Rezension: Unglück auf Rezept [Depressionen]

Es ist immer ein ernstes Thema, wenn Humoristen, insbesondere bedachte ihres Fachs, sich für etwas engagieren. Harald Schmidt berichtet, er werde mehrmals die Woche als Schirmherr und ähnliches angefragt. Und lehne fast immer ab. Denn was solle er ausrichten und bewirken von und für Sachen von denen er meistens nicht die geringste Ahnung habe. Für ein einziges Thema aber setzt Harald Schmidt, der Godfather des distinguierten Late-Night ein: Depressionen. Es ist Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Hierzu äußerte er sich 2014 im Bühnengespräch mit Peter Huemer im stadtTheater in der Wiener Waifischgasse (inzwischen geschlossen):

Vier Millionen Depressive in Deutschland – das kann nicht nur am Fernsehprogramm liegen.

  • Harald Schmidt

Im selben Text zur Gründung der Stiftung 2008 schrieb Schmidt von der Hierarchie der Krankheiten, bei der die Depression weit unten sei. Er verleugne sich aber nicht selber und so habe er einen den ersten deutschen Patientenkongress in Leipzig mit den Worten eröffnet: „Geil, mal vor 2000 depressiven Ossis aufzutreten“, denn so Schmidt weiter, „dass die depressiv sind, wissen die selber“. Es gelte einen fähigen Arzt zu finden, der es diagnostizieren und adäquat therapieren kann. Des weiteren muss es eine Enttabuisierung geben, damit Patienten sich überhaupt trauten, fachliche Hilfe aufzusuchen.

Und genau da beginnt das Buch des Ehepaares Ansaris, die die Therapiestrategie mit den vorherrschenden Antidepressiva stark kritisieren. Ihre Forschungen verquickt mit Berichten von Patienten lassen einen tief erschrecken. Psychiater die nach strikten Fragebögen vorgehen, Patienten niederbügeln und für die das Thema mit der Verschreibung von Antidepressiva erstmal seinen Weg nehmen muss. Einheitsservice für jeden. Dass die Psyche vielleicht die individuelleste Stellschraube eines Menschen ist und einem unpersönlichen, bisweilen kürzerem Gespräch als beim Bäcker diagnostiziert und auf den therapeutischen Weg gebracht wird, lässt erschaudern. Dass überhaupt nicht in Betracht gezogen wird, den Serotoninspiegel vor und nach der Gabe zu messen ist auch für mich neu und irgendwie merkwürdig. Dahingegen ist mir klar, dass die Pharmalobby alles daran tut, die Pillen unter die Patienten zu bringen. Doch ob das immer der einzige und isolierte Weg sein muss?

Ich bin ein großer Freund der Schulmedizin, so ist es nicht. Doch sich nur auf Tabletten zu verlassen, halte ich für falsch. Oft sind die Menschen in sehr komplexen, sehr langwierigen Lebenssituationen verhaftet und bis ins Übermaß konditioniert sich zu verhalten und zu reagieren auf ihr Umfeld. Als Einsatzkraft im Rettungsdienst, die ich im ersten Berufsleben war, habe ich dies oft genug erlebt (Fallbericht). Das Buch sollte nicht als Allheilmittel gesehen werden, aber eine kritische Näherung zum Thema der medikamentösen Behandlung von Depressionen und der Ernsthaftigkeit des Themas. Eine Depression ist nicht weniger schlimm als ein Beinbruch, dafür aber auch nicht vielmehr peinlich als eine Hodentorsion! Die Menschen sind nicht „irre“, sind nicht „bekloppt“. Es entspringt ungezogener Dummheit, sich so zu äußern.

Im Rahmen dieser Thematik fällt mir ein von mir sehr bewunderter Schriftsteller ein. David Forster Wallace – ein Meister seines Faches. Mit seinem Beschreibungsstück „Es war schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ hat er inhaltlich und gestalterisch einen wahren Beststeller geschrieben.

Doch Wallace ist tot. Er nahm sich das Leben in tiefen, wiederkehrenden Depressionen. In einem Nachruf eines Autorenkollegen, schrieb dieser, Wallace sei seiner schweren Krankheit nach jahrelangem Kampf erlegen. Und genau so muss es gesehen werden: Die Menschen erliegen einer heimtückischen, hochkomplexen, da wenig organisch definierbaren Krankheit und keinem Stigma. Es gilt, das gleiche Mitgefühl, die gleiche Hingabe zu entwickeln, wie bei anderen schweren, lebensbedrohlichen Krankheiten. Es gilt die Hierarchie, die Denkweise zu ändern.

Die fachliche Besprechung möchte und kann ich nicht übernehmen, hierzu hat aber der Psychiater Dr. Ulrich Leutgeb einen guten Beitrag in der FAZ geleistet.

Die Menschen haben es verdient, denn keiner sucht es sich aus. Niemand.

Peter & Sabine Ansari, Unglück auf Rezept erschienen bei Klett-Cotta

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

 

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