Finale von Michel Friedmans Gesprächsreihe im Frankfurter Schauspiel

Link zu meinem kurzen Video am Ende der Veranstaltung — dann musste, weil unbedingt wollte, ich aufstehen und klatschen.

Danke, Michel

Fünf Jahre lange füllte er die Kammerspiele, die Karten waren schneller ausverkauft als bei den Premieren. Nun beendete Michel Friedman seine Gespräche im Frankfurter Schauspiel.

42-mal lud Michel Friedman kluge Gesprächspartner, fast ausnahmslos habilitierte Persönlichkeiten, für ihr Fachgebiet ein und parlierte mit Ihnen tiefgründig und stets perfekt vorbereitet in einem völlig abgedunkelten Kammerspiel. Dieses Setting sorge dafür, dass durchgehend große Konzentration herrsche, da kein Augenkontakt zwischen Gast und Zuschauern entstünde, verlautbarte er 2013 in einem Interview mit der FAZ; Szenenapplaus gab es daher sehr selten. Viele Menschen waren verblüfft, dass diese als übergriffig und in schneidend bekannte Moderator auch einfühlsam und intellektuell sein konnte. Und ja, er konnte! Durch alle Altersschichten waren die monothematischen Abende zu grundlegenden Fragen des Lebens beliebt, die Karten schon nachts online ausverkauft.

Fast alle Gesprächspartner einte ein tiefes, ein gefestigtes Wissen zu ihrem Thema, doch sind es immer Menschen gewesen, die die leisen, gewissenhaften Töne anschlagen – und somit in einer Fernsehtalkshow nicht stattfinden. Ob man in diesem Format nachdenken dürfe, fragte nun am Dienstagabend sein letzter Gast, die Publizistin Carolin Emcke. Sie durfte, es gehörte zur DNA dieser Abende. Und Friedman ließ alle seine Gesprächspartner sie selbst bleiben, wurde eben nie übergriffig oder schneidend. Zu wichtig waren ihm auch selbst diese existentiellen Themen. Bei der Veranstaltung Tod mit Wolfgang Huber überzog er schlicht mehr als zehn Minuten ohne das auch nur ein Raunen durch das Publikum ging. Es war in den Bann gezogen von zwei Menschen, die sich in tiefem rationalen aber gleichzeitig stillen emotionalen Rausch befanden.

Nun ist also Schluss. Mit dem Ende der überaus erfolgreichen Intendanz Oliver Reeses am Frankfurter Schauspiel geschieht selbiges mit der Gesprächsreihe. Die Schlussrunde war dabei nicht nur Zier, sondern so wie die ganze Reihe: authentisch. Diesmal im Großen Saal, auch dieser mit 700 Gästen ausverkauft. Seine Frau Bärbel Schäfer war wie immer dabei, doch diesmal mit den beiden gemeinsamen Söhnen.

Friedman war im Gespräch mit Carolin Emcke durchaus emotionaler, sie drehte teilweise den Spieß um und befragte ihn; er ließ sie gewähren. Friedman, sonst immer Herr seiner Lage, drehte sich am Ehering und sinnierte über seine Heimatlosigkeit.

Er erlaube sich, in diesen geschützten Raum hineinzutreten, leitete Oliver Reese die Verabschiedung auf der Bühne ein. Wenn das subventionierte Theater nur aus Michel Friedman bestünde, bräuchte man keine Subventionen mehr. Er habe in seiner Gesprächsreihe seinen Zuschauern das ganze Leben beschert. Umarmung, stehende Ovationen, Tränen bei Friedman – nur der Vorhang fehlt. Diese außergewöhnliche Gesprächsreihe wird im kulturellen Angebot in Frankfurt sehr fehlen. Unterschied sie sich doch maßgeblich von den im Überfluss stattfindenden Bühnengesprächen, die keinen intellektuellen Pfifferling wert sind.

Die Menschen haben ein festes, ein schlechtes Bild von Friedman und seiner Art und täuschen sich sehr: Dieser Mann ist mehr als die Summe seines Skandals von 2003.

Danke, Michel Friedman.

 

Alle Gespräche sind nachzuhören auf http://www.schauspielfrankfurt.de/friedman
EDIT: Seit 31.07.2017 sind sämtliche Folgen nicht mehr erreichbar ;-///

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