Und nachts, da tanzen die Toten

Kürzlich legte mein lieber Autorenkollege Martin Meyer-Pyritz ein neues Buch vor. Martin ist ehemaliger Berufsfeuerwehrmann und hat es bis zur Verrentung geschafft, fit und aktiv in seinem Beruf, seiner Berufung, zu bleiben – im Kopf und im Körper. Nur wenigen ist das im Einsatzdienst vergönnt. Martin schreibt seit 1998 Romane über den Feuerwehr- und Rettungsdienstalltag. Er macht das mit einer leidenschaftlichen Akribie, es begleitet ihn über seine Pensionierung 2010 hinaus bis heute.

Man attestiert Dritten ja immer einen grüneren Garten als einem selber, und so geht es auch mit der Verarbeitung von Einsätzen. Es ist ein gesellschaftlicher Hohn und Irrglaube, Menschen aus dem Einsatzdienst kämen mit den beruflichen Erlebnissen besser klar, als der Ersthelfer. Sicher, die Quantität und die Funktion in einem Notfallereignis sind andere und dennoch ähnlich. Deshalb geht es an keinem spurlos vorüber – es sieht nur so aus, und macht es auch so gefährlich. Es gibt zig Reportagen über Katastrophen, sei es Eschede 1998, Ramstein 1988 oder das Zugunglück von Brühl im Jahr 2000. Alle diese und noch mehr Einsätze haben schwerst traumatisierte Menschen hinter sich gelassen.

Früher, in einer Zeit, in der angeblich alles so viel besser war, gab es keinerlei Sensibilisierung für das Thema der psychischen Belastung an Einsatzstellen. Patient war nur der, der nach gängiger Klassifikation „Patient“ im allerweitesten Sinne war. Ersthelfer, Augenzeugen und professionelle Helfer gehörten nicht dazu. Ist deren Job, muss man halt durch – beinharte Männerwelt eben. Der Indianer und so weiter – alles ein Scheiß aus einer zum Glück vergangenen Welt. Wie viele gescheiterte Ehen, versoffene Löhne, geprügelte Kinder und Suizide jedweder Natur (vorangegangene Beispiele sind m.E. auch eine Art suizidalen Verhaltens) mögen auf das Konto von den Erlebnissen geschundener Seelen gehen? So wirklich wissen, wollte und will auch heute das niemand genau. Es wird alles getan, früher eben gar nichts, denn wo kein Problem, da auch keine Lösung vonnöten und heute kümmert man sich – alles roger.

Mich lassen noch heute Ereignisse aus meiner Einsatzzeit hochschrecken, albträumen, zusammenzucken. Wie kann man auch so manches denn vergessen? Wie? Der Alltag im Rettungsdienst besteht oft nur aus Routine, keine Baywatch-Notfälle und Bergdoktor-Dramen. Und doch. Auch der stete routinierte Tropfen höhlt die Seele, denn auch stummes Leiden kann ergreifen. Dem demografischen Wandel geschuldet, erlebt man Welten in Altenheimen, die keiner sich vorstellen mag. Es stinkt nach Urin und Hoffnungslosigkeit, der Tod schwebt immer um die nächste Ecke. Das Thema selbstbestimmter Tod kann nur jemand verstehen, der diese Ausweglosigkeit des Vegetierens miterlebt hat. Und wenn schon der zeitlich limitierte Zaunplatz ein Gruseln hinterlässt, was soll dann das Einziehen in solch´ eine Einrichtung bedeuten?

Man kann nicht jeden Tag an die Eindrücke denken, sie verblassen und werden gefühlt immer unwahrer. Sie werden verschüttet von den neuen Erlebnissen. Und doch kommen sie wieder. Im Schlaf, im Tagtraum, durch Trigger ausgelöst. Eva Sichelschmidt hat letztens getriggert, ohne es zu wollen, natürlich. Sie schrieb in ihrem Blog über die Zeit nach der Geburt ihrer ersten Tochter, ihre Weinkrämpfe im Park, ihre postnatalen Depressionen.

So lag ich im Halbschlaf, als sich mir Bilder aus einem Einsatz wachriefen, den ich komplett vergessen wähnte. Es ist über zehn Jahre her, vielleicht deswegen?

