Rezension: Poe – Neuübersetzung

dtv hat hier in der Klassik ein ziemliches Brett an Druckqualität und inhaltlicher Neupräsentation hingelegt. Soweit die Vorschusslorbeeren vorweg. Man mag mich einen Dummen schimpfen, aber ich kannte Poe nur vom Hörensagen. In irgendeinem Radiointerview bezog sich der Interviewte immer wieder auf Poe und dessen gruselige Geschichten. In Ravensburg während einer Recherchereise drängte er sich dann wieder auf: Auf dem Bürgersteig lag ein Nachlass rum. Von wem und wieso, ließ sich nicht klären, aber eine Bücherkiste mit dem Vermerk „Er braucht es nicht mehr – bedienen Sie sich!“ offenbarte nicht nur Werke zur Analyse der DDR als die DDR noch wirklich lebte, sondern eben auch eine schmale Poe-Ausgabe. Leider war diese schon so ranzig, dass ein Lesen nicht möglich war. Dennoch wird sie mit Liebe in einer Weinkiste verwahrt – bis ich sie nicht mehr brauche.

Horrorgeschichten sind nicht mein Genre, so habe ich doch diese Art Erlebnisse ganz bewusst in meinem ersten Berufsleben, im Rettungsdienst, als aktiv Beiwohnender durchlebt. Es macht für viele im Leben noch wartende Ereignisse ruhiger, lässt die kapitalistisch dressierte Mehrheit der Menschen manchmal derartig grotesk wirken, dass es einen schaudern lässt. Menschen, die traurig sind, wenn sie nicht bei jedem Besuch einer Innenstadt oder einer Mall nicht irgendwas kaufen können. Ich verstehe immer gar nicht, was diese Menschen denn immer kaufen wollen. Ich erahne aber, dass es eine kompensatorische Handlung für etwas ist, was ihnen so fehlt, dass es um aller Willen ersetzt werden muss durch den kurzen Kick der Inbesitznahme neuer Konsumgüter. So gibt es also auch beim Horror eine Vielzahl von Wirklichkeiten des Erlebten, Watzlawick sei hier mehr als verifiziert.

Wenn existentialistischer Horror weiter weg ist als irgend möglich, ergeben sich zwangsläufig neue zu erlebende Katastrophenszenarien, und sei es das nicht mehr vorhandene Shirt in XS (XS, natürlich!) bei H&M. Dramen ihrer selbst Willen, mit dem sekundären Gewinn der geheuchelt und dennoch gern angenommenen Geste des Mitgefühls sogenannter Freunde.
Apropos Freunde: Beobachten Sie mal „Freunde“ im Café. Freundschaft ist auch so eine Art Konsumgut geworden, das Propagieren ganz besonderer Enge und Zuneigung erfüllt den Schall der Häuserschluchten und Balkone. Man mag sich, liebt sich unendlich und könnte nie wieder ohneeinander. Nicht realer könnte das diametral sich Bahnbrechende sein. Die Niederschwelligkeit des Über-Bord-Werfens bisheriger Schwüre könnte nicht tiefer liegen als der Einer im Schwimmbad. Konvergent ist hier nur die Einigkeit über die Wichtigkeit von Freundschaften in der exzentrischen, außengeleiteten Auslebung.

Kitschig sind Erinnerungen und es gibt nie die eine Erinnerung, dennoch kann ein abstrakter Begriff wie „krass“ auch für mehrere an einem Erlebnis teilhabende Personen eine Umschreibung für das sein, was sie gemeinsam und doch jeder für sich erlebt haben.
Es ist ein Nachteinsatz im Sommer, kurz nach Mitternacht, Geisterstunde. Verletzte Person! wird gemeldet, die Anfahrt erfolgt mit dem üblichen Trara an Sonder- und Wegerechten, das Blaulicht zuckt stroboskopartig durch die Nacht, die Wege sind frei. Bei Erreichen der Einsatzstelle ist es aber kein Haus, keine Definitivum, sondern ein Park mit Teich und -passend zur Stunde- Nebel, der durch selbigen wabert. Mehrere Polizeifahrzeuge verstärken den Eindruck, dass die Verletzung vielleicht doch anders gelagert ist, als es das Wort im Arbeitsalltag erahnen lässt, verbunden mit dem kaum daran anschließenden Ereignis, dass ein Polizist panisch entgegen rennt und die Hilfe forciert anfordert – der verblutet uns! Durch den Nebel mit dem Notfallkoffer hechtend, erschließt sich eine Szene, die Poe sicher als Story gefallen hätte. Ein Mann, scheinbar jung, liegt zum Boden gedreht auf dem Boden, ein schwarzes Poloshirt tragend, ohne Reaktion. Unter dem Poloshirt ragen schwarze Kabel hervor, es ist ein Defibrillator, den die Polizisten angeschlossen haben.

