Rezension: Die Ruhe weg

„Weil ich nie etwas besseres gefunden habe, um es mit mir selbst auszuhalten“, sagte Durs Grünbein 1998 im Interview mit Herlinde Koelbl für ihr Buch „Im Schreiben zuhaus“. Er lebe in den Tag hinein, auch wenn es ihm weniger gelänge, gibt er im weiteren Verlauf zu Protokoll. 

Ob Eva Sichelschmidt auch weniger Zeit hat, mit drei Kindern und Mann in den Tag zu leben, ist nicht bekannt. Aber sie hat es geschafft, bei KNAUS ihren Debütroman „Die Ruhe weg“ vorzulegen. Es wird ihr in der Berichterstattung hoffentlich erspart bleiben, die „Frau von“ zu sein. Denn Frau Sichelschmidt ist die Ehefrau des eingangs erwähnten Suhrkamp-Star-Lyrikers Durs Grünbein. Selbst als Schneiderin etabliert, wagt Sichelschmidt sich an das geschriebene, nicht genähte Werk. 

Es ist ein gut laufender Milieuroman geworden, der das neue romantisierte Familienleben in das Brennglas nimmt. Prenzlauer Berg, alles schnieke, man is(s)t bio, ist sich selbst und seiner Ansprüche überbordend bewusst, reist am Wochenende nach Brandenburg und fährt Volvo. Und dennoch ist die Fassade bröckelig; scheint auf der Zeitschiene progredient zu bröckeln. Die Brüste sind flach, die Erwartungen aneinander auch. Aus dem liebevollen, lebenshungrigen Paaren, sind Zombies der Umstände geworden. 

Marlies, Protagonistin, zwei grundverschiedene Kinder, daneben ihr farbloser Mann Till, nebst Affäre Ralf, steuern in die befreiende Brüchigkeit zu. Die Familie bricht real entzwei, doch nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, als Marlies mit Tochter zu einem Jobangebot in ihre begehrte Stadt Rom zieht.

Sichelschmidt schafft eine authentische Beschreibung aus Kiez-Problematik und der Schattenseite der monogamen Dauerbeziehungen, der sich wie Rinnsale ausbreitenden Gelüste, die durch normative Aussenumstände behindert und unterdrückt werden und die Menschen verhärmen lassen.

Ob der Zauber dem Anfang inne wohnt, in dem sich dem ursprünglichen Zauber sich entrinnen lässt, ist eine Möglichkeit. Sicher hätte es Siegfried Unseld sehr gefreut, den bekannten Satz seines Lieblingsgedichts von Hermann Hesse im Klappentext der Ehefrau seines Autors Grünbein zu lesen. Denn es ziert auch seinen Grabstein.

Eva Sichelschmidt: Die Ruhe weg erschienen bei KNAUS/Random House

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

Advertisements