Rezension: Kuba – Magie des Augenblicks

Kuba. Aha. Ein Land was es in meiner geistigen Karte nicht gab. Zumindest nicht in einer klaren Weise, sondern nur unter Traumschiff-Klischees vergraben. Vor mehreren Jahren erzählte mir eine entfernte Bekannte, sie wolle doch endlich mal ins noch entferntere Kuba reisen, das sei ja unumgänglich. Ich nickte automatisiert, ohne auch nur irgendeinen Reiz zu verspüren, mein Unwissen ihrem Wollen entgegen streben zu lassen. So urlaubte Julia auf Kuba und unser Kennen nahm im Laufe der Zeit kubanische Entfernung an. Übriggebliebemn ist, dass immer wenn mir Leute ungefragt von den Reizen Kubas vorschwärmten („mit echten Kakerlaken im Zimmer, glaubste es?!“), musste ich an Julia, die nicht Julia heißt, denken. Vielleicht war es eine Divergenzmetapher? Eine Allegorie des Trennens? Nunja, schwelgen wir nicht in meinem internationalen Unwissen, welches noch peinlicher wirkt, da es wirklich grundlos ist. Es ist haltungslos, so ungefähr wie die meisten in Deutschland haltungslos zur gelobten Demokratie sind. Die Frage ist, was uns aktuell mehr gefährdet?

Für etwas brennen ist schön. Dafür bin ich auch. Und Lorne Resnick auch. Der Fotograf schließt in seinem Nachwort mit dem denkwürdigen Satz „Wie herrlich, so zu brennen.“

Nachwörter hielt ich bisher für nachlassbar, aber dieses überzeugte mich schon durch seine Signatur: Resnick signiert mit dem genauen Datum (13. Mai 2015) und der Flughöhe, in der er das Nachwort schrieb. 9100 Meter trennten ihn von der Erde, als er Kuba wieder verließ, nur um schon den innigen Wunsch zu haben, alsbald wiederzukommen. Er verliebe sich ständig neu – auch wenn es nur für eine Sechzigstelsekunde sei. Und das merkt man seinen Bildern durchgehend an. Früher dachte ich, nunja, man drückt auf den Auslöser und das wäre es dann. Ach, was war ich ein künstlerischer Ignorant! Inzwischen weiß ich aus eigener Erfahrung, dass eine Kamera, Licht und Blitze bei gleicher Ausrichtung noch lange kein gutes Foto machen; von einem guten Arrangement ganz zu schweigen. Man braucht einen Draht zum fotografierten Menschen – ohne das ist das Foto wertlos. Rosnick will nicht nur zeigen, wie Kuba aussieht, sondern wie es sich anfühlt. Er schafft es. Das ausgewachsene Coffee-Table-Book ist qualitativ ohne Beanstandung. Papierfarbe, Druckqualität und Bildgröße sind adäquat. Auf den ersten Seiten hüllte mich die Sorge ein, es könnte in die Klischees von Frauen in Tanzkostümen tendieren, doch die Sorge war ohne Grund. Der Künstler schafft einen angenehmen und nicht immer die Glanzseiten präferierenden Querschnitt durch die Bevölkerung, durch die Location. Von Traumszene zu Müllszene, von Liebe bis Abstellkammer.

Also: Eindeutige Empfehlung; für alle die Kuba lieben, aber vor allem für die Kuba-non-known-Herrschaften wie mich, die eine Gefühlreise im Inneren erleben bei dem Anblick der Bilder.

Wissenswert: Vor dem Nachwort werden alle Bilder im Kleinformat als Übersicht abgebildet.

Lorne Resnick: Kuba – Magie des Augenblicks erschienen bei Prestel/Random House

 

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