Rezension: die taugenichtse

Hörtipp: Al Stewart: On The Border

Wir sitzen samstags im Café, ich und meine Männerrunde. Wir rauchen Zigarren und versuchen dabei nicht so zu sein, wie Männer, die Zigarre rauchen. Ich zumindest vor allem. Was mich nicht loben soll, sondern eher beschreiben.

Meine Runde ist politisch durchmischt, doch eher mischt sie sich um Konservative. Ich bin der Rote, der Linke, der „Kommunist“. Die Sicht bestimmt die Wahrnehmung, die politische und kosmopolitische Erfahrung ebenso. Und so sitzen wir im Café und mein einer Bekannter stößt mitten im Gespräch aus „Oh, schaut, wir sind in der Unterzahl!“ – ich schaue ihn an, antworte: „Hä, heute sind doch alle mal gekommen?“, und meine damit unseren erweiterten Besuchskreis aus Zigarrenrauchern. Er hingegen raunte dies ob der beiden Nebentische an denen Paare mit Kopftüchern und Vollbart sitzen. „Ja, das sind Touristen, und auch wenn nicht?!“.

Meinen Bekannten beruhigt das nur mäßig und dann doch wieder mehr, denn die Touri-Definition war ihm gar nicht aufgefallen. Nichtsdestotrotz müssen Menschen nicht Touristen sein, um sein zu dürfen! Die Divergenz zwischen seinem Einsamkeitserlebnis und meine Nicht-Wahrnehmung zeigt, wie wichtig es ist, in der Jugend schon multikulturell erzogen zu werden und fremde Länder zu sehen – außerhalb von Poollandschaften. Dann lernt man nämlich, dass in Minderzahl zu sein auf die meisten Orte dieser Welt zutrifft und dieses Gefühl auszuhalten und nicht in eine Art reflexhaften Verteidigungskampf zu gleiten, eine grundgütige und nötige Gabe ist.
Denn Anderssein ist normal, Fremdsein auch. Doch das fehlt hierzulande Menschen, die in ihrer Lokalbubble schwofen und maximal in das touristische Gehege Mallorcas „ausbrechen“, um dann doch alles zu finden, wie es sich der Landsmann eben so wünscht. Abwechslung unerwünscht, Einheimische auch gerne nicht und dann dieses fettige Essen! Gerhart Polt setzte dieser Spezies deutscher Urlaub „Man spricht Deutsh“ 1987 ein filmisches Denkmal.

Unverhofft kommt manchmal doch. So erblickte in meiner Packstation letztens ein Buch das Licht der Lesewelt, als ich es gar nicht erwartete, ja nichtmal wusste, es bestellt zu haben. Nun habe ich die Dreißiger Schallmauer doch durchschlagen und zweifele manchmal an meinen kognitiven Fähigkeiten, oder besser: den mnestischen.
Helmut Schmidt war übrigens zu Beginn seiner Autorenkarriere dabei nicht so erfolgreich und erkundigte sich in seinem Umfeld aktiv danach, wie man sich denn so viele Eindrücke merken könne. Jeder fängt mal kleiner an, auch ein ehemaliger Bundeskanzler /lesen Sie hierzu: Karlauf, Thomas: Helmut Schmidt – die späten Jahre/.
Aber lassen wir das. Ich entriss dem Buch seine papiernen Kleider und erblickte ein buntes, gebundenes Buch von dtv. Der mir wohlgesonnene und herzliche Verlagsmitarbeiter Z. schickte mir dieses zusammen mit einem handgeschriebenen Brief, welcher eine Replik auf meinen Brief war. Nun also verschmolz Brief und Geschenk in einem. Wie nett!

Der Verlag bewirbt das Buch mit seiner Aktualität und ich dachte mir nichts bei, sah in die freundlichen braunen Augen des Autors mit Bart und Strickpulli in schwarz-weiß und las bei Thong Thai in Frankfurt mit vollem Bauch los. Die Szene am Bahnhof erliegt einem Lachen, wenn man sich seiner eigenen agitierten Verwandschaft schon einmal schämen musste, der Text fließt und zeichnet ein Bild, was wirklich aktueller nicht sein könnte: junge Männer werden aus der Karibik in eine Welt geschwemmt, die fremder nicht sein könnte, in der sie sich zurecht finden, behaupten müssen und dann noch ihren verehrten und geliebten Anhang, eine Großfamilie, mit Informationen und Devisen versorgen sollen. Und mit dem Versprechen der erlebten Glückseligkeit. Genug Anlass zur Enttäuschung und kreisender Erregung diverser Familienmitglieder und Nachbarn zuhause. Und vom Wetter in London, den Eigenschaften der Inselbewohner und dem Gefühl doch niemals anzukommen, wollen wir nicht schreiben, sondern lesen.

