Rezension: Phil Collins not dead yet – Autobiographie

Phil Collins macht sehr gute Musik, ich mag ihn nach Jahren noch hören. Dennoch interessierte mich eher weniger seine rasante, grandiose Karriere als Musiker. Ich wollte wissen, wie ein Multimillionär nach seiner Karriere mit Mitte fünfzig so tief abstürzen und zum Alkoholiker werden kann. Wie kann es sein, dass ein Mensch, der formal alle Möglichkeiten hat, so tief stürzt und nur mit massiven körperlichen, seelischen und familiären Schäden wieder herausstolpert?

Es begann damit, dass Collins sich frühzeitig in Rente verabschiedete. Quasi diametral zu den Rolling Stones. Seine Gelenke sind durch die jahrzehntelange Belastung geschädigt, er kann nicht mehr Schlagzeug spielen und möchte sich seiner Familie zuwenden. Ehen gingen zu Bruch, Kinder wurden zu entfernten Polen der Liebe, da die Mütter sich als Lebensmittelpunkt keine anderen Länder, sondern andere Kontinente suchten.

So zerbrach sein Lebenssinn als seine Kinder samt Ex-Frau Richtung USA aufbrachen und er selbst in seinem Haus in Zürich zurückblieb und nicht mehr wusste, wofür er aufstehen sollte. Er begann in Agonie und Verzweiflung einzugehen, im goldenen Käfig der Möglichkeiten. So sagte er in einem Interview nach überstandener Krise, sein Arzt habe ihm mitgeteilt, er könne ihm helfen vom Alkohol loszukommen, aber den Sinn, morgens wieder aufzustehen, müsse er selber finden.

Collins beschreibt diesen Weg eindringlich und macht einen sprachlos in welcher Conditio er in den letzten Jahren unterwegs war. In Privatjets, aber umso mehr desaströs. ein Lehrbeispiel für zwei Dinge:

a) Die Kunst, sich ohne Aufgabe selber kennenzulernen und auszuhalten

und

b) das Geld wahrlich, wahrlich nicht alles ist; bei Collins gar nichts, sondern im Gegenteil der Steigbügel des Untergangs

Er hat es überstanden -einstweilen- und es sei ihm nach der Reunion mit seiner Exfrau seiner Familie und ihm ruhige, gemeinsame Zeiten zu wünschen. Ein schönes, ausführliches Werk (500+ Seiten) über einen legendären, zeitgenössischen Musiker—und: Menschen.

Ein Band mit vielen, sehr privaten Bildern aus einer atemberaubenden Laufbahn.

Phil Collins: not dead yet erschienen bei Heyne (Random House)

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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