Rezension: 70 Jahre DER SPIEGEL – Interview mit Klaus Brinkbäumer

Ist es wirklich noch ein Wochenmagazin oder nicht schon ein Teil hiesiger öffentlicher DNA unserer Demokratie? DER SPIEGEL ist seit 1947 eine Institution des Journalismus´. Bis 1993 de jure in der Sparte konkurrenzlos und de facto immer ist er es immer noch, denn der FOCUS schaffte nie wirklich den Ausstieg aus dem Tortendiagrammmodus – oder wollte es gar nie? Denn trotz Fakten, Fakten, Fakten und einem nie ruhenden Herausgeber Markwort, blieb der SPIEGEL immer die Nr. 1. Doch auch eine Institution kann leiden. Und das tut sie innen wie außen.

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Der immer währende Gründer: Rudolf Augstein

Die Zeiten ändern sich, der Fortschritt müsse umarmt werden, konstatiert 2007 schon Mathias Döpfner. So leidet der Spiegel am digitalen Geschäft wie alle Verlage, da zu spät erkannt wurde, dass man mit reiner Reichweite nicht seine Kosten decken kann. 2016 erst rang sich das Blatt zu einer Paywall durch. Das innere Leiden beruht auf sehr alten Strukturen: Der Mitarbeiter KG. Denn den Mitarbeitern gehört mehr als die Hälfte des Spiegels. Dies wollte der Patriarch Rudolf Augstein so – und dann doch wieder nicht. Dann aber war es zu spät, denn zugunsten eines Rentenmodells wollten die Mitarbeiter „ihren“ Spiegel nicht wieder hergeben. Diese einzigartige Konstellation sollte die Unabhängigkeit sichern und löste doch ein Vakuum aus: Die Onliner kamen dazu und sind bis heute nicht gleichgestellt. Ein grotesk wirkender Zustand, der googlebar zu Unruhen im Haus führte.

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Der Blick von oben

Es werden anspruchsvolle Jahre, nicht mehr von der Substanz zu zehren, sondern innen wie außen das Blatt strukturell zu „pimpen“, um nicht in Scollalgorithmenuntiefen unterzugehen. Dass im Rahmen dieser Untiefen dann auch die Spitze des Blattes rochadenartig wechselte, machte alles nicht besser. Der „Fernsehmann“ Stefan Aust lenkte knapp eine Dekade die Geschicke des Hauses, um dann -so munkelt man- ohne sein Büro nochmal zu betreten, das Weite gesucht zu haben; angeblich nebst Abfindung. Darauf folgte eine Doppelspitze aus Müller von Blumencron und Mascolo mit der man im Duo Print und Online führen wollte; endete in Beurlaubung und Wolfgang Büchner, der erst den BILD-Mann Blome holte (gegen großen Belegschaftsprotest und der inzwischen wieder bei BILD werkelt und auf Phoenix mit Jakob Augstein motzt) und dann die Onliner gleichstellen wollte, was ihm nicht gelang. Nur das Erscheinen verlegte er auf samstags. Ihm folgte der amtierende Chefredakteur des gedruckten Spiegel und Herausgeber von Spiegel Online, Klaus Brinkbäumer.

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Cover die in die Geschichte eingingen: z.B. Boris Beckers Ich, Hannelore Kohls Tod oder 9/11

 

Doch trotz aller grauen Wolken, gilt es 2017 zu feiern: Der Spiegel ist siebzig geworden. Hätte man das Rudolf Augstein 1962 in der U-Haft (siehe hierzu „Spiegel Affäre„) gesagt, er hätte frohlockt; und es vielleicht heimlich als selbstredend erachtet? Klaus Brinkbäumer legt daher termingenau als Herausgeber ein Kompendium aus siebzig Jahren Nachrichtenmagazin bei DVA vor.
Ein wahrer Brocken, wären mehr Bilder drin, es wäre ein Coffee Table Book. Mit hochwertigem weißen Papier, einem durchdringenden Spiegel-Design auf allen Seiten eine Reise nicht nur durch ein Nachrichtenmagazin, sondern eine Reise durch die Bundesrepublik. Standardwerke mögen oft lahmen, dieses aber nicht. Es ist auch kein Buch zum klassischen Durchlesen, sondern zum Blättern, zum Nachschauen, zum in der Erinnerung schwelgen. Manche der Cover sind legendär – weil sie bis heute Gefühle einer Zeit, eines Ereignisses bei einem auslösen. Einziger gestalterischer Kritikpunkt: Das schwarze Lesezeichen. Hier gehört natürlich ein rotes hin!