Und ich denke mir nichts böses und sinniere, wie es wohl wäre, den Autor Samuel Selvon zu interviewen. Doch mein Begehr wird schnell bei Sichtung des Wikipedia-Eintrags zunichte gemacht, denn Selvon ist seit 1994 tot. Und umso ergreifender ist die Tatsache, dass sich an Emotionen, Erleben, Ängsten, Nöten nichts geändert zu haben scheint. Nur der Drang in eine andere, bessere, idealisierte Welt ist die Triebfeder mit Sack und ohne Pack durch Meere Wege aufzunehmen, die ein von Pommes verfetteter Deutscher sich nicht annähernd imaginieren kann. Das Buch kommt daher umso besser nun auf Deutsch daher, da es eine Vorahnung auf das geben wird, was jetzige Flüchtlinge „on duty“ erleiden müssen und uns eines Tages berichten werden.

Samuel Selvon, die taugenichtse ist erschienen bei dtv als gebundenes Buch

Ich danke dtv und insbesondere Z. für die freundliche Aufmerksamkeit.

Die Übersetzerin Miriam Mandelkow im Interview über das Buch, welches im Original seit 1956 vorliegt.

Hörtipp zum Abschluss: Men At Work: Who Can It Be Now

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Die Dynamik der betrunkenen Masse

Es waren nur knapp fünf Jahre vergangen, dass der Generalstaatsanwalt von Hessen,
Dr. Fritz Bauer, verstorben war. Der Mann, der mit der Initiierung der Ausschwitzprozesse in die Geschichte der Aufklärung der Nazi-Diktatur einging.

Wie sehr versuchte man alles, was noch die neue Zeit trüben könnte, unter den Teppich zu kehren. Angefangen mit Kanzleramtsminister Globke und einem ganzen Apparat alter Führungskader der Nazis. Die Menschen wollen einen Eigenheim und einen Kleinwagen, die Restauration habe die Revolution besiegt – wie so oft, lässt Lars Kraume den grandiosen Bauer-Darsteller Burghart Klaußner sagen.

Und es schlummert wie ein böser Fluch in der Gesellschaft. Zu einer Zeit Anfang der Siebziger saßen die noch im Publikum, die den rechten Arm nach oben geschwungen hatten; Leugnen zwecklos.

Und wie reflexartig die alten Verhaltensweisen hervorzurufen sind, sehen Sie in diesem kurzen Clip des Komödianten „Jonny Buchardt“ aus dem Jahre 1973. Das Alaaf gehört auf der Zunge eingefroren für die Enttarnung dessen, was angeblich überwunden und ausgemerzt.

Nichts ist vorbei, nichts vergessen.

 

Rezension: Zuhause

Der Begriff "Zuhause" bedeutet für mich etwas magnetisches. In der Jugend will man real weg, später sehnt man sich in nicht zwingend zu erfüllender Realität zurück; beginnt wortlos Frieden zu schließen mit dem, was nicht so gut war, aber auch der Erkenntnis, alles hätte auch wirklich schlimmer, unangenehmer sein können. Sind doch für die heutige Situation auch viele heimatliche Dinge grundlegend gewesen, grundlegend gut.

Daniel Schreiber legte 2014 einen Bestseller über seinen Weg aus der Alkoholsucht vor, nun legt er nach, in dem er über Heimat, seine Heimat sinniert. Man spricht hierbei von einem Essay, darüber bin ich nicht glücklich. Es ist eher ein persönlicher Leidensbericht.

Schreiber berichtet über dunkle Phasen, über ein Nicht-Ankommen in der eigenen Person. Die Frage ist also, ob man sich so außerhalb der extremen Ich-Zentrierung Schreibers, der Bedeutung "Zuhause" überhaupt nähern kann? Ich finde nicht. Und: ist Zuhause nicht ortsunabhängig, und in vielerleit Hinsicht zu verstehen? Ist Heimat nicht die Frage der Stunde?

Es sind die Berichte aus einem sicherlich nicht immer leichten Leben, allerdings immer mit einer Spur zu viel Zucker des selbstbestimmten Lebens zwischen Berlin und New York und London. Die Wahlfreiheit muss man erstmal haben, und dennoch scheint es alles final nicht glücklich zu machen, wenn man mit sich nicht im Reinen ist, einen Trennungen von einer Liebschaft so aus der Bahn werfen und Berliner Radfahrer als so störend empfunden werden, dass man wieder nach New York will.

Diese Erkenntnis hat der Autor auch selber, aber drumherum ist viel Text.

Es ist mir zu akademisch, großbürgerlich verkopft, wobei ich Schreibers Lage dennoch bedauere. Ob das als Essay über "Zuhause" zwischen zwei Buchdeckel gehört, möge der jeweilige Leser entscheiden. Mich hat es final nicht überzeugt.

Daniel Schreiber "Zuhause" ist erschienen bei Hanser Berlin.

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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