Vieles hat man in der Ausbildung durchgekaut und so fiktiver die Situation klang, desto weniger hat man zugehört. Reiner Reflex, kein böser Wille.  Der junge Mann hingegen stellte nun so ein real werdendes Fiktivum dar. Man klärt uns auf, er sei hier im Park überfallen worden, niedergestochen. Zig mal hat man so etwas in der Zeitung gelesen, in depperten Krimis den geschminkten Mimen zugeschaut. Doch das, was beim Hochschieben des Shirts sich entblößt, hat etwas ganz anderes bei sich: es ist real. Der junge Mann hat mehrere Einstichstellen über den Rücken verteilt. Echte Einstichstellen, nicht geschminkt, nicht fingiert. Jemand hat ihm wirklich sechs mal in den Rücken ein Messer gerammt. Es blutet kaum, sieht eher aus wie ein Toastbrot aus dem Marmelade quillt. Ach du Schreck! – es sind keine großen, keine prosaischen Gedanken, die einem in diesem Moment durch den Kopf gehen. Die Realität ist kein Drehbuch, sie ist profan und doch tödlich. Dass er wenig blutet, mag beruhigen, weiß man aber doch, dass gerade das herausgezogene Tatwerkzeug die Gefährlichkeit erhöht, der Patient blutet nach innen, die innere Blutungen werden durch nichts mehr tamponiert, gehindert. Der junge Mann ist wach, ansprechbar, und hat so gar nichts theatralisches an sich, was man gemeinhin erwartet. Er lebt. Noch.

Edgar Allan Poe lebte zu einer Zeit, die vergangen ist, weit weg von Fotos und heutzutage als wahrhaft erlebter Dokumentation. Sein Lebens- und vielmehr Leidensweg ist wenig valide dokumentiert, streckenweise taucht er somit ungewollt ab, ist in seiner Entwicklung nicht beschreibbar.

Kunst soll überfordern, sagte Roger Willemsen immer mit tiefer Inbrunst, doch die Menschen wollen lieber ihr Eigenheim und einen Kleinwagen, lässt Lars Kraume die reale Figur Fritz Bauer sagen. Die Menschen strengen sich ungern an und wenn dann nur der Schau wegen. Dauer ist hier ein wichtiger Faktor der Glaubhaftigkeit von Anstrengung. Kurz und tiefgehend, das ergibt keinen Pathos, keine Wahrhaftigkeit. Tiefe ist schwer beschreibbar, schwer beweisbar – ohne das die Notwendigkeit von Beweisbarkeit plausibel darlegbar ist. Und sie ist dem Zeitgeist geschuldet. Der jetzige verdingt sich in Körperlichkeit, in Darstellung, weniger in Aufklärung. Askese und Richtigkeit in der Masse sind die Werte der Zeit. Jetzt. Noch.

Poe ereilte das Schicksal der Zeit in der er lebte und produzierte. Die Rezeption seines Werkes fand nicht statt, die Progressivität entfaltet sich asynchron seiner Lebenszeit. Charles Baudelaire schaffte es, ihn zu platzieren, in Frankreich, zu einer anderen Zeit. Hätte es Poe erfreut, mit welcher Mühe und Hingabe nun sein Werk in mehreren Bänden verlegt, gestaltet und interpretiert wird?