Interview
Jan C. Behmann im Gespräch mit
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer

Statt viel zu beschreiben, frage ich den Spiegel-Chefredakteur und Herausgeber von Spiegel Online einfach selbst. Ich habe dieses Interview schriftlich geführt. Die Antworten sind vom 31.01.2017. Ich danke Klaus Brinkbäumer für die Bereitschaft!

Jan C. Behmann: Herr Brinkbäumer, 70 Jahre SPIEGEL-Geschichte und Geschichten in Buchform liegen vor uns – wieviel Kaffee ist in den Chefredakteursmagen bei der Erstellung neben dem „echten“ SPIEGEL geflossen? 

Klaus Brinkbäumer: Weder Tassen noch Kannen habe ich gezählt. Reichlich. Aber „nach 16 Uhr in unserem Alter kein Kaffee mehr“, das sagte mir mein bester Freund in New York, und der ist Arzt. 

In sechs Hauptkapiteln, die ungefähr einer Dekade entsprechen, geben Sie die besten SPIEGEL-Cover, die Scoops und Skandale, Fotos von SPIEGEL-Gesprächen und ausgewählte Artikel zum Besten – wer traf diese Auswahl und was ist Ihr Favorit? 

Die Kollegen Hauke Janssen, Cordt Schnibben und ich; wir haben uns durch all die Jahrzehnte gekämpft. Meine Favoriten haben es in dieses Buch geschafft, die Liste ist lang. 

Mein Politik-Lehrer gab mir in der Oberstufe Punktabzug für meine Facharbeit, da ich zu sehr in den „SPIEGEL-Sprech“ abgerutscht sei. Sind die Texte vielleicht manchmal zu alarmistisch, zu emotional?

Nein, das glaube ich nicht. Ich finde viele alte Texte, aus heutiger Perspektive, etwas eintönig, einander zu ähnlich. Was ich mag: dass der SPIEGEL immer schon wenig Adjektive und umso mehr Verben verwendet hat. Das sorgt für Tempo, es geht voran.

Für welchen Artikel haben Sie sich zuletzt richtig geärgert? 

Über jeden guten, den die Konkurrenz hat, zuletzt das Gabriel-Interview im Stern. Und bei uns: über alle Fehler, auch wenn’s nur sprachliche sind.

Gibt es denn so einen Artikel in dem Buch, den Sie ausgewählt haben, weil er eben „daneben ging“? 

Nein, wir wollten ja nicht die schwächsten Texte aus sieben Jahrzehnten auswählen. Wir schreiben im Buch aber auch über die Fehler des SPIEGEL und erklären sie, Fehler wie Bad Kleinen beispielsweise. Damals hat der SPIEGEL auf schwacher Grundlage eine Titelgeschichte gemacht, die den Innenminister Rudolf Seiters stürzte; die Beweislage war, ehrlich gesagt, nicht existent. 

Mir gefallen am besten die zusammenfassenden Texte der Investigativteile. Die Bilder zu den Artikeln fehlen – hätte die Rechterecherche das Projekt sonst gesprengt?

Es ging eher um Prioritäten. So viele Geschichten … und der begrenzte Raum eines Buches eben. Darum haben wir uns meist für die Texte und gegen die Fotos entschieden.

Es wird sehr gutes Papier verwendet, der Druck ist farbenstark und die Gestaltung SPIEGEL-like bis in die letzte Zeile: Wie war die Zusammenarbeit mit der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA)? 

Das freut mich, dass Sie das anmerken, danke. DVA ist ein guter Partner für solche Projekte, nämlich leidenschaftlich einsatzfreudig.

Schicken Ihnen Leser das Buch zum Signieren? Und wenn: Ihre bevorzugte Widmung lautet oder wird lauten…? 

Ja, manche tun das, und ich signiere die Bücher gern, aber eine bevorzugte Widmung gibt’s nicht.  

Herr Brinkbäumer, der SPIEGEL ist für mich, Jahrgang 1985, eine gedruckte Institution: Lassen Sie uns bitte noch etwas über das Blatt, Ihr Blatt sprechen. In der Reportage über Ihren Vor-Vor-Vorgänger Stefan Aust aus 2005, sagt der Gastkritiker Erwin Staudt, er sähe die Meinungsführerschaft bei der BILD – wie sieht es 2017 damit aus?

