Rezension: Ich bin raus

Morgens, 07:45 Uhr, in einer beliebigen deutschen Großstadt. Die U-Bahn-Räder kreischen bei der Einfahrt, ein Windstoß aus warmer, öliger Luft umwirbelt die müden Gesichter der eng stehenden Arbeitnehmer. Alle wirken im Eigenkosmos der eigenen Müdigkeit abisoliert. Mit Thermosbecher, großen Kopfhörern und Kapuze tief im Gesicht besser abgeschirmt als so manchen Anlagen in Pulheim, wird in wippenden Bewegungen auf das Öffnen der hydraulischen aufruschenden Türen gewartet. Drinnen steht die Luft wie in keiner Raucherkneipe es je gemüffelt hat. Ein Mischung aus Deo, das 48 Stunden steht aber nicht hält, Weichspüler mit Handkantenwirkung und wabernden Bierrestgeruch kriecht in die Nase und lassen den Griff der Haltestange umkrallen. Jeden Morgen, Tag ein Tag aus, geben sich Menschen diesen Move. Wenn man sie frügte, wer von ihnen das gerne macht, würden alle verneinen können wollen, erwidern aber, es sei halt so, man müsse ja leben und schließlich machen es alle so. Jeder der aus diesem Sytem auch nur auszuscheren gedenkt, dem ist das Verwunschen werden von der Restmasse in Armut und Brückenabstieg gewiss. Allein der Gedanke gilt als unstet. 

Ich selbst sage, ich habe nie für Geld gearbeitet, sondern immer, weil mir die Sache Spaß bereitet hat. Das ist bis heute so. Dabei verdient man natürlich nie die Unmengen wie viele, die in der beschriebenen U-Bahn stehen, aber das Momentum des Geldverdienens ist oft das letzte Bollwerk der alltäglichen Motivation, Arbeiten zu machen, die offenkundig sinnfrei oder abzockend sind. Es ist die Falle, sich mit Status und Konsum zu trösten.

In dem Film Up in the Air (2009) spielt George Clooney den unsteten Ryan Bingham, der professionell reist, um Entlassungen in Firmen durchzuführen. Der Film entstand kurz nach der Finanzkrise 2008, viele Statisten waren „echte“ Gekündigte in Detroit und Co., wo die Automotivebranche an die wirtschaftliche Wand geklatscht war. 

Einer der Arbeitnehmer, den Clooney feuert, ist ein Mann Mitte 50, gespielt von J.K. Simmons. Geschockt, seine Hypothek und die Medikamente für seine Kinder nicht mehr zahlen zu können, fragt Clooney diesen unvermittelt, was „die“ (gemeint die Firma in der er seit dem Studium durchgehend arbeitete) ihm damals geboten hätten, dass er seinen Traum vom eigenen französischen Restaurant aufgegeben habe. Simmons rekapituliert in seiner Rolle, dass er sich vom Geld hat kaufen lassen und damit seine Träume aufgab; er beginnt auf Anraten Binghams, die Kündigung als Chance zu sehen.

Es ist ein Kreislauf des Verderbens den Wringham klug, reflektiert und anhand ausgewählter Querverweise beschreibt: Menschen sind konditioniert zu funktionieren, zu arbeiten, sich in soziale fixe Bindungen zu werfen, sich finanziell zu betonieren und sich ob der langsamen Erkenntnis der eigentlichen Unwahlfreiheit mit Konsum zu trösten. Für den steigenden Konsumbedarf muss mehr Geld her, die Ansprüche steigen, die Arbeit ist nicht unendlich skalierbar und die Grundkosten durch Carport, Reihenhaus und Ehepartner sind titaniert.

Ob Wringham einen praktikablen Weg aufzeigt, ist jedem Leser selbst überlassen, aber a) analysiert er treffend und nicht zu esoterisch und b) motiviert er, auch ohne „Ausbruch aus allem“, die eigene Arbeitsfähigkeit sinnvoll-er einzusetzen, seinen Neigungen zu folgen, auch wenn dies mit weniger Verdienst aber mehr ideellem Vermögen verbunden ist.

Generell ist bei Aussagen, ein Autor habe die Lösung, Vorsicht geboten! Kritisch gesehen, lebt eine ganze Szene davon, anderen Menschen zu sagen, wie man Geld verdient, ohne richtig zu arbeiten. Das ist natürlich Schneeball und Scheissdreck. 

Mein Tipp: Machen Sie etwas, was Ihren wirklichen Neigungen entspricht – was Sie im klassischen Sinne glücklich macht. Dazu müssen Sie aber erstmal Ihre Neigungen erkunden; das ist vielen ganz und gar unklar. Ohne das ist aber kein weiterer Schritt nötig. Lösen Sie sich von Fixkosten, Konsumtrost und der prioritären Frage nach: Was bekomme ich an Geld? 

Merken Sie sich: Keiner gibt Ihnen viel Geld, weil Sie so unglaublich toll sind. Sondern so sinnentleerter, gefährlicher oder die Solidargemeinschaft gefährdender eine Aufgabe ist (usw.), umso mehr Geld gibt es. 

Viel Spaß beim Träumen und Verwirklichen im lesenden Zyklus:

Robert Wringham: Ich bin raus ist erschienen bei Heyne Encore/ Random House.

Siehe hierzu auch Michel Friedman: Verdienen ist nicht vermögen

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Gelesen auf Sylt, Ende November 2016.

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