Die erste Erinnerung war eine allein im Bett liegende, Anfang dreißig jährige Frau, die bitterlich weint. Mehr konnte ich gar nicht ausgraben, aus den Gedanken und rätselte ernsthaft, ob ich nur schlecht träumte. Doch nach und nach bildeten sich die Erinnerung wie aus Mosaiken wieder.

Die Zeiten waren weit vor mobilem Internet, weit vor Smartphones; ich hatte nichtmal einen Vertrag, nur Pre-Paid – immer alle. Wir kamen also in dieses frisch gebaute, hell geklinkerte Eigenheim in einer Neubausiedlung und sahen diese Frau wirklich bitter-bitterlich weinend mit dunkelrotem Gesicht und verquollenen Augen wie Strichen in dem Bett sitzend, fast thronend wirkend.

Die Szene wirkte abstrus, indes mein Teampartner wissend nickte, bejahte, ja, das war bei ihnen auch eine schwierige Zeit und das kenne man. Alle in dem Raum, die weinende Frau, der völlig konsternierte und wie bewusstlos dreinblickende Ehemann und ein Nachbar, der einen Säugling auf dem Arm wippte – wobei er wirkte, als wolle er sich durch das Schaukeln selber beruhigen. Das Kind wiederum war zufrieden – oder schrie es? Mein Erinnerungen sind brüchig. Brüchig ist hingegen nicht, dass ich keinerlei Ahnung hatte, wovon hier alle so unisono überzeugt waren.

Wie in einem schlechten Film wirkten alle Stimmen um mich herum dunkel-verrauscht und in meinem Kopf herrschte Leere: Von was reden die denn? Ich hatte weder ein Pocketguide in der Tasche (zu arm – Ausbildung), noch konnte ich googlen (zu früh), noch habe ich es in der Verwirrung geschafft, meinen Kollegen im Redeschwall des Klarseins zu unterbrechen, dass hier einem im Raum gar nichts klar war. Mir. Ich fühlte mich wie einer Wolke. Das einzig gynäkologische, was ich mir aus der Ausbildung gemerkt hatte, war die Gebärmutteratonie. Aber, natürlich war sie es nicht, und ich hatte auch später nie einen solchen Fall. Was ich neben meiner Ratlosigkeit aber spürte, war ein Ausrufezeichen des Entsetzens in allen Gesichtern. Dies hatten alle gleich gezeichnet in ihren Handlungen. So als ob etwas ganz schlimmes passiert sei, was nicht der Möglichkeit entsprechen durfte.

Während ich also diesen Einsatz rekapitulierte und mich der Hilflosigkeit ersann, die ich damals erlebte, blitzte es auf einmal. Das war es! Das war es, was damals uns alle vor den Kopf stieß und meinen Kollegen reden ließ, wie ein Wasserfall. Die Einsatzmeldung. Die die vor Ort waren hatten es erlebt, und wir, wir hatten die mentalen Trümmer zu tragen und alles in eine Behandlung zu gießen.

Schlussendlich ging alles gut aus, das Kind war vollkommen unversehrt, die Psyche der Mutter aber vollkommen am Boden. Viele Menschen haben wenig Einfühlungsvermögen, sie sind Trampel, nicht wider Willen, denn ohne Willen. Sie sagen so dumme Sachen wie: selber schuld, wenn du ein Kind bekommst, stell dich nicht so an. Und so weiter. Es ist verachtungswürdig, so etwas auch nur zu denken.

Der Rettungsdienst gebietet es im Alltag nicht, zu erfahren, wie es weiterging. Ich denke aber, bei der Ausgangssituation wird ein guter Heilungserfolg absehbar gewesen sein.

Was hat das ganze nun mit Martin zu tun? Martins Schreibstil ist mir mehr als bekannt, als Jugendlicher habe ich ihn angebetet; andere hatten Fußballstars, ich hatte Hauptbrandmeister Meyer-Pyritz von der BF Düsseldorf. Er ließ mich an meinem späteren Beruf schon zu Schulzeiten partizipieren und prägte meine Jobwahl. 2010 habe ich ihn dann kurz vor seiner Emeritierung interviewen können – Sie ahnen, wie ich mich freute an diesem eiskalten Tag in der Wache 7 ihn live befragen zu können? Lesen Sie hier.

