Rezension: Das geträumte Land

Also die ZEIT frohlockte in ihrer Rezension vom letzten Donnerstag nicht sehr begeisternd, meinte Autorin Wiebke Porombka doch, der Roman verliere sich in Stereotypen, in Klischees und der sprachlichen Mediokrität (das heisst Mittelmäßigkeit für Bildungsbürger und die die es gern wären) die sich auf alltagssprachliche Dialoge verlasse.

Ach, wissen Sie was? Scheißen Sie auf die gekonnt wichtige Rezension der ZEIT. Die Divergenz von Feuilleton und der Lesermeinung ist manchmal doch schon sehr erschreckend, ach nein: frappierend. Doch anders könnte man sicher auch seine bildungsbürgerlich verbriefte Erhabenheitsposition nicht bewahren, wenn man in einer bestimmten Art des Erzählflusses nicht einen großen Coup des Autors erwarten würde. Vermeintliche Stereotypen kommen gemeinhin nicht von ungefähr und die Zeichnung dieser Kulturen ist der Autorin sicherlich näher, als der Rezensentin. Warum also gleich immer alles infrage stellen und ein ganzes Werk aburteilen? Warum kann man nicht schreiben, der Stil gefiel mir nicht, sondern sucht nach vermeintlich soziologischen Ansätzen des Nichtbestehens literarischer Ansprüche?

Mich reizte der Erstling der inzwischen seit zehn Jahren in New York lebenden Imbolo Mbue, da sie eine Untergangsaufnahme von Lehman Brothers 2008 aus einer ganz ungewohnten Perspektive zeichnet. Aus der Sicht des kameruner Einwanderers Jende, der seine Frau und Sohn nachholt, alles auf urs wackligen iuristischen Beinen, immer in einer Ertappungsangst, immer an der Schwelle zum Nichts, durchzogen mit den Magneten der Heimat und dem ultimativen Reiz des idealisierten Ziellandes. 

Ein Psychologe würde konstatieren, hier lasse sich Idealisierung at its best erleben. Für Jende stellen die USA alles Erreichbare auf dem Planeten dar. Nichts ist aufregender, freier, erstrebenswerter als die legale, arbeitssame Daeinsberechtigung in US-Amerika. Seine Frau Neni träumt von einer akademischen Karriere als Apothekerin, der Sohn wird getrimmt, im System zu bestehen. Ihn in den USA zu wissen, lässt Neni im weiteren Verlauf sogar ganz existentialistische Ideen entwickeln. 

Mag sein, dass Mbues Erzählweise in den sehr alltagsbezogenen Dialogen kleinbürgerlich einfach wirkt, doch sie treffen meinen Nerv der erkundenden Perspektive, dass Ideale bei längerer und näher werdender Betrachtung zerbröckeln und so dem eigenen weniger angesehenen Status zur Politur helfen. So mehr sich Jende und Neni Edward Clark und seiner Frau nähern, für die er als Chauffeur und sie aushilfsweise als Hausmädchen arbeitet, sehen sie die Brüche des Kapitalimus´. 

Eine Ehe des Scheines und bestehenden Scheiterns, die Mrs Clark ob ihrer eigenen ärmlichen Herkunft eisern bewahren will, der ältere Sohn der beiden, der um alles in der Welt nicht in die Juristerei (und damit die Lebenshaltung der Eltern) einsteigen will und Mr Clark, der den Zusammenbruch der Subprimeblase kommen sieht und doch nur ein teuer bezahltes Rädchen im System ist, welches 2008 dann den kompletten Zusammenbruch nie dagewesenen Ausmasses hinlegt. Too big to fail war gestern. 

Beide Familien werden also auf die Rampe der kapitalistischen Idee gestellt. Mbue schafft es meiner Meinung nach, die Erlebnisse aus den kleinen Waben des menschlichen Seins zu erzählen. Wenn das dann eine Klischeehaftigkeit darstellt…dann ist das Leben vielleicht doch näher an den geächteten Klischees als man es bildungsbürgerlich gerne hätte?

Ich habe den Roman gerne gelesen, bin gerne in die Gefühlswelt der angeblich nicht tiefenscharfen Protagonisten eingetaucht. Und die aufgeworfene Frage, ob man diese Art von Sozialromantik nicht schon so oft gelesen habe, kann ich nur antworten: Wie oft hat man schon mediokritäre Rezensionen gelesen?

Imbolo Mbue: Das gelobte Land, erschienen bei KiWi

Gelesen in Frankfurt/im ICE/ in Berlin im Februar 2017.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

 

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