Rezension: Netzkarte

West-Deutschland, 1981.

Die grauen Achtziger, die Bahn hört noch auf den klangvollen Namen Deutsche Bundesbahn, nach Berlin-West geht es nur durch die „Zone“ und Bahnfahren hat noch den Stil von Abteilen (Raucher!) mit Butterbrot. Als ich die Typographie des Piper-Taschenbuchs sah, beamte es mich in die Prä-ICE-Zeit zurück. DB-Keks als Logo, plüschige Polster-hoppel-Sitze und Fenster, die man ernsthaft bei voller Fahrt aufreißen konnte – Zugluft in Reinform. Im Regionalverkehr gab es noch keine „Einheiten“, keine „Triebwagen“, nein, es waren die silber-glänzenden N-Wagen mit rußenden BR 218 oder grünen Einheits-E-Loks der BR 110 und Co.

Der einzige mir bekannte Schriftsteller, der diese zuggebundene Reiseliteratur in deutschen Landen fortführte, war Roger Willemsen mit seiner Deutschlandreise von 2004. Auch er zeichnet, wie Nadolny, hingebungsvoll Geschichten auf und neben der Schiene, um daraus wieder Schlüsse zum Verständnis der Welt zu formen. Willemsen bleibt als Reisender aber unerkannt, undefiniert; hierzu sagte er häufig, er würde in der Fremde aufhören zu sein. Nadolny bürgt seine Erlebnisse dem fiktiven Taugenichts Ole Reuter auf. Der Studienreferendar steht vor der Leherlaufbahn und fragt sich, ob er das wirklich will. Wirklich kann. Der Autor lässt ihn wider jeder Beschwichtigung eines Kollegen, fliehen in die weite Bahnwelt. 30.000 Schienenkilometer mit Notizbuch und der Gewissheit „Ich hasse jede Arbeit.“, S. 35. Es ist eben doch mehr als Reiseliteratur oder die Beschreibung von skurrilen Erlebnissen im Alltag. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nach Studium sich am Scheideweg des Lebens befindet. Ist arbeiten wirklich so sinnvoll? Warum nicht in der Ferne weilen und sich somit der arbeitenden Anwesenheitspflicht entziehen? Und: Oh wie Wunder gibt es so viele bewundernswerte Frauen. Denn neben den Ein- und Ausfahrten der Züge, der vorbeiziehenden Landschaft, sind alle Begehr des Protagonisten aufgeladen von der Suche nach Frauen, der erotischen allemal. Der Vollzug hingegen bleibt selten, wenn vage in den Zeilen.

Die Geschichte von Ole Reuter ist eine Beispielparabel für das Leben. Man kann sie gerne lesen, denn: In welchen Zug man steigt, kann man jeden Tag wieder selber bestimmen.

Sten Nadolny: Netzkarte, erschienen bei Piper als ungekürztes Taschenbuch

Beitragsbild: Foto Fahrplan vor 1990 Hannover-Berlin (Fahrtdauer!); Dank an CB!


Ich danke dem Verlag für die kostenfreie Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

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