Rezension: Die Angst vor den anderen

Gestern, am 09. Januar 2017, starb ein Stück lebendige, reflektierte Lebensweisheit. Der Soziologe Zygmunt Bauman starb 91jährig in Leeds – in der Stadt in der er zuletzt an Universität lehrte. Die El Pais nennt ihn in ihrem Nachruf den „Vater der liquiden Moderne“, welche er maßgeblich mit definierte – besonders im Bereich der Macht.

Roger Willemsen sagte bereits Anfang 2014 in einem Gespräch mit der Schweizer Tageswoche voraus, dass wir uns auf deutlich mehr Migration einzurichten hätten und das Hochrüsten dagegen hielt er für wenig praktikabel. Wie Recht er hat (wie man am Überklettern des Zaunes in Spanien unlängst sah…).

Mit der Macht geht es in Europa wild hin und her. Rechtspopulistische Parteien, mehr oder weniger unter dem Deckmäntelchen volksaffiner Gesinnung, werden unter der Flüchtlingsthematik salonfähig. Anscheinend demokratische Menschen, faseln plötzlich von Enge im Land und von diffusen Angstszenarien, Flüchtlinge räumten die Supermärkte leer und keiner täte etwas. Unter Zuhilfenahme sozialer Medien, die diesen Namen oft nicht mehr verdienen, heizen sich die Meinungen und damit die Ängste babylonisch auf. In diesem selbstreferenziellen System herrscht eine solche antidemokratische Grundstimmung, dass es einen frösteln kann – nein, muss.

Der Suhrkamp Verlag legte im Herbst 2016 einen Sonderdruck eines Essay Baumans vor: Die Angst vor den anderen – Ein Essay über Migration und Panikmache.

Wie klug dieser weise und alte Mann doch die Probleme mit dem intellektuellen Skalpell auseinandernimmt! Ach, würden doch die Menschen, die sich in Foren wie Facebook und Co. in Grund und Bode fürchten doch zumindest ob solcher Lektüre mehr wissen. Doch das wollen sie gar nicht, das selbst gestrickte Leid bringt Auftrieb ohne Zusatzkosten.

Auf 114 Seiten beschreibt Bauman mit einer Brillanz die Gründe und Funktionsmechanismen der Angst und Ausgrenzung. Er skizziert die Folgen der Überbevölkerung und die Tatsache, dass wir lernen müssen, zusammenzurücken. Dass es keine Wahl gibt, Menschen aufzunehmen oder nicht, sondern es ein Fluss der Ereignisse ist, denen sich keine Regierung entgegenstellen kann – und auch nicht sollte. Wir leben in einem Land, in dem es ganze Ladenregale voll mit hunderten von Marmeladensorten gibt und meinen dennoch, uns würde das letzte Fünkchen Lebensqualität geraubt.

Doch warum sind die Menschen so voller Angst hierzulande, lassen sich aufhetzten, instrumentalisieren vom Bösen, vom Menschenverachtenden? Bauman rät mit Hirn und Herz die Menschen aufzunehmen, in dem Arrangement liege das Zeichen der Weiterentwicklung der Menschen. Heinz Bude berichtet in seinem Buch „Gesellschaft in Angst“ von der immer größer werdenden Zahl Menschen, die sich in Deutschland abgehängt fühlen, die sich aus dem Hamsterrad der kapitalistischen Leistungskurve ausgestoßen fühlen und es des öfteren de facto auch sind. Die Zahl der Erschöpfungsdepression steigt auf allen Ebenen, die Hast ist ein Grundtenor des Zugehörigkeitsgefühls.
Bei dem Gefühl der Unzugehörigkeit geht es aber nicht nur um rein monetäre Aspekte, es geht um die vermeintlich versiegende Menschenwürde, die immer weiter klaffende Schere zwischen vermeintlich Oben und Unten. Die Flüchtlinge stellen für diese größer werdende Gruppe eine Konkurrenz dar. Ein initial abstruser aber nach reiflichem Nachdenken, ein leider sehr wahrer Gedanke. Eine Konkurrenz um Aufmerksamkeit, um Zuwendung im monetären und menschlichen Sinne.

