht aus Gruppendruck gläubig sein! Gegen irrationale Autoritäten (Fromm, E.) hat er etwas, das will er nicht. Bis heute.

Die frühen Kindheitserinnerungen können dem Leser zuweilen leichte Fremdschamgefühle beifügen, die kurzen assoziativen Geschichten sind neckisch, aber doch nicht geschichtsprägend. Viel spannender sind die späten Kapitel über das Ende seiner Eltern, die Erschließung von Briefen seiner Eltern und die damit verbundene Erkenntnis, dass doch nicht alles so war, wie er es sich selbst jahrzehntelang suggerierte.

Es bleibt eine unzufriedene Unruhe, eines zurückgebliebenen, der eine eben niemals wirklich fassbare Familiengeschichte erlebte und sich vorwirft, zu Lebzeiten nicht hartnäckiger nachgefragt zu haben. Die Frage ist nur: Hätte es was gebracht?

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte erschienen bei Rowohlt

Ich danke dem Verlag, ich erhalte kein Honorar.

 

 

 

 

 

 

 

 

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