Medienkolumne: Wen du kennst, liest du

Sie kennen es. Definitiv. Diese Momente des unbändigen Hasses. Der verachtenden Herabwürdigung des unbekannten Gegenübers. Sei es, er ist ihnen übermotiviert mit dem Einkaufswagen in die Hacken gefahren, sei es, er rempelt sie an der Bushaltestelle um. Es sind die Sekunden, in denen man gegen ein verschwommenes Subjekt agiert. Würde man die Situation einfrieren können und Sie fragen, wie ihr Gegenüber aussieht: Sie blieben vage, denn ein russisches Sprichwort sagt nicht umsonst: Er lügt wie ein Augenzeuge. Doch genau in solchen Momenten kann man eine wunder-bare wie wunderbare Wendung erleben: Wenn während des Anlaufnehmens zur Hasstirade der Adressat erkannt wird. Je nach Fortschritt der eigenen Tirade erlebt man sportliche Einlenkungen; die sprichwörtlich zwischenmenschliche Handbremse. Was wäre also, wenn wir uns alle kennen? Das Ende von Spontanhass, von Aggression im Straßenverkehr? Renate Künast startete den Selbstversuch, sich mit Hatespeech-Schreibern zu treffen. Das Ergebnis war verwunderlich: der vermeintliche Hass wich der Sympathie oder zumindest des Interesses. Bei der Vielzahl von Artikeln, selbst in einer einzigen Zeitung, ist nicht nur das Thema das Kriterium zum Lesen, sondern auch: Wer hat hier geschrieben, gemeint, geurteilt? Dabei muss es nicht um Zuneigung gehen, auch eine eingefleischte Abneigung vollführt den Leser zu binden, wenn er weiß, von wem die Zeilen stammen.

Verlage, Zeitungshäuser, Medienkonzerne waren in der analogen Welt Institutionen. Nicht umsonst haben viele klassischen Medien den bestimmten Artikel gleich mit im Titel. Bestimmt war hier nicht nur der Name, sondern auch die Verankerung in der Bevölkerung. Es ging weniger um Köpfe, als um das Blatt, das Magazin an sich. Das Streiflicht der SZ kommt bis heute ohne Autorenzeile aus. Der Trend wandelte sich, nicht zuletzt schlichtweg durch das Internet. Denn heute kann ich googlen und daher auch ein praktikables Interesse entwickeln, wen ich da eigentlich lese. Die Meinung über einen Autoren generiert sich nicht mehr aus der Anzahl der Artikel, die ich über eine längere Zeit von ihm lese. Im Zuge der Lügenpresse-Debatte, die von Menschen mit schlankem Scrollwissen aufrechterhalten (nicht initiiert) wird, fühlten sich die selbsternannten Leitmedien dazu veranlasst, transparenter zu werden. Zu zeigen, wer man eigentlich ist. Es bestand plötzlich die Notwendigkeit, sich durch Namen eine Korrektheit, eine eigentlich qua Amt bestehende Legitimation zu verschaffen. Aus einem scheinbar diffusen Haus, eine Institution mit Köpfen zu machen. Mehr als nur Herausgeber. Obgleich den meisten Hassschreibern wahrscheinlich nicht einmal klar ist, was ein Herausgeber überhaupt ist. Da will man nicht estimieren, was diese unter einem „Textchef“ herbeifabulieren könnten. Die vermutete Ahnungslosigkeit ging so weit, dass der Spiegel begann, klarer zu kennzeichnen, welcher Text Glosse, Kommentar, Reportage oder Meldung ist. Schulwissen der sechsten Klasse. Doch wie Giovanni di Lorenzo in seiner Dresdner Rede konstatierte, sind die Menschen, die sich im selbstreferenziellen Karussell ihrer Facebook-Kontakte drehen, die, die wahrscheinlich nie zur eigentlichen Medienwelt gehörten. Haben wir dennoch eine inzwischen stärkere Fixierung auf Personen, statt auf Institutionen? Ja. Waren Journalisten früher unsichtbare Produzenten, treten sie heute selbstbewusster den je auf, manchmal tendenziös selbstgenügsam bis –gefällig. Crossmedial vermischen sich die Zünfte, nicht erst seit WeltN24. So sind in Reportagen über Politiker verdächtig oft auch Zwischenschnitte mit dem agierenden Konterfei des Autoren zu sehen; Markus Feldenkirchen auf dem Weg in Schäubles Heimatort oder Reinhold Beckmann auf Autofahrt mit Gerhard Schröder. Fast ist selbst dem wohlgesonnen Leser und Zuschauer der Schmusegrad zu hoch, wenn Beckmann in einer Anfangsszene, halb von Musik überdeckt,

