Rezension: Die letzten Dinge

Ein Freund von mir ist Mitte vierzig und hat große Angst vor dem Ende. Er würde gerne ewig leben, er mag sein Leben laut eigener Aussage sehr und würde ewig so weiter machen wollen. Die Frage ist, ob diese idealisierte Ansicht sich daraus speist, dass die Angst vor dem Sterben und nicht vor dem Tod unbändig hoch ist. So fürchtet auch der ehem. Ratsvorsitzende der EKD, Prof. Wolfgang Huber, das Sterben, wie er in sehr offener Weise im Gespräch mit Michel Friedman beim Thema „TOD!“ im Frankfurter Schauspiel angibt. Dennoch gäbe es Menschen, die dem Leben überdrüssig würden und das nicht aus pathologischer Lebensmüdigkeit, sondern weil sie ob hohen Alters ihr Leben als ausgelebt sähen. Hat Gott mich denn vergessen, fragte Hubers Schwiegermutter deprimiert am Ende eines langen, erfüllten Lebens.

Diese -mögliche- Sichtweise, diese -mögliche- Wendung beruhigt.

Wird der Tod und das Sterben hierzulande symbolhaft totgeschwiegen, so brodeln unter der geglätteten Fassade Angst und Schrecken vor etwas, welches durch Exklusion aus dem alltäglichen Leben zu einem Störfaktor der Lebensperformance geworden ist. Siechtum gilt nicht als schick, eher als Zeichen des persönlichen Versagens, der körperlichen Schwäche, als Beweis für fehlenden Biss. Schnell schlägt es in eine vorwürfige Haltung, man sei ja selber Schuld, hätte man doch nur… Das gesundheits- und egozentrierte Streben der Fitnessgesellschaft lässt fragen, ob Menschen die Zwischenmenschlichkeit nicht verlieren (Prof. Menninghaus meinte bei Friedman dazu, dass genau diese Sportasketen eben keine Bindungen mehr zu anderen eingehen könnten) und nach ganz kruden Dingen strampeln. Wie nehmen Menschen also das Leben in den letzten Zügen wahr? Ändert sich die Haltung wie die von Wolfgang Hubers Schwiegermutter?

Iris Radisch, Ressortleiterin Feuilleton bei der ZEIT, nimmt „heitere Gelassenheit“ aber auch Frustration wahr. Sie führte über Jahrzehnte Interviews mit Menschen die wissend oder unwissend im letzten Teil ihres Lebens angelangt waren. Radisch wählte „sympathisch ungefestigte“ Charaktere, die keine dogmatischen Ansichten in Philosophie und Religion haben. Dies treffe vor allem bei Schriftstellern zuteil. Aufgrund des Alters dürften die Masken fallen, man könne offen reden, keiner müsste ob einer noch zu erstrebenden Stufe geschont werden („Altersradikalität“).

Im vorliegenden Interviewband vereint die Autorin achtzehn dieser Gespräche, u.a. mit Marcel Reich-Ranicki, Peter Rühmkopf, George Tabori und Antonia Tabucchi. Alle Gespräche werden ausführlich eingeleitet, jeder Interviewpartner ist mit Bild verewigt. Was mir fehlt, ist die genaue Datumsangabe des Interviews. Aus den ausführlichen und passenden Einleitungstexten kann man es grob oder genauer erlesen, aber das genaue Datum zur schnellen Einordnung hätte mich erfreut. Beeindruckt haben mich die Gespräche mit George Tabori (hatte so viel Leben im Leben, das selbst seinem Assistenten die Orientierung schwerfiel), Peter Rühmkopf (lesen Sie Seite 65; seinen Tagesablauf: „Na ja, und dann geht´s nochmal mit Galopp durch die Nacht. – Arbeiten möchte ich das gar nicht nennen. Ich verfasse mich selbst und dichte die Fugen ab) und Marcel Reich-Ranicki, der in diesem allerletzten Gespräch so am Boden deprimiert wirkt, dass man das Ende physisch erlesen kann. Das der Literaturpapst deprimiert und vor dem Fernseher die meisten seiner Bücher verschenkt haben sitzt und unzufrieden ist, hätte ich so 1999 seine Biographie verschlingend nicht erwartet.

Das Leben ist endlich, das macht es m.E. schlussendlich erst er-lebens-wert. Mit steigendem Alter, wächst meine Akzeptanz der Endlichkeit, es sinkt die ewige Angst vor einem siechenden Ende. Vielmehr beherzige ich Radischs Hinweis in der Einleitung, nicht immer alles aufzuschieben und sich um die „Eigentlichkeit deiner Existenz“ (als Anlehnung an Heidegger).

Helmut Schmidt sei hierzu das letzte Wort gegeben. Der 2015 verstorbene Altbundeskanzler und ZEIT-Herausgeber zu Angsthaben und der Angst vor Krankheit, Siechtum, Tod:

Schmidt: (…) Je älter man wird, desto weniger Angst muss man haben, denke ich. (…)

ZEIT: Hat man nicht Angst vor Siechtum, Krankheit, Tod?

Schmidt: Das sind sehr unerfreuliche Lebensschicksale, die Sie da nennen. Aber was ändert man, wenn man ihnen mit Angst entgegensieht? Es wird eher schlimmer.

Lesen Sie das ganze Gespräch hier

Also, eine dringende Leseempfehlung.

Iris Radisch: Die letzten Dinge – Lebensendgespräche erschienen bei Rowohlt

PS: In dritter Auflage 2015!

Lesetipp: Der Tod des Iwan Iljitsch von Leo Tolstoi
Seh-Tipp: Gert Voss und Harald Schmidt im Gespräch (Hören Sie nach George Tabori)

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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