Rezension: Die Unverbesserlichen

Mit dem Titel des bei Piper erschienen Romans verbinde ich eine Serie des NWDR (heute NDR) aus den Sechzigern und Siebzigern. In den Hauptrollen keine geringeren als Inge Meyser und Joseph Offenbach. Eine Arbeiterfamilie aus Berlin, die sich ständig durch brillante Nicht-Kommunikation von einer Krise in die nächste stürzt, von jeweiliger Egomanie unter dem Deckmantel des Allgemeinwohl geleitet ist und sich dann wiederum wundert, scheinbar schuldlos in einen Strudel an Unglück gefallen zu sein. Die Neunzigminüter wurden immer zu Weihnachten ausgestrahlt und bilden einen tiefen Einblick in die Verstrickungen von Ursache und Wirkung, von Zwangsgemeinschaft und Bildunsglimiten. Und, sie zeigen ein Rollenmodell, welches so dysfunktional ist, das eine ganze Gesellschaft daran krankt: der der dauerhaften Partnerschaft. Von der Kirche und der Sippschaft im früheren Sinne okturiert, von der Romantik verklärt, von der heutigen Zeit wieder aufpoliert, denken Menschen in schier obskuren Vorstellungen einer ewig währenden Partnerschaft – zum organisatorischen Nulltarif. Da schreiben Frauen anfang zwanzig, sie wollen doch jetzt endlich mal ankommen, sich fallenlassen und den einzig richtigen finden. Männer rennen wie Hauspudel der Frau hinterher und sprechen ernsthaft von Nestbau. Ironie war gestern, heute wird wieder in die Hände gespuckt und auf Rille ein Eigenheim gekauft, damit man später was hat, was eigenes. Doch entweder ist das Haus schon Schrott bevor die Raten getilgt sind oder die Zweisamkeit auf der die Finanzierung lastet wie Beton bricht und damit auch das Fundament des Heimes. welches ein Dach bis ins hohe Alter geben und noch viel mehr symbolisieren sollte. Menschen neigen dazu, Sachverhalte nicht abstrakt sehen zu können, sie verklären, idealisieren oder negieren relevante Fakten, um ihrer eigenen Wahrnehmung und der damit verbundenen Deutungshoheit keinen Abbruch tun zu müssen. Der Mensch ist nicht nur im Gym eigentlich faul. Beziehung leben, heisst Entwicklung zuzulassen. Die Entwicklung der Partner sollte dabei nicht stark divergieren, die Kongruenz der Erwartungen ist sonst gefährdet. Was passiert wenn in einer eigentlich gutlaufenden Partnerschaft die Deckungsgleicheit der Zufriedenheit wie tektonische Platten divergiert, lesen Sie im neuen Roman von Silvio Blatter den, er wissentlich oder unwissentlich, Die Unverbesserlichen taufte.

Blatter siedelt Jonas Alberding in eine gesichtslose Vorstadt des Zürcher Flughafens an. Mit seinem silbergrauen Passat bewegt er sich in dem von ihm für seine Funktionalität geschätztem Lebensraum, in dem seine Bar, die Tangente seit 25 Jahren erfolgreich besteht. Er ist zufrieden, der Gleichschritt hat ihn nicht verbittert, sondern er hat sich sein Leben so geformt wie er es für richtig hält. Seine Partnerin, Ellis, hingegen versauert in ihrem stupiden Büroleben, ihr Frust steigt und sie reibt sich an Jonas auf, dessen Zufriedenheit sie ihm als Entwicklungsfaulheit ob der Projektion ihres eigenen Frustes auslegt.

Blatter schafft ein paartherapeutisches Kabinettstück in der Einflugschneise des Zürcher Flughafens. Lesenswert, da für fast jede Partnerschaft relevant.

Silvio Blatter: Die Unverbesserlichen erschienen bei Piper

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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