Rezension: Redaktionsschlussschlussschluss

Der Abgesang wird forciert, und zwar von denen, die auf dem untergehenden Bootsrest aus Holz noch sitzen. Jouralismus wandelt sich und aller Verheissung nach zum Schlechten.

Einem, dem der Alarmismus in der Schreibhand verankert war, kümmert dies nun leider nicht mehr. Als am 12. Juni 2014 durch die grelle Sommermorgensonne die noch grelleren Presslufthörner der Frankfurter Berufsfeuerwehr eine Schneise schneiden, liegt der gelebte Journalismus alter Schule in den letzen Zügen. Die Einsatzfahrzeuge donnern durch das beschauliche Frankfurter Westend; ein Dorf in der Stadt – inzwischen getragen vom hiesigen Reichtum. Sie kommen, ohne Retten zu können. Frank Schirrmacher wird reanimationspflichtig, kurz nach Eintreffen der Rettungskräfte.

Im Kettenhofweg endet eine Ära. Die des engagierten, berufenen, beflissenen und nimmersatten Journalisten. Schirrmacher war ein Symbol für deutschen, gründlichen Journalismus und nervte derweil doch mit seiner alarmistischen Attitüde. Was den dahinter liegenden Sachverhalt nicht schwächt, aber verwässert.

Einer seiner Schützlinge ist Stefan Schulz, Soziologe und ehemaliges Redaktionsmitglied der alten Tante FAZ. Er trägt beflissen zusammen, was den Journalismus zu Fall bringen wird: Internet, Facebook und Co.Ach, echt? Die Recherche wirkt auch beflissen und doch ermüdet mich das Buch nach nur kurzer Zeit. Epische Gedankengänge gespickt mit Studienverweisen (á la „was denken Menschen, wenn sie {Medienbegriff} hören}. Der österreichische Publizist Bernhard Heinzlmaier würde bei Verweis auf solche Studien sicher einen Tobsuchtsanfall bekommen und auf den §7 von Kants Logik verweisen (siehe Beitragsbild).

Es ist sicher eine Lektüre, wenn man sich beruflich beschäftigen muss, mit dem Untergang seiner Branche; für den medieninteressierten Leser wie mich, war es nicht so erquickend. Lediglich die Gespräche am Ende des Buches fand ich ganz interessant.

So generell kritisch stehe ich übrigens Algorithmen statt „urteilendem Menschenverstand“ (Buchbeschreibung) nicht gegenüber. Jeder, der sich ein wenig auskennt in der Medienlandschaft, weiß, dass dieser Verstand doch oft von Sekundärinteressen gelenkt ist. Und damit sind wir noch weit von Lügenpresse weg. Sondern nur im Bereich PR, Werbestrategien und Anzeigenplatzierung. Es ist fast wie mit dem autonomen Fahren: Die Option der Technisierung macht uns Angst, ob der Enttarnung unserer eigenen Unzulänglichkeit.

Stefan Schulz konnte mich nicht abholen, aber das ist der Journalismus ja quasi schon gewohnt.

Redaktionsschluss von Stefan Schulz ist bei Hanser erschienen.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.


aus: Bernhard Heinzlmaier – Anpassen, Mitmachen, Abkassieren

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