Rezension: Leben bis zuletzt

Diese Lektüre ist kein Spaß und doch ist sie unabdingbar für aufgeklärte Menschen. Das Leben ist endlich, oder wie ein Freund mir letztens schrieb: zuletzt gewinnt immer der Tod. Aber das zeitlich oft nicht genau absehbare "Endstück" menschlichen Seins ist oft von Unwägbarkeiten markiert, die nicht mehr sein müssten. Denn der Übergang in das, was wir als Tod bezeichnen, das Sterben, kann in Sekunden ablaufen, oder in einer quälenden Phase von Symptomen des Sterbens, wie Erstickungszustände, unerträgliche Schmerzen, völliger körperlicher wie geistiger Degeneration. Menschen, die das nicht erlebt haben, können sich das nicht vorstellen. Es kann für Angehörige zu einem immensen Schock werden, wenn sie den Erkrankten nach längerer Zeit wiedersehen. Roger Willemsen, selbst 2016 mit nur 60 Jahren an Krebs gestorben, hat die Erlebnisse des Krebstodes seines Vaters in seinem Buch "Der Knacks" verarbeitet. Er war 15, als er miterlebte, wie der Vater zu einem zusammengekrümmten Häufchen Elend in einem Krankenbett verkümmerte und starb.

Das "wie" ist immer eine Frage der Entwicklung der jeweiligen medizinischen Bedingungen, die bei uns einer der höchsten Level der ganzen Welt erreicht haben. Und doch bleiben Bereiche aus, mit denen wir uns, auch Fachpersonal, nicht gerne beschäftigen und das ganze, oft unterbewusst, unter dem Hashtag "wird schon dann irgendwie gehen" verbucht wird.

Wird es nicht. Patienten sollen und dürfen nicht leiden, dürfen nicht qualvoll ersticken, weil sich keiner um die nötigen Formalitäten, um Notfallstrategien gekümmert hat. Patienten dürfen nicht vor Schmerzen das ganze Haus zusammenschreien müssen. Ich habe es selber im Rettungsdienst erlebt, wie unwürdig und unnötig diese Quälereien von Menschen mit einer Größe ertragen wurde, dass man heulen muss.

Prof. Sven Gottschling ist ein progressiver, junger, habilitierter Palliativmediziner, der den Aufschrei wagt und sagt: Die Menschen leiden noch viel zu sehr und das müssten sie nicht. Die Angst in der Medizin vor den eigenen Möglichkeiten der Analgesie, der Schmerzbekämpfung ist hoch. Es ist ein Paradoxum, dem wir im Rettungsdienst auch ausgesetzt sind; das neue Berufsbild des "Notfallsanitäters" soll vieles verbessern, doch es geht wie immer mehr um Politik als um Patienten. Menschen müssen keine unerträglichen Schmerzen haben, diese müssen sowohl von darin ausgebildetem Assistenzpersonal als auch von der Ärzteschaft im Schlaf beherrscht werden!

Doch auch heute ist es noch so, dass Patienten, sterbend oder auch nur auf einer Normalstation liegend, Schmerzen aushalten sollen, die nicht zu rechtfertigen sind. Die Hemmung der Progression ist mir dabei unschlüssig. Manchmal denke ich, die Szene will am Nektar der Medikation nicht zu sehr lecken, lecken lassen, was natürlich völliger Quatsch ist. Psychologen wären hier gefragt. Aus den Zeiten, in denen man Schmerz aushalten muss, weil a) Medikamente nicht entwickelt, verfügbar oder b) schlecht einstellbar oder zu gefährlich sind, sind in unseren Breitengraden vorbei!

Manchmal denke ich, es ist eine Argumentation, wie "Der Indianer kennt keinen Schmerz", das muss man jetzt mal aushalten. Muss man nicht, wie auch Gottschling die Mythen im Gesundheitsbetrieb aufklärt.

Schmerztherapie und Palliativmedizin sind noch in den vorgerückten Kinderschuhen, die jetzige Medizinerelite hat schlichtweg damit im Studium noch nichts, nicht ausreichend zu tun gehabt; es ist also Abwarten angezeigt, doch das hilft im Notwendigkeitsfalle jetzt nichts. Gottschlings Buch ist daher sowohl für Ärzte als auch für Angehörige und besonders für Patienten ein Weckruf, eine Argumentationshilfe und ein Drohwerk, um sich gegen die eingefahrenen Verhaltensweisen zu sträuben, wenn es heißt: Wir haben die Maximumdosis an Morphin erreicht – denn, so Gottschling und auch der Logik sich selbst erschließend: die gibt es, kann es nicht geben in einer infausten (hoffnungslosen) Situation des Patienten.

Ein wichtiges, ein richtiges, ein zu achtendes Buch!

Leben bis zuletzt – Prof. Dr. med. Sven Gottschling mit Lars Amend – S. Fischer Verlag

Wichtiger Buchtipp: Schmerz loswerden von Prof. Gottschling und Lars Amend erscheint am 21. September 2017 und befasst sich mit dem Schmerzmanagement allgemein.

Ein weiterer Tipp: Schauen Sie sich mal an, was ein Wünschewagen ist

Ich danke dem Verlag, ich erhalte kein Honorar.

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