Bauman ist aber auch nicht kritisch gegenüber den Regierungen. So stellt er im zweiten Kapital dar, dass eben diese gar kein Interesse daran hätten, die Ängste ihrer Bürger zu besänftigen, da genau diese Ängste zur steten Sicherung der eigenen Position führten. Die Vortäuschung man könne gegen diese „Flüchtlingskrise“ etwas ausrichten, sorgt für Zuspruch, oft im falschen, im rechten Lager. Glaube brauche keine Logik, schreibt er, und führt weiter aus, dass die These, Terroristen seien Migranten, den Gedanken nahe läge, die Symmetrie des hergestellten Zusammenhangs auch einer Reziprozität der Verursachung entspräche. Und genau das ist hanebüchen.

Ich kann die Lektüre dieses Sonderdrucks Ihnen nur wärmstens ans Herz legen. Es hat mich in seiner Klugheit, seiner herzlichen aber dennoch mit Abstand gewonnenen Ansichten sehr berührt. Wie allgemein bekannt, verärgert mich dieser Fremdenhass sehr. Natürlich ist das alles nicht einfach, natürlich gibt es Rückschritte, Ärger und Co. Aber die Welt ist in ihrer Funktion eben nicht so einfach wie sich die Menschen das an ihren Stammtischen (online wie offline) herbeifantasieren. Totalitäre Lösungsansätze zeigen viel mehr die absolute Hilflosigkeit. Hilflos, auch nur annähernd die Problemstruktur für sich selbst zu fassen, als noch weniger dafür statthafte Lösungsideen zu entwickeln. Den Menschen fehlt hierzulande oft dreidimensionale, abstrakte Denkweise. Alles ist gleich mit Emotionen und Rechthaberei aufgeladen. Selten wird solidarisch gedacht, immer nur das Negative gesehen. Wo soll das nur hinführen! Ein Land voller Carportsoldaten, deren heiligstes nicht die eigene Unversehrtheit, sondern ihr Eigentum ist. Die billigend inkaufnehmen, dass Menschen im Meer ersaufen, als dass man sie aufnimmt. Die nicht verstehen, dass ein Zaun keine passable Antwort sein kann, sein darf. Die nicht merken, dass wir nur mit kreativen, menschlichen Ideen und Lösungen diese vermeintliche Krise lösen können. Sie sind zerfressen von Angst, fühlen sich gejagt, im ständigen Verteilungskampf. Und das sind Menschen mit dreizehntem Monatsgehalt.
Dies ist eine Art Krise die die Menschen in Aleppo als lachhaft ansehen würden. Doch wir sind satt und dennoch gierig. Und obenauf gibt es die Kaste von Menschen und Politikern, die sich genau diese Existenzangst zu eigen machen und perfekt aus der sich daraus mit viel entstehenden Welle surfen, um ihre rechten, menschenverachtenden Ideologien zu platzieren; denn: Angst macht dumm, stumpf, beliebig und handlungsunfähig.

Lesen Sie Zygmunt Bauman und geben Sie den großen, friedlichen Gedanken eine Chance. Denn Angst ist nie eine Lösung, nur ein Schmiermittel des Rassismus´.

Zygmunt Baumans : Die Angst vor den anderen – Ein Essay über Migration und Panikmache.

Nachruf der FAZ
Nachruf der El Pais

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst
Roger Willemsen im Gespräch mit der Tageswoche
Michel Friedman im Gespräch mit Borwin Bandlow: ANGST! vom 22.10.2013

Gelesen in List am Strand und im Zug nach Hamburg im November 2016.
Ich danke dem Suhrkampverlag; ich erhalte kein Honorar.

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