Andreas Nohl hat sich an eine Neuübersetzung Poes Konvoluts „Unheimlicher Geschichten“ gemacht und hat dabei wieder eine neue Wirklichkeit erschaffen. Die Anmerkungen des Übersetzers listen dabei eine Vielzahl vorheriger Versionen auf, und klärt auf, diese solle nun weniger verklären, weniger Poe in einen schmalzigen historischen Kontext setzen. Ein Destillat, der Komplexität deutscher Sprache bedingt ausgedünnt, um die eigentlichen Geschichten nicht zu verschwurbeln. Dass man überhaupt weiß, wer sich da so viel Arbeit gemacht hat, verdankt die Branche der Übersetzer ohne Gesicht Harry Rowohlt. Er hat seinerzeit bei Suhrkamp darauf bestanden, nicht in „6 Punkt in der Titelei unterzugehen“ und legte Übersetzungen von Werken vor, die bis dahin als nicht übersetzbar galten. Schade ist daher, nicht dass die Anmerkungen des Übersetzers überhaupt stattfinden, aber doch gar unpersönlich und ohne Signatur daherschreiten. Schön ist aber, dass sein Name auf dem Titel ebenso groß geschrieben wird, wie Baudelaires Herausgeberschaft. Wie wichtig eine Neuübersetzung sein kann, welche Schnitzer der alten Version anhaften können, erlebt man bei der ebenfalls bei dtv erschienen Neuübersetzung von Ein Winter auf Mallorca von George Sand.

Das Wirklichkeit und Wahrnehmung mehrschichtiger Natur ist, beweist sich in dem Hinweis Nohls, eine Ausgabe hätte der „namhafte Übersetzer Hans Wollschläger“ mitübersetzt. Harry Rowohlt äußert sich hingegen in seinen aktuell in der Edition Tiamat veröffentlichten Audio-Autobiographie-Gesprächen abfällig über W. – Rechthaben ist dabei die Perspektive.

Bücher braucht man nicht zu lesen, um sie zu lieben, es gibt hierfür sogar ein japanisches Wortgebilde. Für Menschen dieser Art Leserschaft sei auch dieses Buch geeignet, und das nicht im abfälligen Blick. Das Buch lohnt sich zu kaufen, nur um es in seiner Ausstattung zu genießen. Es ist sattes, glattes, gelbstichiges Papier mit unglaublich exaktem Druckergebnis – auch mit Lupe begutachtet. Die Geschichten können genug atmen, haben genug Weißseiten zum Sich-Entfalten. Der transparente Umschlag erinnert an Butterbrotpapier; in der Kindheit versteckte sich darin auch immer etwas leckeres oder grausames. Wer den Umschlag ablöst, den lässt er erinnern, dass es immer zwei Seiten einer Sache gibt, mindestens. Denn der Schwan auf dem Umschlag wird auf dem Buch selbst zu einem Skelett. Horror je nach Sichtweise.

Der junge Mann liegt auf der Wiese, der Nebel umschwirrt alles. Mag also in Horrorgeschichten nicht alles ausgedacht sein, der Nebel ist wahrhaftig. Auf die Wunden drücken, immer auf die Wunden drücken!, doch wie bei gleich sechs Einstichen? Mehrere Hände werden gebraucht, denn die allgemeine Versorgung muss auch stattfinden. Die Erfahrung, dass die Stichwunden -wie sonst immer- nicht aufgeschminkt sind, erlebt man, wenn man die Kompresse fest aufdrückt. Da ist ein Loch, ein wirkliches Loch in der Haut eines sonst unversehrt scheinenden jungen Mannes, der wir ein Fremdkörper auf dieser Wiese, in einem am Tag sicherlich heimeligen Parks, liegt. Schnell transportieren, Load & Go, liegt in der Luft, eine flimmernde Angst und die erlebte Erkenntnis, dass es Horror doch gibt. Im englischen Sprachgebrauch drückt das Wort „rush“ diese Arbeit gut aus. So rushen wir mit dem jungen Mann mit Infusionen und pressierten Kompressen Richtung Krankenhaus. Er überlebt. Die Stiche gingen immer knapp neben lebenswichtige Organe oder Organstrukturen. Er hatte Glück, so wie Poe Pech hatte, nicht rezipiert zu werden seinerzeit. Es sind Beschreibungsvehikel für etwas, was nicht so eingetreten ist, wie man es sich wünscht. Was der Täter sich hingegen wünschte, ist nicht überliefert, ähnlich wie Poe es gefunden hätte, anerkannt zu werden.

Warum etwas zum Horror wird, ist höchst subjektiv, die Auslöseschwelle dem Zeitgeist geschuldet. Weshalb der junge Mann übersät wurde mit Einstichen, ist hingegen ein lebloser Gegenstand.

Es war ein Konsumgut.

Edgar Allan Poe Unheimliche geschichten, übersetzt von Andreas Nohl und herausgegeben von Charles Baudelaire ist erschienen bei dtv

Ich danke dem Verlag, insbesondere Herrn Z.; ich erhalte kein Honorar.

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