Rezension: 22:04 Ben Lerner @ Rowohlt

Kennen Sie das? Man freaked erst auf einen Klappentext ab, hat dann das Buch vor sich und versteht dann von Seite zu Seite nicht, was man an dem Buch fand? Ja, genau so erging es mir bei 22:04. Ich hätte es ahnen müssen, denn die Verquickung von Fiktion und Realem vertrage ich nicht gut; sofern es grotesk wird, lands-end-phantsy, dann bin ich inhaltlich raus. Da weigert sich alles in mir.

Ben Lerner setzt sein alter ego, den Schriftsteller, der namentlich nur einmal genannt wird (Überraschung: Ben!), ins New York der aktuellen Zeit. Nach einem fulminanten Debut als Romanautor in dem scheinbar erfolgreichen Teil der Menschheit niedergekommen, muss er sich in selbiger Welt erst einmal zurechtfinden und fragt sich als empfindsamer Schriftsteller: Das ist sie also, die bessere Seite?

Darüber hinaus wird sein Sinnbild von der besseren Seite alsbald infrage gestellt, denn neben dem Erfolg und dem Geld, widerfährt ihn eine Diagnose, die viele Reiche so angstvoll wie eine Riesenwelle die Beine wegreisst: Ein Tumor und somit ein möglicher Weg, der mit keinem Ruhm und keinem Geld final zu richten ist, sondern dessen Schicksalsergebenheitspflicht vielen reichen Menschen ihre scheinbare Kontrolle entreisst und zu regressiven Angstzombies generieren lässt.

Über diese individuelle Schicksalskurve lässt Lerner auch die Welt aus den Fugen geraten und die in den USA vorhandenen Wetterphänomene die Ostküste angreifen. Sowohl möglich aber auch eben fiktiv ist mir das dann zu viel des Guten, wobei ich Lerners Erzähltaktik durchaus verstehe: Neben dem dass er seinem Protagonisten die echten Probleme in der First World entgegenschlagen lässt, setzt er die ganze Bühne des Romans unter Wasser. Was er erreicht, ist der kritische Blick der Relation, die oft und viele, insbesondere in New York verloren haben. Sollte man diesen Roman also vielmehr als Sinnbild für eine das Maß verlierende Gesellschaft, eine heimliche Anklage gegen Kommerz und Zügellosigkeit sehen, als als reinen Erzählroman zum Hang zur Fiktion?

Genug Realität wäre da.

Ben Lerner: 22:04 erschienen bei Rowohlt

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

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