Ab in den Regen!

Man sieht sie landauf, landab: Menschen, die dem Regen entfliehen wollen. Sie rennen, stürzen manchmal sogar, alles nur, um dem Gefühl des Wassers, welches sich den Weg in ihre Kleidung bahnt, zu entrinnen. Wie schade eigentlich! Nun, natürlich will man nicht immer nass werden, auf dem Weg zu einem Termin, vor einem Vorstellungsgespräch, vor einem lange Weg in einer S-Bahn. Aber kann denn der Mensch immer auf dem Weg sein – fremdbestimmt? Wieso nicht einmal genießen, einer ungefährlichen Laune der Natur zuteil zu werden, zu genießen, den Regen auf der Haut, in der Kleidung zu spüren, spüren Mensch zu sein? Es wird sich bewaffnet mit Regenschirmen, Capes (unter denen man schwitzt, wie geregnet), es werden Risiken des Straßenverkehrs, den man ohne zu schauen quert, inkauf genommen, nur um nicht zuckerartig zu schmilzen. Wie traurig! Da wird Angst um die Frisur, die Designerjeans von H&M höher bewertet, als das Fühlen von Natur und somit auch von Leben.

Szenenwechsel: Ein Krankenhaus mit angeschlossener Hospizstation. Hier hat man beim Neubau mitgedacht, investiert. Es gibt ein zur großen Terrasse konstruiertes Vordach. Nicht um sinnvoll Bauplatz auszunutzen, sondern es entspringt einer bewussten Planung. Wünsche des Empfindens von Freiheit, auch wenn diese durch Herausschieben des Bettes nur noch möglich ist. Das Sehen eines Sternenhimmels ohne störende Scheiben und Halogenlicht.

Die Menschen müssen wieder lernen, mehr erleben zu wollen, was man sich nicht kaufen kann. Sich Freiheiten zu erinnern, die nicht als Freiheit mehr gelten. Die Statussymbole ihren Konsumobjekten nicht die Schwelle von Leben einzuräumen, welche sie sich unter Schichten von Schminke und Düften selbst nicht mehr einräumen erleben zu dürfen, weil dann und so weiter. Frei zu werden von Eindrücken Dritter, frei von dem Bestreben Regeln nicht zu brechen und einem unausgesprochenen Gehorsam der Gesellschaft sich konsequent entgegenzustellen. Die Angst krank dabei zu werden, ist auch narrativer Schwachsinn, die meisten Menschen sind durch ihr Leben so geschwächt, dass sie immerzu krank werden. Es ist ein Ausschlag ihrer selbst und keine Folge des sich in den Regen-stellens wegen.

Welch wunderbare Erfahrung ist es, bei einem starken Regenschauer auf die Straße zu gehen, statt von ihr weg. In den Regen zu streben in dem Bewusstsein, das Prasseln bewusst zu erleben, und die Leere der Straße als einen Genuss zu verbuchen. Der Duft des Regens, der nasser werdenden Erde, den dampfenden Asphalt und die Stille der Vögel als einen Modus des Erreichens von Erleben wahrzunehmen, den die meisten Menschen in der Hatz des vollkommenen Lebens nichtmal mehr als Erlebnis wahrnehmen; nur noch als Hinderung des Strebens nach Glück. Eher als Frechheit der Natur, als sie persönlich behindernde Posse des falschen Wetters zur Sommerzeit. Wetter hat, genau wie getrimmte Frisur, zu gehorchen. Abweichungen sind gefährlich, machen Angst und lassen Aggressionen des eingezäunten Lebens frei werden. Die einprasselnden Normative der Menschen, werden nach außen weiterprojiziert auf Phänomene, die einen feuchten Kericht auf Wünsche von Menschen geben. Phänomene, die nicht ungerecht sind, weil sie keinem Wertesystem entspringen und daher nicht „gemein“ sein können. Wohlfeil aber durch das Verhalten von Menschen getriggert werden.

Mehr Demut wagen, ganz nach Willy Brandt, gilt es. Wenn es regnet, nicht murren, denn es ist wunderschön, dass wir diesen haben, dass wir Wechsel von Wetter haben. Nicht nur des Erlebens wegen, sondern weil es viele Landstriche gibt, die um des Überlebens willen betteln, dass es doch mal regnet. Wir leben im Überfluss, im Ekel des Habens von allem. Denn entgegen landläufiger Meinung gibt es kein vollkommenes Haben, sondern die Ansprüche drehen sich immer weiter hoch und trennen sich von den Wünschen der weniger Beglückten immer mehr, wirken immer grotesker.

Freuen Sie sich mehr auf das was ist, als das was noch on top mehr könnte.

Gehen Sie in den Regen — und leben endlich mal.

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