Ein Teerdach. Es sind 35 Grad, ich stehe an einem geöffneten Fenster eines Tagungszentrums; schwere, heiße Sommerluft bahnt sich schwerfällig den Weg durch den Raum – selbst die Luft ist faul bei der Hitze. Das Teerdach hingegen lässt wieder eine Erinnerung hochkommen, initial sehr diffus und dennoch greifbar eklig. Es ist der wabernde Duft der glühend heißen Dachverkleidung, die mich erinnert – aber an was?

Auch hier fällt der Groschen nach kurzer Zeit. Es war auch ein Einsatz, den ein Alarmierungsstichwort nicht fassbar machen kann. Wir wurden zu schweren Brandverletzungen in einer Seniorenresidenz gerufen. So nicht ungewöhnlich, wenn Bewohner sich heißes Wasser aus Versehen übergießen.

Doch dieser Einsatz kippt schon von Anbeginn, als uns die Pflegerin völlig außer sich am Ärmel reißt und schreit, wir sollen sofort mitkommen. Notfälle sind im Altenwohnbereich nicht selten, das Personal daher nicht so ungelenk wie manche Menschen auf offener Straße – doppelt besorgniserregend also. Doch die Auffindesituation im 1. Stock des Gebäudes lässt meinen Teampartner und mich bei aller Hitze, die an diesem Hochsommertag herrscht, einfrieren. Auf dem Vordach steht eine weitere Pflegekraft und hält eine Senioren am Arm und fleht sie an reinzugehen. Die uns leitende Pflegeperson berichtet, die Dame hätte sich selbsttätig den Weg auf das Vordach gebahnt – auch das nicht selten, Agitation im Alter bei zunehmender Verwirrtheit ist häufig und nicht immer zu unterbinden.

Doch dieser Wunsch nach frischer Luft am heißen Tage hat fatale Konsequenzen, denn was wir in dieser Sekunde wahrnehmen ist: Die Frau hat keine Schuhe an und steht auf dem erwähnten glühend heißen Vordach. Was soll ich Ihnen sagen? Da sie verwirrt ist und immobil und barfuß, kommt sie nicht mehr von der Stelle, ihre Füße braten auf dem Vordach. Es knistert, Teile der Füße sind schon schwarz, riesige Brandblasen schlagen sich den Weg. Mein Kollege und ich springen heraus und entscheiden durch Augenkontakt: Crashrettung. Das Bild muss sondergleichen gewirkt haben, wie wir zu viert die Dame mit einem Ruck mit den Füßen vom Teerdach zogen. Die Schreie sind in meiner Erinnerung verstummt, denn wenig ist schlimmer, als ein Patient der lauthals vor unerträglichen Schmerzen schreit.

Einen Menschen um so ein Leben schreien gehört zu haben, ist unbeschreiblich.

In seinem aktuellsten Buch „Der Tod ist ein nicht zu unterschätzender Gegner“ nun reüssiert Martin Meyer-Pyritz Einsätze aus mehreren Jahrzehnten seiner Tätigkeit und dennoch ist alles anders. Denn Martin schlägt extrem deutliche, kritische und verletzte Töne an. Über Albträume und hadern des Erzählens wegen.

Immer war Martin die menschliche Komponente wichtig, die dunklen Seiten anklingen zu lassen; wie es ist, Menschen in einem PKW mit abgerissenen Oberkörper zu bergen, den Tod eines Kindes mitzuerleben – ohne je auch nur einen Hauch voyeuristisch zu sein! Doch so fragil, so dünnhäutig habe ich ihn noch nie gelesen. Es scheint auch an ihm alles nicht spürbar und weit über den aktiven Dienst hinaus vorbeigegangen zu sein und ihn bis heute zu beschäftigen, zu belasten.

Wenn Sie sich überlegen, dass Martin weit mehr als 25 Jahre mehr Leid und Verderben erlebt hat als ich, können Sie sich vorstellen: es gibt Narben, für immer und bei jedem, der zum Alarm ausrückte. Die Wechselhaftigkeit der Ausdrucksweise des Erlebthabens ist kein Argument der mehrheitlichen Verneinung des Vorhandenseins.

Martin Meyer-Pyritz: Der Tod ist ein nicht unterschätzender Gegner ist erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf

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Screenshot: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Hinweis: Alle Einsätze sind hinreichend verfremdet.

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