Rezension: Marschmusik

Martin Becker legt ein Jedermannerlebnis in Bestform vor. Wir werden alle älter und unsere Eltern mit entsprechendem „Gap“ eben auch. Und so holt es jeden von uns ein. Den einen früher, den anderen später. Aber irgendwann müssen wir uns dem stellen, was von unseren Eltern übrig geblieben ist. Unsere „Kinderkulisse“ müssen wir als Riesen wieder aufsuchen und finden uns nicht mehr zurecht, fühlen uns meistens nicht mehr wohl. Wir sind dem damaligen Leben entrückt und selbiges ist oft merkwürdig konserviert weiterexistierend. Als wenn Eltern sich nicht entwickeln, zumindest nicht vorwärts – sie werden nur alt. Alt, krank, gebrechlich und wir werden von Bekümmerten zu Bekümmerern. Die Rolle ist ungewohnt, die Rückreise voller Abwehr.

Becker setzt diesen Rückkehrkomplex in eine sehr würzige Atmosphäre. In den Pott, bei dem nicht nur die Eltern verbleichen, sondern auch ein regionales Selbstverständnis. Er schreibt so dicht und authentisch, dass alle in den 30ern spüren, was er meint, wenn er seinen Protagonisten in den alten Lebensraum zurückkehren lässt, bei dem alles so ist wie früher und doch dann ganz anders. Der Vater tot, die Mutter arg verwahrlost, geht das Leben immer weiter, jeden Morgen ein neuer Tag, nur die Darsteller entweichen ihrem Rahmen des Lebenszenit bis sie verschwinden.

Martin Becker lohnt sich: für alle freiwilligen und gezwungenen Heimkehrer in das verkümmernde Paradies, welches bernsteinartig verkapselt wirkt.

Marschmusik von Martin Becker ist erschienen bei Luchterhand Literaturverlage

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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