Rezension: Das letzte Polaroid und Das ganze Leben da draußen

Auf Amazon fand ich nur eine Rezension zu Nina Sahms neuem Buch Das ganze Leben da draußen.
Sahms Debüt Das letzte Polaroid von 2014 habe ich beim Hugendubel auf dem Restetisch erstanden. Es ist mir aufgefallen, weil es so liebevoll von der Ausstattung daherkam. Es zeichnete den Lebensweg von zwei weiblichen Teenagern nach, die sich in Ungarn kennenlernen. Die Deutsche mit spießigen zerstrittenen Eltern und die frühentwickelte Ungarin mit kumpelhaften Elternpaar. Der Roman kam daher wie eine laue Sommernacht und ließ einen in die Erinnerungen an die eigenen Urlaubsfreundschaften eintauchen. Als Anna, die Deutsche, von Kingas Eltern fast zehn Jahre später kontaktiert wird, liegt die Freundin, die immer vornedran war, die immer einen Schritt weiter schien als Anna, im Koma. Anna, die immer in leichter Repression wegen ihrer scheinbar verzögerten Entwicklung gegenüber Kinga war, entwickelt sich nun in Ungarn bleibend, bändelt mit dem Freund von Kinga an und stellt eine enge Beziehung zu deren Eltern her. Es ist kein aktiver Verdrängungsprozess, neben dran werden die politischen Lagen am Rande exerziert, welches ich nun nicht so spannend fand. Doch merkt Anna, ohne die im Koma liegende Kinga zu treffen, das die Freiwilligkeit in der inneren Beziehung oft relativer war, als sie es damals wahrnahm. Sie oft eher genötigt wurde, sich dann nicht das nahm, was ihr Gefühl sagte. Und somit eine wichtige Entwicklung die eines jeden gilt, anschaulich nachzeichnet. Und, Sahm gelingt es, den Roman ohne erklärendes Ende mit einem einzigen, bis auf die letzte Seite aufgebauten Satz, zu beenden. Grandios! Ich las das Buch in einem Stück. Seltenheitswert bei mir. Man mag die scheinende „Einfachheit“ des Plots bemängeln, doch er ist es nicht, er kommt gut getarnt mit Strandsand, Sonne und Wärme daher und ist doch ein Psychogramm einer ungleichen, wenn sogar ungerechten Jugendfreundschaft.

Umso begeisterter bestellte ich Sahms aktuell erschienenes Zweitwerk Das ganze Leben da draussen. Leider passierte das, was die bisher einzige Amazon-Rezensentin auch schrieb: Es ist so anders, das es einen verschreckt. Auf Island spielend, wirken die Personen (die junge Lehrerin Alfa und ihre Schülerin Elin) gut gezeichnet, aber mich fröstelt es, verstört es. Die Message kam im ersten Buch gut verpackt im Sommerlook, nun spüre ich nur Kälte und ich werde mit den Figuren, der Handlung nicht warm. Das tut mir leid. Handwerklich ist Sahm als hauptberufliche Texterin nichts vorzuwerfen. Aber es ist wie immer mit Fortsetzungen, die keine sind, keine sein sollen und dann doch irgendwie anknüpfend für einen selber daherkommen: Es kann nur enttäuschend werden. Daher lohnenswert für alle, die noch nicht Das letzte Polaroid gelesen haben.

Eine Anmerkung zur Ausstattung: Der Erstling ist im Aufbau (Imprint: Blumenbar) erschienen und ist ein handliches, schmales Hardcover mit schöner Farbgestaltung und gutem Geruch. Genau dieser ist bei Sahms zweiten Buch ein Graus: Es stinkt nach gammligen Zitronen. Der verwendete Kleber regt mich auf, es riecht eklig. Es ist deutlich großformatiger und ein Softcover/Paperback, welches bei Droemer Knaur erschienen ist.

Nina Sahm:
Das letzte Polaroid bei Aufbau
Das ganze Leben da draußen bei Droemer Knaur

Ich danke Droemer Knaur für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

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