Sie liegt längst wieder beim SPIEGEL.

Ihr Vorgänger Wolfgang Büchner musste gehen, weil er unter anderem die Mitarbeiter von Print und Online gleichstellen wollte. Mit Verlaub, können Sie es verstehen, dass es für mich grotesk wirkt, dass dieses innerhalb Ihres Hauses nicht als schnellstmöglich anzustrebende Selbstverständlichkeit angesehen wird? 

Ja klar. Ich wünsche mir diese Gleichstellung, manchmal verzögern allerdings steuerrechtliche oder arbeitsrechtliche Fragen die Umsetzung von Wünschen. Kommen wird’s, da habe ich keine Zweifel.

Mathias Döpfner sagt, mit Aufmerksamkeit kann man seine Miete nicht zahlen: Erst seit Mitte 2016 haben Sie eine Bezahlschranke eingeführt. Möchte man sich dafür nicht peinigen, solange seine gute Arbeit verschenkt zu haben und eine ganze Konsumentengeneration umgewöhnen zu müssen?

Nee, mit Selbstgeißelung kommt ja niemand weiter. Deutsche Verlage haben zwar spät verstanden, worum es geht, aber sie haben es verstanden. Wir kriegen das hin.

Abonnements kosten Geld, und das nicht wenig. Die FAZ berechnet im Monat knapp 70,00 Euro, der SPIEGEL knapp 40,00 Euro – was sind die Argumente dafür, wenn man bei SPON auch durchs Wichtigste scrollen kann? 

SPIEGEL ONLINE ist die stärkste Nachrichtenseite im Internet, doch die Exklusivität und die Tiefe eines herausragenden Magazinjournalismus, egal ob gedruckt oder digital, sind natürlich auch künftig ihr Geld wert.

Besonders lange Stücke hätten die Gunst der Leser, so di Lorenzo von der ZEIT: In welcher Artikelform liegt die Zukunft des SPIEGELS in Ihren Leseranalysen? 

Im Besonderen. Das Besondere, das sind Enthüllungen, aber auch Reportagen und Porträts, auch die großen Gespräche. Abheben müssen sich die Texte. Der SPIEGEL muss das recherchieren und schreiben, was andere nicht schaffen.

Alle steigen auf längere Publikationsintervalle um, die ZEIT erlebt eine Renaissance mit steigenden Leserzahlen. Macht einen das an schlechten Tagen manchmal mürbe, dass die ehemalige „Grabplatte ZEIT“ nun die jungen Intellektuellen mit verfeinerter FOCUS-Optik und wachsendem Investigativressort abfischt?

Tut sie nicht, und darum macht’s auch nicht mürbe. Die „Zeit“ hat sich zwar modernisiert und hat ein schönes Image, aber sie ist bei weitem nicht so stark wie der SPIEGEL, auch mit ihrer verkauften Auflage nicht.

„Stefan Aust fällt beim SPIEGEL nicht als Autor kluger Artikel auf“, urteilt Dokumentarfilmer Stephan Lamby 2005 – wie fällt denn Klaus Brinkbäumer auf? Als der nahbarste, digitalste Chefredakteur zum Beispiel?

Schlecht wär’s nicht, und dann versuche ich noch Blattmachen und Schreiben zu kombinieren.

Roger Willemsen hat seit 2016 einen längeren Schreibauftrag in höheren Gefilden, dennoch bleibt das Gespräch mit Helmut Markwort zum Zweijährigen von FOCUS unvergessen. Wie steht es denn um Ihre Schreibhand? 

Die kommt zu wenig zum Einsatz, sie langweilt sich schrecklich in all den Konferenzen. 

Bedienen wir uns der ZEIT-Magazin-Rubrik „Ich habe einen Traum“: Wie sieht Klaus Brinkbäumer die nächste 70 Jahre-Ausgabe des SPIEGELS vor sich?

So humorvoll, auch so selbstironisch, darum so elegant wie die letzte. In 70 Jahren, sagen Sie? Ob’s dann noch Papier gibt?

Lieber Herr Brinkbäumer, ich danke Ihnen für das Interview.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt.

Klaus Brinkbäumer (Hg.), DER SPIEGEL 1947-2017, erschienen bei DVA (Random House)

Seh-Tipps:
Klaus Brinkbäumer im Interview mit Peter Turi
Reportage über Stefan Aust als Chefredakteur
Beiträge zur Spiegel-Affäre auf Youtube

Ich danke Random House für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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