den Altkanzler lässig duzt und ihn fragt, wann er angereist sei. Das einfache Zeitgeister daraus ein Mehr an allem herausdichten, ist fast schon nicht verwerflich.

Jemand der den personellen Zentrismus erfolgreich online etablierte und damit sogar den Übersprung ins Analoge schaffte, ist Roland Tichy. Man kann von ihm und seinem selbstgerechten Gezeter, seinem als FAZ-Herausgeber geschassten Autoren Hugo Müller- Vogg, halten was man will. Aber: Mit seinem „liberal-konservativen“ Blog Tichys Einblick erreicht er die Menschen; und das inzwischen sogar mit einer Printausgabe, die neben den Magazinversuchen von SZ und FAZ liegt. Bei der GEZ würde man sagen: Sie lesen in der ersten Reihe! Macht Tichy vor, was die Zukunft des Leserkontaktes ausmacht: die persönliche Beziehung? Heißt also die These: Wen du kennst, liest du? Eine gewisse Arroganz ist vielen Journalisten sicher nicht abzusprechen. Sie lieben ihren Job, sind sich ihrer Bedeutung gewiss. Was wird aber aus dieser Hybris in einer modernen Welt?

Die Zeit hat sich unumkehrbar geändert: Der Markt des Journalismus ́ hat sich liberalisiert, die Form ist liquide geworden. Das Konsumverhalten folgt keinen Dogmen mehr. Der Leser lässt sich nicht mehr diktieren, wen er zu lesen hat, was relevant für ihn sei. Klingt abgegriffen, kann man dennoch nicht oft genug schreiben. So stockte Kai Diekmann kurz, als er auf einem Board vom Moderator düpiert wurde, dessen eigene Tochter habe einen veganen Foodblog mit 200.000 Followern auf Instagram und Diekmann (damals, heute 150.000) nur 60.000 auf twitter. Das saß. – Ob solche Blogs und Newsfeeds die viel beschworene handwerkliche Qualität bieten können, ist ungewiss und das Totschlagargument deutscher Verleger. Die Frage ist wie immer im Relativismus: Was ist schon Handwerk? Was Qualität? Eines steht fest: Die Konsumenten wollen keine institutionalisierten Raumschiffe der aufklärenden Unantastbarkeit, sie wollen Journalisten zum Anfassen.

Fortschritt könne man nicht aufhalten, man müsse ihn umarmen, sprach Mathias Döpfner vorweise schon 2007. Mit dem Umarmen der Technik freundet man sich so langsam an, doch der Leser bleibt einer, den man zögerlich umarmt. Email-Signaturen von Journalisten sind die hagersten, die man sich vorstellen kann: Maximal die Faxnummer wird offenbart. Wissen Sie, was sonst los wäre, raunt mir digital eine Textchefin zu. Man käme schon mit den ganzen Emails kaum nach. Und dann noch die Trolls und Hater. Lernen, miteinander zu kommunzieren müssen sicher noch beide Seiten. Denn ein wenig kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass Nahbarkeit auch für einige Journalisten das Synonym für Bedeutungsverlust ist. Es ändert aber nichts an der finalen Tatsache: Wer dich kennt, liest dich.

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