Rezension: Erben des Holocaust

Wie geht man mit solch einer Vergangenheit um? Michel Friedmans Eltern haben in seinem Leben eine bis heute wirkende Erinnerung für sein Verhalten gelegt. Beide haben den Holocaust überlebt, doch mit schlimmen, bis zum Lebensende währenden seelischen und auch körperlichen Verwundungen. Friedmans Vater wurde mit einem Gewehrkolben das eine Ohr so malträtiert, dass er zeitlebens auf diesem nicht mehr hören sollte, seiner Mutter wurde körperliche Schmach angetan, dass er in den Sätzen dazu Schwung nimmt und dann doch abbricht, so sehr schmerzen ihn diese Tatsachen. Der junge Michel wollte nach New York, weg nach USA. Doch er blieb in Deutschland, im Täterland, in dem ihm später Gewalt angedroht aber auch verübt wurde (zwei versuchte Schusswaffenattentate; vgl. hierzu Interview BR alpha 2016 und FAZ-Interview 2013). Seine Eltern wären zerbrochen, wollten nicht in diesem Lande, welches dem Vater als Pelzkaufmann aber die finanzielle Existenz bewahrte, alleine zurückbleiben. 1999 betonte er am Bahnhof in Paris stehend, dass er Züge bis heute nicht mag. Sie waren ein mörderisches Transportmittel.
Sein Drang zur Unabhängigkeit, zur Diversifikation seiner Einnahmen als Anwalt, Publizist, Moderator und Journalist sind das Ergebnis des Wirkens seiner Eltern, unabhängig zu bleiben. Deshalb begann er Medizin zu studieren, denn sein Vater meinte, dass eben auch Nazis krank würden. Als er wusste, dass er Jurist werden wollte, um seine Rechte zu kennen, ließ sein Vater absprachegemäß davon ab, ihn als Mediziner reüssieren sehen zu wollen.

Anhand dieser wenigen Zeilen sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, wie auch und gerade die Kinder von Überlebendes der Shoa noch in Linie leiden und ihr Wirken, ihre Arbeit durch die elterliche Prägung bestimmt ist. Michel Friedman kommt in dem vorliegenden Buch von Andrea von Treuenfeld nicht vor.  Dafür kommen z.B. Andrew Ranicki (Sohn von Marcel Reich-Ranicki), Marcel Reif, Rachel Salamander oder Ilja Richter zu Wort. In Kapiteln mit einleitendem tab. Lebenslauf, erklären die Personen auf ca. 10-14 Seiten ihre Erlebnisse, Eindrücke, Lebenswege.

Ganz kurz etwas zur Verarbeitung: Gebunden, angenehmes Papier, Bilder von den Portraitierten heute und als Kind mit den Eltern z.B. Was ich nicht als so angenehm empfinde ist die sehr gerade, sehr eckige, aber dennoch mit Serifen arbeitende Schrift, die der Verlag verwendet. Auch die Betitelung auf dem Cover finde ich zu überladen; ich wusste erst nicht, was der wirkliche Haupttitel des Buches ist.

Andrea von Treuenfeld: Erben des Holocaust, erschienen im Gütersloher Verlagshaus (Random House)

Ich danke dem Verlag; ich erhalte kein Honorar.

 

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