Seh-Tipp: Gerhard Schröder

Reinhold Beckmann, der Weichspüler der deutschen Fernsehlandschaft, bekam die Chance für ein Portrait von Gerhard Schröder, 1998-2005. Mancht.Mensch.Schröder – ein Titel in Anlehnung an ein Portrait über Angela Merkel von 2013 (von der angeblich nahestehenden Bettina Schausten, ZDF).

Schlimmes wurde erwartet, aber er hat es gut hinbekommen, Schröder gedanklich zu begleiten durch sein Leben und hierzu an einige Orte der Erinnerung zu finden. Schröders Motivationen, Brüche und Umfeld werden beleuchtet und auch in guter Art, ähnlich wie in der von Jürgen Leinemann 2006 vorgelegten Reportage Kanzlerjahre.

Es ist eine schöne Bewegtbildsprache, Beckmann muss man sich manchmal ausblenden, wenn er in seinen Schmalzfluss kommt. Was ich wieder bemerkenswert finde, dass er Schröder duzt. Schauen Sie hierzu ganz an den Anfang, stellen die Lautstärke hoch und hören wie Beckmann locker sagt: „Bist du heute morgen angekommen?“, woraufhin Schröder verneint. Diese Duzerei finde ich hmmm. Das Interview fand, logischerweise, ganz am Ende statt, sodass Beckmann Schröder zu allen bisherigen recherchierten Frageblöcken ansprechen konnte. Ansehbar.

Julia Encke (FAZ) sieht Schröders Engagement in der Postkanzlerschaft übrigens so kritisch, dass sie sein Engagement bei Gazprom (bzw. einer Tochter dieser) als einen Schandfleck bezeichnet, der auf ihm liege. Das ist natürlcih rechthaberischer Quatsch. Schon 2006 sagte Jürgen Trittin (B´90/Grüne) in o.g. dem Leinemann-Film, dass es eben ein Zeichen sei, wenn bei einem russisch-deutschen Joint Venture, wie bei ebendieser Pipeline, die Minderheitenseite (= Deutschland) den Aufsichtsratsvorsitz (!) angeboten bekommt. Auch sagt Schröder fast wehleidig, dass er sich mit [er verschluckt sein damaliges Alter] in seinem Alter, nicht für den Ruhestand eigne. Und so kann ich es verstehen, dass sich Menschen, die unter einer solchen Bedeutungsschwangerheit (die sie ja jahrelang im Visier hatten) und Leistungstaktung lebten und nun über Nacht macht- und oft auch bedeutungslos werden*, etwas brauchen als Übergang. Das können sich natürlich die meisten Angestellten nicht vorstellen und die Journalisten neiden heimlich natürlich. Alles kann man negativ auslegen, auch das Schröder seine Memoiren Entscheidungen (2006) für eine Million Euro an seinen Freund Carsten Maschmeyer (der ihm auch 1998 ganzseitige Anzeigen schaltete: Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein) verkaufte, obgleich sich das Werk relativ mager verkaufte.
Doch wie Harald Schmidt schon über das Bescheißen richtig sagt: Der kleine Mann bereichere sich nicht, weil er nur die Chance dazu hat (oder klaut eben das verdammte Klopapier im Office). Wenn er die Chance hätte, würde er sie auch nutzen. Der Mensch ist eben kein Heiliger und Schröder verstößt nicht gegen geltendes Recht. Und das Thema „Geschmäckle“ ist eben wenig greifbar und dehnbar ob der eigenen Position, denken Sie wieder an Schmidt.

* Der ehemalige Tagesschau-Sprecher Marc Bator beschrieb dieses in einem Interview, dass er nach dem Ausscheiden aus der ARD (Wechsel zu Sat.1) plötzlich keine Karten mehr für Veranstaltungen bekam und wenn, dann nur im Stehbereich.

Beitragsbild: Screenshot Youtube/ARD

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