Rezension: Die Badende von Moritzburg

Literatur soll unterhalten. Das wird leider häufiger vergessen und ein Buch darf gerne mehr hinterlassen, als nur ein profan erlebtes Durchlesen. Bestimmte Bücher verbinde ich mit einem konkreten Ton an Gefühl; auch über Jahre hinweg. Hierbei fallen mir zu allererst Ein Winter in Wien und Der Trafikant ein.

Ein Freund von mir würde ziemlich negativ von Belletristik sprechen. Das ist natürlich quatsch, alles fernab von sogenannter Hochliteratur runter zu reden. So älter ich werde, desto mehr halte ich es demokratisch: Hauptsache, die Menschen lesen und vor allem: träumen. 

Der Autor Michael Meisheit hat mich hierbei letztens beeindruckt; bei ihm habe ich die Haltung eines Autors zu seinem Genre erlebt. Auch wenn sie seicht, unterhaltend, oder sonst wie erscheint, wenn sie Leser/innen findet, dann ist es (in der Regel) gut.

Die Badende von Moritzburg ist eine kleine, knapp hundertseitige Novelle aus dem Hause Rowohlt unter der Ägide des Imprints Kindler.  Der Autor Ralf Günther ist Schriftsteller und Drehbuchautor und hat einen seichten Sommerwind in Textform hingelegt. Das Buch liest sich leicht von der Hand, ich habe es auf meinem Balkon in der Abendsonne konsumiert und genossen wie einen guten Weißwein. Es ist stilvoll gebunden und hat -was mir wichtig ist- ein Leseband.

Es ist um 1910, als Günther seine Protagonistin Clara auftreten lässt. Eine junge Frau aus gutem Hause mit – das würde man heute diagnostizieren – Panikattacken, ob ungelöster Libido und einer verpflichtenden Stellvertreterfunktion für die verstorbene Mutter gegenüber dem Vater. Diese Anfälle akuter Luftnot führt sie nun in ein Sanatorium; der dortige Arzt ist vertretungsweise tätig und diese Betrachtung zeigt allererst den Spiegel, welche rasante Entwicklung die Medizin (und damit die Ansichten!) in nur hundert Jahren erlebt hat.

Mit – aus heutiger Sicht – sinnfreien Luftbädern wird versucht, die Patientinnen wieder fit zu bekommen. Ersatz-Arzt Dr. Brandstetter entpuppt sich als jungenhafter Vertreter seiner Zunft, der die aufkommende, progressive Lehre von Freud kennt und mit psychoanalytischen Settings die irritierte Clara zu kurieren versucht. Eine bahnbrechende Aktion für die damalige Zeit, insbesondere in dieser Geschlechterkonstellation.

Neben dem Faktum der sich entwickelnden Psychotherapie, beleuchtet Günther gefühlvoll das Aufblühen der sexuellen Selbstbestimmung und lässt Clara mit Dr. Brandstetter nach Moritzburg reisen (was ein gesellschaftlich ziemlich heißer Reifen war!).

Dort lernt Clara Menschen kennen, die eine Lebensstil fernab jeglicher Vorstellung führen und doch näher an unserem jetzigen Lebensstil sind, als der damalig situierte. Die Reise in die Sommerhitze von Moritzburg wird Claras Leben für immer beeinflussen.

Die Badende von Moritzburg von Ralf Günther ist bei Kindler/Rowohlt erschienen

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

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